Pfingsten – mehr (er)warten

Datum: Sonntag, 23. Mai 2021 | Prediger/in:
Serie: | Bibeltext: Apostelgeschichte 1,4-9, 2,1-5

Am ersten Pfingstfest erlebten die anwesenden Menschen einige übernatürliche Phänomene: Feuer, Wind und fremde Sprachen. Auch heute noch möchte der Heilige Geist unter den Nachfolgern von Jesus wirken. Um heute noch den Heiligen Geist zu erfahren, müssen wir unseren Fokus auf die entscheidenden Dinge im Leben richten und lernen, geduldig zu warten. Das ist der Weg zur echten Metamorphose sowie dem Erleben von übernatürlichen Ereignissen.


Pfingsten ist der Geburtstag der Kirche. Der Grund ist der, dass an Pfingsten der Heilige Geist auf alle Menschen ausgegossen wurde, die Jesus nachfolgten. Und ohne den Geist Gottes gibt es keine Kirche. Auch in unserem Jahresthema spielt der Heilige Geist die entscheidende Rolle: «Ja, wir alle sehen mit unverhülltem Gesicht die Herrlichkeit des Herrn. Wir sehen sie wie in einem Spiegel, und indem wir das Ebenbild des Herrn anschauen, wird unser ganzes Wesen so umgestaltet, dass wir ihm immer ähnlicher werden und immer mehr Anteil an seiner Herrlichkeit bekommen. Diese Umgestaltung ist das Werk des Herrn; sie ist das Werk seines Geistes» (2Korinther 3,18 NGÜ).

Doch besteht zwischen dem, was über den Heiligen Geist in der Bibel steht und unseren Erfahrungen, nicht manchmal eine grosse Kluft? An dem ersten Pfingstfest ist von Feuerzungen, Brausen des Windes und das Sprechen von ungelernten Sprachen die Rede. Alles aussergewöhnliche Phänomene. Der Heilige Geist macht aus gewöhnlichen Menschen aussergewöhnliche. Es gibt drei Herausforderungen, damit wir Pfingsten 2021 intensiver und fröhlicher feiern können.

Erwarten

Was ist eigentlich vom dem Heiligen Geist zu erwarten? Als Jesus seinen Freunden sagte, dass sie in Jerusalem auf den Heiligen Geist warten sollen, weckte das Erwartungen in ihnen. «Wenn die Apostel mit Jesus zusammen waren, fragten sie ihn immer wieder: ‘Herr, wirst du Israel jetzt befreien und unser Königreich wiederherstellen?’» (Apostelgeschichte 1,6 NLB).

Ihre Erwartung war Befreiung von der Besatzungsmacht der Römer und Wiederherstellung ihres Königreichs. Allerdings braucht es für ein Königreich Juda nicht den Heiligen Geist. Vereinfacht gesagt, braucht es dafür eine emotionale Rede, eine medienwirksame Demonstration, ein Heer von bewaffneten Soldaten und allenfalls ein paar wirksame Attentate.

Für was investieren wir unser Leben? Wofür schlägt unser Herz? Wir beten zwar: Dein Reich komme, dein Wille geschehe, aber stecken dennoch den grössten Teil unserer Energie in unser Königreich? Unsere Zeit malt uns eine Welt vor Augen, in der wir den Heiligen Geist kaum brauchen. Alles ist machbar. Wir werden mit Einladungen zu Kursen und Videos bombardiert, in denen uns ein Problem suggeriert wird, und dass unser Leben besser werden muss. Das Erfolgsrezept, das in einem Drei-Schritte-Programm mitgeliefert wird, kann nächste Woche gleich ausprobiert werden. Wir arbeiten in unserer Arbeit an einer Erfolgsstrategie und belegen Weiterbildungen, damit der Karriereverlauf weiter schön ansteigt. Jahrzehnte investieren wir in unsere Altersvorsorge, damit der hohe Lebensstandard bis zum 100. Geburtstag gewährleistet ist. Woche für Woche stählern wir unseren Körper nach dem Motto «Pain is gain» (Schmerz ist Erfolg), aber unsere Beziehungen geben wir nach drei Konflikten auf, weil es zu anstrengend ist. Dein Traumkörper? Kein Problem, ein bisschen weniger essen, drei Sportarten und ein paar tägliche Motivationsvideos. Das sind die Dinge, die wir lieben: Ein Plan, ein bisschen Aufwand und geschafft. Wir können innerhalb einer Woche mit 200 Personen via sozialen Medien Kontakt haben, schaffen es aber nicht mit dem etwas komischen Nachbar einmal im Jahr einen Kaffee zu trinken. Wir haben uns eine runde Welt geschaffen. Alles, was wir tun, liegt in unserer Macht. Wir spielen mit Belanglosigkeiten und fühlen uns richtig mächtig.

Ironischerweise schaffen wir es auch in der Kirche ohne Heiligen Geist: Eine durchdachte Gemeindebaustrategie, ein rundes Programm mit moderner technischer Unterstützung, ein paar gute Sprüche und peppige Lieder sowie ein Bistro. Und in der seetal chile haben sie noch die Idee, mit ein paar Predigten die Metamorphose in Gang setzen zu können. Geht es nicht auch hier um unser Königreich? Warum eigentlich wollen wir uns in unserem Wesen verwandeln lassen? Zur Selbstoptimierung? Um ein guter Typ mit glänzender Reputation zu werden? Um das gute Ansehen im Kollegenkreis zu sichern? Jeden Sonntag hören wir das Gebet von Franz von Assis: «Herr, mache mich zu einem Werkzeug deines Friedens». Darum muss es in der Metamorphose gehen: zu einem Werkzeug in Seiner Hand, für ihn und sein Königreich verfügbar werden.

Jesus möchte dir und mir den Heiligen Geist schenken, aber nicht darum, dass unser Leben etwas glatter läuft, dass wir besser aussehen, sportlicher und im Job erfolgreicher werden. Jesus schüttelt über unsere Königreiche den Kopf. Die Vision Gottes für diese Welt ist sein Königreich: «Aber wenn der Heilige Geist über euch gekommen ist, werdet ihr seine Kraft empfangen. Dann werdet ihr von mir berichten – in Jerusalem, in ganz Judäa, in Samarien, ja bis an die Enden der Erde» (Apostelgeschichte 1,8 NLB). Ich sehe die leeren Blicke der Jünger vor mir: Was sollen wir genau machen? Wo beginnen wir? Was sagen wir? Das weiteste, das ich bisher gereist bin, ist einmal um den See! Wo ist das Ende der Erde? Jesus gibt eine Aufgabe und weiss: Wenn ihr das erreichen wollt, braucht ihr einen Beistand. Die entscheidenden Dinge im Leben können wir nicht selbst tun: das Evangelium verkündigen, Konflikte beheben, Beziehungen vor dem Zerbruch retten, von Süchten und Egoismus freiwerden, Menschen zusammenbringen, die sich 50 Jahre gehasst haben, die tiefgreifende Verwandlung unseres Wesens hin zur Gottesähnlichkeit, Kirche im Sinne Jesu bauen, ...

Die Anonymen Alkoholiker beginnen ihre Treffen mit folgenden zwei Sätzen:

  • Wir geben zu, dass wir dem Alkohol gegenüber machtlos sind – und unser Leben nicht mehr meistern konnten.
  • Wir glauben, dass eine Macht, die grösser ist als wir selbst, uns unsere Gesundheit wiedergeben kann.

Es gibt Kräfte, die unsere Kraft weit übersteigen. Wenn wir unserer Grenzen bewusstwerden, sind wir bereit für das Pfingstwunder.

Warten

«Und als er mit ihnen versammelt war, befahl er ihnen, sich nicht von Jerusalem zu entfernen, sondern auf die Verheissung des Vaters zu warten» (Apostelgeschichte 1,4 Elb). Warten. Nichts anderes. Ein seltsames Wort für unsere Zeit. Bei uns geht alles ruck-zuck. Am Mittwoch vor Auffahrt habe ich das Geburtstagsgeschenk für Silvia bestellt. Am Samstag, ihrem Geburtstag kam es an, und ich konnte mich retten. Ich freue mich schon auf die Drohnen, die Pakete ausliefern sollen, damit wir noch etwas später bestellen können! Wir sind sauer auf die Leute, die sich nicht sofort zurückmelden. Eine Untersuchung besagt, dass ein Durchschnittsmensch in der Schweiz 2600-mal das Display seines Handys berührt. Sobald eine Wartezeit beginnt, greifen wir in die Tasche und entsperren unser Handy. Unser Gehirn wird darauf konditioniert, nicht warten zu müssen – wie, wenn das nicht eine Realität wäre, die zum Menschsein dazugehört.

Jesus wurde gekreuzigt und ist auferstanden. Dann bekommt seine Crew den Auftrag, das Evangelium auf der ganzen Welt zu verkündigen – aber wartet. Nicht drei, sondern 50 Tage! Ist das nicht verlorene Zeit? «Wartet» bedeutet, dass das, was Gott uns schenkt nicht in unserer Kontrolle liegt. Pfingsten fordert uns heraus, dass unser Herz anfangen soll, im Rhythmus Gottes zu schlagen. Ich höre auf die Musik Gottes und beginne danach zu tanzen. Sein und nicht unser Königreich soll gebaut werden. Die erste Lektion mit dem Heiligen Geist ist Warten, Geduld haben.

Warten bis der Heilige Geist kommt, ist nicht passiv. Es geht darum, bewusst unser bedürftiges Herz Jesus hinzustrecken, damit er es füllen kann. Zeit vor Gott verbringen. Beten. Sein Wort lesen und meditieren. Man kann es kaum glauben, doch es gibt Christen, die stehen jeden Morgen eine Stunde früher auf, um Zeit im Warten vor Gott zu verbringen.

Im Warten geschieht Wesentliches, wie Thomas Keating erklärt: «Der Geist beginnt seine Arbeit bei der Wiederherstellung, wo wir gerade sind, unabhängig von unserem Alter. Er tut das, in dem er die zerstörerischen Aspekte unseres getriebenen Verhaltens und unserer laufenden Beziehungen aufdeckt und heilt. Dann gräbt sich der Geist tiefer und tiefer in unser Leben hinein, nicht immer chronologisch, schaut er unter das Bett unserer frühesten emotionalen Erfahrungen. Wir tragen in uns Ablehnung, Traumata, Unsicherheit oder Angst. Und wenn auch diese Abtragung schmerzhaft sein kann, wann immer wir unsere Verletzungen zu Gott bringen, erfahren wir Heilung und eine grössere Fülle. Unsere Beziehung mit Gott und anderen Menschen wird weniger durch Hindernisse beschwert.»

Während wir auf Gott warten, gräbt er wie ein Archäologe. Er holt Emotionen aus der Tiefe hervor, die wir bearbeiten sollen. Gott ist mindestens so stark interessiert, Himmel und Erde in deinem Leben zusammenzubringen, wie er durch dich sichtbare Dinge tun will. Wer nicht zuerst das Warten und das in die Tiefe gehen erfährt, wird auch das Übernatürliche nicht erleben.

Erleben

«Am Pfingsttag waren alle versammelt. Plötzlich ertönte vom Himmel ein Brausen wie das Rauschen eines mächtigen Sturms und erfüllte das Haus, in dem sie versammelt waren. Dann erschien etwas, das aussah wie Flammen, die sich zerteilten, wie Feuerzungen, die sich auf jeden Einzelnen von ihnen niederliessen. Und alle Anwesenden wurden vom Heiligen Geist erfüllt und fingen an, in anderen Sprachen zu sprechen, wie der Heilige Geist es ihnen eingab» (Apostelgeschichte 2,1-4 NLB).

Nach dem Warten geht es los: Wind, Feuerzungen, fremde Sprachen – wenn das nicht in der Bibel stehen würde, könnte ich es kaum glauben. Pfingsten verschiebt die Grenzen. Wenn der Heilige Geist wirkt, geschehen auch übernatürliche Dinge. Das, was hier in Jerusalem geschah, lag nicht an den grossartigen Aposteln, sondern am Heiligen Geist. Wir feiern heute Pfingsten und bringen damit zum Ausdruck, dass das, was damals geschah, wir durch seinen Geist auch heute noch erwarten.

Ganz wichtig ist auch die Beobachtung, dass der Heilige Geist nicht immer zum Spektakulären, sich gut Anfühlendem führt. Alle diese vom Geist Gottes erfüllten Apostel starben Jahre bzw. Jahrzehnte später einen grausamen Märtyrertod. Der Heilige Geist führt manchmal Wege, die wir nicht verstehen.

Unabhängig davon will Gott durch seinen Geist auch unter uns Aussergewöhnliches tun, z.B. Menschen von ihrer Krankheit heilen. Wie oft haben wir schon gegen eine schwere Krankheit gebetet und Gott hat nicht gleich geheilt. Ich denke, dass jetzt der perfekte Moment für ein Wunder wäre, doch es kommt nicht. Wir stehen in der Spannung einerseits zu warten und andererseits doch völlig damit zu rechnen. In den unserem Leitbild steht, dass wir Heilung und Versöhnung erwarten. Beides kann nur der Heilige Geist bewirken! Wir können Gott nicht derart vor den Karren spannen, dass Er übernatürlich handeln muss. Aber meine Skepsis darf nicht der Grund dafür sein, dass Gott es nicht tut. Wir können Gottes Geist nicht zwingen, aber mit ihm rechnen, mehr von ihm (er)warten. Wir träumen davon, dass unsere Umgebung mehr nach Gott schmeckt, dass Familien geheilt werden, dass Hoffnungslose Hoffnung und Kraftlose Kraft bekommen, dass Gefangene und Süchtig freiwerden.

Wir träumen davon, dass dort wo Tod ist, Leben kommt. Dafür braucht es unbedingt den Heiligen Geist. Pfingsten ist bei den Juden die Erinnerung an das Ereignis, als sie als Volk am Sinai das Gesetz auf Steintafeln bekamen. In jenem Zusammenhang starben 3000 Menschen (2Mose 32,28). Anlässlich des Pfingstfestes liessen sich 3000 Menschen taufen und fanden Leben in Christus. Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit und wahres Leben!

 

Mögliche Fragen für die Kleingruppen

Bibeltext lesen: Apostelgeschichte 1,4-9 und 2,1-5

  1. Was würdest du sagen, wenn dir jemand erzählen würde, dass er im letzten Gottesdienst plötzlich aus heiterem Himmel japanisch gesprochen hätte? Wirkt der Geist Gottes heute noch übernatürlich?
  2. Was sollen wir vom Heiligen Geist erwarten? Was ist der Unterschied unseres Königreichs und dem Königreich Gottes?
  3. Wie hast du es mit dem Warten? Gibt es Zeiten in deinem Alltag, während denen du dein Herz bewusst Gott hinstreckst, damit er es füllt?
  4. Erzählt einander, wie ihr den Heiligen Geist schon erfahren habt.
  5. Betet füreinander um neue Erfüllung durch den Heiligen Geist!