Dem Leben entgegen sterben

Datum: Sonntag, 24. Januar 2021 | Prediger/in:
Serie: | Bibeltext: 1. Korinther 7,29-31

Die Metamorphose «Lasst euch in eurem Wesen verwandeln!» beschreibt den Prozess eines Nachfolgers von Jesus bei der Umwandlung von der Ich-Natur zur Jesusähnlichkeit. Jesus braucht das Bild des Weizenkorns, das in der Erde sterben muss, damit es viel Frucht bringen kann. Ein Nachfolger von Jesus stirbt bei der Metamorphose dem Leben entgegen. Der Fokus dieser Predigt liegt auf dem Leben im Erwachsenenstadium. Wie sieht das in den zentralen Lebensbereichen Geld und Besitz, Beruf und Beschäftigung sowie Familie und Freunde aus?


 

Nachdem die Raupe sich verpuppt hat, scheint sie tot zu sein. Doch dann erwacht sie durch den Prozess der Metamorphose zu neuem Leben und neuer Schönheit. Es geht durch Sterben dem Leben entgegen. Bei der Umgestaltung unseres Wesens ist das nicht anders: «Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es ein einzelnes Korn. Wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht» (Johannes 12,24 NGÜ). In der Nachfolge Jesu werden wir genau dazu herausgefordert. Darum fühlt es sich nicht attraktiv an. Heute richten wir das Augenmerk mehr auf das Leben und weniger auf das Sterben.

Aktuell lese ich die Biografie von Rees Howells (1879-1950), der einer armen Familie in einem walisischen Bergarbeiterdorf entstammt. Dort hat er das Geheimnis des Gebetes kennengelernt und dabei auf höchst eindrückliche Art die Kraft Gottes erfahren. Er wurde sogar zum Türöffner für eine Erweckung in Afrika. Nachdem er sich für ein Leben mit Jesus Christus entschieden hatte, folgte ein umkämpfter Umgestaltungsprozess. Der Heilige Geist forderte ihn heraus, mit allem zu befassen, was der alten Natur angehört. Liebe zum Geld, persönlicher Ehrgeiz, die natürliche Zuneigung zu Eltern und nahestehenden Personen, das Verlangen des Körpers, die Liebe zum Leben selbst – all das, was auch einen bekehrten Menschen sich selbst leben lässt: sein eigener Komfort, sein Vorteil, sein Fortschritt, ja selbst sein Freundeskreis – muss ans Kreuz gebracht werden. Die Folge davon war nicht Armut, Sprödheit oder Enge, sondern Vollmacht, überschäumende Freude und tiefer Friede.

Ein Nachfolger von Jesus stirbt in der Metamorphose dem Leben entgegen. Sobald er einen Lebensbereich ganz Gott ausgeliefert haben, folgt eine riesige Freude und Freiheit. Paulus findet dafür Worte: «Eins ist sicher, Geschwister: Es geht immer schneller dem Ende zu. Deshalb darf es in der Zeit, die uns noch bleibt, beim Verheirateten nicht die Ehe sein, die sein Leben bestimmt; beim Traurigen darf es nicht die Traurigkeit sein und beim Fröhlichen nicht die Freude. Wer etwas kauft, soll damit so umgehen, als würde es ihm nicht gehören, und wer von den Dingen dieser Welt Gebrauch macht, darf sich nicht von ihnen gefangen nehmen lassen. Denn die Welt in ihrer jetzigen Gestalt ist dem Untergang geweiht» (1Korinther 7,29-31 NGÜ). Wenn wir unsere Lebensbereiche Gott ausliefern, kommen sie in die richtige Ordnung und wir können sie in Freiheit geniessen, ohne in eine ungute Abhängigkeit zu geraten.

In der letzten Predigt (Sympathisant oder Nachfolger) begegnet Jesus drei Personen, bei denen letztlich die materielle Bequemlichkeit, der Beruf und die Familie sie daran hinderten, Jesus ganz nachzufolgen. Heute schauen wir die Bereiche nochmals an und werden realisieren, dass es nur Gewinn ist, diese hinter Jesus zurückzustellen.

Freiheit in Geld und Besitz

Gott sagte zu Abraham, er soll seine Heimat verlassen und ein Land ziehen, dass Er ihm zeigen werde. Wer tut schon so etwas? Abraham gehorchte und machte sich mit seiner Familie auf den Weg. Er lieferte sein Leben ganz Gott aus. Als er das verheissene Land betrat, besass er nichts. Doch Gott vertraute ihm unglaublich viel Reichtum an. Gott ist nicht knauserig!

Das Geld ist ein hervorragender Diener, aber ein niederträchtiger Herr. Das Anliegen von Jesus ist es, dass Geld zum hervorragenden Diener wird. Die Gefahr in unserer Wohlstandsgesellschaft ist gross, dass Geld und Besitz unser Leben bestimmt und wir uns darüber definieren. Gleichzeitig schliesst das aus, dass Jesus unser Herr ist. «Ein Mensch kann nicht zwei Herren dienen. Er wird dem einen ergeben sein und den anderen abweisen. Für den einen wird er sich ganz einsetzen, und den anderen wird er verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und zugleich dem Mammon» (Matthäus 6,24 NGÜ). Der Begriff Mammon meint nicht das Geld an und für sich, sondern der Geist dahinter, der uns vom Geld abhängig macht – auch Geldliebe genannt.

Beim letzten regionalen Pastorentreffen meinte ein Kollege, der dieses Jahr pensioniert wird, etwas beschämt: «Manchmal überlege ich mir, wie viel Geld ich hätte verdienen können, wenn ich Ingenieur geblieben wäre.» Und dann erzählte er voller Freude, dass sich eine Tür für eine Eigentumswohnung auftue und er in Sachen Finanzierung gerade ein paar Wunder erlebt habe. Wenn wir unsere materiellen Bequemlichkeiten hinter Jesus zurücksetzen, werden wir erleben, wie er versorgt. Der weise Salomo sagt dazu: «Vertraue auf deinen Reichtum, und du wirst untergehen! Die Gottesfürchtigen aber blühen auf wie die Bäume im Frühling» (Sprüche 11,28 NL).

Doch der Prozess, unsere materiellen Annehmlichkeiten Gott zu unterordnen ist ausserordentlich schwierig und anspruchsvoll. Weil wir so reich sind, glauben wir, wir könnten auch viel verlieren. Gottes Ziel ist es, uns in eine riesige Freiheit in Sachen Besitz und Geld zu führen. Haben, als hätte man nicht. Das macht uns krisenfest. Es gilt nämlich: «Denn der Reichtum kann plötzlich verschwinden - er bekommt Flügel wie ein Adler und fliegt davon» (Sprüche 23,5 NL). Unser Geld ist gerade in der heutigen Zeit nicht sicher und die Situation kann sich sehr schnell ändern. Die Metamorphose in Sachen Geld will uns darauf vorbereiten. Doch sie kostet uns alles. Die Macht des Mammons kann nur durch grosszügiges Geben gebrochen werden. Das Geld muss uns dienen und nicht wir dem Geld! Ein reicher Mann, der Jesus nachfolgen wollte, scheiterte daran, dass er seinen Besitz nicht loslassen konnte (Matthäus 19,16ff).

Freiheit in Beruf und Beschäftigung

Wenn Menschen miteinander reden, spricht man bald einmal über den Beruf. Aufgrund des Berufes stufen wir uns über oder unter den Gesprächspartner. Durch den Beruf erhalten wir Status, Identität und Bedeutung. Ein Grund, weshalb ich nicht locker flockig auf mein Timeout im Sommer zugehe, liegt darin: Wer bin ich dann noch, wenn ich weit weg von Beruf und Gemeinde lebe. Da liegt eine Aufgabe vor mir: die Ich-Natur muss in dieser Sache mit der göttlichen Natur ersetzt werden.

Die Arbeit ist sehr zentral für uns Menschen. Bereits am Tag seiner Erschaffung erhielt er den Auftrag, die Erde zu erhalten, zu verwalten und zu gestalten. Nach jüdischem Denken ist immer das später Erschaffene fürsorglich für das Bisherige zuständig. Der Mensch soll also Fauna und Flora, Seen und Wiesen, die Milchstrasse und andere Galaxien fürsorglich erhalten und gestalten. Und wer sorgt dann für den Menschen? Am siebten Tag ruhte Gott von all seinen Werken und setzte den Sabbat ein. Der Sabbat und der ruhende Gott sorgen für uns! Wenn aber die Arbeit zu viel Gewicht bekommt und Jesus vom ersten Platz verdrängt, glaubt der Mensch plötzlich, er könne sich den Ruhetag nicht mehr erlauben. Er gerät in ein Hamsterrad und als Folge leidet die Ehe, die Familie oder die Gesundheit. Der Sabbat ist ein Testfall für die richtigen Prioritäten. Auch der Beruf gehört in der Nachfolge hinter Jesus gestellt. Wir sind dann auch bei Arbeitsverlust krisenfest, weil es uns nicht im Kern unserer Persönlichkeit trifft.

Vielleicht sind die Arbeitgeber dankbar, wenn ihre Mitarbeiter von der Arbeit geknechtet werden und um ihres Selbstwertes viel leisten. Keine Angst! Paulus sagt: «Tut eure Arbeit mit Eifer und Freude, als würdet ihr Gott dienen und nicht Menschen. Vergesst nicht, dass der Herr euch mit dem himmlischen Erbe belohnen wird. Dient dem Herrn Jesus Christus» (Kolosser 3,23f NL)! Wenn jemand mit und in der Arbeit dem Herrn Jesus Christus dient, wird er hervorragende und ehrliche Arbeit leisten, und – er tut es mit Freude und in grosser Freiheit.

Freiheit in Familie und unter Freunden

Vor zwei Wochen fragte ich den Täufling vor seiner Tauferneuerung, ob er bereit sei, seine Frau und seine Tochter an zweite Stelle hinter Jesus zu setzen. Viele empfanden diese Frage als nicht adäquat und waren peinlich berührt. Darf es etwas geben, dass wichtiger als die Familie ist? Weitaus das Beste für deine Familie und deine Freunde ist, wenn du Jesus Christus ganz klar an die erste Stelle setzt.

Ebenfalls vor zwei Wochen wurde im Fenster zum Sonntag eine Frau porträtiert, die mit 36 Jahren mit ihren vier Kindern allein dastand. Als Familie lebten sie in Papa Neuguinea. Ihr Mann war Pilot bei einer Missionsgesellschaft. Eines Tages geschah das Unfassbare: er stürzte mit seiner Maschine ab und starb. Heute noch – 14 Jahre später – hat sie Tränen in den Augen, wenn sie davon spricht. Sie sagte: «Ich habe Gott nicht so verstanden, aber immer gewusst, dass er da ist, und dass er indirekt oder direkt mitverantwortlich ist. Er hat das Unglück nicht verhindert. Aber ich fühle und habe die Gewissheit, dass er mit trotzdem liebt. In allem Schweren war es auch ein schönes Erlebnis, weil ich Gott als Realität erlebt habe in diesem Moment.» Freunde und Familie sind nicht krisensicher – Gott ist es!

Denk nie, dass Ehe und Familie leiden würden, wenn du mit allem, was du hast, Jesus nachfolgst. In Epheser 5 vergleicht Paulus das Geheimnis von der hingebungsvollen Liebe von Christus zu der Gemeinde mit der Liebe von Frau und Mann. Die reinste und grösste Liebe, die die Welt je gesehen hat, soll der Liebe zwischen Mann und Frau als Vorbild dienen. Je mehr du für die Liebe Gottes empfänglich bist, desto grösser wirst du deinen Ehepartner und deine Freunde lieben! Wer sich von Gott geliebt weiss und so Bedeutung, Identität und Wert bekommt, muss seinen Ehepartner nicht überfordern. Er ist dann nicht für sein Glück zuständig, denn das ist schon da.

Oft stehen Kinder in Familien im Mittelpunkt. Alles dreht sich um die Kinder. Das ist sehr ungesund für deren Entwicklung. Sie werden darauf konditioniert, zu bekommen und haben grosse Mühe zu geben. Die Reihenfolge soll eine andere sein: Zuerst Gott, dann der Ehepartner und erst dann die Kinder. Das ist das Erfolgsgeheimnis für das Heranwachsen gesunder Kinder. Auch dies wird aus der Schöpfungsgeschichte deutlich: Zuerst wurde der Mensch als Gegenüber von Gott geschaffen, dann bekam der Mensch einen anderen Menschen zur Gemeinschaft und aus dieser Beziehung erwuchsen die Kinder. Willst du deinen Kindern etwas Gutes tun? Entferne sie aus dem Zentrum deines Lebens! Auch in dieser Sache findest du übers Sterben zum Leben.

 

 

Ein Nachfolger Jesu, der sich in seinem Ich umgestalten lässt, findet sich als Verwalter wieder und nicht mehr als Eigentümer. Auch sucht er den Sinn des Lebens nicht mehr im Geschaffenen, sondern in der Beziehung mit Gott. Das führt zu einer unfassbaren Freiheit und zu höchstem Genuss bezüglich Besitzes, Arbeit, Familie und allen anderen Dingen des Lebens. In der Metamorphose sterben wir dem Leben entgegen. Das ist radikal. Der Wortstamm radix bedeutet Wurzel. «Wie ihr nun Christus Jesus als euren Herrn angenommen habt, so lebt auch mit ihm und seid ihm gehorsam. Senkt eure Wurzeln tief in seinen Boden und schöpft aus ihm, dann werdet ihr im Glauben wachsen und in der Wahrheit, in der ihr unterwiesen wurdet, standfest werden. Und dann wird euer Leben überfliessen von Dankbarkeit für alles, was er getan hat» (Kolosser 2,6f NL). Niklaus von der Flüe bittet Gott in einem Gebet um diese Umgestaltung: «Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir, was mich hindert zu dir. Mein Herr und mein Gott, gib alles mir, was mich fördert zu dir. Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir.»

 

 

 

 

 

 

 

Mögliche Fragen für die Kleingruppen

Bibeltext lesen: 1. Korinther 7,29-31

  1. Wie kommen wir in eine solche Freiheit in den Lebensbereichen, wie sie Paulus im angegebenen Bibeltext beschreibt?
  2. Die Metamorphose bedeutet, dem Leben entgegen sterben. Wie verstehst du darunter? Wie macht man das?
  3. Was ist die Gefahr, wenn der Besitz, die Arbeit, die Familie oder andere Dinge in der Prioritätenliste vor Jesus kommen? Was sind Kennzeichen davon?
  4. Inwiefern ist die Nachfolge Jesu radikal? Warum ist es keine gefährliche Radikalisierung?
  5. Betet miteinander das Gebet von Niklaus von der Flüeh und betet für die gesteckten Metamorphose Jahresziele!