Mit grosser Gnade beschenkt
Sonntag, 8. Dezember 2019

Mit grosser Gnade beschenkt

Prediger/in:
Serie:
Passage: Lukas 1,26-38
Dienstart:

Eine Gefängniszelle ist ein guter Vergleich für die Adventssituation. Die Tür ist verschlossen und kann nur von aussen geöffnet werden. In Jesus kam Gott als Mensch auf unsere Welt, um uns aus unseren Gefängnissen zu befreien. Die einzige angemessene Reaktion auf die Gnade Gottes, ist die von Maria, wenn sie sagt: «Ich bin die Dienerin des Herrn und beuge mich seinem Willen.»


 

Am 21. November 1943 schrieb Dietrich Bonhoeffer aus dem Nazi-Gefängnis an seinen Freund Eberhard Bethge: «So eine Gefängniszelle ist übrigens ein ganz guter Vergleich für die Adventssituation. Man wartet, hofft, tut dies und jenes, letzten Endes Nebensächliches. Die Tür ist verschlossen und kann nur von aussen geöffnet werden.» In einer Zeitung bekennt Woody Allen, berühmter amerikanischer Regisseur, er führe «ein trauriges Leben ohne Hoffnung, furchterregend und düster ohne Ziel oder jegliche Bedeutung». Über 70 Jahre liegen zwischen den Aussagen dieser beiden Männer – beide im Gefängnis. Der eine eingeschlossen in ein bedeutungsloses Leben, der andere in einer ganz echten, realen Gefängniszelle, wo er auf seinen Tod wartet. Der eine führt ein trauriges Leben ohne Hoffnung, weil er Atheist ist und einfach nicht glauben kann, dass jemand in der Lage ist, die Tür von aussen zu öffnen. Der andere kann trotz widrigster Umstände hoffen, weil er weiss, dass jemand die Tür von aussen geöffnet hat. Genau das ist die Advents- und Weihnachtsbotschaft, dass Gott in seiner Gnade die Tür von aussen geöffnet hat.

Im Predigttext lernen wir drei Dinge über die Gnade: Die Andersartigkeit, der Inhalt und die Reaktion darauf. Jeder dieser Aspekte ist verbunden mit einer Sache, die wir im Text über Maria lernen.

Andersartigkeit der Gnade

Gott sendet den Engel Gabriel zu einer jungen Frau namens Maria. Sie ist mit Josef verlobt, aber noch Jungfrau. Die Prozedur einer jüdischen Hochzeit besteht aus zwei Stufen: Der erste Schritt war die Verlobung, der die rechtliche Übereinkunft beinhaltete, dass das Paar heiraten wird und sich zur ehelichen Treue verpflichtet. Juristisch wurde dies dadurch besiegelt, dass die Familie des Bräutigams einen Brautpreis für die Braut bezahlte. Der zweite Schritt folgte ungefähr ein Jahr später durch die Heimholung der Braut und den Vollzug der Ehe.

Der Engel Gabriel kommt zu Maria, die also zur Treue mit Josef verpflichtet war: «Sei gegrüsst! Du bist beschenkt mit grosser Gnade! Der Herr ist mit dir!» (Lukas 1,28 NL). Obwohl der Engel sich laut und deutlich ausdrückt und sie akustisch alles bestens hört, ist Maria perplex und fragt sich, was das bedeuten soll. Warum ausgerechnet ich? Habe ich etwas Besonderes getan, dass sich Gott mir in besonderer Weise zuwendet? Nein, eben gerade nicht! Maria war weder besonders heilig noch speziell, dass Gott sagen müsste: «Hey, die ist so klasse, mit ihr muss ich etwas Besonderes tun!» Der Engel sagt Maria, dass sie Gottes Gnade gefunden habe, frei, ohne Bedingungen, ohne ihr Dazutun. Es ist Gottes gütige Initiative. Gnade ist andersartig.

Schon ganz am Anfang des Christentums, bei der Ankündigung der Geburt von Jesus, wird deutlich, dass der christliche Glaube fundamental anders ist als jede andere Religion, jede andere Philosophie oder jedes andere Glaubenssystem dieser Welt. Normalerweise wird einem die Funktionsweise so erklärt: «Indem du dich anstrengst, leistest und gewisse Dinge tust, näherst du dich Gott.» Selbst in Philosophien, in denen ein persönlicher Gott nicht einmal vorkommt, ist es so: Man muss etwas Bestimmtes tun, um zu Höherem, Besserem und Spirituellem durchzubrechen. Das bessere Leben ist jenseits des Gefängnisses und die Tür muss von innen geöffnet werden.

Christliche Gnade bedeutet: Gott kommt, um das zu tun, was wir nicht tun können – die Tür öffnen – und zwar von aussen. Nicht einmal Woody Allen wird es gelingen, die Tür seines erfolgreichen Hochglanz-Gefängnisses zu öffnen. Er weiss es und sagt traurig: «Hier ist mein Leben, ich finde es nicht besonders klasse, aber ich bring die Tür nicht auf.» Gott öffnet die Tür von aussen. Maria erlebt hier, was unzählige Menschen nach ihr erlebt haben und du heute auch erleben kannst: Gott kommt zu uns aus Gnade.

Inhalt der Gnade

Der Engel erklärt Maria, was diese Gnade Gottes bedeutet: «Du wirst schwanger werden und einen Sohn zur Welt bringen, den du Jesus nennen sollst. Er wird gross sein und Sohn des Allerhöchsten genannt werden. Gott, der Herr, wird ihn auf den Thron seines Vaters David setzen. Er wird für immer über Israel herrschen, und sein Reich wird niemals untergehen!» (Lukas 1,31-33 NL).

Gabriel kennt die Bibel und nimmt Bezug auf das Alte Testament in 2. Samuel 7,13f. Obwohl das davidische Königshaus seine Macht und seinen Einfluss fast komplett verloren hatte, bestand die Hoffnung auf das ewige Reich bei den Juden immer noch. Insofern ist die Botschaft von Gabriel enorm bedeutungsvoll. Maria soll den ewigen Herrscher zur Welt bringen, auf den alle warten. Kaum verwunderlich ist die verwirrte Reaktion von Maria: «Aber wie kann ich ein Kind bekommen? Ich bin noch Jungfrau» (34). Maria ist verwirrt. Sie kennt die biologischen Abläufe: Ohne Mann keine Schwangerschaft. Und jetzt wird’s spannend. Viele Skeptiker der Jungfrauengeburt von heute denken, dass die Leute von damals vielleicht daran geglaubt hätten. In der aufgeklärten Gesellschaft von heute könne man diese Sache aber vom Tisch wischen. Ganz so leichtfertig sollte man nicht argumentieren. Wenn damals von Jungfrauengeburt die Rede war, war dies genau so lächerlich wie für uns heute. Maria hat nicht zugehört und gedacht: «Wow, mal wieder eine Jungfrauengeburt! Und dieses Mal bin ich es halt. Hammer!»

Maria wusste, dass wenn Gott diesen Plan so durchzieht, ein Wunder geschehen wird. Das Wunder besteht weniger darin, dass eine Frau ohne Beteiligung eines Mannes schwanger wird. Spätestens in der modernen Fortpflanzungsmedizin ist das auch kein Problem mehr. Das Wunder der Jungfrauengeburt besteht darin, dass der Höchste, Gott selbst, Mensch wird. Gabriel erklärt ihr, wie das geht: «Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Macht des Allerhöchsten wird dich überschatten. Deshalb wird das Kind, das du gebären wirst, heilig und Sohn Gottes genannt werden» (35). Das Wort überschatten kennen wir aus 2. Mose 40,34f. Das Zelt Gottes wird von einer Wolke überschattet und die Herrlichkeit des HERRN erfüllte das Innere. Gott ist anwesend. Seine Herrlichkeit ist physisch so präsent, dass Mose nicht mehr in das Zelt hineingehen konnte. Die Herrlichkeit des allmächtigen Gottes kommt zu uns. Das ist die Gnade, das ist das Wunder.

Ein guter und weiser persischer König liebt seine Untertanen und zeigt grosses Interesse zu erfahren, wie es ihnen geht. Er will mit eigenen Augen sehen, wie sie leben, wie es ihnen geht und was ihre Freuden und Nöte sind. Deshalb mischt er sich inkognito unter das Volk. Er zieht die Kleider eines Arbeiters oder eines Bettlers an und besucht die Ärmsten der Armen. Eines Tages kommt er zu seinem sehr armen Mann in einem düsteren, kalten Keller. Obwohl er ihn nicht kennt, isst er mit ihm seinen Frass. Er redet mit ihm und hat eine gute Zeit, ist gütig mit ihm, ermutigt ihn und geht dann wieder. Nach einigen Tagen kehrt er zu diesem Mann zurück und gibt sich als König zu erkennen. Er rechnet damit, dass er nun mit dem einen oder anderen Wunsch des armen Mannes konfrontiert werde. Dieser sagt aber zu ihm: «Du hast deinen Palast und deine Herrlichkeit verlassen, um mich in meinem dunklen und schmutzigen Kellerloch zu besuchen. Du hast das Essen gegessen, das ich jeden Tag essen muss, und du hast gütig und gnädig mit mir geredet. Du hast Freude in meine Seele gebracht. Weisst du, du hast vielen Menschen grossartige Geschenke gemacht, aber mir hast du dich selbst geschenkt!»

Der König der Herrlichkeit verlässt seine Herrlichkeit im Himmel und schenkt uns sich selbst. Der Heilige Sohn Gottes wird Mensch, er kommt von aussen und öffnet die Türen unserer Gefängnisse. Das ist der Inhalt der Gnade.

Reaktion auf die Gnade

Maria wird mit ihrer Reaktion zu unserem Vorbild: «Ich bin die Dienerin des Herrn und beuge mich seinem Willen. Möge alles, was du gesagt hast, wahr werden und mir geschehen» (Lukas 1,38 NL).

Maria bringt eindrücklich zum Ausdruck, dass sie akzeptiert, was Gott mit ihr vorhat: Wenn du in deiner Gnade so an mir handeln willst, dann bin ich dabei. Ich kann mir nicht vorstellen, welche Konsequenzen es hat, aber du bist Gott und ich bin die Dienerin. Was du willst, soll geschehen. Hier ist mein Leben, ich gebe es dir! Das ist keine spirituelle oder romantische Kurzschlussreaktion im Angesicht eines Engels. Maria war sich sehr bewusst, dass sie ihren Ruf aufs Spiel setzt. Josef wird sagen: «Wenn du mir untreu bist, dann war’s das mit unserer Beziehung.» Sie wird alleinerziehend sein, was damals eine Katastrophe war. Obschon sie die Konsequenzen kaum absehen konnte, sagt sie: Wenn du, Gott, dich mir in deiner Gnade zuwendest, dann kann ich nicht anders als zu sagen: Hier ist mein Leben!

Eine Frau kommt in eine Gemeinde und sagt zum Pastor: «Weisst du, bisher habe ich immer nur gehört, dass ich mich anstrengen muss. Wenn ich gut bin, dann nimmt Gott mich an. Das ist die Botschaft, die seit Jahren gehört habe – in Kirchen, Zuhause und überall. Und jetzt höre ich hier das Evangelium der Gnade, ich höre von der Andersartigkeit der Gnade, ich höre von der Gnade in Jesus Christus und es verwirrt mich. Es macht mir sogar Angst. Wenn ich durch meine guten Werke erlöst werde, dann gibt es für das, was Gott von mir verlangen oder zumuten kann, eine Grenze. So wie ein Steuerzahler sich gewisse Rechte erarbeitet. Ich habe meine Pflicht getan und jetzt habe ich ein Recht darauf, etwas vom Leben zu haben. Aber wenn ich ein Sünder bin, der allein aus Gnaden erlöst bin, dann gibt es nichts, was Gott nicht von mir verlangen kann.»

Das Evangelium der Gnade kann Angst machen. Das realisiert Maria sofort, als der Engel mit ihr gesprochen hat. Ihr wurde bewusst, dass es nichts gibt, was Gott nicht von ihr verlangen kann. Maria wusste zu jenem Zeitpunkt herzlich wenig, was aus dieser Geschichte werden wird. Wir haben das volle Bild und wissen, dass Jesus gekommen ist – seine Herrlichkeit für uns verlassen hat. Wir wissen, dass Jesus am Kreuz gestorben ist, um dein und mein Gefängnis von aussen zu öffnen. Er hat das Leben gelebt, dass wir hätten leben sollen. Er ist den Tod gestorben, den wir hätten sterben müssen. Er hat sich selbst hingegeben. Wieviel mehr sind wir gefordert, uns Jesus ganz hinzugeben! Wenn wir die Gnade Gottes empfangen haben und aus dieser Gnade leben, muss uns klar sein, dass es dann nichts gibt, was Gott nicht von uns verlangen kann. Wenn Gott in seiner Gnade in deinem Leben die Tür von aussen geöffnet hat, dann kann es darauf nur eine einzige Reaktion geben, nämlich die von Maria. Das ist keine Leistung, sondern Reaktion auf die Gnade. Maria konnte ja nichts dazutun, dass das passiert, was der Engel angekündigt hat. Das einzige, was sie tun konnte, lautet: «Okay Gott, wenn du dich mir in deiner Gnade zuwendest, dann stelle ich Dir mein Leben zur Verfügung.» Francis Schaeffer nennt dies aktive Passivität. Wir empfangen passiv, völlig unverdient und ohne unser Zutun, Gottes Gnade. Darauf reagieren wir aktiv, indem wir sagen: «Herr, dein Wille für mein Leben soll geschehen.»

Wie auch immer meine Geschichte aussieht, wie auch immer meine gegenwärtigen Lebensumstände sind, du weisst das alles, dir gehört mein Leben. Ich diene dir. Ich diene dir mit meiner Ehe. In meiner Ehe soll dein Wille geschehen. Ich diene dir mit meiner Zeit. In meinen Prioritäten soll dein Wille geschehen. Ich diene dir mit meinen Gedanken. In meinen Gedanken soll das zum Tragen kommen, was dir wichtig ist. Ich stelle mich dir zur Verfügung, ich diene dir. Ich stelle mich sogar dir zur Verfügung in all meiner Schwachheit, in all meinen Zweifel, in all meinen Limits, mit meiner Gebrochenheit, mitten in meinem Gefängnis. Du bist der HERR. Und weil du ein gnädiger HERR bist, gibt es nur eine Antwort auf deine Gnade: Hier ist mein Leben. Ich bin die Dienerin / der Diener des HERRN. Was du möchtest, soll mit mir geschehen. Wenn das deine ehrliche passive aktive Antwort ist auf die Gnade Gottes, dann kann Gott Erstaunliches tun in deinem Leben – wie bei Maria.

 

 

 

 

 

 

Mögliche Fragen für die Kleingruppen

Bibeltext lesen: Lukas 1,26-38

  1. Versuche zu verstehen und erzählt einander, wie es Maria in dieser Situation wohl ergangen ist. Wie hättest du reagiert?
  2. Hat Gott die Tür in deinem Leben bereits von aussen geöffnet.
  3. Wie würdest du aufgrund dieser Predigt das Evangelium der Gnade in wenigen Worten erläutern?
  4. Was ist die angemessene Reaktion auf die Gnade Gottes konkret auf dich bezogen? Hast du dein Leben schon ganz Jesus ausgeliefert? Was hindert dich daran?
  5. Was ist der Unterschied im Lebensvollzug, ob ich das Leben ganz Jesus ausgeliefert habe oder nur teilweise?