Mutterglück und Vaterglück
Sonntag, 10. Mai 2020

Mutterglück und Vaterglück

Prediger/in:
Passage: Matthäus 12,48-50
Dienstart:

Jesus sagt: «Denn wer den Willen meines Vaters im Himmel tut, der ist mein Bruder, meine Schwester und meine Mutter.’» (Matthäus 12,48-50). Nebst einer Wertschätzung für die Mütter wird darauf eingegangen, wie wir selbst einander Mütter und Väter, Brüder und Schwestern werden können. Die Predigt ist bespickt mit Erlebnissen und Erfahrungen und viel Motivation, als Gemeinde die geistliche Familienzusammengehörigkeit zu leben!


Muttertag! Ich begrüsse ganz besonders euch Mütter und hoffe sehr, dass ihr heute die bequemsten Sitzgelegenheiten bekommen habt! Es soll tatsächlich Männer geben in den christlichen Gemeinden, die am Muttertag jeweils zuhause bleiben, weil die Predigt sowieso nicht für sie gedacht sei. Gegenwärtig haben wir aber eine ganz andere Situation: es sind alle zuhause! Ich begrüsse also auch die anwesenden Männer; sowie jegliches Jungvolk, obwohl sie vielleicht noch lange nicht ans Heiraten denken; und schon gar nicht daran, Mutter bzw. Vater zu werden. Es ist einfach gut, dass ihr alle da seid!  Und ich verspreche euch, ihr kommt alle in der Predigt vor!

Bevor wir uns gemeinsam der Bibel zuwenden, möchte ich denen die jetzt auf den Logenplätzen sitzen, noch etwas sagen: Ihr aktiven Mütter, die ihr noch Kinder um die Ohren habt zuhause, ihr macht einen so wichtigen Job, euch muss man heute einfach bewundern und hoffentlich auch ein bisschen verwöhnen! Ihr habt mal einen kräftigen Applaus verdient! Wie die Autorin Irmela Hofmann könnt auch ihr sagen: «Ich arbeite in der wichtigsten Werkstatt des Atomzeitalters, wo die Zukunft gestaltet wird und die Gegenwart ihren Gehalt gewinnt: ich bin Hausfrau und Mutter von drei Kindern!»

Jesus und seine Familie

Als Jesus wieder mal eine grosse Menschenmenge um sich hatte, drängte einer zu ihm: «Du, deine Mutter und deine Brüder stehen draussen!» Jesus wandte sich ihm zu und sagte: «’Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder?’ Dann wies er mit der Hand auf seine Jünger und fuhr fort: ‘Seht, das sind meine Mutter und meine Brüder! Denn wer den Willen meines Vaters im Himmel tut, der ist mein Bruder, meine Schwester und meine Mutter.’» (Matthäus 12,48-50 NGÜ).

Interessant! Wer sein Leben in Gottes Hände legt und bewusst mit Jesus lebt, wächst in eine neue Verwandtschaft, in eine neue Familie hinein! Jesus hat für diese geistliche Familie alles getan. Noch am Kreuz, unmittelbar vor seinem Tod, hat er noch Familienbande geknüpft: «Als Jesus seine Mutter dort neben dem Jünger stehen sah, den er lieb hatte, sagte er zu ihr: ‘Frau, das ist jetzt dein Sohn.’ Und zu dem Jünger sagte er: ‘Das ist nun deine Mutter.’ Von da an nahm der Jünger sie zu sich in sein Haus» (Johannes 19,26-27 NL). Das leuchtet uns ein! Die «Frau Zimmermann» bekam damals keine AHV und war darauf angewiesen, dass jemand für sie sorgte. Johannes übernahm die Verantwortung für Maria, die Mutter Jesu, zu sorgen.

Die Gemeinde-Familie

Dieses Beispiel zeigt sehr gut, wie das Mutter- und Vater-Sein, Bruder- und Schwester-Sein eine ganz andere Dimension bekommt! Und darum ist gut, wenn jetzt alle da sind im Gottesdienst: Mütter, Väter, Singles, junge Frauen und Männer, Kinder, Grossmutter und Grossvater, Witwen und Witwer!

Wir sind einmal mehr bei unserem Jahresthema angelangt: «Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein!» Diese Verheissung zielt auf zwei Bereiche deines Lebens:

  • Zum einen gilt sie für alles und überall in deinem gewöhnlichen Alltag!
  • Und zum andern, hat sie eine grosse Bedeutung für die christliche Gemeinschaft; dort wo wir einander geistliche Brüder und Schwestern, geistliche Mütter und Väter sind.

Diese geistliche Verwandtschaft ist viel stärker und viel dauerhafter als deine leiblichen Familienbande, weil sie Ewigkeitscharakter hat!

Wie geht es dir in der Gemeindefamilie? Vielleicht bist du gerade jetzt in einer Situation, in der du dich mit deinem Glauben allein fühlst. Du hättest eigentlich eine geistliche Mutter, einen geistlichen Vater oder eine geistliche Schwester, einen Bruder dringend nötig! Da kann ich dir nur sagen: Verdränge dieses Bedürfnis nicht! Sage nicht: «Es geht auch ohne!». Mach deinen Wunsch zu deinem Projekt, zu deinem Gebet! Wenn Gott dich an jemanden erinnert, den du darauf ansprechen könntest, nimm Kontakt auf!

Eine andere Frage, die sich alle zwischen 8 und 88 Jahren stellen müssen, ist die: Gibt es jemanden in der Gemeinde, der oder die allein zu sein scheint und kaum Anschluss hat?

Schau um dich mit liebenden Augen. Höre auf andere mit liebenden Ohren! Mach den ersten Schritt auf andere zu!

Dazu möchte ich zwei Erlebnisse erzählen:

  • Der erste ist ein Teenager, der mit allem auffallen wollte und aussergewöhnlich sein wollte: Frisur, Piercing, Kleider, Gehabe und Ausdrucksweise. Kurz: ein Teenager, der überall aneckt und mehr Abneigung als Zuneigung erntet. Schon zu Kigo-Zeiten bekommt dieser Bub eine Gebets-Patentante, die von Gott ein grosses Herz für diesen Jungen bekommen hatte und ihm eine geniale geistliche Mutter wurde. Immer wieder ging sie auf ihn zu und wollte wissen, wie es im geht und wie sie für ihn beten soll. Diese enge Verbindung blieb über all die schwierigen Jahre hinweg erhalten. Jetzt verheiratet kommt der junge Mann mit seiner Frau immer wieder in die Gemeinde.
  • Der zweite Teenager war ein anderer Typ, aber nicht weniger rebellisch. Schon vor dem Untiabschluss gab er seinen frommen Eltern das Statement ab: «Nach dem Untiabschluss komme ich nicht mehr in die Gemeinde, da gehe ich höchstens noch ab und zu ins ICF!» Doch nun hatten geistliche Mütter vom Kindergottesdienst den Mut und das Vertrauen, dass sie diesen aufmüpfigen Teenager zur Mitarbeit im Kigo anfragten. Und er sagte Ja! Freunde von der Gemeinde schleppten ihn mit ans Praise-Camp in St.Gallen. Dort wurde sein Leben auf den Kopf gestellt und aus dem rebellischen Teenager wurde ein wertvolles, geistliches Gegenüber für die Kinder in der Gemeinde. Und die kleinen «Knöpfe» liebten ihn. Später investierte er sich in der Teenagergruppe. Und heute ist er als Jungverheirateter zusammen mit seiner Frau verantwortliche für eine Gruppe Jungerwachsener.

 

 

Geistliche Väter und Mütter werden in der Jugendzeit geboren und bleiben es oft lebenslang. Kinder lehnen sich gerne an Vorbilder an, die zwischen 13 und 17 Jahre alt sind! Teenager an junge Erwachse. Sie lieben ältere Gegenüber, zu denen sie aufschauen können. Junge Menschen in ihrer Entwicklung sind so dankbar für alle, die sich für sie interessieren und die sich ihnen bewusst zuwenden! Ich weiss, euch Kinder- und Jugendleitern ist bewusst, was ihr Gutes tut, wenn ihr Jugendliche früh in die Mitverantwortung einbezieht!

Biblisches Beispiel

Ein schönes biblisches Beispiel ist Timotheus! Zuerst müssen wir beachten, dass Timotheus zwei geniale Vorbilder im Glauben hatte, nämlich seine Grossmutter Lois und seine Mutter Eunike (2Timotheus 1,5). Der Apostel Paulus wurde sein geistlicher Vater und zog ihn früh in die Mitarbeit hinein! Paulus schreibt den Korinthern über ihn: «[…] ich habe Timotheus zu euch geschickt, den ich liebe, als wäre er mein eigener Sohn, und der mir ein zuverlässiger Mitarbeiter in meinem Dienst für den Herrn ist» (1Korinther 4,17 NGÜ). Interessant an einem Muttertag ist, dass Paulus sich auch als Mutter sieht für andere Christen, z.B. wenn er den Galatern schreibt: «Meine Kinder, es ist, als müsste ich euch ein zweites Mal zur Welt bringen. Ich erleide noch einmal Geburtswehen, bis Christus in eurem Leben Gestalt annimmt» (Galater 4,19 NGÜ). Als hätte er eine Ahnung davon, was eine Geburt ist und was Geburtswehen sind! Aber: Paulus hatte selbst eine geistliche Mutter! Am Ende des Römerbriefs grüsst er einen Rufus und ergänzt: «[…] und grüsst auch seine Mutter, die auch mir eine Mutter geworden ist» (Römer 16,13).

Für mich persönlich ist eine geistliche Mutter eine Frau, die schon über 90 Jahre alt ist, und schon jahrzehntelang mich und meine Familie im Gebet unterstützt. So wertvoll!! Hast du eine geistliche Mutter, die dich stützt und für dich betet? Hast du einen väterlichen Freund, der dich versteht und dir nahesteht? Ich frage dies alle Generationen!

Es ist interessant, wie Paulus sich auch in der Aufgabe als Apostel mütterlich ist: «Wir hätten das Recht gehabt, von unserer Autorität als Apostel Christi vollen Gebrauch zu machen; stattdessen sind wir behutsam mit euch umgegangen wie eine Mutter, die liebevoll für ihre Kinder sorgt» (1Tessalonicher 2,7 NGÜ). Das traut man vielleicht Paulus gar nicht zu!

a) Paulus hat das gelernt bei Gott!

Gott hat durch den Propheten Jesaja seinem Volk verheissen lassen: «Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet» (Jesaja 66,13 LU; s.a. Jes. 49,15-16).

b) Oder gelernt bei David. Dieser gewaltige König und Kriegsheld kann in Psalm 131 zu seinem Gott sagen: «Ich bin zur Ruhe gekommen, mein Herz ist zufrieden und still. Wie ein kleines Kind in den Armen seiner Mutter, so ruhig und geborgen bin ich bei dir!» (Psalm 131,2 Hfa).

Zusammenfassend kann halte ich fest: All die erwähnten Beispiele sind gewachsen auf fruchtbarem Boden der Agape-Liebe. Gott hat seinen Kindern diese Liebe in ihre Herzen ausgegossen. Er hat sie nicht an den Tropf gehängt! Ausgegossen! Das ist Bestandteil des Segens, von dem Gott sagt: «Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein!» Frisch verheiratet zogen Rosmarie und ich in den 70er Jahren nach Pratteln. Auf der Suche nach eine Gemeinde stiessen wir auf eine ganz kleine Evangelische Gemeinde. Den ersten Gottesdienst, den wir besuchen wollten, war ein Abendgottesdienst: Noch vor dem Gottesdienst kam eine Frau auf uns zu, die meinte wir hätten uns verirrt! «Sucht ihr die junge Kirche?» - «Nein wir wollen hier in den Gottesdienst!» Wir blieben und freundeten uns mit den Leuten an. Als die Jüngsten konnten wir Eltern, die gerade mitten in den Problemen standen mit ihren Teenagern, ein wertvolles Gegenüber sein!

 

Gottes Liebe und sein Segen machen es uns möglich, diese ganz andere Dimension einer geistlichen Familie zu leben. Und so sind wir plötzlich geistliche Väter und Mütter, geistliche Brüder und Schwestern, die sich für andere interessieren, auf andere zugehen, sie kennenlernen wollen, für sie beten; Anteil nehmen an ihrem Ergehen; ein Stück Weg mit ihnen gehen… - und das auch generationenübergreifend! Begriffe wie Mutterglück und Vaterglück bekommen in der Gemeinde einen ganz anderen Inhalt. Eine familiäre, christliche Gemeinde wird zum Vorgeschmack des Himmels, wenn ihre Glieder miteinander Familie sind!