Widerstandskraft entwickeln

Datum: Sonntag, 31. Oktober 2021 | Prediger/in:
Serie: | Bibeltext: Matthäus 7,13-14

Das Gleichnis vom breiten und schmalen Weg hat eine prägende und eher moralische Wirkungsgeschichte. Das war wohl nicht die Absicht von Jesus. Im Zusammenhang mit der Charakter- und Tugendlehre der Bergpredigt will Er uns sagen: Hör auf, zu sagen: «Aber das bringt mich doch in Bedrängnis.» Sei bereit, den Preis für ein Leben nach den Massstäben Gottes zu bezahlen. Es ist die Bedingung für die Verwandlung hin zur Christusähnlichkeit.


Als Kind ging ich nicht nur unter der Woche ins Schulhaus Spitz, sondern auch in die Sonntagsschule. Sonntag für Sonntag erschien Herr Ruh, unser Sonntagsschullehrer. Wir Kinder sassen brav und diszipliniert an unseren Plätzen, sangen «Gott ist die Liebe» und wurden ermahnt, den schmalen Weg zu nehmen. Ein Bild zeigte uns deutlich, dass der schmale Weg immer weiter vom breiten Weg wegführt. Jesus greift das Thema in der Bergpredigt auf: «Geht durch das enge Tor! Denn das weite Tor und der breite Weg führen ins Verderben, und viele sind auf diesem Weg. Doch das enge Tor und der schmale Weg führen ins Leben, und nur wenige finden diesen Weg» (Matthäus 5,13-14 NGÜ). Offensichtlich hat dieser Text eine Bedeutung für die Tugend- und Charakterbildung im Leben mit Jesus. Dieser Bedeutung spüren wir nun nach.

Breiter oder schmaler Weg?

Um 1860 liess die Stuttgarter Kaufmannsfrau Charlotte Reihlen ein Bild malen, das die beiden Wege zeigt. Dieses Bild hat in den folgenden Jahrzehnten seinen Siegeszug in viele Zimmer angetreten und Generationen von Christen geprägt. Im Vordergrund des Bildes ist eine Mauer mit einem weit geöffneten Tor, auf dem ein gross Willkommen! steht. Es ist der Zugang zum breiten Weg. Nebenan steht ein Prediger in Anzug. Die enge Pforte zum schmalen Weg ist mit Reich Gottes beschriftet.

Der Weg ins Reich Gottes ist gesäumt von einer Kirche, einer Sonntagsschule, einem Diakonissenhaus und einem wohltätigen Kinderheim. Er führt über enge Brücken, einige Szenen von Bedrohung sind zu sehen, die mit Gottvertrauen gemeistert werden. Und ein steiler Pfad führt hinauf auf einem Berggipfel, auf dem das himmlische Jerusalem golden zu sehen ist. Am Horizont ist weit gespannt der Regenbogen zu erkennen.

Der andere Weg, der zum Verderben, lädt gleich am Tor mit einer Art Heckenwirtschaft ein, wo Wein getrunken, wird. Dann folgen das Gasthaus zum Weltsinn, das einen Maskenball veranstaltet, es folgen Spielcasino, Debattierclub, Pfandleihhaus. An einer Stelle steht noch einmal einer, der Menschen auffordert auf den schmalen Pfad hinüberzuwechseln. Das Ende des Wegs ist ein feuriges Inferno, eine dem Untergang geweihte Stadt. Über den Flammen im Rauch erkennt man kreisende schwarze Gestalten und eine hell leuchtende Waage als Zeichen des Jüngsten Gerichts.

Ein durch und durch moralisches Bild, das in problematischer Weise schwarz-weiss malt. Als ich in der Chrischona Seon vor 22 Jahren meine Stelle antrat, befand sich mein Büro in der Kapelle Egliswil. Dort gab es ein betagtes Ehepaar, das befürchtete, dass ich als junger dynamischer Mann zu weltlich sein könnte. Deshalb haben sie folgenden Bibelvers an die Tür geheftet: «Zieht nicht unter fremdem Joch mit den Ungläubigen. Denn was hat Gerechtigkeit zu schaffen mit Gesetzlosigkeit? Was hat das Licht für Gemeinschaft mit der Finsternis?» (2Korinther 6,14 LUT).

Wer im Biergarten eine Stange trinkt, wer ins Theater geht oder Lotto spielt, ist deshalb ja noch nicht auf dem Weg in die Hölle. Umgekehrt ist der Besuch der Kirche oder der Beitritt in ein Diakonissenmutterhaus auch kein Freifahrtschein für den Himmel. Mit zwei Fragen versuche ich die zwei Wege-Theologie von Jesus verständlich zu machen.

Wo ist der schmale Weg?

Jesus hat die zwei Wege geografisch nicht verortet. Nirgends steht, dass sie in entgegengesetzter Richtung verlaufen. Wenn ich dieses Thema von der Gesamtheit der biblischen Aussagen beleuchte, müsste man sich die Wege übereinander liegend, sich trennend und dann wieder kreuzend vorstellen. Jesus braucht den Begriff «in der Welt, aber nicht von der Welt» (Johannes 17,14.16). Der schmale Weg verläuft in hohem Mass inmitten des breiten Weges.

Die religiöse Prägung, wie ich sie eingangs geschildert habe, hat dazu geführt, dass Christen wohl oder übel ein eigenes Milieu bildeten. Dann und wann, bei gewissen politischen Debatten wie Ehe für alle oder Abtreibung von Kindern tauchen sie wie U-Boote auf, um dann wieder auf dem schmalen Weg zu verschwinden. Von der Welt werden sie als eher weltfremd, besserwisserisch und selbstgerecht wahrgenommen.

Nein, Jesus-Leute gehören in die Welt, wenn sie ihre Bestimmung, Salz und Licht zu sein, leben wollen. Paulus hat nicht nur davor gewarnt, «am gleichen Strick wie die Ungläubigen zu ziehen», sondern folgenden nützlichen Tipp gegeben: «Wer häufig mit den Angelegenheiten dieser Welt in Berührung kommt, sollte sie nutzen, ohne sich an sie zu binden, denn die Welt und alles, was zu ihr gehört, wird vergehen» (1Korinther 7,31 NLB). Die Dinge der Welt nutzen, ohne sich daran zu binden. Sich an der Schöpfung und der Kreativität der Menschen erfreuen, ohne in eine Abhängigkeit zu geraten. Wir sollen uns der Welt verschenken, ohne uns an sie zu verkaufen. Wie geht das?

Wie lebt man auf dem schmalen Weg?

Wenn unsere Kinder jeweils an Orte gegangen sind (oder immer noch gehen), wo wir keine gute Ahnung hatten, beteten wir nicht: «Oh Daddy, lass sie nicht zum Weltsinn gehen!», sondern: «Oh Daddy, lass sie ihre Identität in dir bewusst sein!» Wenn sich ein Mensch seiner Identität in Jesus bewusst ist, bleibt er frei und verkauft sich nicht an die Welt. Diese Woche fand das Pray21 statt. An einer Station wurde uns durch viele Gegenstände die Identität in Jesus Christus zugesprochen: Geliebtes Kind und Erbe Gottes, Salz und Licht, Brief Christi, Gottes Werk, neu geschaffen, Glieder seines Leibes, etc.

Ich habe das auf mich wirken lassen und empfand, dass dies ein starkes Fundament in mein Leben gibt. Sich seiner Identität bewusst sein, bewahrt uns vor der Einvernahme durch die Welt. C.S. Lewis: «Gerade, weil wir etwas anderes mehr lieben als diese Welt, lieben wir diese Welt mehr als jene, die nichts anderes kennen.» Auf dem schmalen Weg sein heisst, etwas im Leben zu haben, dass grösser und wertvoller ist als das, was die Welt zu bieten hat. Wenn Jesus Christus unsere erste Priorität hat, findet alles andere seinen richtigen Platz. «Hört auf, diese Welt und das, was sie euch anbietet, zu lieben! Denn wer die Welt liebt, zeigt, dass die Liebe des Vaters nicht in ihm ist» (1Johannes 2,15 NLB). Die Liebe des Vaters empfangen ist die Grundvoraussetzung dafür, dass wir uns der Welt auf gesunde Weise verschenken können. Wenn sich eine Frau prostituiert, verkauft sie sich. Sie gibt ihren Körper hin und bekommt dafür Geld. Im Gegensatz dazu sollen wir uns der Welt verschenken. Das bedeutet, dass wir nicht unsere Identität oder unseren Wert daraus beziehen sollen.

Eine stabile Identität in Christus bedeutet zudem zu wissen, wo die Heimat ist. «Denn diese Welt ist nicht unsere Heimat; wir erwarten unsere zukünftige Stadt erst im Himmel» (Hebräer 13,14 NLB). Dieses Wissen gewährt uns den nötigen inneren Abstand zu den weltlichen Dingen und Genüssen. C.S. Lewis: «Ziele auf die nächste Welt, und du wirst diese Welt dazubekommen. Zielst du aber nur auf diese Welt, wirst du keine von beiden bekommen.» Jesus spricht vom breiten Weg, der ins Verderben führt – und das sagt er zu Menschen, die ihm nachfolgen. Anscheinend ist es für Menschen, die auf dem schmalen Weg unterwegs sind, möglich, dass sie auf den breiten wechseln und ins Verderben laufen. Das ist dann der Fall, wenn sie sich der Welt verkaufen, und sie ihre Identität aus der Welt holen. Ein Junge kauft Kanarienvogel und setzt ihn in den Käfig zu einem Spatzen, in der Hoffnung, der Spatz würde singen lernen. Nach drei Tagen gab er frustriert auf. Der Spatz klang nicht wie ein Kanarienvogel – stattdessen klang der Kanarienvogel genau wie ein Spatz.

Doch was hat das mit der Tugend- und Charakterlehre zu tun, von der die Bergpredigt handelt? Jesus sagt: «Doch das enge Tor und der schmale (bedrängende) Weg führen ins Leben, und nur wenige finden diesen Weg» (Matthäus 5,14 NGÜ). Das Wort, das den Weg als eng, schmal oder bedrängend bezeichnet, wird in der Bibel oft im Zusammenhang mit der Bedrängnis gebraucht, die Jesus-Leute in dieser Welt erfahren. «In der Welt kommt ihr in Bedrängnis» sagt Jesus in Johannes 16,33. Menschen, die nach der Musik Gottes tanzen, oder daran sind, es zu üben, stehen in dieser Welt nicht selten im Gegenwind. Bei einem Geburtstagsbesuch bei einer sehr erfahrenen Person hörte ich mehrmals den Satz, dass das Leben mit Jesus ein Kampf sei. Das stimmt! Wie schwer tue ich mich beispielsweise, um mir Zeit im Gebet zu gönnen. Widerstand kommt eben nicht nur von der sichtbaren Welt und von Menschen, sondern auch von der unsichtbaren Welt.

Zum Charakter der Menschen, die Jesus nachfolgen, das heisst, die in die Jesusschule eingetreten sind, gehört deshalb die Widerstandskraft angesichts der Konfrontationen und Bedrängnisse. Bedrängnis ist ein Echtheitszeichen des Glaubens. Dafür verwendet das Evangelium auch die Formel «das Kreuz tragen». In der Welt, aber nicht von der Welt – das kann viel Reibung erzeugen. In den Seligpreisungen sagt Jesus: «Glücklich zu preisen seid ihr, wenn man euch um meinetwillen beschimpft und verfolgt und euch zu Unrecht die schlimmsten Dinge nachsagt. Freut euch und jubelt!» (Matthäus 5,11f NGÜ). Im Widerstand sollen wir also nicht den Kopf einziehen, uns verstecken und keine Opferhaltung einnehmen («Es ist halt schon schlimm…»), sondern uns freuen. Das griechische Wort meint: jubeln, springen, seine Freude durch Hüpfen ausdrücken, überschäumende Fröhlichkeit und Wonne. Luther übersetzte mit «dann hüpft wie die Mastkälber». Es gilt aber zu beachten: «Wenn es zu Unrecht ist.» Nicht, wenn wir mit Bibelsprüchen durch das Leben rasen und das Leben ganz anders aussieht. Wenn sie Recht haben, müssen wir unser Leben ändern und nicht hüpfen wie die Mastkälber! Jesu Botschaft hinter dem Gleichnis von den beiden Wegen lautet also: Hör auf zu sagen: «Aber das bringt mich doch in Bedrängnis.» Sei bereit, den Preis für ein Leben nach den Massstäben Gottes zu bezahlen.

Jesus sagt von sich: «Ja, ich bin das Tor. Wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden. Wo er auch hinkommt, wird er grüne Weiden finden» (Johannes 10,9 NLB). Jesus selbst ist das enge Tor, das zum wahren Leben führt. Auf dem schmalen Weg zu sein, bedeutet, sich im Leben an Jesus zu orientieren. Der Eintrittspreis auf diesen Weg wurde ebenfalls von Jesus bezahlt. «Gott hat einen hohen Preis für euch bezahlt, deshalb werdet nicht Sklaven von Menschen» (1Korinther 7,23 NLB). Gott hat uns durch den Tod von Jesus Christus teuer erkauft. Jesus ist verkauft worden und hat sich uns verschenkt, damit wir uns an die Welt verschenken und nicht verkaufen, weil wir ja schon von ihm erkauft sind und das als Geschenk.

 

 

 

Mögliche Fragen für die Kleingruppen

Bibeltext lesen: Matthäus 7,13-14

  1. Was für innere Bilder zum schmalen und breiten Weg begleiten dich?
  2. Wie erlebst du es, in der Welt aber nicht von der Welt zu leben? Wo kommst du mit den Angelegenheiten diese Welt in Berührung?
  3. Warum ist unsere Identität in dieser Thematik so wichtig?
  4. Inwiefern empfindest du den Weg im Leben mit Jesus als bedrängend? Was für Widerstände kennst du? Was könnte das Problem sein, wenn es keine Widerstände gibt?
  5. Es gibt im Text zwei Zitate von C.S. Lewis. Weshalb stimmst du ihnen (nicht) zu?