Teilhaber an Christus werden

Datum: Freitag, 2. April 2021 | Prediger/in:
Serie: | Bibeltext: Philipper 3,10

Heute ist Karfreitag, in drei Tagen Ostern. Diese Reihenfolge gilt auch für den persönlichen und glaubensmässigen Prozess zur Reife. Paulus möchte die Auferstehungskraft von Christus erfahren. Damit dies geschehen kann, möchte er auch an seinem Leiden teilhaben und ihm bis in sein Sterben hinein ähnlich werden. In dieser Predigt wird die Bedeutung dieser Wahrheit für unser Leben erläutert.


Mir scheint, dass es immer öfters vorkommt, dass meine Frau Silvia etwas ausspricht, worüber mir gleichzeitig Gedanken durch den Kopf gehen. Dabei handelt es sich nicht nur um thematisch in der Luft liegende Themen. Das Geheimnis einer Ehe besteht darin, dass man ich immer besser kennenlernt und einander ähnlicher wird.

Noch viel mehr Potenzial zur Ähnlichkeit haben wir in der Beziehung mit Jesus. Das ist doch eine höchst attraktive Aussicht! Er ist ein grosses Vorbild. In grosser Vollmacht hat er gepredigt, unzählige Wunder vollbracht und Menschen bedingungslos geliebt. Am Kreuz hangend, von Schmerzen überwältigt, vergibt er seinen Henkersknechten. Ohne Frage, es lohnt sich, in unserem Wesen in sein Bild verwandelt zu werden. Paulus ist gleicher Meinung: «Ja, ich möchte Christus immer besser kennen lernen; ich möchte die Kraft, mit der Gott ihn von den Toten auferweckt hat, an mir selbst erfahren [...]» (Philipper 3,10a). Und wir heben unsere Arme und rufen «Amen». Doch dann fährt Paulus mit einer sehr herausfordernden Aussage weiter, die heftig nach Spassbremse klingt: «[...] und möchte an seinem Leiden teilhaben, sodass ich ihm bis in sein Sterben hinein ähnlich werde» (Philipper 3,10b NGÜ). Wir senken die Blicke und sagen: «Oh, nein!» Doch – für ein Rund-um-Jesus-ähnlicher-Projekt gilt es an seinem Leben und an seinem Leiden teilzuhaben. Und – zuerst kommt Karfreitag, dann Ostern.

An seinem Leiden

Paulus möchte Teilhaber an Jesu Leiden werden, so dass er bis ins Sterben hinein Jesus ähnlicher wird. Wie bedeutet es, an Jesu Leiden teilzuhaben?

In der Taufe werden wir in Tod und Auferstehung mit Jesus und dem Vater verbunden. Das wird bestätigt: «Denn durch die Taufe sind wir mit Christus gestorben und begraben [...]» (Römer 6,4 NLB). Die Taufe ist das Ritual, beim dem der Bund mit Gott besiegelt wird. Ein Bund ist die Vereinigung zweier Personen, die zu einer neuen Körperschaft verschmelzen. Er basiert auf freiwilliger Hingabe an den Bundespartner. Ein Mensch, der sich taufen lässt, verschenkt sich an Gott, so wie Gott sich an uns verschenkt hat. Ein Bund ist Rahmen und Fundament für eine vertrauensvolle, liebende Gemeinschaft. In der Taufe wird unser früheres Leben mit Christus gekreuzigt (Römer 6,6).

Anteil haben an seinem Leiden, bedeutet also, sich ganz an Gott zu verschenken. Den Eigenwillen, die Selbstverwirklichung, die Ambitionen, sein ganzes Leben mit Gott verschmelzen zu lassen, sich mit Ihm zu verbünden. Jesus nennt als Bedingung für die Nachfolge, sich selbst zu verleugnen, sein Kreuz auf sich zu nehmen und sein Leben für ihn aufzugeben (Matthäus 16,24f).

Damit ist nicht gemeint, dass wir blass, gelangweilt und lebensüberdrüssig unser Dasein fristen, sondern uns mutig und freudig Jesus hingeben. Dass wir unser Geld, unseren Zivilstand, unsere Freunde, unsere Leidenschaften zum Kreuz bringen und sage: «Hier ist mein Geld. Von nun an bestimmen wir gemeinsam, wie ich es einsetze!» Das Resultat dieser Hingabe ist eine grosse Freiheit. Ich muss mich nicht mehr sorgen, denn der, dem alles Gold und Silber gehört und mit mir teilt, wurde zu meinem privaten Vermögensverwalter. Martin Buber soll gesagt haben: «Bei sich beginnen, aber nicht bei sich enden; von sich ausgehen, aber nicht auf sich abzielen; sich erfassen, aber sich nicht mit sich befassen.» Eine solche Freiheit werden die Menschen erleben, die Teilhaber an Jesu Leiden werden.

Vor ein paar Wochen entdeckten wir, dass die Seligpreisungen (Matthäus 5,1ff) Tugenden sind, die wir erlernen sollen. Eine davon heisst: Bereitschaft, um der Gerechtigkeit willen Widerstand zu ertragen. Auch das ist eine Form der Teilhabe an Jesu Leiden. Y.E. erzählte vor knapp zwei Wochen im Gottesdienst, was dies für ihn im Sudan bedeutete. Sein Bericht hinterliess bei vielen von uns tiefe Spuren und löste Betroffenheit aus. Trotz unsäglicher Peinigung aufgrund des Glaubens an Jesus Christus, sagte er, dass wir nicht dafür beten sollen, dass die Verfolgung aufhöre, sondern dass sie Kraft hätten, durchzuhalten. Eine Frage, die viele von uns beschäftigte, lautet: «Würde ich in einer solchen Repression Jesus treu bleiben?» Mit der Taufe hast du diese Frage eigentlich beantwortet, denn du bist durch den Bund mit Jesus zu einer neuen Körperschaft verschmolzen. Eine solche Drucksituation könnten wir niemals allein durchstehen. Ich bin aber überzeugt, dass der Bund auch dann trägt! Auch Paulus berichtet in kurzen Zügen eindrücklich von seinen Verfolgungen. Diese Aufzählung mündet in den Satz: «Durch das Leiden erfahren wir am eigenen Leib ständig den Tod von Christus, damit auch sein Leben an unserem Körper sichtbar wird» (2Korinther 4,10 NLB).

Sehr beeindruckend empfinde ich die Haltung der drei Freunde von Daniel, bevor sie in den Feuerofen geworfen wurden. Sie sagten: «Unser Gott, den wir verehren, kann uns erretten aus dem glühenden Feuerofen. Und wenn er's nicht tut, so sollst du dennoch wissen, dass wir deinen Gott nicht ehren und das goldene Bild nicht anbeten werden» (Daniel 3,17f LUT). Was für ein Vertrauen, was für eine Gewissheit, was für eine Freiheit! Ihr Leben ist mit Gott verbunden – was kann ihnen geschehen? Üben wir doch die Tugend «um der Gerechtigkeit willen Widerstand ertragen» frühzeitig ein. Beginnen wir doch im Kleinen: Stehen wir vor unseren Studien- bzw. Arbeitskollegen und Nachbarn mutig zu unserem Glauben.

Als Jesus am Kreuz hin, sagte er: «Vater, vergib diesen Menschen, denn sie wissen nicht, was sie tun» (Lukas 23,34 NLB). Unglaublich! Selbst in seinem Sterben liebt Jesus seine Feinde und wird zu ihrem Fürsprecher. Paulus möchte bis in sein Sterben hinein Jesus ähnlich sein! In einer solchen Drucksituation zeigt sich der tiefste Charakter eines Menschen. Durch das Einüben von Tugenden, wie sie in der Bergpredigt beschrieben sind, entsteht ein standfester Charakter. Das ist das, was die Metamorphose will.

An seinem Leben

Ja, ich möchte Christus immer besser kennen lernen; ich möchte die Kraft, mit der Gott ihn von den Toten auferweckt hat, an mir selbst erfahren» (Philipper 3,10a NGÜ). Durch die Teilhabe an Christi Leiden möchte Paulus auch Teilhaber an seinem Leben werden. Wir leben nicht dem Sterben entgegen, sondern sterben dem Leben entgegen. Auf Karfreitag folgt Ostern. Auf das Grab die Auferstehung. Wer mit Jesus im Sterben ähnlich wurde, darf die Auferstehungskraft in allen Facetten erleben. Das gilt auch konkret am Ende des irdischen Lebens und ist der Grund dafür, dass sich viele ältere Jesus-Nachfolger auf das Sterben freuen. Sie wissen, dass sie dem Leben entgegen sterben.

Göttliche Lebendigkeit zeigt sich jedoch nicht erst in der Ewigkeit in Gottes Herrlichkeit, sondern jetzt schon. Sie ist wie ein Frosch, der kürzlich eine Kaulquappe war, und nun voller Lebensfreude von einem Stein aus kopfüber ins Wasser springt. Oder wie ein Schmetterling, der im Sonnenlicht von einer Blume zur nächsten tanzt. Das ist Leben. Das ist Auferstehungskraft. Beide Tiere mussten vorher durch eine Metamorphose gehen. Die Auferstehungskraft zeigt sich in der Verwandlung unseres Wesens hin zu einem göttlichen Charakter. Wenn wir uns mit Jesus in der Taufe eins gemacht haben, beginnt ein Prozess, in dem wir Tugenden lernen und daraus einen Charakter bilden. Neues wird möglich. Ohne diese Auferstehungskraft müssten wir mit Jeremia konstatieren: «Kann ein Farbiger seine Hautfarbe wechseln oder ein Leopard sein geflecktes Fell? Genauso wenig könnt ihr auf einmal Gutes tun, nachdem ihr doch immer nur Böses getan habt» (Jeremia 13,23 NLB). Eine Charakterveränderung ist menschlich gesehen unmöglich. Doch vom Kreuz her fliesst eine Kraft, die Unmögliches möglich macht. Die Metamorphose, von der wir das ganze Jahr reden, ist nicht lediglich ein Tuning unseres Erscheinungsbildes, nicht nur eine Farb- und Stilberatung, sondern ein göttliches übernatürliches Wunder, das seine Wurzel im Kreuz Jesu hat. Wer Teilhaber an Jesu Leiden und Leben wird, wird in seine Herrlichkeit, seinen Charakter, verwandelt (vgl. 2Korinther 3,18).

Eine weitere Facette dieses Auferstehungslebens: «Unser früheres Leben wurde mit Christus gekreuzigt, damit die Sünde in unserem Leben ihre Macht verliert. Nun sind wir keine Sklaven der Sünde mehr» (Römer 6,6 NLB). Wenn wir Jesus im Sterben ähnlich werden, verliert die Sünde die Macht über uns. Wir können noch sündigen, müssen aber nicht mehr. Sünde ist ... nicht nach der Musik des Himmels zu tanzen. Wer mit Christus gekreuzigt wurde, hat klare Sicht und bekommt Kontakt zum Himmel – auch in den dunklen Momenten, wenn ich ganz allein nachts vor dem PC sitze und in die falsche Richtung surfe. Auch in der Gedankenwelt. Laut Predigt vom letzten Sonntag schwirren täglich zwischen 50–80’000 Gedanken durch unser Gehirn. Bedauerlicherweise sind es neunmal mehr negative als positive Gedanken. Laut einer Information aus dem Internet sind nur 3% unserer Gedanken erbauend. Was für ein Potenzial für mehr Lebensqualität! Wir können durch Metamorphose unsere Gedankenwelt hin zum positiven Erbaulichem verändern lassen. In der Metamorphose Originalstelle heisst es ja: «[...] lasst euch [in eurem Wesen] verwandeln durch die Erneuerung eures Sinnes» (Römer 12,2 SLT). Unsere Sinne beinhalten unsere Gedanken. Wir können der Verwandlung unserer Gedanken durch Dankbarkeit und dem Lob Gottes Vorschub leisten.

Last but not least beinhaltet dieses neue Leben auch die Vollmacht, Wunder zu tun. Verbunden mit Christus dürfen wir miterleben, wie Menschen durch das Gebet geheilt werden und Belastungen weichen müssen.

 

«Ja, ich möchte Christus immer besser kennen lernen [...]» (Philipper 3,10a NGÜ). Christus immer besser kennenlernen – darin liegt das Potenzial zur Lebensveränderung! Die gute Botschaft ist, dass eine tiefgreifende Lebensveränderung nicht etwas ist, das erst später im Himmel passieren wird. Nein, es beginnt jetzt. Mit Jesus ist das Himmelreich zu uns auf die Erde gekommen.

 

 

 

 

 

 

Mögliche Fragen für die Kleingruppen

Bibeltext lesen: 2. Korinther 4,7-11; Philipper 3,10

  1. Kannst du den Wunsch von Paulus, an den Leiden von Christus teilzuhaben, verstehen? Was steckt dahinter?
  2. Was bedeutet es konkret, an den Leiden von Christus teilzuhaben? Willst du das auch?
  3. Hast du schon durch die Taufe zum Ausdruck gebracht, dass du mit Christus sterben und auferstehen willst? Warum (nicht)?
  4. Wie können wir die Auferstehungskraft erleben? Was hat das mit der Metamorphose zu tun?
  5. Wie können wir Christus immer besser kennenlernen?