Vom Festsaal zur «Mistgabel»
Sonntag, 10. Februar 2019

Vom Festsaal zur «Mistgabel»

Prediger/in:
Passage: 1. Korinther 3,10-15
Dienstart:

Im Gleichnis von den zwei verlorenen Söhnen stellt sich die Frage, wer dann die Arbeit auf dem Bauernhof tun soll? Offensichtlich hat sich der ältere Bruder vertan, indem er auf dem Acker schuftete wie ein Sklave. Aber nur im Festsaal sitzen, geht ja auch nicht. Jeder Mensch streckt sich nach Liebe, Annahme und Wertschätzung aus. Wenn wir uns diese Dinge durch unser Tun erarbeiten wollen, kommt es schlecht. Wenn wir aber auf dem Fundament von Liebe, Annahmen und Wertschätzung handeln, kommt es sehr gut.


Warum werden Christen oft aufgrund ihres Verhaltens charakterisiert? Das Umfeld nimmt Christen nicht selten als Menschen wahr, die sich rigiden Regeln unterziehen müssen und gegen Abtreibung, aktive Sterbehilfe und Gender Ideologie sind. Im Rahmen einer Barna Research Umfrage wurde auf folgende Fragen eine Antwort gesucht: «Starre Regeln und strikte Vorgaben spielen in meinem Leben als Christ und in unserer Gemeinde eine wichtige Rolle.» Es wurden extra unsympathische Worte wie «starr» und «strikt» verwendet. Dennoch haben 66% der Aussage zugestimmt. Warum werden Christen aufgrund ihres Verhaltens und nicht aufgrund ihres Daheims im Hause Gottes beschrieben? Meine These lautet, dass wir starke Ähnlichkeiten mit dem älteren Bruder im Gleichnis haben (Lukas 15,11ff). Auch er hat sich über sein Verhalten definiert.

Diese Woche hat jemand gesagt, dass er in der seetal chile eine Schlagseite zur Leistungsorientiertheit erlebe. Das habe mit ihren Protagonisten zu tun. Diese Beobachtung trifft den Nagel auf den Kopf, denn eines meiner Lebensmotto heisst: «Von nichts kommt nichts.» Ist das anrüchig oder gar falsch? Kann, muss aber nicht, wie wir gleich sehen werden.

Das Verhalten eines Sklaven

Wir tendieren dazu, uns wie der ältere Bruder zu verhalten. Wörtlich sagt dieser zu seinem Vater: «Du weisst doch: All die Jahre habe ich wie ein Sklave für dich geschuftet, nie war ich dir ungehorsam. Was habe ich dafür bekommen?» (Lukas 15,29a GN). Geschuftet wie ein Sklave, gehorsam gewesen – um etwas dafür zu bekommen! Der gute Mann wollte sich den Segen seines Vaters durch das richtige Verhalten verdienen. Er hat nicht verstanden, dass die Liebe und Annahme des Vaters weder von seinem guten noch vom schlechten Verhalten seines Bruders abhängen. Vielleicht hat er gedacht, dass er dieses Opfer jetzt einfach bringen muss, um dann später vom Erbe zu profitieren. Im Unterbewusstsein denken wir vielleicht manchmal auch, dass wir auf dieser Welt halt ein Opfer für Jesus bringen müssen, um es später in der Ewigkeit einmal gut zu haben. Wir vertrösten uns auf später und ‘knorzen’ uns durch das Leben, anstatt das Leben im Vaterhaus jetzt schon zu geniessen.

Jeder Mensch ist auf der Suche nach Liebe, Annahme, Wertschätzung und Vergebung. Der ältere Sohn tat dies durch emsiges Treiben. Diese Suche hat auch andere Gesichter: Wir fühlen uns in einer Gruppe nicht wohl, als Aussenseiter minderwertig. Um die gesuchte Aufmerksamkeit zu erhalten, tun wir viel. Wir schlüpfen in eine Rolle oder versuchen unsere Erfolge und Errungenschaften zur Schau zu stellen. Andere Menschen suchen immer noch die Anerkennung des leiblichen Vaters, obwohl dieser schon lange gestorben ist. Die ganze Kindheit durch erlebten sie keine uneingeschränkte Liebe und Annahme. Immer hiess es: «Ja, aber…» Unterdessen sind sie beim Doktortitel angelangt, bleiben aber weiter auf der Jagd nach dieser bedingungslosen Annahme.

Steve schreibt: «Viele Jahre habe ich genau so gelebt wie der ältere Bruder. Ich bin als Teenager Christ geworden und eins war mir damals nicht klar: Wenn ich gesündigt habe, hätte ich sofort zu Gott zurückkehren können, in Seine Gegenwart, wo alles wieder gut gewesen wäre. Aber ich dachte, ich muss mir die Anerkennung Gottes erst neu verdienen. Wenn ich irgendwas vermasselt hatte, habe ich mich nicht in seine Nähe getraut. Er war für mich dieses Heilige Wesen – was ja auch stimmt –, aber ich fühlte mich wie ein kleiner Wurm, der nichts in Seiner Gegenwart verloren hat. Wenn ich mich dann doch getraut habe, fühlte ich mich so lange als unwürdiger Christ, bis ich drei wirklich gute ‘Stille Zeiten’ hintereinander hatte. Aber Gott möchte nicht, dass wir so sind.»

Jemand äusserte sich so: «Jetzt war diese Frau doch ihr Leben lang eine treue Nachfolgerin von Jesus und für viele ein grosses Vorbild. Warum wird sie nun in so jungen Jahren todkrank? Das hat sie nicht verdient!»

Wie war denn das auf dem Bauernhof im Gleichnis von dem Vater und den zwei Söhnen? Da gab es doch eine Menge Arbeit, die geleistet werden musste! Wo wären sie nur hingekommen, wenn sich das Leben auf den Festsaal erschöpft hätte? Von nichts kommt nichts. Finanzieller Ruin und Chaos wären die Folge gewesen.

Das Verhalten eines Sohnes

Der jüngere Bruder kam von seiner Sauftour zurück und wurde direkt in den Festsaal gebeten. Nicht ganz. Dazwischen wurde er mit drei Gegenständen beschenkt, die ihm die volle Annahme als Sohn bestätigte. Durch diese Geschenke und die Willkommensgeste bewies der Vater seinem Sohn Annahme, Wertschätzung, Liebe und Vergebung.

Auf diesem starken Fundament schlüpfte ganz bestimmt auch der jüngere Bruder in die Arbeitsklamotten und nahm die Mistgabel in die Hand. Aus dem Festsaal zur Arbeit. Gnade ist ein Gegensatz zur Leistung, aber kein Gegensatz zur Anstrengung. Beide Brüder wussten, mit der Mistgabel umzugehen, und benutzten sie auch. Von der Terrasse des Bauernhauses gesehen, sah man zwei Brüder mit Mistgabel. Rein optisch war kein Unterschied zu beobachten, und doch unterschieden sie sich diametral.

Paulus gibt uns einen interessanten Hinweis. Er erzählt, dass wir mit verschiedenen Materialien bauen können: «Wer nun auf dieses Fundament aufbaut, kann dazu Gold, Silber, Edelsteine, Holz, Heu oder Stroh verwenden» (1Korinther 3,12). Der jüngere Bruder baute mit Gold, Silber oder Edelsteinen, der ältere mit Holz, Heu oder Stroh. Beides sieht gut aus. Die Unterschiede der Baumaterialien werden erst in der Endabrechnung des Lebens sichtbar werden: «Wenn es dem Feuer standhält, wird der, der es gebaut hat, Lohn empfangen. Doch wenn sein Werk verbrennt, wird er einen schmerzlichen Verlust erleiden. Er selbst wird zwar gerettet werden, aber nur wie einer, der mit Mühe und Not einem Feuer entkommt» (14+15).

Entscheidend ist das Fundament des Bauwerks, meint Paulus: «Denn niemand kann ein anderes Fundament legen als das, das schon gelegt ist – Jesus Christus» (11). Auf diesem Fundament aufzubauen, bedeutet, aus der empfangenen Liebe, Annahme und Vergebung heraus zu handeln. Nochmals Paulus: «Was immer wir tun, tun wir, weil die Liebe Christi uns bewegt» (2Korinther 5,14a). Gott will, dass nichts ausser Liebe uns motiviert. Von der Liebe Christi bewegt, bauen wir mit Gold, Silber oder Edelsteinen. Aus einem Defizit von Wertschätzung und Annahme bauen wir mit Holz, Heu oder Stroh. Arbeit auf dem Fundament von Liebe, Annahme und Vergebung belastet nicht und verursacht kein Burnout, sondern macht Freude. Darum sagt Jesus: «Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten» (Johannes 14,15). Zuerst die Liebe, dann die Hausregeln. Wäre es nicht wunderbar, wenn Christen mit der Liebe zum Vater und nicht nach den Hausregeln identifiziert würden?

In den Briefen von Paulus klärt er die betreffenden Gemeinden jeweils lang und breit über ihre Identität in Christus sowie über die Liebe, Annahme, Wertschätzung und Vergebung auf. Im Epheserbrief benötigt er dazu ganze drei Kapitel. Nachdem dies hoffentlich auch vom Hintersten und Letzten begriffen worden ist, wagt er es, in zwei Kapiteln das daraus folgende richtige Verhalten aufzuzeigen. Von Festsaal zur Mistgabel und zurück.

Der Weg zur Kindschaft

In allen von uns stecken Anteile des jüngeren und des älteren Bruders. Tendenziell neigen wir je länger wir im Glauben sind, zu dem Älteren. Die grosse Frage lautet: Gibt es Heilung?

Ich habe von einem Mann gelesen, der wegen einer paranoiden Persönlichkeitsstörung in einer psychiatrischen Klinik sass. Er ist gesund geworden, indem er aufgrund der Geschichte mit den zwei verlorenen Söhnen Schritte zur Freiheit in Christus getan hatte. Er sagt etwas Wichtiges: «Gott war für mich immer der Typ mit dem Knüppel in der Hand. Aber jetzt weiss ich, dass er mich liebt. Ich will nicht mehr sündigen, denn damit verletze ich jemanden, der mich so sehr liebt.»

Dieser Weg in die Freiheit ist in den meisten Fällen ein längerer Prozess. Er beginnt damit, dass wir unsere Prägungen, Belastungen, Verletzungen und Festlegungen anschauen, die – wenn wir diese Dinge nicht reflektieren – automatisch das Fundament unseres Tuns sind. Auf diesem Fundament können wir nur mit Holz, Heu oder Stroh bauen.

Dieses Fundament muss durch Gebet und seelsorgerlich Unterstützung richtiggehend wie mit einem Presslufthammer weggespitzt werden. Das neue Fundament besteht aus der neuen Identität, die wir durch den Glauben an Jesus Christus erhalten. Darin enthalten ist die ganze Liebe, Annahme und Vergebung der wichtigsten Person im Universum. Zu seinem älteren Sohn sprach der Vater: «’Kind’, sagte der Vater zu ihm, ‘du bist immer bei mir, und alles, was mir gehört, gehört auch dir’» (Lukas 15,31 NGÜ). Ich glaube, dass dieser Satz das Potenzial hat, unser Leben umzukrempeln. Können wir diese Wahrheit je erfassen?

Als Teenager und Jugendlicher (und auch heute noch!), kannte ich das Gefühl sehr gut, sich in einer Gruppe minderwertig und nicht dazugehörig zu fühlen. Ich beneidete die Unterhalter, die es stets verstanden, sich in den Mittelpunkt zu stellen. Heute versuche ich, mich zufrieden und positiv zu fühlen, egal welche Position ich in einer Gruppe gerade habe. Das muss erkämpft sein. Sobald der Minderwert sich meldet, muss ich mir Sätze sagen wie: «Kind, du bist immer bei mir, und alles, was mir gehört, gehört auch dir.» So versuche ich dann die Liebe, Annahme und Wertschätzung des himmlischen Vaters mit dem Herzen erfassen.

Wenn ich nach einem intensiven Wochenende am Montag ins Büro komme, steht bereits die nächste Predigt oder andere Herausforderung an. Sonntag für Sonntag muss man sich als Pastor vor vielen Leuten bestätigen. Dieser Druck fühlt sich manchmal ziemlich gross an. In solchen Momenten muss ich mich zuerst einmal durch Gebet in der Liebe und Annahme Gottes suhlen. Gottes Liebe zu mir ist völlig unabhängig von meiner Leistung.

Es ist sehr wichtig, dass wir lernen, in solchen Situationen die Wahrheit in unser Leben zu sprechen. Jesus sagt: «Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen» (Johannes 8,32).

Nebst diesen punktuellen Übungen in kritischen Situationen ist es gut, viel Zeit mit dem Vater zu verbringen, um seine wohltuende Art und Hauskultur so richtig einzuatmen. Das Evangelium ist eine gute Botschaft für uns alle. Sie führt in die Freiheit. Klar, es gibt Hausregeln. Aber die definieren uns nicht. Es ist die Familienzugehörigkeit zu Gott, die uns definiert. Man spricht ja auch nicht von Familie A, die die Handys um 20.00 Uhr abgeben, von Familie B, die die Schuhe ordentlich aufräumen und richtig viel Ämtli machen oder von Familie C, bei denen Kinder Haushaltsgeld abgeben müssen. Genauso schön wäre es, wenn wir Christen nicht an den Hausregeln, sondern an der Zugehörigkeit zur Familie Gottes identifiziert würden.

 

Als Gott die Menschen erschuf, gönnte er ihnen als Erstes einen Sabbat. Anschliessend galt es, die Erde zu bewahren und zu bebauen. Die Arbeit sollte aus der Ruhe und Gemeinschaft mit Gott heraus getan werden. Der jüngere Sohn durfte zuerst die drei Geschenke der Sohnschaft empfangen und eine Party im Festsaal geniessen, ehe er zur Mistgabel griff. Auch unser Leben soll vom Grundrhythmus Festsaal – Arbeit und zurück bestimmt sein. Niemals dürfen wir unseren Wert aus sklavischem Schuften schöpfen. Du bist eingeladen, immer wieder den Schritt in den Festsaal Gottes zu tun und Dich an der Kindschaft Gottes zu erfreuen! Aus dieser Grundstellung heraus dürfen wir die Mistgabel betätigen.

 

 

Mögliche Fragen für die Kleingruppen

Bibeltext lesen: 1. Korinther 3,10-15

  1. Wie würdest du die Christen allgemein charakterisieren? Inwiefern trifft dies auch auf dich zu?
  2. Was war das Problem des älteren Sohnes?
  3. Was genau ist der Grund dafür, ob jemand mit Gold, Silber oder Edelsteinen oder mit brennbaren Materialien baut?
  4. Wie kannst du die drei Geschenke der Kindschaft und den Festsaal für dich erfahrbar machen?
  5. Wie kann der ältere Sohn in uns geheilt werden? Was ist das Ziel der Heilung?