Über sich hinauswachsen
Sonntag, 9. Februar 2020

Über sich hinauswachsen

Prediger/in:
Passage: Lukas 19,1-10
Dienstart:

Gott traut uns zu, über uns selbst hinauszuwachsen und so zum Segen für andere zu werden. Der kleine Zachäus erlebte viel Verachtung in seinem Leben, doch die liebevolle Zuwendung von Jesus veränderte alles. Jesus gab ihm die Kraft, weit über sich selbst hinauszuwachsen. Genauso wendet sich Jesus jedem von uns zu und segnet uns mit seiner Beachtung, damit wir wiederum andere mit Zuwendung und Ermutigung segnen können.


Überleg mal: Kommt dir eine Situation in den Sinn, in welcher du mit einer Gruppe zusammen warst und eine oder zwei Personen haben das ganze Team motiviert, über sich selbst hinauszuwachsen? Das kann ein Arbeitsteam oder Sportteam sein. Oder eine Gruppe in der Kirche oder in einem Verein. Und da war diese eine Person, die es irgendwie schaffte, die anderen zu inspirieren und sich nicht mit dem Status Quo zufrieden zu geben. Wir hören das manchmal von einem Sportteam, aber ich hoffe, dass wir das selbst auch schon erlebt haben.

Das Gegenteil kennen wir wohl auch: Eine Person in unserem Team schafft es, die Stimmung zu kippen und negative Gedanken zu verbreiten. Plötzlich scheint ein Projekt nicht mehr machbar oder Hoffnungslosigkeit breitet sich aus. Es faszinierend zu sehen, dass einzelne Personen grossen Einfluss auf andere nehmen können zum Positiven oder Negativen. Heute geht es um die Frage, wie können wir über uns selbst hinauswachsen. Ihr habt ja das Thema «Wie du und ich» in diesem Jahr. Es geht darum, dass wir gesegnet sind, um ein Segen für andere zu werden. Manchmal steht uns da eine gewisse Verachtung im Weg, um über uns selbst hinauszuwachsen.

Sich verachtet fühlen

Das sehen wir sehr eindrücklich bei einem Mann namens Zachäus (Lukas 19,1-10). Wir wissen eigentlich nicht viel über diesen Mann und er begegnet uns auch nur im Evangelium von Lukas. Er wird uns so beschrieben: «Zachäus, der oberste Zolleinnehmer, ein reicher Mann, wollte unbedingt sehen, wer dieser Jesus war. Aber es gelang ihm nicht, weil er klein war und die vielen Leute ihm die Sicht versperrten» (Vers 2-3). Er war also Zolleinnehmer von Beruf und darum reich und er war klein. Lukas beschreibt uns diesen Mann hier so, dass wir es ja nicht verpassen: Zachäus war ein verachteter Mann im Volk. Das wird spätestens dann ganz offensichtlich, als Jesus sich bei ihm zum Essen einlädt und die Leute empört reagieren: «Weiss dieser Jesus denn nicht, was das für ein Sünder ist?» (V.7)

Warum war er verachtet? Sein Beruf war daran schuld. Er war Zolleinnehmer. Das hiess, dass er mit der Besatzungsmacht, mit den Römern, zusammenarbeitete. Jericho war eine Stadt in der viele Leute rein und rausgingen und sie alle mussten ihre Ware verzollen. Nun war es bekannt, dass diese Zolleinnehmer nicht nur Geld für die Römer sammelten - was schon schlimm genug gewesen wäre - nein, sie nahmen den Leute noch mehr ab und steckten es in die eigenen Taschen. Zachäus war sogar der Oberste dieser Gruppe. Er war verantwortlich, dass das ganze System reibungslos lief.

 

Wenn die Leute ihn in der Stadt sahen - offensichtlich war er überall bekannt - und entdeckten, dass er neue Kleidung hatte oder ein teures Haus besass, dann wussten sie im Grunde, dass dieser Reichtum von ihnen stammte.

Hinzu kam, dass Zachäus offensichtlich klein war. Das bezieht sich einerseits auf seine Körpergrösse, denn offensichtlich konnte er nicht über die Menschenmenge hinweg sehen, um Jesus zu sehen. Manche Leute denken sogar, dass er vielleicht ein Liliputaner gewesen ist. Aber wir können dieses Klein-Sein auch doppeldeutig verstehen. Die Leute schauten auf ihn herab. Sie verachteten ihn, vielleicht hassten ihn die einen oder anderen auch richtiggehend. Und das alles kommt zum Ausdruck, indem sie ihn nicht durchlassen. Wäre er eine beliebte oder geachtete Person gewesen, hätten ihn die Menschen wohl durchgelassen. So aber nicht. Wie sieht das in deinem Leben aus? Kennst du diese Momente, wo du dich verachtet fühlst? Diese Momente in denen du denkst, dass Menschen auf dich herabschauen? Dich «klein» finden? Oder kennst du Momente, in denen Menschen dich aufhalten, weil sie dich eigentlich verachten? Ich hatte in meiner Teenie- und Jugendzeit oft mit Gefühlen der Verachtung zu kämpfen. Ich gehörte nicht zu den Leuten, zu denen ich gerne dazu gehören wollte. Ich war sehr sensibel darauf, was Menschen über mich dachten oder sagten. Ich dachte oft, dass ich «klein» sei und andere auf mich herabschauen. Der tiefste Ausdruck von gefühlter Verachtung ist, dass wir denken, dass es niemand interessieren würde, wenn wir nicht mehr hier wären. Doch die Geschichte ist hier nicht zu Ende…

Jesus sieht dich an...

Jesus taucht auf, sieht Zachäus, wie er auf diesem Baum sitzt und lädt sich bei ihm zum Essen ein. Es steht: «Als Jesus an dem Baum vorüberkam, schaute er hinauf und rief: »Zachäus, komm schnell herunter! Ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein» (V.5). Jesus sagt erstaunlich wenig an dieser Stelle. Es ist das Erlebnis, das Zachäus hier macht, das alles auf den Kopf stellt.

Aber was tut denn Jesus hier genau? Scheinbar nichts Spektakuläres. Er schaut in den Baum hinauf, wo Zachäus war. Aber wie er ihn wohl angesehen hat! Dieser Blick zusammen mit der Einladung scheint alles zu verändern. Wir wissen alle, dass die Augen einer Person eine Aussage entweder unterstreichen oder durchstreichen. Unsere Augen sind ein Fenster in unsere Seele und in ihnen wird sichtbar, was wir wirklich denken über eine Person. Jesus sieht Zachäus hier an und sein Blick unterstreicht das, was er sagt. Man spürt eine grosse Dringlichkeit in der Aussage von Jesus: Er will zu Gast sein bei Zachäus. Es ist ihm wichtig!

Ein gemeinsames Essen war in dieser Kultur sehr aussagekräftig. Noch mehr als heute. Wenn man mit jemandem zusammen ass, dann sagte man dieser Person, dass sie zum Volk und zur Familie gehörte. Es war mehr als einfach Gastfreundschaft. Es war ein starkes Zeichen der Zusammengehörigkeit. Darum war es für religiöse Juden zu jener Zeit nicht denkbar, mit Ausländern oder bekannten Sündern zusammen zu essen, weil man sich dann mit ihnen identifizierte. Aber genau das war es, was Zachäus so sehr brauchte in seiner Verachtung: Jemand der ihn ansieht und sich mit ihm identifiziert. Jesus holte ihn mit seinem Blick und dieser Einladung aus seiner Verachtung heraus. Er wies Zachäus einen Weg aus diesem Gefühl «klein» und verachtet zu sein. Es ist auch bezeichnend zu sehen, was Jesus hier nicht tut.

Er erzählt kein Gleichnis, das Zachäus aufzeigen soll, dass er ein Sünder ist. Er zählt ihm auch nicht alle seine Fehler auf aus der Vergangenheit. Sondern er schenkt ihm einfach Zuwendung. Er weiss um die Macht der Beachtung. Uns dagegen ist es oft wichtig, dass wir anderen auch sagen, was sie falsch gemacht haben. Aber Jesus verzichtet darauf. Er droht ihm nicht mit der Hölle und er macht ihm auch nicht ein schlechtes Gewissen. Sondern er schaut ihn an und lädt sich bei ihm ein.

 

Und genau dasselbe tut Jesus heute noch mit jedem von uns. Er blickt jeden von uns voller Liebe an und sagt: «Du bist mir mehr als willkommen! Es wäre so schön, wenn du mit mir zusammen essen würdest. Ich würde mich riesig freuen, wenn wir Freunde sein könnten.» Jesus droht uns nicht und macht uns kein schlechtes Gewissen, sondern er weiss um die Kraft der Zuwendung. So wie er Zachäus mit seiner Zuwendung gesegnet hat, möchte er auch dich und mich segne.

...und traut dir etwas zu!

Diese Kraft wird dann im Leben von Zachäus deutlich spürbar. Er ist so inspiriert von Jesus, dass er offensichtlich daran glaubt, dass sein Leben nicht wie bis anhin weitergehen muss. Wir lesen weiter: «Zachäus aber trat vor den Herrn und sagte zu ihm: Herr, die Hälfte meines Besitzes will ich den Armen geben, und wenn ich von jemand etwas erpresst habe, gebe ich ihm das Vierfache zurück» (V.8). Die Zuwendung und Beachtung von Jesus führen dazu, dass Zachäus weit über sich selbst hinauswächst. Aus diesem gierigen Mann, der nie genug Geld haben konnte, wird eine grosszügige Person. Was er Jesus hier verspricht ist tatsächlich sehr grosszügig! Er will die Hälfte seines Vermögens den Armen abgeben. Wären wir dazu bereit? Die Hälfte unseres jetzigen Vermögens abzugeben? Aber dabei bleibt es nicht. Zachäus will denen, die er erpresst hat, das Vierfache zurückgeben. Im Endeffekt wird nach dieser Aktion nicht mehr viel für ihn übrig bleiben.

Ehrlich gesagt bin ich an dieser Stelle etwas kritisch. Wer sagt uns, dass Zachäus das wirklich gemacht hat? Wir kennen das vielleicht auch, dass wir uns in einem gewissen Moment des Hochgefühls ganz viel vornehmen. Vielleicht fürs neue Jahr oder nach einem besonderen Gottesdienst. Aber schaffen wir das auch? Und wie sieht das aus bei Zachäus? Wir wissen nicht, ob er sein Versprechen eingehalten hat? Wie gesagt: Ich wäre etwas kritisch gewesen. Aber davon ist bei Jesus nichts zu spüren. Er sagt nicht zu Zachäus: «Das ist eine tolle Idee, aber willst du wirklich gleich so reinschiessen? Wirst du das auch schaffen?» Jesus erwähnt auch nicht, dass er dann in einem Monat wiederkommen wird, um zu sehen, ob er schon erste Schritte seiner Ankündigung umgesetzt hat. Das Erstaunliche ist: Jesus traut ihm zu, dass er das schaffen wird. Er schenkt Zachäus nicht nur seine Zuwendung, er traut ihm auch zu, dass er ein anderes Leben führen und weit über sich hinauswachsen kann. Jesus reagiert nicht kritisch. Vielmehr lesen wir: «Da sagte Jesus zu Zachäus: Der heutige Tag hat diesem Haus Rettung gebracht. Denn, fügte er hinzu, dieser Mann ist doch auch ein Sohn Abrahams. Und der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist» (V.9-10). Jesus sieht, dass dieser Mann glaubt. Zachäus glaubt daran, dass er ein anderer Mensch werden kann, durch die Kraft, die Jesus ausstrahlt. Und genau dafür ist Jesus in diese Welt gekommen, dass er Menschen seine Zuwendung schenkt, sie aus der Verachtung rettet und ihnen zutraut, dass sie ein anderes Leben führen können und weit über sich hinauswachsen.

Auch uns traut Jesus zu, dass wir über uns hinauswachsen können und sich unser Leben verändern kann. Er traut uns zu, dass wir Gier, Stolz, Neid, Eifersucht oder Unversöhnlichkeit überwinden können. Nicht weil wir selbst so gut sind, sondern weil seine Kraft, die Kraft des Heiligen Geistes in uns aktiv wird. Er traut uns Höchstleistungen zu. Ich weiss, dass bei vielen Christen der Ausdruck Leistung eine negative Reaktion auslöst. Und es stimmt, wenn wir mit unserer Leistung Gott beeindrucken wollen, dann sind wir auf dem Holzweg. Aber es ist Jesus selbst, der uns inspiriert und uns die Kraft gibt, weit über uns selbst hinauszuwachsen. Er möchte uns segnen, damit wir ein Segen werden für andere. Und stellt euch einen Moment vor, was wohl geschah, als Zachäus sein Versprechen einhielt. Er ging durch die Stadt, der bekannte und verachtete Zachäus, und verteilte den Bettlern von Jericho sein halbes Vermögen. Was das wohl für eine Freude und
Segen war für diese Leute! Und dann erst als er zu denen ging, die er erpresst und betrogen hatte und ihnen alles vierfach zurückgab. Was für ein Segen!

Schlusswort

Ich weiss nicht genau, wo du selbst stehst in diesem Thema. Vielleicht gehört zu denen, die im Moment eine schwere Zeit durchmachen oder die sich verachtet fühlen. Dann möchte ich dir heute zusprechen, dass Jesus sich dir zuwendet. Er schaut dich an und sagt «Hey du, komm schnell herunter! Ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein.» Er wünscht sich, mit dir zusammen zu sein und dein Freund zu werden. Aber nicht nur das: Er traut dir auch zu, dass du dein altes Leben hinter dir lassen und über dich hinauswachsen kannst.

Vielleicht ist heute der Moment, um dich auf diesen Jesus einzulassen. Doch vielleicht gehörst du auch zu den Menschen, die diese Zuwendung von Jesus schon erlebt haben und wissen, dass seine Kraft in dir Erstaunliches bewirken kann. Dann kannst du zu einer Person werden, die andere inspiriert. Eine Person die das Klima in einer Gruppe prägen kann, zum Guten und zur Hoffnung, wie ich es zu Beginn erwähnte.

Du kannst zum Segen für andere werden. Solche Leute braucht unsere Kirche, unsere Vereine, unsere Arbeitsplätze und unsere Region. Menschen die sich anderen zuwenden und ihnen zutrauen, dass sie über sich selbst hinauswachsen. Genauso wie es Jesus mit uns macht.

Mögliche Fragen für die Kleingruppen

Bibeltext lesen: Lukas 19,1-10

  1. Erzählt euch gegenseitig die Geschichte von Zachäus mit möglichst vielen Details,
    wie ihr euch den Mann und die ganze Szene vorstellt.
  2. Erzählt einander von Beispielen aus eurem Leben, wo Menschen euch motiviert
    haben, weit über euch hinaus zu wachsen.
  3. Wie hast du die Zuwendung und Beachtung von Jesus schon ganz konkret
    erfahren in deinem Leben?
  4. Traust du der Kraft der Zuwendung im Leben anderer so viel zu wie Jesus? Was tun
    wir anstelle davon?
  5. Hast du schon erlebt, dass Jesus dir etwas zugetraut hat? Was war es?
    Beobachtest du Veränderungen in deinem Leben in den letzten Monaten?
  6. Wem könntet ihr in der nächsten Woche konkret eure Zuwendung und Beachtung
    schenken?