Gelassenes Engagement

Datum: Sonntag, 3. Oktober 2021 | Prediger/in:
Serie: | Bibeltext: Matthäus 6,25-34

Wer beim himmlischen Vater seinen letzten Halt findet, wird gelassen. Sorgen- und angstfrei kann er sich auf das Reich Gottes fokussieren. Das bedeutet, sich für die Werte Friede, Freude und Gerechtigkeit in allen Lebensbereichen zu engagieren. Wer dies rückhaltlos tut, wird Gottes Versorgung mittels vielen Zufällen erfahren. Der metamorphische Kreislauf lautet: Gelassenheit aus dem Gebet – Engagement für das Reich Gottes – Versorgung durch Zufall. Der Einstieg ist beim Gebet – dem Geniessen der Kindschaft und Pflegen der Gemeinschaft mit Daddy.


Der 828 Meter hohe Burj Khalifa in Dubai ist der höchste Wolkenkratzer der Welt. 192 dicke Stahlträger wurden 50 Meter tief in den Boden getrieben und mit 45'000 Kubikmeter Beton verschalt. Die Brücke mit der grössten Spannweite ist die Chaotianmen-Yangtse-Brücke in China mit einem Brückenbogen von 552 Metern. Damit die entstehenden Belastungen ausgehalten werden, braucht es Pfeiler mit gutem Halt. Kinder, die später einmal einen positiven Einfluss auf die Gesellschaft ausüben sollen, brauchen guten Halt im Elternhaus, in dem sie Annahme und Geborgenheit erfahren. Es gibt einen offensichtlichen Zusammenhang zwischen der inneren Verwurzelung eines Menschen und seinen Haltungen und Tugenden, bis hin zu den Auswirkungen auf die Gesellschaft.

Aus der ignatianischen Tradition heraus kommt folgendes Wortspiel:

  • Was ist mein letzter HALT? Worauf kann und will ich mich verlassen, bauen, hoffen?
  • Daraus erwachsen HALTUNGEN wie Grosszügigkeit, Güte, Vertrauen, Freiheitlichkeit, Versöhnlichkeit und Hoffnung.
  • Diese lenken mein VERHALTEN.
  • Und diese wiederum trägt zur Gestaltung der VERHÄLTNISSE bei, in denen ich lebe.

Halt, Haltungen, Verhalten, Verhältnisse – so lautet die Wirkungskette, die auch in der Bergpredigt deutlich wird.

Gelassenheit

Woher kommt der Halt in unserem Leben, der uns selbst in den Stürmen des Alltags gelassen bleiben lässt? Es ist die vertraute Gemeinschaft mit unserem Vater im Himmel. Deshalb steht das Unservater-Gebet in der Mitte der ganzen Bergpredigt. Über diesen Vater werden folgende Aussagen gemacht:

«Schaut die Vögel an. Sie müssen weder säen noch ernten noch Vorräte ansammeln, denn euer himmlischer Vater sorgt für sie. Und ihr seid ihm doch viel wichtiger als sie» (Matthäus 6,26 NLB). Gott hat die Welt in einem grossartigen ökologischen Gleichgewicht geschaffen. Jedes Tier ist Teil einer ausgeklügelten Nahrungskette. Den Kuhreiher beispielsweise sieht man häufig auf dem Rücken von grossen Tieren wie Büffeln und Elefanten. Denen picken sie kleine lästige Tierchen vom Körper. Das ist praktisch für beide. Für diese Reiherart gibt es nur Frischfutter. Nichts wird in Konservendosen verpackt und gelagert. Der himmlische Daddy versorgt täglich aufs Neue.

«[...] Schaut die Lilien an und wie sie wachsen. Sie arbeiten nicht und nähen sich keine Kleider. Trotzdem war selbst König Salomo in seiner ganzen Pracht nicht so herrlich gekleidet wie sie. Wenn sich Gott so wunderbar um die Blumen kümmert, die heute aufblühen und schon morgen wieder verwelkt sind, wie viel mehr kümmert er sich dann um euch? [...]» (Matthäus 6,28-30 NLB). Unser Vater im Himmel kleidet die Blumen so schön, wie wir es nach keiner Farb- und Stilberatung hinkriegen. Die Farbtöne sind genial aufeinander abgestimmt. Es stimmt einfach. Im Moment sind Silvia und ich am Erstellen des Farbkonzepts für Küche und Wohnzimmer beim Umbau unseres neuen Hauses. Es ist unheimlich schwierig und mit viel Unsicherheit verbunden, wie es dann schlussendlich wirken wird. Unser Vater verpasst jedem Lebewesen das perfekte Outfit.

«[...] Euer himmlischer Vater kennt eure Bedürfnisse» (Matthäus 6,32 NLB). Das ist die Kernaussage und Grundlage für die Gelassenheit. Dein himmlischer Vater kennt deine Bedürfnisse. Das ist wahr! Bei den Vergleichen mit dem Versorgen der Vögel und dem Bekleiden der Lilien steht als Fazit: «Und ihr seid ihm doch viel wichtiger als sie» und «Wie viel mehr kümmert er sich dann um euch?» Du bist dem himmlischen Vater ungleich wichtiger als es ein Vogel oder eine Blume ist. Er sorgt für dich – wie es ein Vater für sein Kind tut. Dieser Vater ist nicht einer, der nur grosse Töne spuckt und nichts zu bieten hat. Nein, Er schöpft aus unbegrenzten Ressourcen, Ihm gehört alles Silber und Gold (Haggai 2,8). Und dieser vermögende Vater sagt im Gleichnis zum älteren Sohn: «Sieh, mein lieber Sohn, du und ich, wir stehen uns sehr nahe, und alles, was ich habe, gehört dir» (Lukas 15,31 NLB). Wenn du durch den Glauben an Jesus Christus das Recht erworben hast, Kind vom himmlischen Vater zu sein, gilt das auch für dich. Du bekommst Anteil am gesamten Reichtum des Vaters.

Dieses Wissen lässt alle Sorgen wie Seifenblasen zerplatzen. In der Gemeinschaft mit diesem Gott erfährst du zutiefst und existenziell, dass du auf die relevanten Fragen wie: Genüge ich? Bin ich wertvoll und schön? Gehöre ich dazu? Meint es Gott gut mit mir? Sorgt Er für mich? ein uneingeschränktes JA zu hören bekommst. Das ist die Grundlage von Gelassenheit, Ruhe und stressfreiem Leben.

Zielorientierung

Wer diesen Pfeiler, diesen Halt, im Leben gesetzt hat, kann in die Höhe und Weite bauen. Seine vom himmlischen Vater geprägten Haltungen, führen zu Reich-Gottes-entsprechendem Verhalten und Verhältnissen. Deshalb fordert Jesus: «Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit [...]» (Matthäus 6,33 LUT). Da stecken die Elemente Zielorientierung und Entschiedenheit drin. Es geht um Zielstrebigkeit und Engagement.

Für was sollen wir uns einsetzen? Früher setzte ich das Reich Gottes mit Kirche gleich. Folgerichtig sprach man von einer Berufung, wenn jemand beruflich in Richtung eines geistlichen Amtes aufbrach. Dahinter steckt ein grosses Missverständnis, etwa gleich gross, wie dies, dass es beim Evangelium ausschliesslich um das persönliche, individuelle Heil geht. Nein, das Evangelium ist die gute Botschaft, dass Jesus Christus nicht nur Seelen rettet, sondern die ganze Schöpfung erlöst. Genauso ganzheitlich ist das Reich Gottes. Es beschreibt die Kultur der Stadt auf dem Berg, die in Matthäus 5 beschrieben wird.

Das Reich Gottes aber soll in allen Lebensbereichen wachsen: in der persönlichen Spiritualität, in der Familie, in der Kirche, in der Arbeit und in der Politik. Aus einer heiligen Gelassenheit und Selbstvergessenheit heraus, werde ich frei von Opportunismus und kann mich mit vollem Engagement auf das Gute und Richtige fokussieren. Paulus charakterisiert das Reich Gottes mit drei Begriffen: «Denn im Reich Gottes geht es nicht um Fragen des Essens und Trinkens, sondern um das, was der Heilige Geist bewirkt: Gerechtigkeit, Frieden und Freude» (Römer 14,17 NGÜ). Für diese Werte sollen wir uns aus der Kindschaft Gottes heraus engagieren. Immer wenn Gottes Wort geschieht, Hände und Füsse bekommt, wird das Reich Gottes sichtbar.

Wenn ich mich für den Erhalt einer vom Aussterben bedrohten Tierart einsetze, wenn ich den CO2-Ausstoss reduziere, wenn ich mich in einer Behörde oder in einem Verein für die Verbesserung von Lebensbedingungen einsetze, wenn ich in der Familie das Gespräch suche, anstatt mich zurückzuziehen, wenn ich an meinem Arbeitsplatz rechtschaffen bin, wenn ich meine Beziehung zum himmlischen Vater pflege, wenn ich anderen Menschen die gute Nachricht vom Reich Gottes erzähle, wenn ich meine Arbeitsstunden und Spesen ehrlich notiere, wenn ich Dinge direkt anspreche, anstatt hintenherum darüber zu reden, trachte ich nach dem Reich Gottes.

Leider ist längst nicht alles, was unter dem Dach einer Kirche geschieht, Reich Gottes. Eine wesentliche Dimension von Gottes Reich sind liebevolle Beziehungen oder Verhältnisse. Reich Gottes geschieht, wenn ich meinen inneren Kreis verlasse und mich jemandem zuwende, der (noch) nicht dazugehört. Jacob Thiessen, Rektor der STH, sagte einmal: «Überdies kommt man ja nicht nur, um zu konsumieren oder zu kritisieren. Jedes Gemeindeglied nimmt durch seine Gegenwart einen Dienst wahr. Wer diese Einstellung hat, kommt ganz anders zum Gottesdienst.» Kommst du dienstbereit zum Gottesdienst. Mit offenen Augen für Menschen, die sich einsam fühlen und (noch) nicht dazugehören? Wem könntest du heute dienen?

Jesus sagte: Trachtet nach dem Reich Gottes, und ich werde die Kirche bilden. Wenn wir unseren Halt beim himmlischen Vater gefunden haben, sind wir freigesetzt, um nach dem Reich Gottes zu trachten. Die Beute davon sind Zufriedenheit und Genugtuung.

Zufall

«Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen» (Matthäus 6,33 LUT). Mit dieser Aussage schliesst sich der Kreis: Gelassenheit aus dem Gebet – Engagement fürs Reich Gottes – Versorgung durch Zufall. Dies wiederum führt aus Dankbarkeit in die Gemeinschaft mit dem Daddy, daraus folgt Gelassenheit, Engagement und weitere Zufälle mit Absender. Der Einstieg in diesen wundersamen Metamorphose-Kreislauf ist beim Gebet – dem Geniessen der Kindschaft und Pflegen der Gemeinschaft mit Daddy.

Nebst den täglichen Zufällen (siehe Kleiderschrank und Essenstisch) der Versorgung Gottes, war für uns die Erfahrung des Erwerbs des Hauses in Seon so ein Zufall. Wir mussten uns nie darauf fokussieren, sondern konnten nach dem Reich Gottes trachten. Der Satz «so wird euch das alles zufallen» steht im Passiv. Unsere Aktion gilt dem Reich Gottes, die Versorgung mit dem Lebensnotwendigen ist des Vaters Ding. Es ist wie im natürlichen Leben auch. So wenig wie sich die 3-jährige Tochter Gedanken über Essen und Kleidung macht, genauso wenig muss sich ein Kind Gottes Sorgen um das Materielle machen. Unser Vater im Himmel lässt uns alles zufallen, worüber wir uns so oft sorgen. Per Zufall fliegen uns die Dinge entgegen. Mit diesem Rundum-sorgenfrei-Paket lässt sich gut leben! Es erwächst eine grosse Dankbarkeit, die uns wiederum ins Gebet zum himmlischen Vater führt.

Unsere Berufung ist es, bildlich gesprochen zu einem Burj Khalifa oder einer Chaotianmen-Yangtse-Brücke in der Gesellschaft zu werden. Mit der Gewissheit, dass unser letzter Halt beim himmlischen Vater gesichert ist, können wir hohen und weiten Einfluss auf diese Welt ausüben, indem wir nach dem Reich Gottes trachten. Durch Metamorphose verändern sich unsere Haltungen, unser Verhalten und unsere Verhältnisse.

 

 

Mögliche Fragen für die Kleingruppen

Bibeltext lesen: Matthäus 6,25-34

  1. Was ist laut der Bergpredigt Voraussetzung für Gelassenheit? Woran erkenne ich, wo ich den letzten Halt habe?
  2. Was sind die Voraussetzungen für ein sorgen- bzw. angstfreies Leben?
  3. Was ist das Reich Gottes? Wie charakterisiert es sich? In welchen Lebensbereichen soll es zum Vorschein kommen?
  4. Was bringt das starke Verb «trachten» im Zusammenhang mit dem Reich Gottes zum Ausdruck?
  5. Lässt der Vater im Himmel das alles wirklich zufallen? Welche Erfahrungen machst du mit dieser Verheissung?