Mund zu, Augen auf!

Datum: Sonntag, 10. Oktober 2021 | Prediger/in:
Serie: | Bibeltext: Matthäus 7,1-5

Menschen neigen dazu auf andere herabzuschauen und ihr Verhalten, Leben etc. zu verurteilen. Dies geschieht oftmals aus reiner Überheblichkeit, um das eigene Selbstwertgefühl zu steigern. Jesus fordert uns auf, zuerst bei uns selbst anzufangen. Wir sollen die Balken in unserem Leben erkennen und damit aufhören. Dabei erkennen wir, dass es für uns Menschen unmöglich ist dem hohen Standard der Bergpredigt zu genügen. Dies wiederum treibt uns in die Arme von Jesus Christus, welcher uns barmherzig annimmt.


Eigene (religiöse) Überheblichkeit überwinden

«Hört auf, andere zu verurteilen, dann werdet auch ihr nicht verurteilt» (Matthäus 7,1 NLB). Dieser Satz von Jesus kann bei uns entweder grosse Erleichterung, aber auch Kopfschütteln auslösen. Erleichterung bei den Menschen, welche darunter leiden, dass sie von anderen darauf hingewiesen werden, was an ihrem Verhalten oder an ihrem Lebenswandel denn jetzt schon wieder nicht richtig sei. Erleichterung, da mit diesem Satz jegliche Rechenschaftspflicht wegfällt. Ich mache was mir gefällt ist das Motto. Kopfschütteln ruft diese Aussage bei denjenigen Menschen hervor, welche die Missstände auf der Welt und im Leben anderer wahrnehmen. Helfend sagen sie, was ihnen auf der Zunge liegt. Da wir nicht allein auf dieser Welt leben ist es doch notwendig, dass die anderen auf den richtigen Weg gebracht werden. Kopfschütteln, da nun jegliche Zurechtweisung verboten ist.

Zu oft und zu schnell wird eine solcher Kurzschluss gezogen. Doch genau beide Intentionen, die des laissez faire und die des Moralapostels sind hier nicht gemeint. Wenn wir nicht verurteilen sollen, ist damit nicht gemeint, dass wir dem anderen nichts sagen dürfen. Das entscheidende ist die Haltung dahinter. Leider ist es so, dass Menschen, welche Jesus Christus nachfolgen, sehr gut darin sind zu sagen, was andere nicht gut machen. Sehr schnell wird klar gegen was Nachfolger von Jesus sind, aber für was sie sind, bleibt meistens irgendwo im Dunkeln. Sie gehen richtigerweise davon aus, dass alles was an ihnen zu verurteilen wäre von Jesus vergeben wurde. Doch dies bedeutet noch lange nicht, dass sie sich nun selbst als Richter aufspielen dürfen. Auch bedeutet es nicht, dass in ihrem Leben alles gut läuft. Sie leben nach wie vor in der Spannung «in dieser Welt, aber nicht von dieser Welt». Indem andere verurteilt werden, sagen sie viel mehr über sich selbst als über die Verurteilten aus. Dadurch zeigt sich, dass sie selbst die Vergebung in Jesus Christus noch nicht richtig erfasst haben. «Gott sandte seinen Sohn nicht in die Welt, um sie zu verurteilen, sondern um sie durch seinen Sohn zu retten» (Johannes 3,17 NLB).

Nicht verurteilen meint in Matthäus 7,1 sich nicht über Andere erheben. Insbesondere Nachfolger von Jesus untereinander sind sehr schnell in der Gefahr sich gegenseitig zu verurteilen. Doch die Aufforderung dies nicht zu tun, schliesst einige Bereiche ein. Die Motivation, da wir Menschen nicht wissen, aus welchen Beweggründen jemand etwas tut. Gott aber sieht das Herz und prüft es (Sprüche 17,3). Aufgrund dem was wir sehen (Johannes 7,24; Jakobus 2,1-4). Menschen welche sich schneller ein schlechtes Gewissen machen (Römer 14,1-5). Den Dienst anderer Christen, da alle Gaben von Gott kommen (1. Korinther 12,1-11). Ganz grundsätzlich soll als Nachfolger von Jesus nicht schlecht über andere Nachfolger gesprochen werden (Jakobus 4,11). Vielmehr soll die gegenseitige Liebe ein Erkennungszeichen sein (Johannes 13,34-35). Wenn auf das Urteilen verzichtet wird, dann hat dies auch einen positiven Nebeneffekt. «Denn andere werden euch so behandeln, wie ihr sie behandelt. Der Massstab, nach dem ihr andere beurteilt, wird auch an euch angelegt werden, wenn man euch beurteilt» (Matthäus 7,2 NLB). Denn in der Regel wird der hohe Massstab, der von anderen erwartet wird, an sich selbst nicht angewendet und kann in der Regel auch nicht eingehalten werden.

Das Verbot andere zurechtzuweisen bedeutet aber nicht, dass beim anderen alles gut ist. Doch das Vorrecht zu richten, gehört Gott. Denn «Nur Gott, der das Gesetz gegeben hat, kann gerecht richten. Nur er hat die Macht, zu retten oder zu vernichten. Welches Recht hast du also, deinen Nächsten zu verurteilen?» (Jakobus 4,12 NLB). Einerseits ist dies eine Begrenzung, auf der anderen Seite aber auch ein riesiger Trost. Es geschieht so viel Unrecht in unseren Leben und auf der Welt, doch ich weiss, dass Gott eines Tages alle zur Rechenschaft zieht. So muss ich keine Rache nehmen, sondern darf auf Gott vertrauen.

Den Balken im eigenen Auge eingestehen

Nachdem Jesus davon gesprochen hatte, dass wir nicht urteilen sollen, wird er konkreter. Im folgenden Beispiel beschreibt er die menschliche Neigung, den kleinsten Fehler bei den anderen Menschen zu entdecken und sie darauf hinzuweisen, aber den gleichen Fehler bei sich selbst zu übersehen. «Warum regst du dich über einen Splitter im Auge deines Nächsten auf, wenn du selbst einen Balken im Auge hast? Mit welchem Recht sagst du: Mein Freund, komm, ich helfe dir, den Splitter aus deinem Auge zu ziehen, wenn du doch nicht über den Balken in deinem eigenen Auge hinaussehen kannst? Du Heuchler! Zieh erst den Balken aus deinem eigenen Auge; dann siehst du vielleicht genug, um dich mit dem Splitter im Auge deines Freundes zu befassen» (Matthäus 7,3-5 NLB). Bei beiden angesprochenen Personen betrifft es das Auge. Also ein sehr sensibles Organ. Schon eine Wimper im Auge stört extrem und führt dazu, dass der ganze Körper nicht mehr richtig funktioniert. Erst wenn die Wimper entfernt wurde, lebt es sich wieder besser. Doch das Auge ist nicht nur sehr sensibel, es ist auch das Organ, welches uns beim Sprechen am meisten auffällt. Dinge, welche uns bei unserem gegenüber negativ auffallen, liegen auch öfters an der Oberfläche. Es sind Schwächen, welche oftmals schnell auffallen. Doch Jesus Christus fordert seine Nachfolger auf, zuerst bei sich selbst hinzuschauen. Ja er bezeichnet diejenigen, welche den Fehler erst beim anderen sehen als Heuchler, also Menschen, welche anderen etwas vorspielen. Es sind Menschen, welche etwas kritisieren, was sie selbst nicht im Griff haben. Der Theologe Adolf Schlatter sagt in seinem Kommentar zu dieser Bibelstelle folgendes «Es ist Heuchelei, das Böse an den anderen zu bekämpfen und nicht an sich selbst.» Jesus verbietet nicht dem Nächsten bei der Entfernung des Splitters behilflich zu sein. Er fordert aber auf, zuerst den eigenen Balken zu entfernen.

Das Phänomen beim anderen das Defizit zu sehen, welches zwar selbst auch wahrgenommen, aber nicht eingestanden wird, wird in der Psychologie Projektion genannt. Das eigene Unvermögen mag zwar grösser sein, doch wird es ausgeblendet. Das bedeutet nicht, dass der andere nichts Falsches gemacht hat, es bedeutet aber vielmehr, dass jeder bei sich selbst anfangen sollte. Es gilt zuerst den Balken in seinem Leben zu suchen. So kann es sein, dass man sich so sehr schon an eine schlechte Angewohnheit gewöhnt hat, dass dies nicht mehr so stark wahrgenommen wird. Nachfolger von Jesus Christus müssen erkennen, dass sie durch Jesus freigemacht wurden, dies aber nicht bedeutet, dass sie sich nichts mehr zu Schulde kommen lassen. Auch sie haben Balken in ihrem Leben und diese gilt es ausfindig zu machen. Dies können Süchte, Abhängigkeiten, schlechte Angewohnheiten, aber auch Stolz, Überheblichkeit und fehlende Liebe sein. Der erste Schritt zur Besserung ist derjenige, sich einzugestehen, dass man nicht vollkommen ist – und dies anzunehmen. Nachdem der Balken im Leben erfasst wurde, gilt es diesen aktiv zu entfernen. Dies kann je nachdem ein langwieriger und auch schmerzhafter Prozess sein. Oftmals werden die grössten Balken gebraucht, um das eigene Leben zu stützen und das Lebenshaus zu bauen. Hier gilt es den Balken zu entfernen und Jesus Christus reinzulassen. Ansonsten ist die Gefahr gross, dass zwar der eine Balken entfernt wird, aber die Lücke wieder durch einen anderen Balken aufgefüllt wird. Entfernen Nachfolger von Jesus einen Balken in ihrem Leben, so ist die Gefahr gross, dass Überheblichkeit und Stolz, anstatt Liebe, die Lücke füllen.

Wie bereits erwähnt, verbietet Jesus nicht den Splitter im Auge meines Nächsten zu entfernen, sobald der eigene Balken entfernt ist. «Jesus will uns nicht verbieten, einander behilflich zu sein, unser Böses zu lassen» (Adolf Schlatter). Der Begriff Nächster geht auf das hebräische Konzept zurück, welches eine nahe stehende Person meint. Es ist also eine Person, mit der eine Beziehung vorhanden ist. Es ist erlaubt sich gegenseitig zu beraten, unterstützen und helfen, aber es soll nicht gerichtet werden. Ja, es tut sogar gut, wenn Leute einander ins Leben sprechen dürfen. Doch dafür braucht es eine gegenseitige Einwilligung.

Von Jesus die Augen öffnen lassen

Mit der heutigen Predigt über die ersten fünf Verse von Matthäus sieben starten wir in einen zweiten Teil der Bergpredigt. In Matthäus fünf und sechs ging es primär um die Beziehung zu unserem himmlischen Vater und dem Bezug zu sich selbst. Dies war im Vordergrund. In Kapitel sieben geht es zuerst um das Verhalten gegenüber den Mitmenschen. Waren die vorherigen beiden Kapitel bereits herausfordernd, indem sie einen gewissen Standard der Jesusnachfolge schilderten, so geht es nun ganz konkret um das Tun. Hier ist definitiv Schluss mit einer passiven Haltung. Hier geht es ans Eingemachte. Hier kommt die konkrete Aufforderung. Entweder das Gehörte wird umgesetzt oder es wird sich ganz bewusst gegen Jesus gestellt. So auch in unseren fünf Versen. Entweder sind wir bereit den Balken in unserem Auge zu entfernen, also konkret an und in unserem Leben zu arbeiten, oder wir lassen es sein. Doch diejenigen die überheblich bleiben, unterwerfen sich dem Gericht Gottes, welcher mit gleichem Massstab messen wird, wie sie selbst angewendet haben.

Als Nachfolger von Jesus wollen wir ihm immer ähnlicher werden. Ja wir wollen immer mehr zu dem verändert werden, was Jesus von uns denkt. Jesus verurteilte nur sehr wenig und wenn, dann nur diejenigen, welche zu Stolz waren den Balken in ihren Augen einzugestehen. Jesus verurteilt dich nicht, möchte aber, dass du den Balken entfernst. Die Botschaft der ganzen Bergpredigt läuft darauf hinaus, dass wir Jesus ähnlicher werden und unser Leben nach ihm ausrichten. Hier stellt sich auch die Frage, wie die Botschaft der Bergpredigt eingeordnet wird. Zum einen liegt die Interpretation als Eintrittsticket nahe. Dies heisst, dass eine Erfüllung all der Forderungen für uns Menschen möglich ist. Demnach löst man sich das Ticket für den Himmel dadurch, dass möglichst alles gut eingehalten wird. Zum anderen können die Forderungen als für Menschen, auch Nachfolger von Jesus Christus, unerreichbar eingestuft werden. Menschen können sich noch so Mühe geben, sie können dem hohen Ideal von Matthäus fünf und sechs nicht genügen.

So sehr wir uns vielleicht wünschen würden, dass das Erste richtig ist, so ist es aber das Zweite. Wir können den Idealen nicht entsprechen. Wir können aus eigener Kraft dies alles nicht machen. Dies kann uns zur Verzweiflung, Stolz oder Überheblichkeit führen oder aber in die offenen Arme von Jesus Christus. Er steht mit offenen Armen da und sagt «Kommt alle her zu mir, die ihr müde seid und schwere Lasten tragt, ich will euch Ruhe schenken» (Matthäus 11,28). Als Nachfolger von Jesus geht es nicht darum einen Mindeststandard zu erreichen im Sinne von ab dann reichts, sondern es geht darum in der Schule bei Jesus den Charakter verändern zu lassen. Es geht darum, von Jesus Christus in das Bild verwandelt zu werden, was er für uns ausgedacht hat.

Besonders für Leute, welche schon lange mit Jesus Christus unterwegs sind, besteht die Gefahr, dass wir den Balken in unserem Auge nicht mehr wahrnehmen. So wird stark versucht sich selbst das Ticket für den Himmel zu verdienen. Das ist doppelt schade. Erstens können wir uns den Eintritt in den Himmel nicht verdienen und zweitens verpassen wir die Chance hier auf dieser Erde bereits Himmel zu erleben, indem wir in die offenen Arme von Jesus Christus laufen. Daher lohnt es sich im Gebet zu Jesus zu kommen und ihn zu bitten, dass er dir die Augen für dich selbst öffnet, damit du erkennen kannst, welchen Balken du entfernen solltest. Wir können uns den Himmel nicht verdienen, auch nicht, wenn wir tausende Balken in unserem Leben entfernen. Aber wenn wir in Jesu Armen sind, dann beginnt die Veränderung in unserem Herzen und wir erkennen, von welchem Balken wir uns trennen sollen.

Mögliche Fragen für die Kleingruppe

Bibeltext lesen: Matthäus 7,1-5

  1. Wo bist du in der Gefahr andere Leute zu verurteilen? Weshalb besteht bei dir die Gefahr dazu?
  2. Gab es bereits einen Balken in deinem Leben, welchen du erfolgreich entfernt hattest? Wie gelang dir dies?
  3. Wo gibt es Bereiche in deinem Leben, welche du angehend solltest? Ist es evtl. besser Hilfe in Anspruch zu nehmen?
  4. Wäre es für dich angebracht, einer Person die Bewilligung zu geben, in dein Leben hineinzureden? Was hindert dich daran? Was wären die Voraussetzungen?
  5. Wie interpretierst du die Botschaft der Bergpredigt? Als Eintrittsticket oder als unerreichbar? Welche Auswirkungen hat dies auf dein Leben?