Seligpreisungen – Jesus gratuliert

Datum: Sonntag, 21. Februar 2021 | Prediger/in:
Serie: | Bibeltext: Matthäus 5,3-12

Im ersten Teil der Bergpredigt geht es um «Stadtentwicklung». Gott ist der Schöpfer und Baumeister der Stadt, die sichtbar auf einem Berg liegt (Matthäus 5,14). Die Tugenden aus den Seligpreisungen sind so etwas wie das Eingangstor zu dieser Stadt und gleichzeitig eine Beschreibung der Kultur, die dort herrscht. Menschen, die nach Gottes Musik tanzen, bilden diese Stadt, das Reich Gottes.


Im ersten Teil der Bergpredigt geht es um «Stadtentwicklung». Österreichs Wien, Deutschlands Freiburg und St. Gallen in der Schweiz tragen das Label «Vorzeigestadt». So wurde über St. Gallen geschrieben: «Im europäischen Städtevergleich schneidet St. Gallen ausgezeichnet ab. Die Ostschweizer Metropole überzeugt als starkes regionales Wirtschaftszentrum mit niedriger Steuerbelastung, hoch qualifizierten Arbeitskräften und einem entspannten Wohnungsmarkt.» Moderne Städte investieren grosse Summen in die Stadtentwicklung. StadtentwicklerIn ist ein Beruf, der in eigens dafür entwickelten Studiengängen erlernt werden kann.

In der Bergpredigt offenbart sich Jesus gewissermassen als Stadtentwickler, der sich aufmacht, sein Reich in Form einer Stadt zu realisieren. In Matthäus 5,14-16 entdecken wir, dass diese Stadt aus Menschen besteht. «Eine Stadt, die auf einem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben» (Matthäus 5,14 NGÜ). Die Stadt soll weithin sichtbar sein. Es ist die Stadt, in der Gott der König ist. Er ist der Schöpfer und Baumeister.

Die Gratulation

Da die Sätze in Matthäus 5,3-12 allesamt mit «Glücklich zu preisen sind...» (Luther: «Selig sind...») eingeleitet werden, nennt man diesen Abschnitt auch die Seligpreisungen. Auch die ersten beiden Verse von Psalm 1 beginnen mit den gleichen Worten. Es ist also wie eine Gratulation für eine getroffene Grundentscheidung im Leben oder eine Herausforderung, eine solche zu treffen. Diese Entscheidung betrifft die Frage, in welcher Gemeinschaft wir unser Leben verorten wollen, und wird so zum Eingangstor zu Gottes Stadt. Jesus fordert uns heraus, gut zu überlegen, nach welcher Musik wir tanzen wollen. Dabei muss man bedenken, dass die Musik, nach der wir tanzen, auf unser Leben und unseren Charakter abfärben wird. Aus Psalm 1 wissen wir: Ein aufblühendes Leben (nicht ein problemloses) Leben wird im Tanz nach der Musik Gottes gefunden.

Diese Beglückwünschungen sprechen all denen, die sich aufgemacht haben, um mit Jesus und in seiner Gemeinschaft zu lernen, nach der Musik des Himmels zu tanzen, zu, dass sie damit Söhne und Töchter Gottes genannt werden. Sie sind Teil von Gottes Zukunftsprojekt, der Stadt auf dem Berg, der Reich-Gottes-Bewegung.

Die Tugenden

Die Seligpreisungen beinhalten acht Thesen. Wenn wir sie von Psalm 1 her lesen, entdecken wir darin acht Tugenden, welche den Charakter einer Person auszeichnen, die nach der Musik des Himmelreichs tanzen.

Demut
«Glücklich zu preisen sind die, die arm sind vor Gott» (V.3 NGÜ). Demut darf nicht mit Selbsterniedrigung und Unterwürfigkeit verwechselt werden. Sie ist vielmehr das mutige Einverständnis der Realität: Er, Gott ist der Schöpfer und Erhalter, ich bin sein «armes» (d.h. abhängiges und bedürftiges) Geschöpf. Von der jüdischen Überlieferung her ist der Mensch demütig, der sich zum Glaubensbekenntnis Israels bekennt: «Höre, Israel! Der HERR, unser Gott, der HERR ist einzig. Darum sollst du den HERRN, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft» (5Mose 6,4f EU).

Leiden an der Not der Welt
«Glücklich zu preisen sind die, die trauern» (V.4 NGÜ). Der Begriff Mitleid wird oft als Gefühl verstanden, das spontan auftritt, wenn wir Menschen in Not sehen. Eine Tugend ist aber mehr als ein spontan ausgelöstes Gefühl. Es geht um eine tiefe Betroffenheit angesichts der Not in der Welt. Menschen, die dabei sind, die Musik des Himmels zu hören und danach zu tanzen, leiden, wenn sie die stolpernde Menschheit – zu der sich auch gehören – sehen. Es geht darum, die Welt mit den Augen Jesu zu sehen und darüber zu weinen.

Gewaltfreiheit
«Glücklich zu preisen sind die Sanftmütigen» (V.5 NGÜ). Sanftmut wird gerne als Weichlichkeit missverstanden. Als Jesus auf einem Esel als Messiaskönig in Jerusalem einreitet, wird er als «sanftmütig» charakterisiert. Das hindert ihn aber nicht, schnurstracks zum Tempel zu gehen und die Händler zu vertreiben. Es wird klar, Sanftmut darf nicht im Sinne von Weichlichkeit verstanden werden. Es geht um die innere Stärke, die zur Gewaltfreiheit befähigt und ganz auf Gott vertraut.

Sehnsucht nach Gerechtigkeit
«Glücklich zu preisen sind die, die nach der Gerechtigkeit hungern und dürsten» (V.6 NGÜ). Diese Tugend schliesst an die zweite Tugend an: Wer die Welt mit den Augen Gottes sieht und an der Not leidet, trägt in sich auch eine Sehnsucht nach einer gerechteren Welt.

Barmherzigkeit
«Glücklich zu preisen sind die Barmherzigen» (V.7 NGÜ). Aus der Betroffenheit angesichts der Not und der Sehnsucht nach einer gerechteren Welt erwächst eine helfende Haltung, die entsprechende Handlungen nach sich zieht. Barmherzigkeit kann als das Handeln verstanden werden, das der Gerechtigkeit dient. Gott möchte nicht religiöse Rituale (Opfer) sehen, sondern barmherziges Handeln (Hosea 6,6). In Matthäus 25,31-46 wird diese Tugend in den «sechs Werken der Barmherzigkeit» entfaltet und konkretisiert: Hungernden zu essen geben, Dürstenden zu trinken geben, Fremde aufnehmen, Nackte bekleiden, Kranke und Gefangene besuchen.

Reinheit (Klarheit) des Herzens
«Glücklich zu preisen sind die, die ein reines Herz haben» (V.8 NGÜ). Bei dieser Tugend geht es nicht um ein sündloses Herz oder um Unreinheit, die der Reinigung bedarf. Es geht darum, dass das Herz als Zentrum der Person aufrichtig und transparent sein soll. Was gefragt ist, ist klare Ausrichtung, Eindeutigkeit und daraus folgende Taten.

Versöhnungsbereitschaft und Wille zum Frieden
«Glücklich zu preisen sind die, die Frieden stiften» (V.9 NGÜ). Es geht um die Tugend, aus tiefstem Herzen Friedenshandeln zu bejahen, herbeizusehnen und zu fördern. Die programmatische Ankündigung des Messias lautet in der Weihnachtsnacht: «Ehre und Herrlichkeit Gott in der Höhe, und Frieden auf der Erde für die Menschen, auf denen sein Wohlgefallen ruht» (Lukas 2,14 NGÜ).

Bereitschaft, um der Gerechtigkeit willen Widerstand zu ertragen
«Glücklich zu preisen sind die, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden [...] wenn man euch um meinetwillen beschimpft und verfolgt und euch zu Unrecht die schlimmsten Dinge nachsagt» (V.10+11 NGÜ). Wenn bei einem Menschen die ersten sieben Tugenden lebensbestimmend werden, muss damit gerechnet werden, dass jemand dann und wann unter die Räder einer Gesellschaft gerät, die solche Tugenden nicht lebt. Die innere Bereitschaft, um des Reiches Gottes Willen manchmal beschimpft oder gar bedrängt zu werden, wird selbst zu einer Tugend. Wenn wir den Weg Jesu vor Augen haben, erweise wir uns auch in dieser Tugend als Gottestänzer. An anderer Stelle ist vom Kreuztragen die Rede.

 

Wie werden diese Tugenden zu den unsrigen? Wie der Vater so die Tochter bzw. der Sohn. Der himmlische Vater verkörpert diese Tugenden. Wenn wir in Ihm bleiben und nach seiner Musik tanzen, gedeihen innere Haltungen, die zu Tugenden reifen und letztlich den Charakter einer Person ausmachen. Das ist die Metamorphose – aus der Larve wird ein erwachsenes Wesen.

Im Brief an die Thessalonicher gibt uns Paulus einen weiteren wichtigen Hinweis bezüglich Metamorphose: «Wir hören nicht auf, für euch zu beten, dass unser Gott euch für das Leben bereit macht, zu dem er euch berufen hat. Und wir beten, dass Gott eure guten Absichten und das, was ihr aus dem Glauben heraus tut, mit seiner Kraft erfüllt» (2Thessalonicher 1,11 NLB). Die Metamorphose setzt gute Absichten voraus. Diese erfüllt er mit seiner Kraft, so dass wir zu dem Leben finden, zu dem er uns berufen hat. Jeder von uns könnte eine Tugend aus der Seligpreisung auswählen und sie zur Absicht erklären. Daraus könnten wir ein Jahresziel formulieren, dieses ins geistliche Tagebuch schreiben und beginnen, um Gottes Kraft in dieser Sache zu bitten.

Die Verheissungen

Wie schon erwähnt: Wer sich in Gottes Gemeinschaft einpflanzen lässt und nach seiner Musik tanzt, ist glücklich zu preisen. Wirklich? Sind die Leute wirklich «Glücklich zu preisen», die arm sind, trauern, auf Gewalt verzichten und verfolgt werden? Sind sie nicht eher zu bemitleiden? Kürzlich meinte eine Frau, dass sie gerade auf Kriegsfuss stehe mit Gott! Der Grund ist, dass es Dinge im Leben gibt, die nicht rund laufen. Leid, Druck und Widerstand gehören zu einem Leben mit Gott. Vergeude niemals eine Krise! Sie fördern Wachstum und Reife. Unabhängig davon wie paradox die Seligpreisungen tönen und wie es in deinem Leben gerade läuft: Du bist glücklich zu preisen, wenn du dein Leben bei Gott eingepflanzt hast. Dann bist du wie ein blühender Baum an einem Bach. Hitze und Trockenheit können dir nichts antun.

Die acht Thesen der Seligpreisungen sind alle gleich aufgebaut: Gratulation – Tugend – Verheissung. Die Gratulation steht im Präsens, die Verheissung im Futur. Ein Mensch, der nach der Musik Gottes tanzt, tanzt jetzt schon ins Glück. Und dennoch leben wir in der Vorläufigkeit. Das Beste kommt noch: Das Leben in der Stadt Gottes, wo er mitten unmittelbar unter seinen Söhnen und Töchtern wohnt und Sein Reich errichtet. Jemand sagte einmal: «Es ist gut, dass wir noch nicht wissen, wie es in der himmlischen Stadt einmal sein wird, sonst wollte niemand mehr leben.» Schon jetzt Glück und tiefer Friede, aber doch noch nicht in der maximalen Vollendung; das ist das Leben eines Menschen, der Jesus sein Leben anvertraut hat.

Die Seligpreisungen beschreiben die Zukunft derer, die Gottes Töchter und Söhne genannt werden, mit acht verschiedenen Verheissungen: Ihnen gehört das Himmelreich / sie werden getröstet werden / sie werden die Erde als Besitz erhalten / sie werden satt werden / sie werden Erbarmen finden / sie werden Gott sehen / sie werden Söhne Gottes genannt werden / ihnen gehört das Himmelreich. Die Vorstellung auf diesen herrlichen Reichtum soll in uns eine Reaktion auslösen: «Freut euch und jubelt! Denn im Himmel wartet eine grosse Belohnung auf euch» (Matthäus 5,12 NGÜ).

 

Jesus ist auf die Erde gekommen, um Gottes Reich aufzubauen. Er will dies mit uns Menschen tun. Wenn wir unser Leben in Jesus verorten und uns Ihm anvertrauen, werden wir an seiner Seite zu Stadtentwicklern. Dabei spielen die Tugenden und unser Charakter eine wichtige Rolle. Sie bilden die Kultur dieser zukünftigen Stadt. Du bist herzlich eingeladen, Baustein davon zu sein!

 

 

 

 

 

Mögliche Fragen für die Kleingruppen

Bibeltext lesen: Matthäus 5,1-12; 2.Thessalonicher 2,11

  1. Lest die acht Thesen der Seligpreisungen durch. Was für Gefühle und Gedanken kommen dabei?
  2. Was ist der Unterschied, dass unsere Tugend- und Charakterbildung die Kultur der Stadt des lebendigen Gottes ausmachen soll und nicht nur unsere private Frömmigkeit?
  3. Welche der acht erwähnten Tugenden spricht dich besonders an? Welche möchtest du in deinem Leben fördern?
  4. Lest 2. Thessalonicher 1,11. Formuliere eine Absicht bezüglich der Tugenden, schreibe sie in dein Tagebuch und bete täglich dafür!