Wie du und ich – was, wenn ich nicht wie du?

Datum: Sonntag, 4. Oktober 2020 | Prediger/in:
Serie: | Bibeltext: Lukas 18,9-14

Wie schaffen wir es, trotz allen Eigenarten und Unterschiedlichkeiten zusammen zu stehen? Wir begegnen in der Bibel zwei Männern im Tempel, die einander aus dem Weg gehen. Beide haben uns etwas zu sagen!


Hast du das auch schon erlebt, dass Jesus dir ganz persönlich eine Predigt hielt? Durch eine Erlebnis, durch eine Person oder ein Bild – im Traum oder echt vor Augen?

Rosmarie und ich wünschten uns schon bald nach der Heirat Kinder, aber wir mussten 8 Jahre warten auf die Erfüllung von diesem Wunsch. Während dieser Zeit der Unfruchtbarkeit litt ich auch unter der Unfruchtbarkeit in meinem Dienst. Die Geburt der Tochter war dann eine persönliche Predigt von Jesus an mich! Sie lautete: «Was nach euren Augen unfruchtbar ist, ist es in meinen Augen nicht. Merk dir das, Bernhard, auch für deinen Dienst!» Das war eine persönliche Predigt von Jesus an mich gerichtet! Das habt ihr bestimmt auch schon erlebt. Erzählt einander beim Kaffee nachher doch eure erlebten, persönlichen Predigten von Jesus!

Jesus predigt zu nur wenigen und manchmal sogar zu Einzelnen

Es geschah damals, als Jesus auf dieser Welt war, dass er manchmal eine Predigt nur an eine ganz bestimmte Personengruppe richtete, oder sogar nur an Einzelpersonen. So eine Predigt von Jesus  wird im Lukas-Evangelium mit folgenden Worten eingeleitet: «Er sagte aber zu einigen, die sich anmaßten, fromm zu sein und verachteten die andern, dies Gleichnis…» Und sie lautete wie folgt: «Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stand für sich und betete so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme. Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig! Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden» (Lukas 18, 9-14 LU).

Haben wir da nicht einen Bibelabschnitt vor uns, der uns gar nicht betrifft? Das gibt’s doch nicht bei uns! Wir verachten doch andere Christen nicht, sondern leben so wie es im Philipperbrief heisst: «Seid nicht selbstsüchtig; strebt nicht danach, einen guten Eindruck auf andere zu machen, sondern seid bescheiden und achtet die anderen höher als euch selbst» (Philipper 2,3 NL). Was Jesus uns da sagt, das machen wir doch! Und wenn er uns sagt… «Ich gebiete euch, einander genauso zu lieben, wie ich euch liebe» (Johannes 15,12 NL).

…dann lieben wir einander genauso, wie er uns liebt – oder etwa nicht? Wir ahnen es, vielleicht hat dieser Text mehr mit uns zu tun, als wir meinen. Die Jünger haben sich ja auch einmal gefragt, wer unter ihnen wohl der Grösste sei!!! Woran haben sie sich wohl gemessen? Wer am meisten betet? Wer den grössten Glauben hat? Oder wer sich am fruchtbarsten einsetzt für Jesus?

Wer sich vergleicht mit andern, sieht sich sehr schnell besser als alle anderen. «Er sagte aber zu einigen, die sich anmaßten, fromm zu sein und verachteten die andern…» «Fromm» übersetzen andere mit: «…falschem Selbstvertrauen», oder mit: «selbstgerecht».

Das Gleichnis

«Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner.» Jesus sieht sich in Gedanken in einem Tempel und macht zwei kurze Videos von zwei total verschiedenen Menschen, einem Pharisäer und einem Zolleinnehmer. «11 Der Pharisäer stand für sich….» Der Pharisäer stand für sich… Welche Distanz kommt da zum Ausdruck! Da waren bestimmt noch andere zur selben Zeit im Tempel. Aber der Pharisäer setzt sich ab! Selbstgerechtigkeit und Überheblichkeit schaffen Distanz; sich besser fühlen als andere macht einsam! Was für ein Gegensatz ist da Jesus. Er ging auf die Leute zu. Je näher er ihnen war, desto wohler war es ihm – er war für schuldbeladene und weltliche Menschen richtig gehend ein Anziehungspunkt. Als Jesus und seine Jünger bei Matthäus zum Essen eingeladen waren, kamen andere Zolleinnehmer auch, wie auch Leute, die als Sünder galten. Sie wollten auch dabei sein! (Matthäus 9,10)

«11 Der Pharisäer stand für sich und betete so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner.» Der Pharisäer betet. Das ist schon mal gut, aber so?! Es wäre besser gewesen, wenn er gebetet hätte: «Eigentlich bin ich wie die anderen Leute, Räuber, Betrüger usw.; ich danke dir Gott, dass du mir gnädig bist.» So wie Paulus im Römerbrief schreibt: «Denn alle Menschen haben gesündigt und das Leben in der Herrlichkeit Gottes verloren. Doch Gott erklärt uns aus Gnade für gerecht. Es ist sein Geschenk an uns durch Jesus Christus, der uns von unserer Schuld befreit hat» (Römer 3,23-24 NL).

Nach dem Pharisäer gab es nur zwei Sorten Menschen: Nämlich Pharisäer und alle andern. Nach dem Evangelium gibt es aber nur eine Sorte Menschen. Den Unterschied macht einzig und allein der Glaube an Jesus Christus und das Geschenk seiner Gnade. Beim Pharisäer macht nicht Gott den Unterschied, sondern er selbst mit all seinem frommen Getue:

«12 Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme…» Wenn wir uns fragen, was dieser Text mit uns zu tun haben soll, müssen wir uns vielleicht doch einige Fragen stellen: Auf was könntest du dir etwas einbilden? Auf deine Bibelkenntnis, dein Gebetsleben, deinen Mut mit andern über deinen Glauben zu reden? Auf deine geistlichen Gaben, vielleicht auf deine Gabe des Zungenredens? Auf deinen unermüdlichen Einsatz hier in der Gemeinde? Auf deine Spenden? Es gibt keinen Unterschied, wir alle haben die Vergebung unserer Sünden nicht verdient. Der Pharisäer und der Zöllner hätten sich doch die Hand geben können! Es sind immer die Menschen, die Unterschiede machen. Wir können uns auf absolut nichts etwas einbilden. Was Gott aus dir und mit dir macht, ist seiner Souveränität unterstellt. Da zählen keine Verdienste! Da gibt es für uns nichts zu messen. Da müssen wir uns selbst und niemandem etwas vormachen. Wir haben nichts darzustellen, als allein Christus in uns.

«Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme.» Als ob das zählen würde für eine offene Tür im Himmel! Der Pharisäer war überzeugt, dass er Jesus nicht braucht, weil er gut genug ist und nach ihren selbstgebastelten Gesetzen lebt. Jesus sagt nichts gegen das Fasten und auch nicht gegen das Geben vom Zehnten – das sind gute und biblische geistliche Regeln. Aber sich darauf etwas einzubilden macht das Gute wertlos  - und das ist schade! Was für ein krasses, gegenteiliges Bild gibt nun der Zöllner ab:

«13 Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig!» Der Pharisäer schaut beim Beten sich selbst an und steht vor einem fordernden Gott. Während der Zöllner vor dem heiligen Gott steht.

Er sieht sich im Lichtstrahl Gottes und hält es wegen seiner Schuld kaum aus. Sein Gebet ist kurz und besteht aus nur 5 Worten: «Gott, sei mir Sünder gnädig»! Jesus schliesst das Gleichnis ab mit den Worten:

«14 Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.» Wie geht das: Sich selbst erniedrigen? Bestimmt nicht mit Sätzen wie: «Ich kann nichts, ich bin unfähig oder ich bin halt schlecht…»! Danke täglich für Jesus Christus, der durch seine Gnade dein Leben so wertvoll gemacht hat.

Oft sind wir Christen entsetzt über das Verhalten von Nichtchristen und tendieren auf sie herab zu sehen und auf Distanz zu gehen. Nur die Liebe von Jesus bewahrt uns vor Überheblichkeit ihnen gegenüber. Bete doch immer wieder für deine Nächsten, die Jesus und seine Liebe noch nicht entdeckt haben. Mit deinen Gebeten und deiner Liebe zu ihnen machst du dich mit deinem Glauben anziehend und bist kein Frommer, der abstossend wirkt.

Vor einem pharisäischen Blick auf andere bewahrt uns das Gebet des Paulus in Psalm 139: «Erforsche mich, Gott, und erkenne, was in meinem Herzen vor sich geht; prüfe mich und erkenne meine Gedanken! Sieh, ob ich einen Weg eingeschlagen habe, der mich von dir wegführen würde, und leite mich auf dem Weg, der ewig Bestand hat!» (Psalm 139,23-24 NGÜ). Es ist erschreckend, was in unsern Herzen alles abgehen kann! Tu dein Herz auf vor Gott; lass es von ihm sauber machen. Unser Herz muss immer wieder geprüft und gereinigt werden. Das ist wie beim Herzen einer Kaffeemaschine! Bei unserer Maschine muss die Brüheinheit regelmässig gereinigt werden. Sonst ist das was raus kommt nicht von guter Qualität! Mose hat vor seinem Tod dem Volk Israel eine Verheissung zugesprochen, mit der ich die Predigt abschliessen will:

«Der Herr, euer Gott, wird euer Herz und die Herzen eurer Nachkommen reinigen, damit ihr ihn aufrichtig und mit aller Kraft liebt und am Leben bleibt» (5. Mose 30,6 NL).

Amen

 

 

Mögliche Fragen für die Kleingruppen oder zum persönlichen Bedenken

Bibeltext lesen: Lukas 18,9-14

  1. Erzählt einander von «Predigten», die Jesus euch persönlich gehalten hat.
  2. Achtet die andern höher als euch selbst – diskutiert über Möglichkeiten und Grenzen dieser Aufforderung
  3. Jesus war ein Anziehungspunkt für Aussenstehende; warum sind wir Christen oft abstossend für andere Menschen. Wie könnte das ändern?
  4. Sich selbst erniedrigen – wie machst du das?
  5. Worauf könntest du dir etwas einbilden, aber du machst es bewusst nicht?
  6. Wie oft und wie reinigst du dein Herz?
  7. Betet füreinander, dass alle da wo sie leben, Licht und Salz sein können für Jesus.