Mit Einfalt zum guten Charakter

Datum: Sonntag, 19. September 2021 | Prediger/in:
Serie: | Bibeltext: Matthäus 6,19-24

Der Weg aus der Tretmühle des Sorgens, das heisst aus der Fixierung auf mich selbst, führt über das «einfältige Auge», also über eine Neuausrichtung des Blicks. Und das geschieht durch das Gebet. Es wird klar, die Metamorphose des Menschen übersteigt die menschlichen Möglichkeiten und Bemühungen. Das Unservater-Gebet führt ihn über sich selbst hinaus in die Begegnung mit dem himmlischen Vater. So findet er zur Einfalt. Dabei werden die zwei Kardinaltugenden Gelassenheit und Zielstrebigkeit kultiviert.


 

In der Nachfolge Jesu liegt ein unfassbares Potenzial. Es geht um die Verwandlung in die guten Tugenden und den guten Charakter nach dem Vorbild Jesu. Die Heuchelei und die fromme Leistung sind Hindernisse auf diesem Weg und verderben den Charakter. Die Bergpredigt bietet den Menschen in der Jesusschule Befreiung aus diesen Irrwegen an. Und zwar gibt es einen kleinen Hinweis darauf, was einen guten Charakter ungemein fördert, durch den Türspalt eines kleinen unscheinbaren Wortes.

Einfältiges Auge

«Dein Auge ist das Fenster deines Körpers. Ein klares (haplous) Auge lässt das Licht bis in deine Seele dringen. Ein schlechtes Auge dagegen sperrt das Licht aus und stürzt dich in Dunkelheit. Wenn schon das, was du für Licht hältst, in dir Dunkelheit ist, wie dunkel wird dann erst die Dunkelheit sein!» (Matthäus 6,22-23 NLB).

Das Geheimnis der Kultivierung eines jesusähnlichen Charakter versteckt sich in dem unscheinbaren deutschen Wort klares (griech: haplous). Unser Auge soll haplous sein, dann wird es mit dem ganzen Leben gut. Wenn das Auge aber schlecht ist, dann läuft das ganze Leben in die Finsternis. Wenn der Mensch sein Stolperer-Sein überwinden und wieder Gottestänzer werden will, muss er auf sein Auge achten. Dabei geht es nicht so sehr um das äussere, sondern vielmehr um das innere Auge. Wir müssen Kontrolle gewinnen, was sich das Auge einbildet, denn «was wir im Auge haben, das prägt uns, da hinein werden wir verwandelt» (Robert Spaemann).

Was heisst haplous? Das Lexikon sagt «einfach, schlicht, aufrichtig, einfältig». Diese letzte Übersetzung – einfältig – ist etymologisch am treffendsten. Wenn wir ein Blatt Papier nehmen und es der Länge nach einmal falten, haben wir ein einfältiges Papier. So soll unser Auge sein. Einfältig. Gerade. Ausgerichtet. Klar in der Orientierung. Jesus gibt uns hier aber nicht einfach ein allgemeines Prinzip bekannt, sondern spricht vom einfältigen Auge in einem ganz konkreten Zusammenhang: «Sammelt keine Reichtümer hier auf der Erde an, wo Motten oder Rost sie zerfressen oder Diebe einbrechen und sie stehlen können. Sammelt eure Reichtümer im Himmel, wo sie weder von Motten noch von Rost zerfressen werden und vor Dieben sicher sind. Denn wo dein Reichtum ist, da ist auch dein Herz. Dein Auge ist das Fenster deines Körpers. Ein klares Auge lässt das Licht bis in deine Seele dringen. Ein schlechtes Auge dagegen sperrt das Licht aus und stürzt dich in Dunkelheit. Wenn schon das, was du für Licht hältst, in dir Dunkelheit ist, wie dunkel wird dann erst die Dunkelheit sein! Niemand kann zwei Herren dienen. Immer wird er den einen hassen und den anderen lieben oder dem einen treu ergeben sein und den anderen verabscheuen. Ihr könnt nicht gleichzeitig Gott und dem Geld dienen» (Matthäus 6,19-24 NLB).

Letzte Sicherheit

Es geht beim einfältigen Auge also um unsere innere Blickrichtung hinsichtlich der Sicherung des Lebens durch materiellen Besitz. In den ersten drei Versen ist vom thésauros die Rede, was mit Reichtümer übersetzt wurde. Thesaurus ist uns bekannt, wir verwenden es für einen elektronischen Wortspeicher. Schatzkammer, Speicher und Tresor sind entsprechende deutsche Worte. Die Macht dieses Schatzes ist lebensbestimmend. «Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz» (V.21 LUT). Da, wo wir unsere letzte Sicherheit suchen, das ist auch unsere Lebensmitte, daraufhin ist unser Leben letztlich ausgerichtet. Es geht um Sicherheit und Absicherung. Es ist die urmenschliche Frage, wie ich mein Leben sichern kann. Habe ich genug? Wird es reichen für morgen und erst recht im Alter? Dazu kommt die Sorge um Gesundheit. Wie kann ich mich gegen Unfall und Krankheit absichern? Ja, letztlich steht angesichts des unabwendbaren Todes das Leben überhaupt auf dem Spiel. Worum es Jesus letztlich geht, wird in V.24 deutlich. «Man kann nicht gleichzeitig zwei Herren dienen», sagt Jesus, «Gott und dem Mammon». Wer sich letztlich auf den materiellen Besitz verlässt, dient dem Mammon. Materielle Sicherheit wird zum eigentlichen Götzen. Bürger von reichen Nationen, wie es die Schweiz ist, sind besonders gefährdet. Deshalb werden bei uns auch alle Abstimmungen versenkt, bei denen die Gefahr besteht, dass unser Reichtum angekratzt werden könnte.

Die Botschaft von Jesus befreit aus dieser Versklavung. Der erlösende Satz lautet: «Euer himmlischer Vater kennt eure Bedürfnisse» (6,32 NLB) und er wird für euch sorgen. Ihr braucht euch also nicht zu «zersorgen», indem ihr euch dem Mammon in die Arme werft und Sklave materieller Güter werdet. Zugespitzt sagt Jesus: «Können all eure Sorgen euer Leben auch nur um einen einzigen Augenblick verlängern? Nein» (6,27 NLB). Die Einsicht, dass mein Leben nicht zu sichern ist, sondern jede Stunde von Gottes Zuwendung abhängt, mag bedrohlich wirken, ist aber letztlich befreiend. Wenn wir aufhören, nach der Musik des Mammon zu tanzen, dann werden wir freigesetzt, um nach der Musik des Himmels zu tanzen. Der Weg dahin heisst einfältig werden, innerlich auf den richtigen, heilsamen Ort der Lebenssicherheit ausgerichtet.

Der Mensch wird zum Stolperer, weil er in die falsche Richtung nach dem Ausschau hält, was seinem Leben letzten Halt gibt. In der Sorge um sich selbst, hängt er sein Leben an den Nagel materieller Sicherheiten - doch der Nagel vermag die Last des Lebens nicht zu tragen. Das Leben kann letztlich nicht gesichert werden. Der Weg aus der Tretmühle des Sorgens, das heisst aus der Fixierung auf mich selbst, führt über das «einfältige Auge», das heisst, über eine Neuausrichtung des Blicks. Und das geschieht durch das Gebet – der Mitte der Bergpredigt. Wolfgang Goethe erzählt: «Eines Tages klopfte die Angst an die Tür. Der Mut stand auf und öffnete, aber da war niemand draussen.» Der einfältige Blick ist der Weg zu diesem Mut, der feststellt, dass jegliche Angst umsonst ist und sich in Wohlgefallen auflöst.

Fette Beute

Es wird klar, die Metamorphose des Menschen übersteigt die menschlichen Möglichkeiten und Bemühungen. Das Unservater-Gebet führt ihn über sich selbst hinaus in die Begegnung mit dem himmlischen Vater. So findet er zur Einfalt. Dabei werden die zwei Kardinaltugenden Gelassenheit und Zielstrebigkeit kultiviert.

  • Gelassenheit: Das Gebet schafft Raum, Sorgen, Schuld und Angst, die das Leben beschlagnahmen können, in die Hand des himmlischen Vaters zu legen, um in eine heilige Gelassenheit hineinzufinden. Diese lebt aus dem Zuspruch des Vaters im Himmel, der unserem Leben letzten Halt gibt. Es geht um eine innere Ruhe, die ihren Grund in der tiefen Erfahrung von Annahme, Geborgenheit und Getragensein hat. Ich muss nicht mehr hetzen und jagen, um mein Leben zu sichern – weder durch religiöse Bemühungen noch durch materielles Streben. Gelassenheit darf nicht mit Gleichgültigkeit oder gar Faulheit verwechselt werden. Gelassene Menschen haben Kopf, Herz und Hände frei für Wesentliches. Gesunde Gelassenheit befreit zu hingebungsvollem Engagement, zum Tanzen der Musik des Himmels.
  • Zielstrebigkeit oder Engagement: Diese zweite Tugend ist im ersten Satzteil von V.33 beschrieben: «Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit» (6,33 LUT). Aus der Identität als Kind des himmlischen Vaters und der Erfahrung Seiner Annahme und Geborgenheit werden wir aus der Selbstumkreisung heraus befreit. Mut, Entschiedenheit und Zielorientierung ist die Folge. Corrie ten Boom: «Mut ist Angst, die gebetet hat.» Natürlich kann diese Tugend auf gute und schlechte Ziele ausgerichtet sein. Hier ist sie auf die Gerechtigkeit des Reiches Gottes ausgerichtet. Voraussetzung ist, dass die Störsender Sorge, Schuld und Angst abgestellt sind. Das Unservater bietet den Raum, sie in Gottes Hand zu geben und den Reich-Gottes-Sender laut aufzudrehen, um nach dieser Musik zu tanzen.

Diese beiden Tugenden sind als Paar zu sehen. Sie halten sich in der Balance und verhindern ungesunde Einseitigkeiten. Gelassenheit kann nämlich zur Gleichgültigkeit werden und Engagement zur Verbissenheit. Als gelassenes Engagement oder engagierte Gelassenheit wächst eine Kombitugend heran, die tatsächlich Dreh- und Angelpunkt aller in Matthäus 5 vorgestellten Tugenden ist.

 

Letzte Woche besuchte ich meinen Vater. Da er sehr krank und schwach ist, weiss ich nicht, ob ich ihn zum letzten Mal gesehen habe. Wir sprachen so, wie ein Sohn mit seinem Vater spricht, wenn es um den endgültigen Abschied geht. Für mich war das ein sehr heiliger Moment. Ich spürte von meinen Eltern ausgehend einen grossen Frieden. Sie leben mir vor, wie ein einfältiger Blick auf den himmlischen Vater aussehen könnte. Vertrauensvoll werfen sie sich in seine Arme und leben selbst im Angesicht des Sterbens eine heilige Gelassenheit und Entschiedenheit. Alles Materielle tritt völlig in den Hintergrund. Es wird klar, unser Leben hängt ausschliesslich am Nagel des himmlischen Vaters. Unser Tanz folgt allein der Musik Gottes. Diese Freiheit, diesen Frieden, diese Gelassenheit, diese Sorgenfreiheit, diese Entschiedenheit steht hier und jetzt für dich bereit. Durch den Glauben an Jesus Christus und ein einfältiges Auge auf den himmlischen Vater, steht dir dies alles zu!

 

 

 

 

 

 

 

Mögliche Fragen für die Kleingruppen

Bibeltext lesen: Matthäus 6,19-24

  1. Was könnte Jesus mit dem einfältigen Auge gemeint haben? Auf was soll sich der einfältige Blick fokussieren?
  2. Wie sicherst du dein Leben letztlich ab? Welche Rolle spielt der Mammon dabei? Bist du einverstanden mit der These, dass wir Schweizer in grosser Gefahr stehen, uns dem Mammon in die Arme zu werfen?
  3. Wie können wir Befreiung und Neuorientierung erfahren? Warum bietet Jesus das Unservater-Gebet als Lösung an?
  4. Was bedeuten die zwei Kardinaltugenden Gelassenheit und Zielstrebigkeit/Engagement? Sind diese Tugenden bei dir in der Balance? Was geschieht, wenn eine davon überwiegt?
  5. Das Gebet ist der Schlüssel zur Metamorphose in das Vorbild Jesus Christus. Welche Rolle spielt das Gebet in deinem Leben? In der Kleingruppe?