Josef – im Ausdauertest

Datum: Sonntag, 20. September 2020 | Prediger/in:
Serie: | Bibeltext: 1. Mose 45,3-8; 1. Mose 50,20

Wir können nicht beeinflussen, was MIT uns passiert aber wir können beeinflussen, was IN uns passiert. Josef konnte mit knapp 40 Jahren eine überaus positive (Zwischen-) Bilanz über sein Leben ziehen. Und dies, obwohl er schlechte Startbedingungen für sein Leben hatte. In langen 22 Jahren lernte er Ausdauer, das Leid umarmen und hoffnungsvoll nach vorne zu blicken. Dadurch wurde er zu einem Mann geformt, der das Leben vieler Menschen rettete.


Manche Menschen finden trotz vielen Widerständen und Krisen zur Verwirklichung ihrer Träume – wie Madelaina im Anspiel. Andere hingegen lasse ihr Leben von den Umständen bestimmen. Von Josef wurde von seinen Träumen bis zu seiner Bestimmung sehr viel Ausdauer gefordert. Wir können nicht beeinflussen, was MIT uns passiert aber wir können beeinflussen, was IN uns passiert. Nutzen wir doch die Gelegenheit, dass die Dinge, die mit uns passieren, viel Heilvolles in uns auslösen.

Ausdauer trainieren

Josef hatte mit 17 Jahren seine stolzen Träume. Mit 30 Jahren wurde er der Stellvertreter des Pharaos (1Mose 41,46). Dann folgten sieben fette Jahre. Weil Josef aus den Träumen des Pharaos wusste, dass anschliessend sieben magere Jahre folgen werden, entwickelte er ein ausgeklügeltes Kornspeichersystem, um einer drohenden Hungersnot vorzubeugen. Die Familie von Josef wurde ebenfalls von der Hungersnot heimgesucht. Sein Vater Jakob erfuhr, dass in Ägypten Korn zu kaufen wäre, und sandte seine verbliebenen Söhne nach zwei Jahren Hungersnot (1Mose 45,6) in die Kornkammer Ägypten. Dort begegneten sie Josef, ohne dass sie ihn erkannten. Dieses Aufeinandertreffen forderte von Josef alles ab, volle Weisheit und Demut. Josef war damals also 39 Jahre alt. 22 Jahre nach dem Bruch mit seinen Brüdern, war er auf dem Höhepunkt der Reife angelangt. Vor 21 Jahren kamen wir nach Seon. ;-) Da meine «Schule» nicht so intensiv und die Tests nicht so krass waren, fehlt mir noch ein gutes Stück zu dieser Reife. Gutes Ding braucht Reife. Diamanten entstanden vor Millionen von Jahren, tief im Erdinneren, hunderte Kilometer unter der Erdkruste. Unter starkem Druck und bei glühender Hitze fügen sich Kohlenstoffatome zu einem festen Kristallgitter und bilden Rohdiamanten. Bei Vulkanausbrüchen werden sie an die Erdoberfläche transportiert. Der Wert entsteht durch das Schleifen.

Über den Zeitraum von 22 Jahren wurde Josef getestet. Wir können nicht beeinflussen, was MIT uns passiert aber wir können beeinflussen, was IN uns passiert. Josef beeinflusst, was über die Jahre IN ihm passierte. Als er sich er sich später schlussendlich seinen Brüdern zu erkennen gab, zog er Bilanz: «[...] Doch seine Brüder waren fassungslos und brachten kein Wort heraus. ‘Kommt her zu mir!’, sagte er. Sie kamen näher. Und wieder sagte er: ‘Ich bin euer Bruder Josef, den ihr nach Ägypten verkauft habt. Aber macht euch deswegen keine Vorwürfe. Gott selbst hat mich vor euch her geschickt, um euer Leben zu retten. Denn schon seit zwei Jahren herrscht nun die Hungersnot und auch in den nächsten fünf Jahren wird man weder säen noch ernten können. Gott hat mich vor euch her geschickt, damit er euch auf wunderbare Art und Weise am Leben erhält und einige von euch übrig bleiben. Ja, nicht ihr habt mich hierher geschickt, sondern Gott! Und er hat mich zum wichtigsten Berater des Pharaos gemacht – zum Herrn über sein ganzes Haus und zum Herrscher über ganz Ägypten.’» (1Mose 45,3-8 NL).

Reifungsprozesse brauchen viel Zeit. Bei Josef dauerte es vom Traum bis zu seiner Bestimmung 22 Jahre. Dahinter steckt Ausdauer und Geduld. In unserer Express-Gesellschaft finden wir nicht automatisch zu diesen Qualitäten. Wir ‘müllen’ jede Minute, in der nichts läuft, zu. Als ich vor bald 30 Jahren meine Lehre begann, standen wir Lehrlinge ganze drei Monate am Schraubstock und feilten an einem massiven U-Eisen herum. Heute hätte in einer solche Firma bereits nach einem Vierteljahr alle die Lehre abgebrochen. Am Anfang meiner Rehabilitationszeit nach der Schulter-OP bin ich einmal mit dem Bus von Dürrenäsch nach Seon gefahren. 24 Minuten! Für mich schlecht aushaltbar. Wir müssen dringend lernen, Langeweile zuzulassen. Wenn die Langeweile genug lange weilt, kommen plötzlich kreative Ideen und es entsteht überhaupt die Möglichkeit, Dinge im Leben zu reflektieren und zu reifen.

Vor einigen Wochen befassten wir uns schon einmal mit dem Kreislauf, der in Römer 5,3-5 beschrieben wird: Schwierigkeiten – Geduld – innere Stärke – Hoffnung – Liebe. Es ist meine Überzeugung, dass Gott nicht Schwierigkeiten als Mittel wählen würde, wenn es anders ginge. Deshalb einmal mehr: Vergeude niemals eine Krise!

Leid umarmen

Schwierigkeiten und Krisen sind der Ausgangspunkt eines jeden Reifeprozesses. Josef hat auch in den schwierigsten Umständen Gott vertraut. Dadurch konnte in seinem Herzen viel Gutes geschehen und er fand zu einer beeindruckenden Reife. Wir können nicht beeinflussen, was MIT uns passiert aber wir können beeinflussen, was IN uns passiert. Wie können wir beeinflussen, was in uns passiert? Indem wir das Leid umarmen, anstatt es zur Seite zu drängen. Das Leid umarmen, meint nicht, es zu verherrlichen oder zu suchen. Der russische Schriftsteller Fjodor M. Dostojewski hilft uns auf die Sprünge, wenn er sinngemäss sagt: «Man muss sein Schicksal lieben, denn es ist die Art, wie Gott einen formtSein Schicksal lieben und das Leid umarmen meint dasselbe.

Damit wir unser Schicksal – vor allem der schwere Teil – umarmen können, müssen wir folgenden Satz von Paulus verstehen und bejahen: «Und wir wissen, dass für die, die Gott lieben und nach seinem Willen zu ihm gehören, alles zum Guten führt» (Römer 8,28 NL). In unserer westeuropäischen Kultur verstehen wir gerne, dass Gott alles harmonisiert und sich gut anfühlen wird. Im nächsten Satz erklärt uns Paulus, was er unter dem Guten versteht: «Denn Gott hat sie schon vor Beginn der Zeit auserwählt und hat sie vorbestimmt, seinem Sohn gleich zu werden [...]» (Römer 8,29 NL). Alles, was uns widerfährt – gerade auch das Schwierige, soll dazu beitragen, dass wir in unserem ganzen Wesen dem Vorbild Jesus ähnlicher werden. Das Ziel des Lebens mit Jesus ist nicht der Aufenthalt in einer Wohlfühlzone, sondern die Ähnlichkeit mit Ihm. Josef bezeugt am Ende seiner Geschichte, das dies wirklich zutrifft: «Was mich betrifft, hat Gott alles Böse, das ihr geplant habt, zum Guten gewendet. Auf diese Weise wollte er das Leben vieler Menschen retten» (1Mose 50,20 NL).

Mehr erwarten

Josef wurde von Gott zu einer reifen Persönlichkeit geformt. In der Leiterschaftsliteratur findet man dafür den Begriff Konvergenz. Konvergenz ist dann, wenn bei einem Menschen charakterliche Reife, Erfahrungen und Kompetenzen zusammenlaufen. Auf dem Weg dorthin befinden wir uns.

Viele Menschen durchliefen solche Reifeprozesse. Jesus sagt über Petrus: «Ich versichere dir: Als du jung warst, konntest du tun, was du wolltest, und hingehen, wo es dir gefiel. Doch wenn du alt bist, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich führen und hinbringen, wo du nicht hingehen willst» (Johannes 21,28 NL). Früher lebte Petrus selbstbestimmt, im Alter wird Gott ihn bestimmen. Der junge Mose war jähzornig und unberechenbar. Er tötete einen Ägypter, der sein Volk unterdrückte. Der alte Mose führte ein Millionenvolk aus der Gefangenschaft in eine neue Heimat und liess sich von der Feuersäule und der Wolke führen. Gutes Ding braucht Weile. Gordon MacDonald sagte mit ungefähr 70 Jahren: «Ich denke, dass ich meine beste Predigt noch nicht gehalten habe.» Denkst du auch, dass deine beste Zeit noch kommt. Das Beste kommt noch. Nicht nur in Bezug auf die ewige Gemeinschaft mit Gott, sondern auch in deinem Leben auf dieser Erde. Diesen Satz solltest du auch mit 50, 60, 70 oder 80 Jahren noch aussprechen können!

Es ist zu bedauern und ein grosser Schaden für das Reich Gottes, wenn sich Leute ab 50 Jahre in ihre eigene Welt zurückziehen. Es gibt da ein paar Vorbilder in der Bibel, die das anders gehandhabt haben. «Als Josua sehr alt geworden war, sagte der Herr zu ihm: ‘Du wirst alt, und es gibt noch sehr viel Land, das erobert werden muss’» (Josua 13,1 NL). Selbst wenn du schon sehr alt bist, liegt noch viel Land zum Erobern vor dir. Sein Weggenosse, Kaleb sagt: «Der Herr hat mich bis jetzt am Leben erhalten, wie er es versprochen hat. Vor 45 Jahren gab er Mose während der Wüstenwanderung Israels diese Zusage für mich. Heute bin ich 85 Jahre alt. Ich bin immer noch so stark wie damals, als Mose mich auf Kundschaft schickte, und ich bin heute noch rüstig und genauso gut im Kampf wie damals. Deshalb bitte ich dich, mir das Bergland zu geben» (Josua 14,10-12 NL). Kaleb forderte mit 85 Jahren nicht den Mittelmeerstrand oder das fruchtbare Jordantal, sondern das herausfordernde und schwer urbare Bergland. Je reifer du bist, desto anspruchsvollere Aufgaben kannst du anpacken!

 

Wir können nicht beeinflussen, was MIT uns passiert aber wir können beeinflussen, was IN uns passiert. Durch den Glauben an Jesus Christus entsteht eine völlig neue Ausgangslage: Gott wohnt jetzt nämlich in der Person des Heiligen Geistes in dir. Er ist es, der an deinem Herz arbeitet. Er ist die Ressource, die dich zu einer reifen Persönlichkeit macht, die ein Segen für andere Menschen.

 

 

 

Mögliche Fragen für die Kleingruppen

Bibeltext lesen: 1. Mose 45,3-8; 1. Mose 50,20

  1. Bei Josef dauerte es 22 Jahre bis zur Meisterprüfung. Ausdauer war gefordert. Wie trainierst du Ausdauer? Inwiefern lässt du Langeweile in deinem Alltag zu und wie nutzt du sie?
  2. Josef fordert uns heraus, das Leid zu umarmen. Was bedeutet das für dich konkret in deinem Leben? Wie umarmt man das Leid?
  3. Glaubst du, dass bei denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen (Römer 8,28)? Was ist denn das Beste?
  4. Josua hatte selbst im hohen Alter noch viel Land vor sich, das erobert werden sollte. Was für Land liegt vor dir? Was könnte das Bergland bedeuten, das selbst im Alter noch besetzt werden könnte?