Es war sehr gut

Datum: Sonntag, 9. Januar 2022 | Prediger/in:
Serie: | Bibeltext: 1. Mose 1,26-31

Am letzten Tag versieht Gott die Schöpfung mit dem Prädikat «sehr gut». Das beinhaltet perfekte Kreaturen, die in gelingenden Beziehungen untereinander leben. Der Mensch, der nach Gottes Bild geschaffen ist, übernimmt in ähnlicher Weise, wie Gott es tut, dienende Verantwortung für den Rest der Schöpfung. Ein sehr gutes Evangelium beinhaltet nicht nur die Erlösung von individuellen Seelen, sondern die Wiederherstellung des ganzen Kosmos. Gott wird den Shalom der Schöpfungserzählung in der Neuschöpfung wiederherstellen.


Das Volk Israel, die Hebräer, befinden sich im 5. Jh. v.Chr. in Babylon im Exil. Dabei werden sie mit dem dort herrschenden Schöpfungsmythos indoktriniert: Am Anfang regierten zwei göttliche Wesen: Apsu (Süsswasser) und seine Frau Tiamat (Salzwasser). Die zwei strömten zusammen und wurden eins. In ihren Gewässern wurden Dämonen, Monster und Götter geboren. Gewalt, Tod und Chaos herrschte in den Fluten, als die Nachkommen von Apsu und Tiamat gegeneinander Krieg führten. Apsu und Tiamat planten ihre Kinder zu töten, um den Frieden wieder herzustellen. Doch ihr Urenkel Ea erhob sich und tötete Apsu. Wut und Zorn spuckend kreierte Tiamat elf Monster. Diese sollten ihr helfen, den Krieg gegen ihre Nachfahren zu gewinnen. Tiamat’s neuer Liebhaber, der Gott Kingu, führte ihre Armee an. Dann erhob sich Ea’s Sohn, der Gott Marduk und versprach, sie unter einer Bedingung zu verteidigen: wenn er sich durchsetzen würde, würde er die Oberherrschaft übernehmen. Er gewann. Seine erste Tat in der Vormachtstellung war, dass er Tiamat zweiteilte. Ihre Rippen wurden zur Kuppel des Himmels und zur Erde des Bodens. Ihr durchbohrten Augen wurden zu Quelle des Tigris’ und des Euphrats und ihr Schweif zur Milchstrasse. Dann nahm Marduk Kingu’s Blut, vermischte es mit roter Tonerde und schuf die Menschheit, damit diese den Göttern für immer zu dienen.

Die Welt wird als Ergebnis kriegerischer Auseinandersetzungen in der Götterwelt, als mehr oder weniger zufälliges Nebenprodukt der Gewalttätigkeit der Götter gesehen. Das ist kaum eine geeignete Grundlage, auf der man der Schöpfung einen hohen Wert beimessen kann. Genesis 1 (1. Mose 1) wurde höchstwahrscheinlich am Ende des Exils von den hebräischen Priestern geschrieben (ca. 538-450 v.Chr.), um sich bewusst von der babylonischen Weltsicht abzuheben. Im biblischen Text wird die Schöpfung von einem kreativen und liebenden Gott bewusst geschaffen und mit dem Prädikat «sehr gut» versehen.

Das hebräische Wort für das, was Gottes Schöpfung ist und ausdrückt, lautet Shalom. Und genau diesen Shalom wird Gott wieder herstellen. Gottes Antwort auf die sehr gut geschaffene Welt ist ein sehr gutes Evangelium. Das sehr gute Evangelium spricht nicht nur davon, wie die menschliche Seele in den jenseitigen Himmel kommt, sondern wie der ganze Kosmos erlöst und wiederhergestellt werden kann. Der ursprüngliche Shalom soll wiederhergestellt werden.

Genau diesen Shalom gilt es nun ausgehend aus Genesis 1 besser zu verstehen. Die Schöpfungsgeschichte erreicht seinen Höhepunkt am sechsten Tag. An diesem Tag sprach Gott drei Wörter und einen Satz. Und dies bietet die Essenz der Vision von Shalom: Bild, Ähnlichkeit, Herrschaft und sehr gut. Gott, der erhabene Schöpfer, hat die Bereiche getrennt und jede Pflanze und jede lebendige Kreatur hervorgebracht. Da sprach Gott: «Wir wollen Menschen schaffen nach unserem Bild, die uns ähnlich sind. Sie sollen über die Fische im Meer, die Vögel am Himmel, über alles Vieh, die wilden Tiere und über alle Kriechtiere herrschen» (1Mose 1,26 NLB).

Repräsentatives Abbild

Das hebräische Wort tselem (Bild) wird im nächsten Vers gleich zweimal wiederholt, was die Relevanz dieses Begriffs zeigt. Tselem meint repräsentatives Abbild. Das ist eine revolutionäre Aussage in eine Zeit hinein, in der nur Könige und Königinnen in Frage kamen, eine Gottheit zu repräsentieren. Die Menschen erben ihren inneren Wert und ihre Würde nicht aufgrund der Abstammung, dem finanziellen Status oder einer königlichen Position. Wert und Würde werden einem Menschen vom Schöpfer, dem erhabenen Gott, zugesprochen. Das muss Balsam auf eine geschundene Volkseele sein, die – während der 70 Jahre andauernden Gefangenschaft – dem Empfinden eines gesunden Selbstwerts und Würde völlig beraubt wurde. Genesis 1 spricht zu Menschen, die massiv unterdrückt wurden. Sie lebten in einem Land, in dem die theologische Weltsicht vermittelt wurde, dass sie dazu existierten, um unbarmherzigen, rachsüchtigen und brutalen Göttern zu dienen. Die Götter behandelten die Babylonier so, als wären sie nicht mehr als Spielfiguren. Auf diesem Hintergrund erinnerten die Priester die Hebräer an ihren tiefen inneren Wert und Würde.

Tselem heisst auf Griechisch eikon. Das Wort beschreibt im Neuen Testament das Bild Cäsars, welches als riesige Statuen bei den Stadttoren aufgestellt und auf die römischen Münzen eingeprägt wurde. Das Bild sollte alle Untertanen immer und überall daran erinnern, dass hier Cäsar regiert. Jesus sagt in Bezug auf dieses Bild auf der Münze: «Da sprach er zu ihnen: So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!» (Matthäus 22,21 LUT). Die Münzen trugen das eikon von Cäsar, sie gehörten Cäsar. Du und ich – wir tragen Gottes eikon! Alle Menschen tragen Gottes Bild, weil sie zu Gott gehören. Eine der Aufgaben ist es nun, als Markierung zu dienen, wo Gott regiert.

Der heimatlose Mann an der Strassenecke ist nach Gottes Bild gemacht. Der kolumbianische Arbeiter, der auf einer Kakaofarm eines internationalen Konzerns arbeitet und zwei Cent pro Tag verdient, ist nach Gottes Bild gemacht. Die Frau, die in der Sexindustrie versklavt ist, ist nach Gottes Bild geschaffen. Alle Menschen sind nach dem Bild Gottes geschaffen. Wer einen anderen Menschen schlägt, schlägt das Bild Gottes. Wer einen anderen Menschen anlügt, lügt das Bild Gottes an. Wer einen anderen Menschen ausnützt, nutzt das Bild Gottes aus. Wer einem anderen Menschen, einer ethnischen Gruppe, einer Religion oder einer Nation den Krieg erklärt, erklärt dem Bild Gottes den Krieg. Körperliche, emotionale, psychologische, sexuelle, politische und wirtschaftliche Gewalt gegen Mitmenschen zu verüben, bedeutet im Wesentlichen, zu versuchen, das Bild Gottes auf Erden zu zerstören.

Wir sind nicht Gott. Doch weil wird Gottes Bild tragen, sind wir der Menschenwürde, der Liebe, der Achtung, der Ehre und des Schutzes wert.

Göttliche Verwaltung der Schöpfung

«Sie sollen über die Fische im Meer, die Vögel am Himmel, über alles Vieh, die wilden Tiere und über alle Kriechtiere herrschen» (1Mose 1,26b NLB). Im gleichen Atemzug, wie Gott den Menschen nach Seinem Bild geschaffen hat, gab er im die Berufung Herrschaft auszuüben (radah). Nach Seinem Bild geschaffen zu sein, hat verschiedene Bedeutungen: Wir haben Eigenschaften, wie Gott sie hat, wir sind kreative Wesen und haben Gefühle, wir sind für Gemeinschaft geschaffen, wie Gott sie innerhalb der Trinität lebt. Das stimmt alles, doch im Text wird das Wort tselem (repräsentatives Abbild) direkt mit dem Ausüben von Herrschaft (radah) verbunden.

Die Bedeutung, nach dem Bild Gottes geschaffen zu sein, zeigt sich in der Berufung und Fähigkeit aller Menschen, Herrschaft auszuüben. Herrschaft ausüben verbinden wir mit Leuten wie Xi Jinping, Wladimir Putin oder Joe Biden. Deshalb sehen wir Herrschaft in engem Zusammenhang mit menschlicher Machtausübung, bis hin zum Imperialismus und Ausbeutung von Land und Menschen.

Im Schöpfungsbericht wird uns ein Bild von Gottes Herrschaft vermittelt, das wenig Ähnlichkeit mit dieser menschlichen Art von Machtausübung hat. Radah ist kein Auftrag zum Ausüben von imperialer Macht. Wie lebte Gott radah? Nachdem Er die ersten Bäume, die ersten Pflanzen und die ersten Tiere geschaffen hatte, setzt Gott für jede Art Grenzen. Innerhalb dieser Arten und darüber schuf er funktionierende Beziehungen. Wenn die Autoren das Wort radah brauchen, steckt dahinter das Bild einer neuen Schöpfung, welche verwaltet werden will. Ein Bild dafür, was passiert, wenn Menschen ihre Macht aus niedrigen Motiven nutzen, ist die Situation auf dem Balkan nach dem Krieg. Wenn man in dieser Zeit durch Bosnien reiste, sah man, wie Haus um Haus von Kugeln durchlöchert stark beschädigt war. Normalerweise sind die ersten Ziele in einem Krieg Regierungsgebäude, Lagerhallen, Fabriken, Brücken und militärische Installationen. Im Bosnienkrieg jedoch zerstörten die serbischen Streitkräfte die Häuser die Zivilbevölkerung. Noch zehn Jahre später sah man die Einschusslöcher und wie Bäume aus den zerbombten Häusern wuchsen. Wenn die Menschen ihren Auftrag, die Schöpfung zu verwalten, nicht wahrnehmen bzw. missbrauchen, nimmt die ungezähmte Wildnis überhand.

Als die Priester Genesis 1 schrieben, hatten die Hebräer gerade mehrere Generationen als Gefangene gelebt. Sie hatten keine Vorstellung davon, was es bedeutet, Entscheidungsfreiheit auszuüben: weder wie man die Stimme gebraucht noch wie man seine Macht einsetzt, um Entscheidungen zu treffen.

Das war der Kontext, in dem die priesterlichen Schriftsteller erklärten, dass alle Menschen mit der Berufung und der Fähigkeit zur Ausübung von Herrschaft geschaffen wurden. Niemand ist zu niedrig, die Verantwortung für Gottes Schöpfung zu übernehmen. Das gilt für den somalischen Taxifahrer, für die Frau, die Regale im Denner auffüllt, für die Männer und Frauen in den Gefängnissen und für dich und mich. Gott erschuf alle von uns mit der Fähigkeit, unsere Welt zu verwalten. Gemeint ist das Regieren einer Nation oder einer Stadt genauso wie das Führen in der Firma, der Familie, unseren Beziehungen und unserer eigenen Person.

Wenn die Menschen nach Gottes Ähnlichkeit geschaffen sind, dann sollte die Art, wie wir Herrschaft ausüben, Gottes Art reflektieren. Es sollte das Wohlbefinden der ganzen Schöpfung erhalten. Eine Herrschaft auszuüben, die zuerst den eigenen Vorteil sucht, bricht mit der Gottesähnlichkeit.

Der shalom liegt dann auf dieser Welt, wenn alle Menschen dabei sind, die Schöpfung nach Gottes Vorbild zu verwalten.

Und es war sehr gut

«Danach betrachtete Gott alles, was er geschaffen hatte. Und er sah, dass es sehr gut war. Und es wurde Abend und Morgen: der sechste Tag» (1. Mose 1,31 NLB). Nachdem Gott sechsmal das Geschaffene als gut bezeichnet hat, entfährt Ihm am letzten Tag, bei der siebten Bewertung, ein Sehr-Gut. Die Zahl sieben symbolisiert bei den Hebräern Ganzheit und Vollkommenheit. Bei der Gesamtbetrachtung ist Gott begeistert und fasziniert. Im hebräischen Weltverständnis sind alle Kreaturen miteinander verbunden. Das «sehr gut» betrifft somit nicht nur das einzelne Objekt, sondern bezieht sich auf die Verbindungen zwischen Dingen. Die Originalhörer verstanden, dass die Qualität der Beziehungen innerhalb der Arten und zwischen den Arten sehr gut waren. Das hebräische Wort für sehr heisst meod. Es meint kraftvoll, vehement, reichlich, blühend, und nie endend.

  • Die Beziehung zwischen den Menschen und Gott war kraftvoll gut. Und es ist nie endend gut, dass Gott erhaben und verschieden von den Menschen ist.
  • Die Beziehungen unter den Menschen waren vehement gut.
  • Die Beziehung zwischen den Menschen und dem Rest der Schöpfung war blühend gut.
  • Die Beziehung zwischen Mann und Frau war exzellent gut.
  • etc.

 

Der Shalom der Schöpfung ist perfekt, sehr gut. Jede einzelne Kreatur genauso wie die Beziehungen innerhalb der Arten und darüber hinaus sind vollkommen. Dazu kommt der Mensch, der Gottes Bild in der Schöpfung repräsentiert und in Ähnlichkeit zu Gott den Rest der Schöpfung verwaltet. Das sehr gute Evangelium ist: Heute ist Gott dran, diesen Shalom wiederherzustellen. «Denn Gott hat die Welt («Kosmos») so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern das ewige Leben hat» (Johannes 3,16 NLB). Wenn ein Mensch diese Liebe erwidert, gehört er zur erlösten Menschheit, die dem Shalom auf dieser Welt jetzt schon ein Gesicht geben soll.

 

 

Fragen für die Kleingruppen

Bibeltext lesen: 1. Mose 1,1-31

  1. Du bist nach Gottes Bild geschaffen! Was bedeutet das bezüglich deines Wertes und deiner Würde?
  2. Was bedeutet es für das Miteinander auf dieser Welt, dass jeder einzelne Mensch nach Gottes Bild geschaffen ist?
  3. Wie hat Gott in den sechs Schöpfungstagen seine Herrschaft ausgeübt? Was bedeutet das für uns?
  4. Unser Verwalten der Schöpfung besteht in der Schaffung von Wohlbefinden für einzelne Kreaturen sowie der Vernetzung. Was könnte das konkret bedeuten?
  5. Dem «Sehr-Gut» über der Schöpfung entspricht das «Sehr-Gut» des Evangeliums. Was ist der Zusammenhang zwischen Schöpfung und Evangelium?