Hindernisse auf dem Weg zu einem guten Charakter

Datum: Sonntag, 12. September 2021 | Prediger/in:
Serie: | Bibeltext: Matthäus 6,5-8

In der Mitte der Bergpredigt geht es um das Gebet. Das Gebet ist auch der Schlüssel zur Verwandlung eines Menschen hin in das Vorbild Jesus Christus. Jesus erwähnt zwei Hindernisse auf dem Weg zu einem guten Charakter: Heuchelei und fromme Leistungen. Wenn wir diesen auf den Leim gehen, wird unser Charakter verdorben. Aus der Vater-Kind-Beziehung mit Gott erwächst Befreiung und Veränderung.


Der griechische Philosoph Aristoteles lehrte, dass wer seinen Charakter kultivieren will, ein Ziel haben muss. Dann gilt es die Tugenden zu trainieren, die zu diesem Ziel führen. Die Tugenden müssen so lange geübt werden, bis sie zu verinnerlichten Gewohnheiten werden. Die Bergpredigt weist uns den biblischen Weg zu einem guten Charakter nach dem Vorbild von Jesus. Doch dort, wo nach griechischer Vorlage das Einüben der Tugenden kommt, folgt in der Bergpredigt die Mitte, das Kapitel 6, in dem es um das Gebet geht. Der Schlüssel für unsere Verwandlung liegt im Gebet. Deshalb benutzt Paulus in unserem Jahresvers «Lasst euch in eurem Wesen verwandeln!» den Passiv. Es geht letzten Endes darum, gut auf die Musik Gottes zu hören, um nach ihr tanzen zu können. In Kapitel 6 werden uns zwei Alternativen zum Tanzen nach der Musik Gottes gezeigt:

  • Das Tanzen nach der Musik der Menschen, bzw. des eigenen Egos
  • Und: Wir machen die Musik und die Götter sollen danach tanzen.

Beide Spielarten entpuppen sich als Hindernisse auf dem Weg zu einem guten Charakter. Sind wir auf einem dieser Wege gelandet, braucht es Befreiung.

Schauspielerei

«Und nun zum Beten. Wenn ihr betet, seid nicht wie die Heuchler, die mit Vorliebe in aller Öffentlichkeit an den Strassenecken und in den Synagogen beten, wo jeder sie sehen kann. Ich versichere euch: Das ist der einzige Lohn, den sie jemals erhalten werden» (Matthäus 6,5 NLB). In Matthäus 6 lenkt Jesus unsere Aufmerksamkeit auf drei klassische Praktiken der jüdischen Frömmigkeit: Almosen geben, beten und fasten. Jesus kritisiert diejenigen, die diese religiösen Praktiken öffentlich zur Schau stellen. Sie geben Almosen, sie beten und sie fasten, um dadurch wahrgenommen und respektiert zu werden. Sie wollen sich damit ihrer Ehre und ihr Ansehen sichern. Jesus nennt sie hypokritai, ein Wort, das an sich wertneutral im Zusammenhang mit der Schauspielerei und Rollenspielen verwendet wird. Hier beschreibt es Menschen, die durch ihre frommen Praktiken den Menschen und Gott etwas vorspielen. Sie sind Heuchler. Schein und Sein klaffen auseinander. Sie tun so, als ob ihr Blick auf Gott gerichtet wäre, er ist aber auf andere, letztlich auf sich selbst gerichtet. Sie schielen auf die Reaktionen der anderen und möchten gelobt werden. Ja, sie erhoffen sich sogar Belohnung von Gott.

Solche Menschen geben vor, nach Gottes Musik zu tanzen, in Tat und Wahrheit tanzen sie aber nach der Musik der Menschen, denen sie gefallen möchten, ja zutiefst tanzen sie zur Musik des eigenen Ego. Diese Art Praxis geistlicher Übungen verhindert nicht nur geistliche Reife, sondern verdirbt den Charakter und das hat Auswirkung auf die ganze Lebensgestaltung.

So schnell stecken wir selbst in der Heuchelei:

  • Wir stehen in einem Kreis, in dem laut gebetet wird. Dabei höre ich mich Ausdrücke und Anliegen formulieren, die im persönlichen Gebetsleben kaum Bedeutung haben. Aber es tönt gut und stellt eine hohe Geistlichkeit zur Schau.
  • Ich werde in der Gemeinde gefragt, wie ich mit meiner Krankheit umgehe. «Danke, ich fühle mich von den Gebeten der Gemeinde getragen.» In Wirklichkeit tun sich grosse Abgründe auf.
  • Wir betonen in gewissen Kreisen die Wichtigkeit, dass alle Menschen die gute Nachricht hören. Doch in der persönlichen Spiritualität spielt es keine Rolle.

Jeder Mensch hat den Wunsch nach Anerkennung und Wertschätzung, nach Annahme und Ehrung. Durch eigene Leistungen und durch Zur-Schau-Stellen dieser Leistungen will der Heuchler Anerkennung holen, wo nichts zu holen ist. Anstatt sich ungeteilt auf den im Himmel auszurichten, schielt der Heuchler auf Menschen und sucht ihre Anerkennung. Anstatt sich in die Hand des Vaters im Himmel fallen zu lassen, baut der Heuchler auf das Schauspiel eigener Frömmigkeitsleistungen. Das Resultat ist fatal, denn die fromme Heuchelei kultiviert Untugenden, die einen schlechten Charakter hervorbringen. Ehrlichkeit, Transparenz und Integrität stehen auf dem Spiel.

Die Lohnfrage klärt Jesus mit folgenden Worten: «[...] Ich versichere euch: Das ist der einzige Lohn, den sie jemals erhalten werden» (Matthäus 6,5 NLB). Mit anderen Worten, Heuchler müssen sich mit der Anerkennung und Wertschätzung anderer Menschen zufriedengeben und werden diese elementaren Grundbedürfnisse nicht vom Vater gestillt kriegen. Dieses Manko verbunden mit viel Enttäuschung im Gebet können den Glauben an Jesus Christus richtig vermiesen.

Fromme Leistungen

«Plappert nicht vor euch hin, wenn ihr betet, wie es die Menschen tun, die Gott nicht kennen. Sie glauben, dass ihre Gebete erhört werden, wenn sie die Worte nur oft genug wiederholen» (Matthäus 6,7 NLB). Für die Menschen, die Gott nicht kennen, steht der Begriff Heiden. Das sind Menschen, die den Gott Israels nicht kennen. Im Alten Testament gibt es ein Beispiel, wie diese gebetet haben. Und zwar veranstaltete der Prophet Elia auf dem Berg Karmel einen Contest, aus dem hervorgehen sollte, ob der HERR, der Gott Israels, oder Baal, der Gott der Heiden, wahrer Gott ist. Elia erklärt die Spielregeln: «Holt zwei Stiere. Die Propheten Baals sollen sich einen aussuchen, ihn in Stücke zerschneiden und auf das Holz legen, doch ohne es anzuzünden. Ich werde den anderen Stier vorbereiten und auf das Holz legen, es aber ebenfalls nicht anzünden. Dann ruft ihr den Namen eures Gottes an, und ich werde den Namen des Herrn anrufen. Der Gott, der mit Feuer antwortet, ist der wahre Gott! Und das Volk antwortete: Das ist gut» (1Könige 18,23+24 NLB). Zuerst beteten die 450 Baalspriester. «Dann riefen sie den ganzen Vormittag lang den Namen des Baal an: Baal, antworte uns! Aber es kam keine Antwort. Daraufhin tanzten sie um den Altar, den sie errichtet hatten» (V.26 NLB). Anschliessend betet Elia: «Herr, Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, zeig uns heute, dass du Gott in Israel bist und dass ich dein Diener bin und all dies auf deinen Befehl hin getan habe. Antworte mir, Herr! Antworte mir, damit dieses Volk erkennt, dass du, Herr, Gott bist und dass du ihre Herzen zurückerobert hast» (V.36+37 NLB).

Die Heiden versuchten, ihren Gott mit ihren frommen Übungen zum Handeln zu bewegen. Auch bei uns nistet sich manchmal heidnisches Denken ein. Es offenbart sich beispielsweise, wenn jemand sich über das Schicksal eines anderen äussert und sagt: «Jetzt war das doch ein so vorbildlicher Christ und war immer treu in der Gemeinde.» Manchmal werden an Gebets-, Heilungs- oder Befreiungsseminaren die Leute nach dem Motto geschult: Wenn du alles richtig machst und die richtige Formulierung findest, geschieht das Wunder.

Auch wenn es nicht um eine fromme Leistung geht, finden wir in der Bibel dennoch den Aspekt der Beharrlichkeit. Ja, wir sollen im Gebet dranbleiben und den Himmel bestürmen. Wenn ein Kind an einem Tag unbedingt ein Lego-Bausatz will und am übernächsten Tag ist es ein Skateboard und dann ein PC-Game, werden die Eltern kaum darauf eingehen. Gerne erfüllen wir bei Kindern anhaltende Bitten. So auch Gott. Fredy Staub: «Ich mache PUSH: Pray until something happens.» Wir sollen beharrlich bitten, uns aber bewusst sein: «Seid nicht wie sie, denn euer Vater weiss genau, was ihr braucht, noch bevor ihr ihn darum bittet!» (Matthäus 6,8 NLB).

Bei diesem Hindernis tun wir so, als ob Gott durch unsere Gebete aufgeweckt und bewegt werden müsste. Man kann fast sagen: Wir machen die Musik und die Götter sollen danach tanzen.

Befreiung

In Matthäus 6 kommt das Wort Vater zwölfmal vor. Die Befreiung von einem oder beiden dieser zwei Irrwegen ist die Frucht der Beziehung zum «Vater im Himmel, der weiss, was wir brauchen» (vgl. Matthäus 6,8.32). Im Zentrum dieser Vater-Beziehung steht das Gespräch mit ihm, das Gebet. Deshalb folgt diesem Abschnitt das Unser-Vater-Gebet. Unsere Vater-Beziehung ist die Grundlage und die Mitte jeder Metamorphose zu einem guten Charakter nach dem Vorbild Jesu.

Unser Vater im Himmel! Das Gebet eröffnet mit der sehr intimen und persönlichen Anrede Daddy. Durch den Glauben an Jesus Christus werden wir als Kind Gottes adoptiert und bekommen das Recht, den Herrscher und Schöpfer dieser Welt mit Daddy anzusprechen. Gebet ist keine Leistung, die wir Gott erbringen müssen, sondern ein Kanal, auf dem seine Liebe zu uns fliesst. Gebet ist der Zugang zu der Erfahrung, dass wir beim Vater geborgen sind. Gebet ist nicht zuerst ein Mittel, um Probleme zu lösen. Gebet ist ein Mittel, um die Vater-Kind-Beziehung zu vertiefen. Beten macht das Herz weit, bis es so gross ist, dass es Gottes Geschenk, seine Wertschätzung und Annahme, ja ihn selbst, aufzunehmen.

Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Nach der sehr persönlichen Eröffnung wird die Frage geklärt, wer die Musik spielt. Der Vater im Himmel soll nicht nach unserer Musik tanzen, sondern wir nach seiner.

Unser tägliches Brot gib uns heute. Auf dieser Grundlage sollen wir – auch beharrlich – für unsere Bedürfnisse beten, immer im Wissen, dass er bereits weiss, was wir brauchen.

Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und lass uns nicht in Versuchung geraten, sondern erlöse uns von dem Bösen. Auch unser geistliches Leben sollen wir von Seinem Licht durchfluten lassen und mit Ihm besprechen. Wir brauchen seine Unterstützung, seinen Halt, um in unserem Christsein zu reifen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Unser Gebetsleben soll in einen Lobpreis münden. Wenn wir dem himmlischen Daddy begegnet sind, wollen und können wir gar nicht anders. Wer Gott wirklich begegnet ist, fällt auf seine Knie und betet an.

Jesus macht es in der Bergpredigt deutlich: Ohne Gebet, verstanden als Beziehungspflege zum Vater im Himmel, gibt es keine gesunde Metamorphose. Die erwähnten Hindernisse, Heuchelei und fromme Leistungen, verderben den Charakter. Corrie ten Boom sagte einmal: «Ein Heiliger auf seinen Knien kann weiter sehen als ein Philosoph auf den Zehenspitzen.» In Bezug auf die unsere Verwandlung in das Bild von Jesus Christus würde ich das Zitat folgendermassen umformulieren: Ein Christ auf seinen Knien wird jesusähnlicher als Aristoteles auf den Zehenspitzen.

 

Paulus sagt: «Jesus Christus hat sich selbst für uns gegeben, damit er uns erlöste von aller Ungerechtigkeit und reinigte sich selbst ein Volk zum Eigentum, das eifrig wäre zu guten Werken» (Titus 2,14 LUT). Die Grundlage für gute Tugenden und einen guten Charakter ist das, was Jesus für uns getan hat. Deshalb beginnt alle Metamorphose mit einer bewussten Hinwendung zu Jesus Christus. Er hat alles getan. Im Einswerden mit Ihm, bekommen wir Anteil daran. Alle fromme Leistung und Heuchelei wird hinfällig.

 

 

Mögliche Fragen für die Kleingruppen

Bibeltext lesen: Matthäus 6,5-8; vgl. 1. Könige 18,1-40

  1. Was für eine Bedeutung hat es, dass das Gebet (Unser-Vater) die Mitte der Bergpredigt ist? Was bedeutet dies im Speziellen bezüglich Tugend- und Charakterbildung?
  2. Weshalb ist die Heuchelei ein Hindernis auf dem Weg zu einem guten Charakter? Wo stehst du in Gefahr zu heucheln?
  3. Weshalb ist fromme Leistung ein Hindernis auf dem Weg zu einem guten Charakter? Wo stehst du in Gefahr, fromme Leistungen zu erbringen?
  4. Welche Bedeutung hat es für das Gebet, wenn der Vater im Himmel schon vorher weiss, was wir brauchen? Worauf könnte in dem Fall der Fokus beim Beten liegen?