Josef – Vergangenheitsbewältigung

Datum: Sonntag, 27. September 2020 | Prediger/in:
Serie: | Bibeltext: 1. Mose 50,17-21

Verzärtelung durch den Vater, Ablehnung und Verrat der rachsüchtigen Brüder, all die Ungerechtigkeiten in Ägypten – Josef scheint für eine Opferrolle prädestiniert zu sein. Wie kann jemand eine solche Vergangenheit bewältigen? Der Schlüssel dazu war der Verzicht, in Gottes Rolle zu schlüpfen, das Vertrauen in Gottes Güte und der Wunsch sein Leben zur Ehre Gottes zu führen.


Unsere Gefängnisse sind voll von Menschen, die bei genauerer Betrachtung eine schlimme Kindheit mit traurigen Erlebnissen erfahren haben. Ein Vater, der immer wieder austickte oder abwesend war, eine Mutter, die überfordert oder überbehütend agierte, ein Lehrer, der sie zur Schnecke gemacht hat, unerwünschtes Kind. Wie kann eine solche Vergangenheit bewältigt werden? Josef hatte ebenfalls ein paar tiefe Einschläge in seiner Biografie:

  • Josef wuchs als bevorzugtes und verwöhntes Kind seines Vaters Jakobs auf, der ihn mehr liebte als alle seine anderen Kinder.
  • Gott gab ihm zwei Träume, die die Situation noch verschlimmerten und seine Brüder zur Weissglut gegen ihn trieben.
  • Die Brüder planten Josefs Ermordung, verkauften ihn aber dann als Sklaven nach Ägypten.
  • Josef wurde unschuldig ins Gefängnis geworfen, obwohl er sich als gottesfürchtiger Mann erwiesen hatte.
  • Er wurde vom Mundschenken vergessen, dem er die Wiedereinsetzung ins Amt vorausgesagt hatte.

Verzärtelung durch den Vater, Ablehnung und Verrat der rachsüchtigen Brüder, all die Ungerechtigkeiten in Ägypten – Josef scheint für eine Opferrolle prädestiniert zu sein. Wie kann jemand eine solche Vergangenheit bewältigen? Offensichtlich ist dies Josef gelungen, denn er sagte mehr als vierzig Jahre, nachdem er von seinen Brüdern als Sklave verkauft wurde, zu seinen Brüdern, die ihn soeben um Vergebung baten:

«’Habt keine Angst vor mir. Bin ich etwa an Gottes Stelle? Was mich betrifft, hat Gott alles Böse, das ihr geplant habt, zum Guten gewendet. Auf diese Weise wollte er das Leben vieler Menschen retten. Habt also keine Angst. Ich selbst will für euch und eure Familien sorgen.’ So beruhigte er sie und sprach freundlich mit ihnen» (1Mose 50,19-21 NL). Warum konnte Josef trotz seinen schlimmen Erfahrungen seine Vergangenheit bewältigen und als Folge davon, ein Leben der Freiheit und Versöhnung leben?

Der Begriff «Vergangenheitsbewältigung» wurde nach dem zweiten Weltkrieg geprägt. Es ging um die Frage, wie das deutsche Volk mit der Schuld, der Last und den bedrückenden Gefühlen der Vergangenheit, den Verletzungen und den Opfern des Holocausts umgehen kann. Wir verstehen darunter, dass jemand seine schmerzvolle Vergangenheit aufarbeitet, indem die Person Heilung der erlittenen Verletzungen erfährt. In den meisten Fällen hilft ein Seelsorger bei der dieser Aufarbeitung. Jeder Mensch – ganz unabhängig von seiner Geschichte – sollte eines Tages seine Vergangenheit bewältigen.

Verzicht auf die Rolle Gottes

Als ihr Vater Jakob gestorben war, bekamen es Josefs Brüder mit der Angst zu tun. Sie befürchteten, dass Josef sich nun rächen könnte. Deshalb sprachen sie vorsichtig bei Josef vor: «Deshalb bitten wir dich uns zu vergeben. Wir dienen doch demselben Gott wie unser Vater» (1Mose 50,17b NL).

Wie hättest du reagiert? Das war doch die einzigartige Chance aus einer angesehenen Position heraus, Macht über die Brüder auszuspielen. Die Versuchung ist riesig, die Brüder in der Schuld zu behalten. Man hat dann Kontrolle über sie und kann sie etwas schmorren lassen. «Zu vergeben bedeutet, einen Gefangenen freizulassen und zu erkennen, dass dieser Gefangene du selbst warst» (Lewis Smedes). Josef gab der Versuchung nicht nach. Im Gegenteil, er offenbarte sein weiches, formbares Herz: «[...] Als Josef die Nachricht erhielt, musste er weinen» (1Mose 50,17c NL).

Josef wollte nicht die Oberhand haben, sondern sagte weiter: «Bin ich etwa an Gottes Stelle?» Hinter dieser Frage steckt ein demütiges Herz, das sich der Hand Gottes unterordnet. Er hatte seinen Brüdern schon früher einmal gesagt: «Gott hat mich vor euch her geschickt, damit er euch auf wunderbare Art und Weise am Leben erhält und einige von euch übrig bleiben. Ja, nicht ihr habt mich hierher geschickt, sondern Gott! Und er hat mich zum wichtigsten Berater des Pharaos gemacht – zum Herrn über sein ganzes Haus und zum Herrscher über ganz Ägypten» (1Mose 45,7-8 NL). Josef vertraut auf einen Gott, bei dem die Fäden zusammenlaufen. Er sieht sich nicht als Opfer seiner Umstände, seines übermässig liebenden Vaters oder seiner eifersüchtigen Brüder, auch nicht als Opfer eines tyrannischen Gottes, der willkürlich über sein Leben bestimmt oder als Opfer eines machtlosen Gottes, der unfähig ist, Josefs Leben gerechter, angenehmer und ohne Leid zu gestalten. Ein solche Opferhaltung und das Baden im Meer von Selbstmitleid ist Josef fremd.

Eine in unseren Augen ungerechte und schmerzhafte Vergangenheit führt uns leicht in die Versuchung zum Selbstmitleid. Diese Haltung hat schwerwiegende Folgen, denn sie widersetzt sich aus zwei Gründen im tiefsten Kern dem Evangelium, nämlich der Vergebung und Versöhnung:

  1. Eine Opferhaltung sieht die Schuld nur beim Nächsten und braucht darum selbst keine Vergebung. Darum bleibt ein solches Herz in der eigenen Schuld verstrickt.
  2. Eine Opferhaltung kommt aus dem Stolz des Herzens und will keine Vergebung weitergeben, denn dann wäre die Opferrolle hinfällig. Damit wird aber die Versöhnung verunmöglicht.

Nachfolger von Jesus, die in der Opferhaltung verharren, brauchen keinen Christus, denn sie sehen sich nicht als erlösungsbedürftige Menschen. Nur demütige Menschen anerkennen, dass sie einen Erlöser brauchen. Alle Menschen, egal wie oft man in seinem Leben ‘unter die Räder kam’, ist auch Täter. Das Verhalten von Josef als 17-jähriger ‘Schnösel’ war daneben, stolz und narzisstisch. Niemand ist nur Opfer. Jeder macht sich vor Gott und anderen Menschen auch schuldig und ist deshalb auch auf Vergebung angewiesen. In einer Vergangenheitsbewältigung geht es immer um beides – Vergebung empfangen und Vergebung gewähren.

Abraham Lincoln, US-Präsident von 1861-1865, befand sich auf einer öffentlichen Veranstaltung und hatte sich gerade länger mit einem Mann unterhalten. Das Gespräch war beendet, der Präsident brach auf. Beim Hinausgehen sprach er mit einem seiner Berater über die vorausgegangene Begegnung. «Ich mag sein Gesicht nicht», meinte Lincoln. «Aber ein Mensch kann doch nichts dafür, was für ein Gesicht er hat», verteidigt der Berater den Mann. «Doch», entgegnete Lincoln, «jeder ist für sein Gesicht verantwortlich, sobald er die Vierzig überschritten hat.» Lincoln wollte nicht sagen, dass wir beeinflussen können, welche Augenfarbe oder wie viele Haare wir haben. Welcher Ausdruck aber auf unserem Gesicht liegt, das liegt an uns. Tatsächlich ist unser Gesichtsausdruck ein Ausdruck unseres Inneren, eine Art Spiegel unserer Seele. Wir sind nicht dafür verantwortlich, was uns im Leben geschah. Aber wir sind dafür verantwortlich, wie wir als Erwachsene damit umgehen, ob wir beim Alten stehen bleiben, uns davon bestimmen und lähmen lassen – oder hartnäckig den Segen Gottes suchen. Egal, was für eine Lebenswunde du mitbringst, Gott will dir mehr Fülle geben, dich mehr segnen und gebrauchen.

«Bin ich etwa an Gottes Stelle?» Es gibt Seelsorger, die dazu raten, Gott einmal richtig anzuklagen und ihm Wut und Schmerz entgegenzuschleudern. Gott ertrage dies schon. C.S. Lewis schreibt in seinem Buch «Gott auf der Anklagebank» folgende Zeilen: «Der Mensch des Altertums nahte sich Gott in der Haltung des Angeklagten, der vor seinen Richter tritt. Für den modernen Menschen sind diese Rollen vertauscht. Er ist der Richter – Gott sitzt auf der Anklagebank. Gewiss, er ist ein wohlwollender Richter. Falls Gott einen vernünftigen Verteidigungsgrund dafür haben sollte, dass er der Gott ist, der Kriege, Armut und Seuchen zulässt – dann ist der Mensch bereit, ihn anzuhören. Die Verhandlung könnte sogar mit einem Freispruch Gottes enden. Aber das Entscheidende ist: Der Mensch sitzt auf dem Richterstuhl und Gott auf der Anklagebank.» Einen Gott, der uns auf dem Richterstuhl sitzen lässt und sich auf die Anklagebank setzt, den gibt es nicht. Ein demütiges Herz wird klagen vor Gott, dem Richter, aber niemals sich auf den Richterstuhl aufschwingen und anklagen.

Vertrauen in Gottes Güte

«Was mich betrifft, hat Gott alles Böse, das ihr geplant habt, zum Guten gewendet» (1Mose 50,20a NL). Für die Vergangenheitsbewältigung sind zwei Dinge unbedingt notwendig: Erstens verniedlicht Josef das Böse nicht, das er von seinen Brüdern erfahren musste. Er spricht es offen und direkt an. Zweitens hält er die Erkenntnis fest, dass Gott alles zu unserem Besten führt.

In Aufarbeitungsprozessen erlebe ich immer wieder, wie junge Menschen ihre Eltern in Schutz nehmen und sagen: «Sie haben mich tief verletzt, aber sie waren ja auch Opfer ihrer Umstände und haben es eigentlich gut gemeint.» Das ist zwar nett und rücksichtsvoll, aber führt nicht zur Heilung und Versöhnung. Die Ursachen der Verletzungen müssen ausgesprochen werden, damit jemand konkret vergeben und die Schuld zum Kreuz bringen kann.

Die Geschichte von Josef veranschaulicht eine wichtige Wahrheit: Gott macht es gut! Er hatte eine gute Absicht mit allen: den Brüdern, dem Vater und auch mit Josef. Gott hat ihre niederträchtigen Taten gebraucht, um sein Volk zu retten. Aus Mist wird Dünger. Gott hat die einzigartige Fähigkeit, aus dem Chaos eine wunderschöne Welt zu schaffen. Josef hätte aufgrund seiner erlittenen Verletzungen wiederum andere Menschen verletzen können. Das ist der normale Kreislauf, der sich auf unserer Welt ständig wiederholt. Dieser ‘Teufelskreis’ kann nur durchbrochen werden, wenn an Gottes Güte und Treue festhalten. Josef hielt daran fest, dass denen, die Gott lieben, alles zum Besten dient (Römer 8,28-29) – auch inmitten von Ungerechtigkeit. Auf dieser Erde ist vieles ungerecht. Wir suchen Gerechtigkeit. Wo finden wir sie? Hier die Antwort: «Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt» (2Korinther 5,21 Lut). Jesus ist die Gerechtigkeit, er verleiht sie uns, so dass wir sie unsere eigene nennen dürfen. Gerechtigkeit finden wir nur bei Jesus!

Leben für Gottes Ehre

«Auf diese Weise wollte er das Leben vieler Menschen retten» (1Mose 50,20b NL). Josef blickte hinter die Kulisse und entdeckte die grosse Geschichte. Durch das schwere Los, das ihn traf, geschah etwas Grossartiges: ein grosses Volk wurde am Leben erhalten. Das ehrte Gott. Josef akzeptierte Gottes souveräne Führung in seinem Leben. Die Gerechtigkeit und die Ehre Gottes waren ihm wichtiger als die Erfüllung seiner Wünsche und Begierden. Josef durfte ein wichtiges Puzzleteil in Gottes grossem Erlösungswerk sein. Wir werden dies nie im gleichen Sinne sein wie Josef. Indem wir die souveräne Führung unseres Erlösers und die Güte Gottes in unserem Leben festhalten, spiegeln wir die Herrlichkeit Gottes in gerechter Weise und vermehren dadurch seine Ehre, seine Herrlichkeit und sein Lob in dieser Welt. Für die Vergangenheitsbewältigung ist es von grosser Bedeutung, dass wir Gottes Ehre suchen. Durch diesen Fokus vermehren wir seine Ehre, seine Herrlichkeit und sein Lob in dieser Welt. Wir werden zum Segen für unser Umfeld.

 

Dreh- und Angelpunkt alles Vergangenheitsbewältigung ist Vergebung. Ich brauche von Gott und Menschen Vergebung für mein schuldiges Verhalten. Ich gewähre anderen Menschen Vergebung, weil Gott mir die viel grössere Schuld erlassen hat. Vergebung heisst nicht vergessen, sondern «ich will ihrer Missetaten nicht mehr gedenken» (Hebräer 10,17 Lut). Vergeben ist die Verzichtserklärung, weiterhin am Erlittenen zu leiden, begrenzen lassen und Wärter vor dem Gefängnis meiner Täter zu sein. Das ist ein Willensentscheid, der einen Versöhnungsprozess in Gang setzt. Das Resultat ist Freiheit für alle. Menschen mit bewältigter Vergangenheit werden zum Segen, zu Salz und Licht, für ihre Umgebung. Nicht zufällig lief bei Josef der Versöhnungsprozess parallel zur Segnung der Söhne Jakobs sowie der Söhne Josefs (1Mose 49).

 

 

 

Mögliche Fragen für die Kleingruppen

Bibeltext lesen: 1. Mose 50,17-21

  1. Was für Gedanken könnten Josef durch den Kopf gegangen sein, als seine Brüder ihm auf dem Tablett serviert wurden?
  2. Was ist der Gewinn, wenn jemand in der Opferhaltung lebt? Was ist die Schattenseite davon?
  3. Warum steht eine Opferhaltung dem Evangelium diametral entgegen?
  4. Inwiefern hast du deine Vergangenheit aufgearbeitet bzw. haben negative Erlebnisse Einfluss auf dein Leben?
  5. Wie sieht ein Vergebungsprozess konkret aus?