Agur – zufrieden und genügsam leben

Datum: Sonntag, 11. Oktober 2020 | Prediger/in:
Serie: | Bibeltext: Sprüche 30,7-9

Agur ist ein weiser Mann mit hoher Selbsterkenntnis und Selbstwahrnehmung. Er weiss um seine Schwachstellen und Versuchungen: Falschheit und Lügen sowie zu viel oder zu wenig haben. Er betet zu Gott, dass Er dies von ihm fernhalte. Im Grunde genommen betet er um Echtheit, um Wahrheit und um einen Lebensstil von Zufriedenheit und Genügsamkeit. Das sind die Voraussetzungen, die er braucht, damit er aus einer gesunden Beziehung mit Gott herausleben kann. Wie du und ich.


Unser ganzes Wirtschaftssystem ist auf Wachstum ausgerichtet. Wenn dieses nicht 1 bis 3% ist, reden wir von Wirtschaftsflaute oder -depression. Nur Wachstum ist positiv. Seit dem Zweiten Weltkrieg war dies auch mehr oder weniger immer der Fall. Doch nun passieren einige Dinge auf dieser Welt, die unsere Wirtschaft schwächen und einen Einbruch herbeiführen. Letzte Woche war in der Zeitung zu lesen, dass die Fluggesellschaft Swiss 1000 Stellen abbauen wolle. Viele andere – auch renommierte – Firmen tun das Gleiche. Die Wirtschaftsfachwelt ist nicht sehr optimistisch, was die Zukunft anbelangt. Die heutige Jugend ist die erste Generation seit dem Zweiten Weltkrieg, die nicht davon ausgehen kann, dass es immer weiter aufwärtsgeht. Vorher war immer klar, wer einen guten Beruf erlernt und gesund ist, wird ein gutes Einkommen haben, das sich bis zur Pension steigert.

Um mit den Herausforderungen der heutigen Zeit umzugehen, braucht es Weisheit. Vor ein paar Jahren gab es in der Gratiszeitung, die an den Bahnhöfen verteilt wird, eine interessante Kolumne. Ein knapp 20-jährige Frau und ein Pensionär kommentierten Ereignisse des Zeitgeistes. Nach einem Jahr zogen sie über ihre Zusammenarbeit Bilanz. Die junge Frau sagte: «Im Vergleich mit meinem Kollegen verstehe ich definitiv mehr von der heutigen Zeit und den heutigen Technologien, aber er versteht mehr vom Leben.» Mehr vom Leben versteht auch der weise Agur. Er ist Autor des vorletzten Kapitels der Sprüche, einem Buch aus der Weisheitsliteratur. Agur war trotz seiner Weisheit ein sehr bescheidener Zeitgenosse, der sich als durchschnittlich einschätzt – nicht besonders begabt oder besonders klug: «Ich bin gar zu dumm für einen Menschen, ja ich besitze keinen Verstand. Weisheit habe ich keine, und Gott, den Heiligen, kenne ich nicht» (Sprüche 30,2-3 NL). Das ist vielleicht ein bisschen dick aufgetragen. Jedenfalls weiss er, dass er kein Genie ist, kein Überflieger, der von Erfolg zu Erfolg geeilt wäre in seinem Leben. Er verbreitet keine Aura des Besonderen. Halt wie du und ich.

Das Gebet, das er nun spricht, fasst seine Lebensweisheit zusammen. Er betet es nämlich angesichts seines Sterbens: «Zweierlei bitte ich von dir, das wollest du mir nicht verweigern, ehe denn ich sterbe» (Sprüche 30,7 Lut). Agur bittet um die zwei wichtigsten Dinge des Lebens.

Weder Falschheit noch Lüge

«Falschheit und Lüge lass ferne von mir sein» (Sprüche 30,8a Lut). Agur will ein aufrichtiger und geradliniger Mensch sein – im Umgang mit anderen Menschen und sich selbst. Er will keine formalisierten Beziehungen, wo vieles Fassade ist. Aber auch sich selbst gegenüber bittet er um Ehrlichkeit. Es gibt so viele Lebenslügen, die glauben: Wenn ich eine bessere Kindheit gehabt hätte, wäre ich heute erfolgreich. Du bist schuld, dass ich nicht glücklich bin. Ich muss perfekt sein. Du musst alle meine Bedürfnisse erfüllen. Gott wird mich vor allen Schwierigkeiten bewahren. Ich muss etwas hinbekommen haben, damit ich etwas gelte. Die schlimmste Lüge, die jemand glauben könnte, ist, dass man ohne Gott auskomme.

Ja, man kann sich jahrelang etwas vormachen und sich in die Tasche lügen – oft bis eine Krise die Lüge als nicht haltbar entlarvt. Nicht selten erleben wir in Zeiten, in denen wir nur noch Gott vertrauen können, Befreiung von Lebenslügen. Vielleicht durchlebte Agur gerade eine solche Krise in Form eines Burnouts. Agur gesteht: «Ich bin müde, Gott; ich bin müde und erschöpft» (Sprüche 30,1 NL). Viele Männer leben entsprechend der Lüge, der Beste sein zu müssen. Dann suchen sie ein Gebiet, auf dem sie erfolgreich sein können, z.B. beim Geld verdienen. Oftmals stranden sie mit x-hundert Überstunden, einer Scheidung oder einem Burnout.

In einem TED-Talk, das sind inspirierende Kurzvorträge, wurde erklärt, dass eine Frau beim Anschauen einer Zeitschrift weiss, dass all diese Bilder von Frauen bearbeitet wurden und gar nicht echt sind. Mit dem Verstand weiss sie, dass diese Frauen gar nicht so aussehen, wie auf den Fotos. Und dann legt sie die Zeitschrift weg und will genau so aussehen, wie die Frauen in dieser Zeitschrift. Diese lügenden Fotos vergiften unser Denken. Obwohl wir wissen, dass diese nicht real sind, beeinflussen sie unser Bild, wie eine schöne Frau auszusehen hat. Kein Wunder, sind laut Umfrage 90% aller Frauen unzufrieden mit ihrem Aussehen.

Agurs Bitte ist Weisheit, die aus der Selbsterkenntnis herauswächst. Er betet, dass falsches Gedankengut nicht mehr an ihn herangetragen soll.

Weder Armut noch Reichtum

«Und lass mich weder arm noch reich werden, sondern gib mir gerade so viel, wie ich brauche. Denn wenn ich reich werde, könnte ich dich verleugnen und sagen: ‘Wer ist der Herr?’ Und wenn ich zu arm bin, könnte ich stehlen und so den heiligen Namen Gottes in den Schmutz ziehen» (Sprüche 30,8b-9 NL). Hast du auch schon einmal dafür gebetet, nicht reich zu werden? Gegen eine spontane Lohnerhöhung hätte vermutlich niemand etwas einzuwenden. Da sprechen wir doch viel lieber das Gebet des Jabez, das unseren Wohlstand und Reichtum fördert: «Erweitere mein Gebiet» (1Chronik 4,10 NL). Agur sieht in der Armut und im Reichtum grosse Gefahren:

Gefahr des Reichtums: Reichtum kann eine Stolperfalle sein, dass ich mein Vertrauen anstatt auf Gott auf meinen Besitz setze. Das führt zu einer Selbstüberschätzung und man macht sich selbst glaubhaft, dass man ein unverwundbarer Held sei. Nicht nur die Lippen, sondern der ganze Lebensstil fragt: «Wer ist der Herr?» Pharao antwortet genau mit diesem Satz, als Mose ihm sagte: «So spricht der HERR, der Gott Israels: Lass mein Volk ziehen» (2Mose 5,1 Lut). Auf gut Deutsch: Was interessiert mich der HERR. Sieh mich an, ich habe alles erreicht, ich muss mich nach niemandem richten. Das ist wohl auch der Grund, weshalb Jesus feststellt: «Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher ins Reich Gottes kommt» (Markus 10,25 NL). Es war einmal ein Landwirt, der besass einen grossen Hof mit Äckern. Die Ernte war so gross, dass seine Scheunen die Erträge nicht fassen konnten. Daraufhin hatte er eine gute Idee. Er riss alle seine Scheunen ab und baute grössere. Diese Expansion gab ihm eine sehr grosse Sicherheit für die nächsten Jahre. Er glaubte alles im Griff zu haben. «Aber Gott sagte zu ihm: ‘Wie dumm von dir! Du wirst noch heute Nacht sterben. Und wer wird dann das alles bekommen?’» (Lukas 12,20 NL). Dieser Unternehmer kannte das gute Mass nicht und expandierte immer mehr. Wie viel ist genug?

 

Gefahr der Armut: Kürzlich hörte ich von einer alleinerziehenden Mutter. Sie gehört zu den Working Poor, d.h., sie arbeitet zwar, doch ihr Geld reicht nicht aus. Jedes Mal, wenn sie vor einer Kasse steht, muss sie zusammenrechnen, ob sie genug Geld für die Bezahlung hat. Ihr Blick richtet sich so stark auf das fehlende Geld, dass auch sie in Gefahr steht, Gott nicht mehr ihre Versorgung zuzutrauen. Arme und wohlhabende Menschen haben oft das gleiche Problem: Es dreht sich alles nur ums Geld. Beide stehen in der Gefahr, dass der Mammon Gott vom Thron stösst. Vor ein paar Tagen wurde in der Rundschau über Nordafrikaner berichtet, die in Lausanne auf Diebestour sind. Diese Leute seien so arm, dass sie nichts zu verlieren hätten. Letzte Woche wurde mehrmals Geld aus unserer Bistrokasse entwendet. Vielleicht ist der Täter ein armer Mensch. Als Christen sind wir verpflichtet solchen Menschen zu helfen. Wir würden dies gerne tun.

Agur betet um gesunde finanzielle Verhältnisse, damit er eine gesunde Beziehung mit seinem Schöpfer haben kann. Er weiss, dass wenn er zu viel oder zu wenig hat, er es selbst in die Hand nimmt und nicht mehr Gott vertraut. Er betet um Rahmenbedingungen, die es ihm ermöglichen, ein gutes Leben in Abhängigkeit von seinem Gott zu führen.

Zufriedenheit und Genügsamkeit

Was ist denn in materieller Hinsicht die gute Lösung: «Und lass mich weder arm noch reich werden, sondern gib mir gerade so viel, wie ich brauche» (Sprüche 30,8b NL). Agur betet weder um Reichtum noch um Armut, sondern Genügsamkeit. Im Grunde genommen bittet er: Gib mir genau genug für heute. Das ist ein Problem von uns Schweizern. Wir haben nicht nur genug für heute, sondern mindestens für die nächsten zwei Wochen. Es würde mich nicht verwundern, wenn Jesus im Unser-Vater-Gebet genau auf diese Stelle Bezug nimmt. Unser tägliches Brot gib uns heute. Lass uns nicht ständig Hamsterkäufe erledigen, riesengrosse Vorräte weder auf dem Bankkonto noch im Kühlschrank. Täglich frisches Brot riecht und schmeckt gut. Gib mir gerade so viel, wie ich brauche, dass ich genug habe – nicht mehr und nicht weniger.

Jesus sagt auch: «Deshalb sorgt euch nicht um morgen, denn jeder Tag bringt seine eigenen Belastungen. Die Sorgen von heute sind für heute genug» (Matthäus 6,34 NL). Heute ist heute und morgen ist morgen. Wie viele Sorgen und Stress drehen sich um Dinge, die nicht heute sind. Sich sorgen ist sowieso verschwendete Energie. Zu mindestens 98% trifft das, um was ich mich sorge, nie ein. Und die übrigen 2% kann ich mit meinen Sorgen nicht verhindern.

Shalom heisst nicht, die Waffen schweigen und es ist alles gut. Shalom heisst nicht, Politiker sitzen zusammen und entwickeln Friedenspläne. Shalom heisst genug haben. Shalom ist das Gefühl, dass ich nicht zu kurz komme. Jesus Christus wird als Friedensfürst bezeichnet (Jesaja 9,5). Über ihn sagt Paulus: «Denn er ist unser Friede» (Epheser 2,14 NL). Das bedeutet nichts anderes als: Er ist genug, Er gibt genug. Jesus macht dem Gefühl den Garaus, dass ich immer zu kurz komme, zu wenig habe, zu wenig bin oder es niemandem Recht machen kann. In der ganzen arabischen Welt weiss man, was Shalom heisst. Die einen grüssen sich Shalom, die anderen Shalam. Und jeder versteht den Gruss: Ich wünsche dir, dass du genug hast. Jeder Streit und jeder Krieg beginnen mit dem Neid und dem Gefühl des Zu-kurz-Kommens. Wer diesen Frieden gefunden hat, kann nicht nur genügsam, sondern auch zuFRIEDEN leben. «Deshalb wollen wir zufrieden sein, solange wir nur genug Nahrung und Kleidung haben. Menschen, die reich werden wollen, geraten nur in Versuchung und verstricken sich in so viele dumme und schädliche Wünsche, dass sie letztlich ins Verderben und in ihren eigenen Untergang stürzen. Denn die Liebe zum Geld ist die Wurzel aller möglichen Übel; so sind manche Menschen aus Geldgier vom Glauben abgewichen und haben sich selbst viele Schmerzen zugefügt» (1Timotheus 6,8-10 NL). Es ist wahr: die Liebe zum Geld ist die Wurzel aller möglichen Übel. Wie viele Familien lebten sich aufgrund von Erbstreitigkeiten auseinander? Wie viel Neid gibt es wegen dem Geld? Wie viele Verbrechen und Unehrlichkeiten wurden des Geldes wegen begangen? Die Lösung all dieses Übels liegt in der Weisheit Agurs.

«Er schafft deinen Grenzen Frieden und sättigt dich mit dem besten Weizen» (Psalm 147,14 Lut). Die Zeichen der Zeit deuten darauf hin, dass wir lernen müssen mit deutlich engeren Grenzen zu leben. Wer den Shalom, den Genug-Haben, persönlich kennt, bekommt eine riesige Freude, Freiheit und Grosszügigkeit im Umgang mit seinem Besitz. Besitz ist ein Segen, mit dem wir andere segnen können.

 

Agur ist ein Mensch mit einer sehr hohen Selbsterkenntnis und Selbstwahrnehmung. Er weiss um seine Schwachstellen und Versuchungen, mit denen er nicht zurechtkommt: Falschheit und Lügen, zu viel oder zu wenig haben. Er betet darum, dass Gott das von ihm fernhalte, um einen Lebensstil von Zufriedenheit und Genügsamkeit. Das sind die Voraussetzungen, die er braucht, damit er aus einer gesunden Beziehung mit Gott herausleben kann. Wie du und ich. Wenn wir dies ernsthaft mitbeten, beginnen wir mehr vom Leben zu verstehen.

 

 

 

 

 

Mögliche Fragen für die Kleingruppen

Bibeltext lesen: Sprüche 30,7-9

  1. Der Predigt liegt der Gedanke zugrunde, dass wir in Zukunft den Gürtel wohl enger schnallen müssen. Wie beurteilst du diese Einschätzung?
  2. Was denkst du über das Gebet von Agur? Würdest du es als Vorlage für dich nehmen?
  3. Was für Lebenslügen vermutest du in deinem Leben? Hast du schon welche entlarvt? Wie bist du sie losgeworden?
  4. Agur plädierte im Materiellen auf das Prinzip Genug-Haben. Wie viel ist genug? Was können wir vom Unternehmer lernen, der nicht genug hatte, sondern seine Scheune vergrösserte?
  5. Was sind die Gefahren des Reichtums?