Sympathisant oder Nachfolger

Datum: Sonntag, 10. Januar 2021 | Prediger/in:
Serie: | Bibeltext: Lukas 9,57-62; Markus 2,14

Das Umfeld, in der eine geistliche Metamorphose (Wesensverwandlung) geschehen kann, ist die Nachfolge Jesu. Jesus setzt die Latte für Nachfolge sehr hoch und grenzt damit alle Sympathisanten aus. Weder materielle Bequemlichkeit noch eine Aufgabe noch der Beruf oder Familie bzw. Freunde dürfen zwischen Jesus und seinen Nachfolgern stehen. Aber – auf der Nachfolge liegt eine riesige Verheissung: «Und jeder, der um meines Namens willen Häuser, Brüder, Schwestern, Vater, Mutter, Kinder oder Äcker zurücklässt, wird alles hundertfach wiederbekommen und wird das ewige Leben erhalten» (Matthäus 19,29 NGÜ).


Die älteren von uns mögen sich noch an den Film Blues Brothers erinnern. Auch wenn du den Kultfilm nicht kennst, wird dir das Handlungsmuster sehr vertraut erscheinen: Zwei Kleinkriminelle sind nach einem Bankraub auf der Flucht. Um sich zu tarnen, haben sie sich als typisch amerikanische Strassenprediger verkleidet: seriöser schwarzer Anzug über weissem Hemd, schwarzer Hut und eine legere Sonnenbrille. Und dann das Entscheidende: Immer, wenn sie in eine brenzlige Situation geraten, kommt der Satz: «Wir sind im Auftrag des Herrn unterwegs!» Der Film lebt davon, dass diese Täuschung meistens erst zu spät durchschaut wird.

Wie sind die zu unterscheiden, die wirklich im Auftrag des Herrn unterwegs sind, von denen, die dieses Etikett als Deckmäntelchen benutzen? Wie sind die echten Nachfolger von Jesus von den Sympathisanten zu unterscheiden? Wichtig ist nicht, dass wir andere beurteilen können. Den Spiegel, in den wir heute schauen, soll uns für uns persönlich eine Antwort geben.

Wir müssen für uns eine Antwort finden, denn die kraftvolle Metamorphose ist Nachfolgern Jesu vorenthalten. Wie unterdessen hinlänglich bekannt, verwandelt die Metamorphose ein Tier aus dem Jugendstadium ins Erwachsenenalter, in dem es eine völlig neue Gestalt und Lebensweise annimmt. Dasselbe Wort benutzt Paulus für die Umgestaltung eines Nachfolgers von Jesus in Richtung Vollkommenheit Gottes (Matthäus 5,48).

Unser heutiger Predigttext will uns zeigen, wer tatsächlich im Auftrag des Herrn unterwegs ist und was die Erkennungszeichen sind. In Lukas 9,56-62 spricht Jesus mit drei Menschen über den Preis der Nachfolge. Hören wir doch mal rein!

Hindernisse der Nachfolge

Materielle Bequemlichkeit

Der erste Mann bewirbt sich gleich selbst um die Nachfolge, er wurde nicht gerufen: «Als sie weitergingen, wurde Jesus von einem Mann angesprochen. ‘Ich will dir folgen, wohin du auch gehst’, sagte er» (Lukas 9,57 NGÜ). Dieser begeisterte junge Mann, war vielleicht ein Fan von Jesus. Und wahrscheinlich hat er auch erwartet, dass er mit offenen Armen aufgenommen wird. Jede neue Bewegung ist doch dankbar für Sympathisanten! Doch Jesus reagiert sehr brüskierend, indem er antwortet: «Die Füchse haben ihren Bau und die Vögel ihre Nester; aber der Menschensohn hat keinen Ort, wo er sich ausruhen kann» (V.58 NGÜ). Was für eine schlechte Akquise von Jesus. Anstatt sich über die Begeisterung zu freuen, sagt Jesus praktisch: «Weisst du eigentlich, was es bedeutet, mir nachzufolgen? Es bedeutet, die Bequemlichkeiten und Vorzüge des normalen Lebens hinter sich zu lassen. Bist du gewillt, mir nachzufolgen, auch wenn es bedeutet, Dinge aufzugeben, deren Besitz die meisten Menschen für ihr unverbrüchliches Recht halten?» Jesus ist unterwegs nach Jerusalem und am Ende dieses Weges seht sein Tod am Kreuz. Das ganze irdische Leben von Jesus wird im apostolischen Bekenntnis mit den zwei Wörtern «gelitten» und «gekreuzigt» bezeichnet. Diesem Jesus nachfolgen kann kein Mensch aus eigener Wahl treffen. «Niemand kann zu mir kommen, wenn der Vater, der mich gesandt hat, ihn nicht zu mir zieht» (Johannes 6,44 NL). Begeisterung und Eigeninitiative reichen also nicht aus für eine Nachfolge.

Wir hören von diesem Menschen nichts mehr und müssen annehmen, dass er nicht bereit war, die gewöhnlichen Bequemlichkeiten des Lebens aufzugeben, um dem Sohn Gottes nachzufolgen.

Der Beruf oder eine Beschäftigung

«Zu einem anderen sagte Jesus: ‘Folge mir nach!’ Er aber antwortete: ‘Herr, erlaube mir, zuerst noch nach Hause zu gehen und mich um das Begräbnis meines Vaters zu kümmern’» (V.59 NGÜ). Der zweite hat den Ruf Christi vernommen, ihm zu folgen. Er war dazu in gewisser Weise auch bereit, doch wollte er zuvor noch etwas erledigen. Er wollte nach Hause gehen und seinen Vater begraben. Das ist ein Ehrenmann und ich würde ihm vermutlich freudig zustimmen. Immerhin handelt es sich dabei auch um ein Gesetz. «Herr, erlaube mir, zuerst...» Mit anderen Worten: «Herr, ich zuerst.» Er nannte zwar Jesus «Herr», doch er stellte seine eigenen Interessen an die erste Stelle. Das Wort «Herr» und «ich zuerst» stehen im völligen Widerspruch zueinander. Ob der Vater schon tot war, oder ob der Sohn solange zu Hause bleiben wollte, bis er starb, spielt keine Rolle – er erlaubt sich eine andere Sache höher als Jesu Ruf einzustufen. Es ist vollkommen legitim und gut, seinem sterbenden oder toten Vater die Ehre zu erweisen, doch wenn irgendetwas oder irgendwer höher als Christus steht, dann wir es zur Sünde. Selbst das Gesetz des Alten Bundes darf nicht zwischen Jesus und seinen Nachfolgern stehen. Dieser Mann hatte anderes zu tun – wir könnten sagen, einen Job oder eine Aufgabe – und das hielt ihn von der Nachfolge ab.

«Jesus erwiderte: ‘Lass die Toten ihre Toten begraben. Du aber geh und verkünde die Botschaft vom Reich Gottes!’» (V.60 NGÜ). Jetzt will Ihm eine Person nachfolgen und Jesus reagiert nur pietätlos. Die geistlich Toten können die leiblich Toten begraben, doch sie können nicht das Evangelium predigen. Ein Nachfolger von Jesus soll sich dem Leben zuwenden und mithelfen, dass viele Menschen zu echtem Leben finden, um so dem Tod seine Macht zu nehmen. Wie in der Natur: Durch die Metamorphose entsteht ein geschlechtsreifes Erwachsenentier, das sich multiplizieren kann.

Familie und Freunde

«Wieder ein anderer sagte: ‘Ich will dir nachfolgen, Herr; doch erlaube mir, dass ich zuerst noch von meiner Familie Abschied nehme’» (V.61 NGÜ). Der dritte, der gerne Jesus nachfolgen würde, ist dem ersten darin ähnlich, dass er auf Jesus zukam und ihm nachfolgen wollte. Er ist dem zweiten ähnlich, weil auch er «zuerst» noch von seiner Familie Abschied nehmen will. An sich war dieses Vorhaben vernünftig und gut, doch sogar die normale Höflichkeit im Alltagsleben ist verkehrt, wenn sie über sofortigen und völligen Gehorsam gestellt wird. An einer anderen Stelle sagt Jesu: «Wenn jemand zu mir kommen will, muss er alles andere zurückstellen – Vater und Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern, ja sogar sein eigenes Leben; sonst kann er nicht mein Jünger sein. Wer nicht sein Kreuz trägt und mir auf meinem Weg folgt, der kann nicht mein Jünger sein» (Lukas 14,26f NGÜ). Es kommt immer wieder vor, dass sich Leute durch Freunde oder Familie an einer radikalen Nachfolge hindern lassen. Was denken meine Eltern, meine Arbeits- bzw. Feuerwehrkollegen? Gerade bei den verfolgten Christen es ein oft erlebtes Szenario, dass Nachfolger von Jesus von ihrer Familie verstossen werden.

Jesus erwiderte: ‘Wer die Hand an den Pflug legt und dann zurückschaut, ist nicht brauchbar für das Reich Gottes’» (V.62 NGÜ). Beim Pflügen kommt es darauf an, eine gerade Linie zu ziehen, um den Platz auf dem Feld auszunutzen, damit viel Getreide wachsen kann. Bei dieser Arbeit kann man sich nicht umdrehen, sonst wird die Furche unweigerlich krumm und schief. Genauso wenig hilft es, in die Ferne zu schauen. Beim Pflügen muss ich nur den kleinen Bereich vor meinen Füssen im Blick haben, dann wird sich eine gezogene Linie harmonisch an die andere anfügen. Wenn ich Jesus nachfolge, darf ich nicht zurückschauen, ich darf mich nicht an die Vergangenheit klammern und ihr nachtrauern, sondern mutig nach vorne blicken.

Der Lohn der Nachfolge

So haben wir nun die drei Haupthindernisse für die Jüngerschaft durch die drei Männer erfahren: Materielle Bequemlichkeit, ein Beruf oder eine Beschäftigung, Familie und Freunde. Jesus muss ohne Rivalen über das Herz des Menschen regieren können. Alle anderen Vorlieben oder Verbindlichkeiten müssen an zweiter Stelle stehen. Wie das aussehen könnte, zeigt uns der Zöllner Levi: «Als er weiterging und am Zollhaus vorbeikam, sah er dort Levi sitzen, den Sohn des Alphäus. Jesus sagte zu ihm: ‘Folge mir nach!’ Da stand Levi auf und folgte Jesus» (Markus 2,14 NGÜ). Wir haben gelernt, dass sich niemand selbst für die Nachfolge Jesu empfehlen kann. Es ist ein Gnadenmoment, wenn Jesus einen Menschen ruft. Dann sollten wir unbedingt sofort und bedingungslos antworten! Hier am Zoll spielt sich ein Modellfall ab: Jesus ruft, Levi folgt nach. Die Brücken werden abgebrochen, und es wird einfach vorwärtsgegangen. Levi handelt völlig unvernünftig. Er schreibt sich nicht für ein Lebensprogramm ein, dessen Curriculum er vorher studieren könnte. Er bejaht keine Philosophie, gibt keine verstandesmässige Einwilligung und spricht kein Glaubensbekenntnis. Jesus sagt nichts über den Inhalt der Nachfolge, er stellt kein Ziel oder Ideal vor. Einfach nur: Folge mir nach, laufe hinter mir her! Es gibt nur eine einzige Begründung für die Nachfolge: Jesus Christus selbst! Er ist es, der ruft. Darum folgt der Zöllner. Dass Jesus der Christus ist, gibt ihm Vollmacht zu rufen und Gehorsam zu fordern. Jesus ruft in die Nachfolge, nicht als Lehrer und Vorbild, sondern als der Christus, der Sohn Gottes. Und als solcher hat er Anspruch auf den Menschen.

Ein Nachfolger Jesu ist im Auftrag des Herrn unterwegs. Ein Sympathisant sucht die Benefits des christlichen Glaubens, aber nicht die Nachfolge. Früher gab es einen Buch- bzw. Musikclub, der ungemein attraktive Angebote nur für Mitglieder hatte. Gerne hätte ich davon profitiert, wollte aber keine Mitgliedschaft, weil man dafür einen Jahresbeitrag bezahlen musste. Die Frage, die mich beschäftigte, lautete: Wie kann ich diesen Benefits profitieren, ohne den Mitgliederbeitrag bezahlen zu müssen. Ein Sympathisant stellt Gott diese Frage: Wie kann ich von deiner Gnade profitieren, ohne dass ich den Preis der Nachfolge bezahlen muss?

Dietrich Bonhoeffer nennt das «billige Gnade». Viele Christen wollen zwar die Gnade, aber keine Nachfolge. Billige Gnade meint Gnade als System, Gnade ohne Preis, ohne Kosten. Das sei ja gerade das Wesen der Gnade, dass die Rechnung im Voraus für alle Zeit beglichen ist. Auf die bezahlte Rechnung hin ist alles umsonst zu haben. Die teure Gnade ruft in die Nachfolge. «Gnade ist sie, weil sie in die Nachfolge Jesu Christi ruft; teuer ist sie, weil sie dem Menschen das Leben kostet.» Aber: Wir leben nicht dem Sterben entgegen, sondern sterben dem Leben entgegen.

 

Wir befinden uns in einer Spassgesellschaft, in der wir oft die Frage stellen: «Was bringt’s?» Falsche Frage! In der Nachfolge geht es allein um den Ruf und den Anspruch des Sohnes Gottes, es geht nur um Ihn. Dennoch liegt auf der Nachfolge eine riesige Verheissung: «Und jeder, der um meines Namens willen Häuser, Brüder, Schwestern, Vater, Mutter, Kinder oder Äcker zurücklässt, wird alles hundertfach wiederbekommen und wird das ewige Leben erhalten» (Matthäus 19,29 NGÜ). Jesus will uns nicht zu zahn- bzw. willenlosen Befehlsempfänger machen, sondern uns mehr in das Leben hineinführen, in dem wir so richtig lebendig werden – nämlich in der hundertprozentigen Abhängigkeit von ihm. Ein Parasit wird sich ohne Wirt nie lebendig fühlen. Menschen, die Jesus nachfolgen, erkennt man daran, dass sie lebendiger sind als andere – wie schwingende Saiten auf einem Instrument, die andere Saiten zum Mitschwingen anregen.

 

 

 

 

Mögliche Fragen für die Kleingruppen

Bibeltext lesen: Lukas 9,57-62; Markus 2,14; Matthäus 19,29

  1. Hast du ein persönliches Metamorphose-Jahresziel definiert? Wie lautet es?
  2. Warum geht Jesus mit den drei Nachfolger-Kandidaten so brüsk um? Was empfindest du, wenn du den Text liest?
  3. Warum ist Levi Jesus auf seinen Ruf hin unmittelbar gefolgt? Was ist das Wesen von Nachfolge?
  4. Was ist der Lohn der Nachfolge?
  5. Was hindert dich, dich so bedingungslos und klar in die Nachfolge zu begeben, wie es Levi tat?