Sein statt Schein

Datum: Sonntag, 7. November 2021 | Prediger/in:
Serie: | Bibeltext: Matthäus 7,21-23

Gott kennen ist das Entscheidende. Mein Lippenbekenntnis und auch Wundertaten im Namen Gottes sind unbedeutend, wenn ich Gott nicht kenne. Gott kennen heisst, dass ich mein gesamtes Vertrauen auf ihn setze. Dieses Vertrauen wird Glaube genannt. Durch das verwurzelt sein auf einem guten Fundament – Jesus Christus – können gute Taten entstehen. Der Glaube und das Verwurzeltsein zeigt sich darin, dass mein Leben von Liebe getrieben ist.


Ich habe knapp vier Jahre lang in Bern gewohnt. Oftmals wenn ich Besuch bekam, welcher nicht von Bern kam, ging ich mit diesen in der Stadt spazieren. Dabei zeigte ich das Bundeshaus, die Aare, den Bärengraben und das Berner Münster. Das Berner Münster interessierte mich nicht unbedingt aufgrund des Turms und der schönen Aussicht, sondern vielmehr aufgrund einer Bemalung beim Portal des Münsters. Bern war bis zur Reformation um 1530 römisch-katholisch geprägt, wie dies an vielen Orten in Europa der Fall war. Im Zuge der Reformation ging man in der Schweiz rigoros mit vielen Bildern und Skulpturen in den Kirchen um. Der sogenannte Bildersturm führte dazu, dass evangelisch-reformierte Kirchen ziemlich kahl daherkommen. Bis auf ein paar Glasmalereien ist oftmals nicht viel übriggeblieben. Auch am Berner Münster ging der Bildersturm nicht spurlos vorbei. Etliche Dinge wurden entfernt, doch das Bild oberhalb des Eingangs liessen sie bestehen. Sie passten es zwar wenig an, dennoch ist es praktisch noch im Original zu sehen.

Auf diesem ist das sogenannte Jüngste Gericht dargestellt. Der Tag, an dem Jesus Gericht halten wird und die Leute entweder in den Himmel oder die Hölle geschickt werden. Bei genauerem betrachten sieht man auf der Himmelseite einen Papst unter dem goldenen Baldachin. Diesen erkennt man an seinem Hut. Doch weshalb liessen die Bilderstürmer dieses Bild hängen? Die Lösung liegt auf der Höllenseite des Bildes. Hier sieht man eine Person von hinten, welche kopfüber in das Feuer gehalten wird. Auch diese Person hat einen Papsthut auf. Deshalb wurde dieses Bild nicht zerstört. Auf beiden Seiten bei den Auserwählten, aber auch auf der Höllenseite, finden sich alle Berufsgruppen und Gesellschaftsschichten. Egal ob Bauer, Handwerker, Geistlicher, Herrscher, ja sogar Papst. Überall finden sich die gleichen Leute. Dieses Bild unterstreicht, dass niemand nur aufgrund seines Berufs oder Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe in den Himmel kommt. Doch wie kommt man denn zu der Seite Gottes? Jesus Christus spricht in der Bergpredigt auch davon. «Nicht alle Menschen, die sich fromm gebärden, glauben an Gott. Auch wenn sie Herr zu mir sagen, heisst das noch lange nicht, dass sie ins Himmelreich kommen. Entscheidend ist, ob sie meinem Vater im Himmel gehorchen. Am Tag des Gerichts werden viele zu mir kommen und sagen: ‚Herr, Herr, wir haben in deinem Namen prophezeit und in deinem Namen Dämonen ausgetrieben und viele Wunder vollbracht.‘ Doch ich werde ihnen antworten: ‚Ich habe euch nie gekannt. Fort mit euch. Ihr lebt nicht nach Gottes Gebot‘» (Matthäus 7,21-23 NLB).

Gott kennen

Gott kennen ist der Schlüsselbegriff für das Verständnis dieser Aussage von Jesus Christus. Im griechischen steht hier das Verb ginosko. Die Bedeutung von diesem Verb ist sehr breit. Sie meint aber so viel wie kennen, erkennen, verstehen, erfahren, merken, wissen. Es beinhaltet das Kennen als Person. Dieses kennen ist nicht bloss oberflächlich, so wie ich bspw. von jemandem einen Namen kenne. Nein es geht sehr viel tiefer und umfasst das Wissen aufgrund von Erfahrung. Wenn Jesus einen Menschen kennt, dann beinhaltet dies, dass er um alles weiss. Es bedeutet, dass grosse Intimität und Beziehung vorhanden sind. Diese Intimität ist so stark, dass das gleiche griechische Wort auch gebraucht werden kann, um den Geschlechtsverkehr zu umschreiben. Diese Intimität lässt alle Hüllen fallen. Wenn Jesus einen Menschen kennt, dann steht dieser sprichwörtlich nackt vor ihm. Dies weil der Mensch nichts bieten kann, aber auch weil er Gott alles hingibt. Diese Intimität mit Gott wird ein wichtiger Bestandteil der Identität. Menschen, die sich Jesus geöffnet haben, die sagen, sie wollen ihm gehorchen und ihm nachfolgen, die in eine persönliche Beziehung zu ihm getreten sind, solche Menschen gründen ihre Identität nicht auf materiellen Dingen. Sondern ihre Identität gründet sich im Sein. Im Sein als Tochter oder Sohn von Jesus Christus.

Der Ausspruch von Jesus richtet sich nicht einfach an alle Menschen. Sondern er richtet sich ganz explizit an die Menschen, welche von sich aus behaupten, dass sie ihm nachfolgen. Sie beinhaltet alle, welche sich selbst als Christen – Nachfolger von Jesus Christus bezeichnen. In der Predigt vom letzten Sonntag sprach Matthias Altwegg vom schmalen und vom breiten Weg. Dieser schmale Weg läuft aber nicht gesondert vom breiten, sondern mitten im breiten Weg. So sind Nachfolger von Jesus Christus zusammen mit anderen Menschen unterwegs. Doch der Unterschied liegt in ihrer Identität. Diese liegt im Kennen von Gott. In der Bergpredigt macht Jesus immer wieder deutlich, dass dieses Kennen nicht distanziert, sondern innig ist. Es entspricht dem Verhältnis von einem Kind zu seinen Eltern. Ein Kind ist sich seines Kind-Seins bewusst. Es weiss, dass es geliebt ist und dass seine Eltern sich gut um es kümmern und für das Kind sorgen. Genau so sollen wir Gott kennen.

Schein statt Sein

Wahres Kind Gottes Sein liegt nicht im Erfüllen gewisser Dinge. Das jemand im Namen Gottes Wunder vollbringt bedeutet nicht, dass der Wundervollbringer ein Kind Gottes ist. Werden durch die Kraft Gottes Dämonen ausgetrieben, bedeutet dies nicht, dass die Person Jesus kennt. Auch wenn jemand richtige Prophezeiungen über die Zukunft macht, ist dies nicht automatisch sein Eintrittsticket in den Himmel. All diese Dinge können ebenso mehr Schein als Sein sein. Oftmals liegen wir auch in der Gefahr zu sagen, dass wenn Gott ein Wunder tut, in welcher Art und Weise auch immer, dann werden viele Menschen an Jesus Glauben. Dann wird aus dem Schein ein Sein. Doch in der Regel ist dies nicht so. Menschen kann noch so ein grosses Wunder widerfahren, sie wollen dennoch Jesus nicht kennen lernen.

Jesus seine Aussage ist herausfordernd. Zum einen genügt es nicht, die Nachfolge nur bei blossen Lippenbekenntnissen zu belassen. Zum anderen genügen aber auch Taten nicht. Der richtige Weg lässt sich am besten wie folgt beschreiben. «Aber es reicht nicht, nur auf die Botschaft zu hören - ihr müsst auch danach handeln! Sonst betrügt ihr euch nur selbst» (Jakobus 1,22 NLB). Deshalb «macht das Reich Gottes zu eurem wichtigsten Anliegen, lebt in Gottes Gerechtigkeit, und er wird euch all das geben, was ihr braucht» (Matthäus 6,33). Die von Jesus hier angesprochenen Nachfolger, welche ihn Herr nennen, Wunder vollbringen, Dämonen austreiben und prophetisch reden, tun dem Schein nach zwar das richtige, doch dem Sein nach treiben sie eigennützige Motive. Doch, obwohl die Motive selbstsüchtig sind, mindert dies nicht die Macht Gottes. Gott kann solche Wunder, Dämonenaustreibungen und Prophetien dennoch gebrauchen, damit er selbst geehrt wird. Die Macht Gottes ist unabhängig vom Menschen. All diese Dinge geschehen primär, weil sie im Namen Gottes geschehen.

Wenn der eigene Ruhm der treibende Grund ist, dann ist ein Nachfolger von Jesus eher ein Schein-Christ als das er ein Christ-Sein lebt. Das an dem sich der Schein vom Sein trennt, ist das Motiv der Liebe. Der Apostel Paulus könnte es im Korintherbrief nicht passender sagen. Paulus schreibt diesen an eine Gemeinde, in welcher sich die Menschen überboten den anderen zu zeigen, wie geistlich, wie vorbildlich sie ihren Glauben leben. Doch Paulus kontert gekonnt. «Wenn ich in den Sprachen der Welt oder mit Engelszungen reden könnte, aber keine Liebe hätte, wäre mein Reden nur sinnloser Lärm wie ein dröhnender Gong oder eine klingende Schelle. Wenn ich die Gabe der Prophetie hätte und wüsste alle Geheimnisse und hätte jede Erkenntnis und wenn ich einen Glauben hätte, der Berge versetzen könnte, aber keine Liebe hätte, so wäre ich nichts. Wenn ich alles, was ich besitze, den Armen geben und sogar meinen Körper opfern würde, damit ich geehrt würde, aber keine Liebe hätte, wäre alles wertlos. Die Liebe ist geduldig und freundlich. Sie ist nicht neidisch oder überheblich, stolz oder anstössig. Die Liebe ist nicht selbstsüchtig. Sie lässt sich nicht reizen, und wenn man ihr Böses tut, trägt sie es nicht nach. Sie freut sich niemals über Ungerechtigkeit, sondern sie freut sich immer an der Wahrheit. Die Liebe erträgt alles, verliert nie den Glauben, bewahrt stets die Hoffnung und bleibt bestehen, was auch geschieht. Die Liebe wird niemals aufhören, selbst wenn Prophetie, das Reden in unbekannten Sprachen und die Erkenntnis vergehen werden» (1. Korinther 3,1-8). Es kommt auf das in der Liebe Sein und nicht auf den Christ Schein an.

Ein festes Fundament

Wie kommen wir dazu, dass unser Leben Sein statt Schein ist? Es geht darum Jesus richtig zu Kennen. Es fordert uns heraus, unsere Nachfolge grundsätzlich zu überdenken. «Man hat uns gesagt, dass die einzige Anforderung eine einmalige Entscheidung ist oder sogar nur die intellektuelle Zustimmung zu Jesus. Danach müssten wir uns nicht weiter um seine Gebote, seine Massstäbe oder seine Ehre kümmern. Wir haben die Eintrittskarte für den Himmel und können hier auf der Erde leben, wie wir wollen» (David Platt). In der Bergpredigt geht es um mehr als nur um das Befolgen und Anwenden von gewissen Verhaltensmustern. Die Botschaft der Bergpredigt fordert heraus, Charakter und Vorstellungen verändern zu lassen. Es geht darum, seine Identität in Jesus zu verwurzeln. Dieses verwurzeln zeigt sich darin, Gott zu kennen. Dazu gehört auch, sich bewusst zu sein, dass es ein reines Geschenk ist Gott zu kennen. Dies wird auch als Gnade bezeichnet. Was wir dazu tun können, ist an Jesus Christus zu glauben, seinen Willen über den eigenen zu setzen und zu vertrauen, dass er es gut mit mir meint. Gott zu gehorchen hat viel mit Vertrauen zu tun. Wenn wir Gott vertrauen, werden äusserliche Dinge unbedeutend. Dann spielt es keine Rolle welchen Beruf, Herkunft oder Geschlecht man hat. Das entscheidende ist Gott zu Vertrauen. «Denn wenn wir unser Vertrauen auf Christus Jesus setzen, fragt Gott nicht danach, ob wir beschnitten oder unbeschnitten sind. Entscheidend ist der Glaube, der sich in der Liebe zeigt» (Galater 5,6 NLB). Der Glaube ist ein Vertrauen in Jesus Christus, dieser wiederum zeigt sich in der Liebe. Diese Liebe ist nicht passiv oder untätig, sie ist aufopfernd und interessiert, setzt sich für die Ärmsten ein. Diese Liebe zueinander ist das Erkennungsmerkmal von Menschen, welche mit Jesus unterwegs sind (Johannes 13,35). Dies bedeutet nicht, dass es keine Momente der Lieblosigkeit mehr gibt. Es heisst auch nicht, dass die Liebe von allen so verstanden wird, besonders wenn Liebe nur als Ja aber nicht auch als Nein verstanden wird.

So stellt sich an jeden einzelnen die Frage, ob die Motive, auf denen das eigene Lebenshaus steht, ein gutes Fundament ergeben. Ich bin zutiefst überzeugt, dass Jesus Christus ein Fundament ist, welches Bestand hat. Es ist dann jedem selbst überlassen, wie auf diesem Fundament weitergebaut wird. «Denn niemand kann ein anderes Fundament legen als das, das schon gelegt ist - Jesus Christus. Wer nun auf dieses Fundament aufbaut, kann dazu Gold, Silber, Edelsteine, Holz, Heu oder Stroh verwenden. Am Tag des Gerichts wird sich die Arbeit jedes Einzelnen im Feuer bewähren müssen. Das Feuer wird zeigen, von welcher Qualität das Bauwerk ist. Wenn es dem Feuer standhält, wird der, der es gebaut hat, Lohn empfangen. Doch wenn sein Werk verbrennt, wird er einen schmerzlichen Verlust erleiden. Er selbst wird zwar gerettet werden, aber nur wie einer, der mit Mühe und Not einem Feuer entkommt» (1. Korinther 3,11-15 NLB). Die Menschen, welche von Jesus in der Bergpredigt angesprochen wurden, haben zwar vielleicht ein gutes Bauwerk vorzuweisen, aber das Fundament ist nicht vorhanden. Das Entscheidende ist das Fundament – das Jesus Christus Kennen. Wir sind jeden Tag neu herausgefordert auf dieses Fundament zu vertrauen und mit Jesus am Ball zu bleiben. Aus diesem Dranbleiben heraus kann dann gute Frucht entstehen. «Ich bin der Weinstock; ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, wird viel Frucht bringen. Denn getrennt von mir könnt ihr nichts tun» (Johannes 15,5 NLB). Das Entscheidende ist nicht das Lippenbekenntnis oder das Frucht bringen, sondern das Verwurzeltsein in einem Fundament, welches Bestand hält – Jesus Christus.

Mögliche Fragen für die Kleingruppe

Bibeltext lesen: Matthäus 7,21-23

  1. Was macht der Aussage dieser Bibelstelle mit dir?
  2. Wie würdest du dein «Gott Kennen» beschreiben?
  3. Wie gehst du persönlich damit um, dass Menschen in der Kraft Gottes grossartige Dinge vollbringen, ihr Leben aber kein Zeugnis ist?
  4. Was sind deine Motive der Nachfolge?
  5. Was hindert dich daran, Gott voll und ganz zu vertrauen?