Heimat: Dein Vater und mein Vater
Sonntag, 14. April 2019

Heimat: Dein Vater und mein Vater

Prediger/in:
Passage: 5. Mose 26, 1-12, 18, 19b
Dienstart:

Was machst du, bevor du in eine neue Wohnung einziehst? Was machst du, bevor du in eine neue Heimat einziehst? Was macht ein ganzes Volk, wenn es in eine neue Heimat einzieht? Der heutige Bibeltext befasst sich mit Aspekten dieser Frage. Wir beschäftigen uns mit einem Text aus dem 5. Buch Mose. Das israelitische Volk befindet sich am Ostufer des Jordans und bereitet sich auf die Einreise in seine neue Heimat vor. Der Prophet Mose, der seit über 40 Jahren sein Volk führt, wird sie nicht dorthin führen. Seine Zeit als Leiter ist zu Ende und er bereitet sich auf seinen Tod vor. Zum Abschied erhielten die Israeliten eine lange Predigt von Mose, die sie in ihren U-Haul packen sollten. Er wiederholt die Torah (das Bundesgesetz von Sinai) in einer neuen oder zweiten Lesung des Gesetzes, einem Deuteronomium (zweites Gesetz).


Wir finden unseren Text für heute Morgen in 5. Mose Kapitel 26.

5. Mose 26, 1-4: «Ihr werdet nun in das Land kommen, das der Herr, euer Gott, euch zum Besitz gibt. Ihr werdet es erobern und euch darin ansiedeln. Nehmt dann ein paar von den ersten Früchten jeder Ernte, die ihr in dem Land einbringt, das der Herr, euer Gott, euch gibt. Legt sie in einen Korb und geht an den Ort, den sich der Herr, euer Gott, erwählt, damit dort sein Name angebetet werde. Geht zum diensthabenden Priester und sagt zu ihm: Wir bestätigen dem Herrn, deinem Gott, dass wir wirklich in das Land gekommen sind, das er unseren Vorfahren mit einem Eid versprochen hat. Danach soll der Priester den Korb aus euren Händen nehmen und vor den Altar des Herrn, eures Gottes, stellen»(NL).

In 5. Mose geht es um das Gesetz. Das Gesetz war der Grund, warum die Israeliten in ihr neue Heimat einziehen konnten. In gewissem Sinne war das Gesetz wie der Brief, den ich mitgebracht habe, als ich in die Schweiz kam. Das Gesetz brachte viele Rechte und Verantwortungen mit sich. Es enthält viele Anweisungen darüber, was von Israel als Volk Gottes erwartet wurde, als sie ihre neue Heimat in Besitz nahmen. Diese Anweisungen waren die Vertragsbedingungen des Sinai-Bundes.

Es ist wichtig, dass wir vorsichtig sind, wenn wir die Gesetze dieses Bundes anschauen. Wir riskieren, sie aus den Werten des 21. Jahrhunderts zu bewerten oder abzuwerten und nicht aus dem Zeitpunkt, als sie geschrieben wurden. Dies wäre ein Fehler, der leider sehr typisch für unser Zeitalter ist. Im Gegensatz zu anderen nahöstlichen Religionen seiner Zeit ging es beim Sinai-Bund nicht in erster Linie um Macht, sondern um Beziehungen und Gerechtigkeit. Jahrhunderte später gab uns der Prophet Micha eine wunderbare Zusammenfassung dessen, worum es im Gesetz ging:

Micha 6,8: «Es wurde dir, Mensch, doch schon längst gesagt, was gut ist und wie Gott möchte, dass du leben sollst. Er fordert von euch nichts anderes, als dass ihr euch an das Recht haltet, liebevoll und barmherzig miteinander umgeht und demütig vor Gott euer Leben führt»(NL).

Und was ist das Recht, was ist Gerechtigkeit? Heute wollen wir etwas davon erfahren.

Auslegung

5. Mose 26 bildet die Grundlage für zwei wichtige Säulen des Judentums: das Fest der ersten Früchte und der Zehnte.

Die Festen

Der Sinai-Bund richtete drei Feste ein, die für alle Juden obligatorisch waren. Dies waren die sogenannten Pilgerfeste, und während der Tempelzeit wurde erwartet, dass alle Juden nach Jerusalem pilgern würden, um diese Feste zu feiern. Pesach (das Passahfest), Schawuot (das Fest der ersten Früchte oder Pfingsten) und Sukkot (das Laubhüttenfest) waren und sind im Judentum sehr wichtig, und weil wir als Anhänger Jesu einem jüdischen Zimmermann und Wanderprediger folgen, sind diese ebenfalls bedeutsam für uns.

  1. Pessach ist das erste dieser Feste und das wichtigste Fest Judentums. Das Passahfest feiert Gottes Rettung aus der Sklaverei in Ägypten. Dieses Jahr beginnt das Passahfest am Freitag. Auch wir feiern Gottes Rettung aus der Sklaverei diese Woche. Heute ist der Beginn der Karwoche und wir werden an den Jubel erinnert, den Jesus bei seiner Ankunft in Jerusalem empfing. Aber die Rufe von «Hosanna» (rette uns) würden sich bald in Schreien von «Kreuzige» ihn verwandeln und Jesus wurde am Freitag, der erste Tag des Passahfests hingerichtet. Wir Menschen verurteilen Gott sehr schnell, wenn er unseren Erwartungen nicht entspricht. Karfreitag und Ostern sind die wichtigste christliche Festen und ihre  Bedeutungen sind tief im Sinne von Pessach verwurzelt. Der Tag nach dem ersten Passah-Sabbat (Ostersonntag) heisst Yom Habikkurim - der Tag der ersten Früchte. An diesem Tag wurden die ersten Garben (oder die erste Früchte) der neuen Ernte im Tempel geopfert. Yom Habikkurim ist auch der Tag der Auferstehung Jesu und Jesus ist als die erste Frucht der Auferstehung von der Toten genannt. Merkt ihr wie unser Glauben zum Teil eine Auslegung des jüdischen Glaubens ist?
  2. Genau 50 Tage nach Yom Habikkurim kommt Schawuot oder das Fest der ersten Früchte. Das griechische Wort für fünfzigste heisst pentekoste, was auf Mittelhochdeutsch phingeste oder pfingst heisst. Schawuot feiert die Gabe der Torah auf dem Sinai sowie die Gaben, die Gott in der Ernte gibt. Schawuot ist ein Freudenfest. Es wird gefeiert, dass Gott so viel Gutes geschenkt hat. Für Christen feiern wir mit Schawuot die Geburtsstunde der Kirche. Mit «Kirche» meine ich nicht irgendeine Institution oder ein Gebäude sondern eine Bewegung und eine lebendige Interaktion zwischen Gott und seinen Kindern. Dies ist etwas, das es wert ist gefeiert zu werden.
  3. Das dritte der obligatorischen Feste heisst Sukkot, oder das Laubhüttenfest. Sukkot findet zwei Wochen nach dem jüdischen Neujahrsfest Rosh Hashana statt. Wie der jüdische Tag abends beginnt, fängt das jüdische Jahr im Herbst an. Das Jahr beginnt Sukkot am 13. Oktober. Sukkot feiert die späte Ernte. Es feiert auch Gottes Schutz für sein Volk während seiner Zeit in der Wüste. Sukkot beinhaltet eine wichtige messianische Bedeutung, und Jesus wählte das Fest, um einige seiner wichtigsten Behauptungen über sich selbst als Messias zu erheben.

Die Feste waren Zeiten zum Nachdenken, aber sie waren auch Zeiten zum Feiern und zur Freude. Ich denke, ein wichtiges Prinzip ist, dass das Himmelreich eine Party ist. Es gibt viel Freude im Himmel, dort ist es nicht himmeltraurig. Und wenn der Himmel so ein fröhlicher Ort ist, denke ich, dass wir nicht auf eine erbärmliche Weise durch das Leben gehen müssen. Der Himmel ist in unseren Herzen, wir haben das Recht und die Verantwortung, das Leben, das uns gegeben wurde, wirklich auszukosten und zu geniessen.

Der Zehnte

Das zweite Hauptthema des heutigen Textes befasst sich mit dem Zehnten. Du hast wahrscheinlich schon einiges von diesem Thema gehört und ich möchte nicht viel darüber sagen. Ich denke jedoch, dass wir im Zusammenhang mit unserem Text einige Anmerkungen zum Zehnten machen können:

  1. Beim Zehnten geht es hier nicht hauptsächlich darum, religiösische Institutionen zu finanzieren, sondern gegenüber bedürftigen Menschen grosszügig zu sein. Israel war eine landwirtschaftliche Gesellschaft, und Wohlstand wurde an der Landmenge gemessen, die eine Person besass. Die genannten Menschen: Leviten, Witwen, Waisen und Ausländer hatten eines gemeinsam. Sie hatten kein Ackerland.  Diese Tatsache machte das Überleben sehr schwierig. Zu dieser Zeit gab es keinen Sozialstaat und keine Sozialversicherung. Menschen ohne Ackerland konnten sehr leicht in eine verzweifelte Situation geraten. Die Gerechtigkeit, die der Sinai-Bund verlangte, sagte Folgendes: Sei den Bedürftigen grosszügig und teile den Segen, den du erhalten hast.
  2. Mit Bedürftigen zu teilen, ist nicht nur Geld zu geben, das kann eigentlich billig und herzlos sein. Die Gerechtigkeit, die der Sinai-Bund verlangt, feiert zusammen mit den Bedürftigen und identifiziert sich mit ihnen. Wahre Gerechtigkeit heisst, das Leben zu teilen. Heute leben wir in einer Gesellschaft mit einem mehr oder weniger funktionierenden Sozialstaat und mit Sozialversicherung. Ich denke, Christen können und sollten stolz auf die Rolle sein, die wir beim Einbringen dieser Dinge in unsere Gesellschaft gespielt haben. Aber die Institutionen des Sozialstaats erlauben nicht, auf die Fürsorge und Identifikation mit Bedürftigen zu verzichten. Sie geben kein Erlaubnis, einfach wegzuschauen.

Mein Vater: Der heimatlose Aramäer

Warum sollte Gottes Volk grosszügig sein, besonders mit Ausländern? In 5. Mose 26, 5 finden wir eine Antwort auf diese Frage und einen Schlüssel für den Text, den wir heute gelesen haben. Beim Schawuot-Fest sprachen die Pilger ein rituelles Gebet. Dieses Gebet beinhaltete den Satz: Unser Stammvater war ein Aramäer, der umherzog.

Dieser Satz ist ziemlich schwierig zu übersetzen wegen des hebräischen Wortes  אבד (avad). Diese Schwierigkeit bewirkt, dass der Satz je nach Bibelübersetzung sehr unterschiedlich erscheint. Das Wort bedeutet: Heimatlos, verloren, dem Umkommen nahe, umherirrend, wandernd, oder verzweifelt. Der Satz beschreibt jemanden, der ein grosses Risiko eingegangen ist. In den Worten des Pokerspiels ist er «all in», er hat die Farm gewettet. Der heimatlose Jakob, der Stammesvater Israels, war völlig auf Gott angewiesen.

Jakob und später das Volk Israel lebten als Ausländer und verstanden die Bedürfnisse und Wünsche von Ausländern; es war Teil ihrer Identität. Diese Identität war ein wichtiger Teil Israels, und ich denke, es ist ein Grund dafür, dass Juden während der obligatorischen Feste als Pilger leben sollten. Es war eine Erinnerung daran, wer sie waren.

Heimat und Vater

Wenn wir über «Heimat» sprechen, werden wir oft mit der Idee eines Vaters konfrontiert. Ein Synonym für Heimat ist Vaterland. Vaterland kommt aus dem lateinischen Patria: dem Land unserer Väter. Patria ist die Wurzel von Worten wie Patrioten oder patriotisch, die auch eng mit Heimat verbunden sind. Die Logik hier ist, dass meine wahre Heimat das Land meiner Vorfahren ist. Aber was passiert, wenn meine Väter nicht aus diesem Land stammen? Was passiert, wenn wir zusammen in einem Land leben und nicht die gleichen Väter haben? Können wir Heimat erleben?

Wo ist deine Heimat? Wo fühlst du dich zu Hause? Im Land deines Vaters? Das ist keine schlechte Antwort, der Mensch verwendet sie seit Jahrtausenden. Aber vielleicht müssen wir uns die nächste Frage stellen: Wer ist dein Vater? Für die Israeliten des Sinai-Bundes war die Antwort auf diese Frage «ein heimatloser Aramäer». Diese Antwort sollte sie dem Partner im Bund näher bringen. Der wandernde Aramäer glaubte und vertraute seinem Gott, der die Verheissung einer Heimat machte und erfüllte.

Wenn wir Jesus nachfolgen, sind wir wie dieser wandernde Aramäer. Irgendwie sind wir auch heimatlos. Aber wir können uns an einen anderen Vater halten und sein Land als unsere Heimat beanspruchen. Der Vater, an den wir uns halten können, wartet sehnsüchtig darauf, dass seine Kinder nach Hause kommen. Er ist derjenige, der aus der Ferne zu ihnen rennt und seine Arme um sie legt. Er ist derjenige, der seinen Kindern Würde, Autorität und Freiheit wiedergibt, Kinder, die oft ihre Freiheit verloren haben und versklavt waren. Seine Heimat ist unsere wahre Heimat. Amen.

 

Fragen die wir mitnehmen können und für die Kleingruppen

Bibeltext lesen: 5. Mose 26: 1-12, 18, 19b

  1. Wo ist deine Heimat? Kämpfst du mit dem Gefühl, heimatlos zu sein?
  2. Wer ist dein Vater?
  3. Kannst du dich mit dem wandernden Aramäer identifizieren?
  4. Die Bibel ermutigt uns oft, nicht in Vergesslichkeit zu geraten:
    • Vergiss nicht wer wir sind
    • Vergiss nicht, was Gott getan hat
    • Vergiss nicht die Hilflosen und die Obdachlosen