Lasst euch in eurem Wesen verwandeln!

Datum: Sonntag, 3. Januar 2021 | Prediger/in:
Serie: | Bibeltext: Römer 12,2

Die Metamorphose ist in der Zoologie die Umwandlung der Larvenform zum Erwachsenenstadium – beispielsweise von einer Larve zu einem Schmetterling. Der gleiche Begriff wird auch in der Bibel in Römer 12,2 verwendet: «Lasst euch in eurem Wesen verwandeln!» Das ist eine sehr interessante Beschreibung des Reifungsprozesses eines Nachfolgers von Jesus. Der Imperativ fordert uns heraus, einen Prozess im eigenen Leben zuzulassen, der ganz und gar ausserhalb unserer eigenen Möglichkeiten liegt. Niemand kann sich selber in die geistliche Reife bringen. Das schöpferische lebensschaffende Handeln Gottes muss an uns geschehen. Wir sollen es suchen und zulassen.


Die Metamorphose in der Natur ist ein faszinierender Vorgang und zeigt etwas von der Genialität des Schöpfers. Der Begriff bezeichnet in der Zoologie die Umwandlung der Larvenform zum Erwachsenenstadium, dem geschlechtsreifen, erwachsenen Tier. Eine Larve verwandelt sich in eine Raupe und die Raupe wird durch Metamorphose zu einem Schmetterling. Der Begriff bezieht sich speziell auf Tiere, deren Jugendstadien in Gestalt und Lebensweise vom Erwachsenenzustand sehr deutlich abweichen.

Den genau gleichen Begriff braucht Paulus, um den Entwicklungsprozess eines Nachfolgers von Jesus zu beschreiben: «Und passt euch nicht diesem Weltlauf an, sondern lasst euch [in eurem Wesen] verwandeln durch die Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was der gute und wohlgefällige und vollkommene Wille Gottes ist» (Römer 12,2 Sch). Anscheinend gibt es auch hier eine deutliche Abweichung zwischen einem Menschen bevor und während er Jesus nachfolgt.

Das Ziel

Es gibt verschiedene Tiere, die eine Metamorphose durchmachen: Käfer, Bienen, Ameisen, Frösche, Schmetterlinge. Zwei Merkmale sind allen gleich: Vollständige Verwandlung und keine Fortpflanzung bei Larven.

Vollständige Verwandlung: Nach der Verwandlung sieht das erwachsene Tier komplett anders aus und es lebt und frisst auch anders. Eine Kaulkappe ist ein Pflanzenfresser. Sie hat Kiemen und lebt ganz im Wasser. In der dreimonatigen Metamorphose wächst eine Lunge. Der Frosch kann nun an Land und im Wasser leben. Und – er wird zum Fleischfresser, der sich von Würmern und Insekten ernährt.

Im Gegensatz dazu sehen bei den meisten Tieren – und auch bei uns Menschen – die Jungen aus wie eine Miniversion von den Grossen. Das Ziel eines Nachfolgers von Jesus aber ist nicht einfach älter und erfahrener werden. Gott will an uns durch seine lebensschaffende Kraft etwas Neues hervorbringen. Vorher war es Anpassung an den Weltlauf, durch die Metamorphose soll eine Befähigung wachsen zu prüfen, was der gute und wohlgefällige und vollkommene Wille Gottes ist. Anstatt so zu leben, wie es alle tun, sollen wir zu Menschen werden, die den guten und wohlgefälligen und vollkommenen Wille Gottes kennen und tun.

Bei Larven gibt es keine Fortpflanzung, erst das Erwachsenentier ist geschlechtsreif und kann sich multiplizieren. Darin liegt ebenfalls ein wichtiges Ziel der Nachfolge Jesu verborgen. Durch die Metamorphose sollen wir zu sich multiplizierenden Christen werden. Man nennt solche Menschen auch geistliche Mütter und Väter; Menschen also, die eine nächste Generation zeugen, beeinflussen, fördern und heranbilden. Wir leben unser Christsein nicht nur für uns, sondern immer auch für andere.

Das Ziel der geistlichen Metamorphose ist es also, ein gänzlich neuer Mensch zu werden, der sich in andere investiert. Wir werden im Laufe des Jahres gemeinsam durch die Bergpredigt (Matthäus 5-7) gehen und dort wird das Ziel eines Nachfolgers mit folgenden Worten beschrieben: «Ihr sollt aber vollkommen sein, so wie euer Vater im Himmel vollkommen ist» (Matthäus 5,48 NL). Das Gebet von Franz von Assisi, welches wir das Jahr durch im Teaser hören werden, findet Worte für diese angestrebte Vollkommenheit. Es handelt sich um einen kostbaren Schatz aus der Kirchengeschichte!

Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens,
dass ich liebe, wo man hasst;
dass ich verzeihe, wo man beleidigt;
dass ich verbinde, wo Streit ist;
dass ich die Wahrheit sage, wo Irrtum ist;
dass ich Glauben bringe, wo Zweifel droht;
dass ich Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält;
dass ich Licht entzünde, wo Finsternis regiert;
dass ich Freude bringe, wo der Kummer wohnt.

Herr, lass mich trachten,
nicht, dass ich getröstet werde, sondern dass ich tröste;
nicht, dass ich verstanden werde, sondern dass ich verstehe;
nicht, dass ich geliebt werde, sondern dass ich liebe.

Denn wer sich hingibt, der empfängt;
wer sich selbst vergisst, der findet;
wer verzeiht, dem wird verziehen;
und wer stirbt, der erwacht zum ewigen Leben.

Das Mittel

Ein Nachfolger von Jesus soll sich zu einem Menschen verwandeln, der den guten und wohlgefälligen und vollkommenen Willen Gottes prüfen und tun kann. Das Mittel dorthin ist die Metamorphose: «Lasst euch in eurem Wesen verwandeln!» Dieser ganze Satz wird aus dem griechischen Verb metamorphoo übersetzt und zwar ist es ein Imperativ passiv.

Der Imperativ malt uns die Dringlichkeit dieser Verwandlung vor Augen. Wir sollen wollen und uns darum bemühen! Doch gleichzeitig zeigt das Passiv an, dass wir es gar nicht selbst tun können. Es muss an uns geschehen. Bei der Metamorphose von Tieren sind es die Hormone, die den Prozess steuern. Wer steuert die Metamorphose im geistlichen Leben? Wer steckt hinter dem Passiv. Jemand muss es doch tun!

Als die Melkmaschine erfunden wurde, musste der Bauer nicht mehr länger die Milch mit eigener Muskelkraft aus dem Euter ziehen. Es geschah durch ein elektrisches Pumpensystem. Brauchte es den Melker nun nicht mehr? Sehr wohl, denn er muss die Maschine erst am Euter ansetzen, damit die Maschine ihre Arbeit tun kann. Wir können den Prozess der Verwandlung nicht selbst initiieren, aber wir müssen unbedingt dafür sorgen, dass die Kraft angesetzt wird! Wir können den Prozess nicht aktiv bewirken, aber müssen ihn zulassen.

Im letzten Jahr erzählte Martin Kiener in einem Seniorennachmittag von den Schmetterlingen. Dabei hat erzählte er uns, dass bei der Verwandlung der Puppe zum Schmetterling ein neues Herz geschaffen werde. Das faszinierte mich und erinnerte mich an einen Satz von David in den Psalmen: «Gott, erschaffe (bara) in mir ein reines Herz und gib mir einen neuen, aufrichtigen Geist» (Psalm 51,12 NL). In diesem Satz kommt das gleiche Verb vor, wie damals bei der Schöpfungsgeschichte: «Am Anfang schuf (bara) Gott den Himmel und die Erde» (1Mose 1,1 NL). Bara meint das Schaffen aus dem Nichts, die creatio ex nihilo. Die Tätigkeit bara ist Gott allein vorenthalten. Nur Er kann aus dem Nichts etwas schaffen. Die ganze Welt ist so entstanden.

Übrigens ist es die Kraft des Kreuzes, mit der er an uns die Metamorphose bewirkt. Auf unserem Jahresbild wird das eindrücklich dargestellt. «Ich bete, dass ihr erkennen könnt, wie übermächtig gross seine Kraft ist, mit der er in uns, die wir an ihn glauben, wirkt. Es ist dieselbe gewaltige Kraft, die auch Christus von den Toten auferweckt und ihm den Ehrenplatz an Gottes rechter Seite im Himmel gegeben hat» (Epheser 1,19f NL). Vom Kreuz fliesst eine unaufhaltsame Kraft weg, die die Nachfolger von Jesus verändern kann. Es ist dieselbe gewaltige Kraft, die auch Christus von den Toten auferweckt und ihm den Ehrenplatz an Gottes rechter Seite im Himmel gegeben hat. Von der Larve zum Schmetterling. Von der Anpassung an den Weltlauf hin zur Prüfung des guten und wohlgefälligen und vollkommenen Willens Gottes.

Unser Tun

Unsere Aufgabe in dieser Geschichte ist es also, passiv zu sein. Damit ist aber kein Chillout gemeint, keine Lethargie und sowieso keine Gleichgültigkeit. In grosser Intensität sollen wir schauen, zulassen, dafür sorgen, dass das geschieht, was wir selbst nicht tun können. Der Bauer muss morgens um 5:00 Uhr aufstehen und die Melkmaschine ansetzen, damit die Kuh gemolken wird. Wir müssen die Herrlichkeit des HERRN anschauen, damit die Metamorphose an uns geschieht: «Ja, wir alle sehen mit unverhülltem Gesicht die Herrlichkeit des Herrn. Wir sehen sie wie in einem Spiegel, und indem wir das Ebenbild des Herrn anschauen, wird unser ganzes Wesen so umgestaltet, dass wir ihm immer ähnlicher werden und immer mehr Anteil an seiner Herrlichkeit bekommen. Diese Umgestaltung ist das Werk des Herrn; sie ist das Werk seines Geistes» (2Korinther 3,18 NGÜ).

Unsere Passivität bezieht sich nur auf die Metamorphose. Wir können durchwegs aktiv werden, indem wir die Herrlichkeit des HERRN anschauen. Diese finden wir zuerst einmal in der Bibel. Jesus offenbart sich aber auch in der Schöpfung, im Lobpreis und im Nächsten. Nehmen wir uns doch im neuen Jahr Zeit, diese Herrlichkeit staunend zu betrachten. Im Betrachten dieses Gottes geschieht die Umgestaltung, in dem wir mehr von seiner Herrlichkeit bekommen. Wir werden zudem, was wir anschauen.

Die Kleingruppen sollen uns auf diesem Weg unterstützen. In einem Treffen mit den Verantwortlichen der Kleingruppen haben wir darüber gesprochen, dass wir im neuen Jahr sehr konkret werden wollen. Wir schlagen vor, dass wir ein geistliches Tagebuch führen und uns fortlaufend die Dinge aufschreiben, die wir Jesus zur Verwandlung hinhalten wollen. Zudem wollen wir ein bedeutungsvolles Jahresziel formulieren. Jemand erzählte mir, dass er sich folgendes Jahresziel gesetzt habe: Ich will ein gelassener und lebensfroher Mensch werden. Das ganze Jahr 2020 hindurch betete er für dieses Anliegen und es geschahen erstaunliche Dinge – echte Veränderungen!

Das motiviert mich, mir ebenfalls ein solches Ziel zu formulieren, das vermutlich recht ähnlich sein wird. Gerade in Sachen Gelassenheit und Leben geniessen merke ich, dass ich zu stark die Maxiversion von Klein-Matthias geworden bin. Oft lebe ich noch mit ähnlichen Sätzen wie in der Kindheit. Ich lasse mich zu oft provozieren, stehe im Konkurrenzkampf mit anderen und kann das Leben gar nicht geniessen, weil ich immer im Performen und Beweisen bin. Ich werde das ganze Jahr um Verwandlung dieser zähen Suppe bitten. Anstatt eines farbenfrohen, tanzenden Schmetterlings, bin ich noch zu stark eine Raupe, die sich vollfrisst. Wir könnten Schmetterlinge sein, die im Wind tanzen, und hängen doch zu oft als Puppen an einem Ast.

Es gibt Tiere, die machen eine Metamorphose durch. Im Gegensatz dazu sehen bei den meisten Tieren – und auch bei uns Menschen – die Jungen aus wie eine Miniversion von den Grossen. Leider gilt das auch für das geistliche Leben. Aus einem kleinen Halsabschneider wird ein Grosser. Aus einem kleinen Egoisten wird ein Grosser, der dies allerdings besser zu kaschieren weiss. Es ist so traurig, wenn nach vielen Jahren Nachfolge sich tief eingegrabene schlechte Verhaltensweisen nicht ändern. Wenn die gleichen destruktiven Beziehungsmuster immer noch vorhanden sind. Wenn ich immer noch gleich ängstlich durchs Leben gehe. Wenn ich immer noch abhängig vom Applaus der anderen bin. Wenn ich immer noch im Selbstmitleid stecke.

 

Setzen wir solchen unerwünschten Mustern im Jahr 2021 gemeinsam ein Ende und werden wir mehr zu Frauen und Männer, die erfrischend anders und näher zur Vollkommenheit Gottes heranreifen. Der Imperativ zeigt deutlich, dass dies nicht ohne Anstrengung geschehen wird. Doch – wie viel ist uns die Nachfolge Jesu denn wert?

 

 

 

 

Mögliche Fragen für die Kleingruppen

Bibeltext lesen: Römer 12,2; 2. Korinther 3,18

  1. Sprecht doch darüber, ob ihr in der Kleingruppe mit einem Notizheft arbeiten wollt, wo ihr die Dinge reinschreibt, die Gott euch aufs Herz legt.
  2. Was ist eine Metamorphose in der Zoologie? Was ist sie im geistlichen Leben?
  3. Von welchem Zustand zu welchem Zustand soll die Metamorphose nach Römer 12,2 uns verwandeln?
  4. Was bedeutet der Imperativ Passiv? Was sagt diese grammatikalische Form über den Prozess aus?
  5. Worin könnte sich der Imperativ in unserem Lebensalltag zeigen (2Korinther 3,18)?
  6. Formuliere ein bedeutungsvolles Ziel für die Umgestaltung deines Lebens, das Du im ganzen Jahr verfolgen willst!