Tochter- und Sohnidentität
Sonntag, 1. Dezember 2019

Tochter- und Sohnidentität

Prediger/in:
Passage: 1. Mose 1,27; Lukas 15,21-24
Dienstart:

Als im Gleichnis in Lukas 15 der Sohn nach langer Zeit wieder nach Hause kam, beschenkte sein Vater ihn mit einem prächtigen Kleid, einem Fingerring und Schuhen. Zudem schlachtete er das Mastkalb und schmiss ein Fest. Das alles bedeutet, dass der Rückkehrer die Identität eines Sohnes zugesprochen bekam. Väter und Mütter haben ebenfalls die Aufgabe, ihren Kindern Identität zu sprechen und dies auch in ihrer Geschlechtlichkeit.


«Im Hause muss beginnen, was leuchten soll im Vaterland.» Diese Themenserie befasst sich mit den Auswirkungen der Familie auf das Leben einzelner und der Gesellschaft. Vor ein paar Wochen habe ich vorgestellt, wie Gott als Vater mit seinen Kindern umgeht. Ein Punkt hiess: Gott als Vater spricht Identität. Menschen mit einer gesunden Identität ist das, was die Welt braucht. Das Sprechen der Identität ist deshalb eine der grössten Aufgabe in der Familie und ist gleichbedeutend damit, den Kindern ein gutes Wurzelwerk zu geben.

Identität als Person

Jesus erzählt ein Gleichnis, in dem der jüngere Sohn einen Erbvorbezug macht und sein langweiliges Zuhause mit dem Ziel vor Augen, das Leben endlich zu geniessen, verlässt. Nach einiger Zeit jedoch kommt er «wie ein geschlagener Hund» zurück zu seinem Vater: «Sein Sohn sagte zu ihm: ‘Vater, ich habe gesündigt, gegen den Himmel und auch gegen dich, und bin es nicht mehr wert, dein Sohn zu heissen.’ Aber sein Vater sagte zu den Dienern: ‘Schnell! Bringt die besten Kleider im Haus und zieht sie ihm an. Holt einen Ring für seinen Finger und Sandalen für seine Füsse. Und schlachtet das Kalb, das wir im Stall gemästet haben, denn mein Sohn hier war tot und ist ins Leben zurückgekehrt. Er war verloren, aber nun ist er wiedergefunden.’ Und ein Freudenfest begann» (Lukas 15,21-24 NL).

Der Vater redet bei diesem Wiedersehen nicht zuerst über das Verhalten des Sohnes, sondern über seine Identität durch starke Symbole:

Das beste Kleid: Durch das Überreichen des besten Kleides wird die Beziehung wiederhergestellt. «Jakob liebte Josef mehr als seine anderen Söhne, weil er ihm erst im Alter geboren worden war. Deshalb liess er Josef eines Tages ein prächtiges Gewand machen» (1Mose 37,3 NL). Das Geschenk eines prächtigen Kleides ist Ausdruck der Vaterliebe. Josef wurde es zum Verhängnis, weil er damit den Neid seiner Brüder auf sich zog. Deshalb wurde er von ihnen nach Ägypten verkauft. Viele Jahre später wird er dort zum Vize-König gemacht: «Und der Pharao sagte zu Josef: ‘Hiermit gebe ich dir Vollmacht über ganz Ägypten.’ Dann steckte er ihm seinen königlichen Siegelring an den Finger. Er gab ihm kostbare Gewänder und legte ihm eine goldene Kette um den Hals» (1Mose 41,41f NL). Der Mann, der sich nicht mehr genug wertvoll fühlte, «Sohn» zu heissen und als Tagelöhner nach Hause wollte, wird als stellvertretender Vater eingesetzt. Das Überziehen des prächtigen Gewandes ist zudem Ausdruck von Vergebung und Bedecken der Scham. In einem prophetischen Text sagt ein Engel: «’Zieht ihm die schmutzigen Kleider aus.’ Und zu Jeschua sagte er: ‘Hiermit habe ich deine Sünde von dir genommen und lasse dir jetzt festliche Kleider anziehen.’» (Sacharia 3,4 NL). Ein Vater vergibt und bedeckt die Scham. Es ist so wichtig, dass Vater und Mutter Schwäche bei den Kindern zudecken und nicht noch darüber lachen. Zynismus stellt bloss.

Einen Ring für seinen Finger: Der Sohn, der sein ganzes Erbe in den Sand gesetzt hat, wird wieder als Erbe eingesetzt. Ohne dass der gute Mann beteuern musste, nie mehr solche Schindluderei zu betreiben, wird ihm wieder das volle Vertrauen geschenkt. Er bekommt genau das wieder, worin er soeben versagt hat. Geben wir unseren Kindern auch immer wieder neue Chancen? Aus der Geschichte von Pharao und Josef erfahren wir, dass der Ring auch die Bedeutung der Vollmachtsübertragung hat. Die Vollmacht des Sohnes wird wiederhergestellt.

Sandalen für seine Füsse: Barfüssigkeit bedeutet Rechtsaufgabe, Ehrverlust oder Gefangenschaft (2Samuel 15,30). Der Sohn erhält das Schuhwerk des Ansehens. Seine Stellung in der Familie wird wiederhergestellt.

Das gemästete Kalb: Eine Familie mästete damals ein Kalb für den Fall, dass unerwartet Ehrengäste erscheinen. Der verruchte Sohn gilt als Ehrengast. Und dann geht das Freudenfest los. Erfahren unsere Kinder immer wieder, dass sie Ehrengäste sind?

Dem Sohn, der eine Standpauke verdient hätte, wird einfach nur seine Identität zugesprochen. Der Vater führt ihm eindrücklich vor Augen, dass sein Wert nicht von seinem Tun abhängig ist, sondern von seinem Sein. Unsere Kinder müssen immer wieder erfahren, dass sie bedingungslos geliebt sind – gerade dann, wenn sie versagt haben und ihr Verhalten ungenügend war. Wenn unsere Kinder in einem schwierigen Umfeld sich behaupten müssen, beten Silvia und ich immer das gleiche Gebet: «Vater im Himmel, führe ihnen vor Augen, wer sie vor dir sind!» Wenn Kinder nicht wissen, wer sie sind, werden sie zum Spielball ihres Umfelds, sie werden mit Minderwertigkeit zu kämpfen haben und müssen, um dazuzugehören, Dinge tun, die nicht ihrer Überzeugung entsprechen. Sagt euren Kindern immer wieder: «Du bist unsere geliebte Tochter, du gefällst uns!» «Du bist unser geliebter Sohn, ich schätze dich sehr!» Das verschafft ihnen ein starkes Wurzelwerk für einen sicheren Stand.

Lehrern wurden gesagt, dass einige Schüler hochbegabt seien. Obwohl dies nicht der Wahrheit entsprach, wurde festgestellt, dass diese vorweggenommene positive Einschätzung sich im späteren Verlauf bestätigte. Dies wurde dadurch ermöglicht, dass der Lehrer den Schülern seine Erwartungen in subtiler Weise übermittelte, z.B. durch persönliche Zuwendung, die Wartezeit auf eine Schülerantwort, durch Häufigkeit und Stärke von Lob und Tadel oder durch eine hohe Leistungsanforderung. Man nennt dies den Pygmalion-Effekt. Und der spielt auch im Hause. Wenn wir gross über unsere Kinder denken, ihnen die grossartige Identität im Namen Jesu zusprechen, werden sie immer mehr zu dem werden, was sie in unseren Augen schon sind.

Identität als Frau bzw. Mann

«So schuf Gott die Menschen nach seinem Bild, nach dem Bild Gottes schuf er sie, als Mann und Frau schuf er sie» (1Mose 1,27 NL). Es gibt Mann und Frau. Der genetische Unterschied zwischen Mann und Frau sind 1,5%. Das ist nicht viel, doch wenn man bedenkt, dass der Unterschied zwischen einem Mann und einem Affen auch 1,5% ist, ist es halt doch ziemlich viel. Auch wenn man nicht sagen kann, dass die Frauen so oder so sind, können wir dennoch von Männlichkeit und Weiblichkeit reden.

Zu dieser Unterschiedlichkeit wurden in 53 Ländern umfassende Studien gemacht. Nimmt man beispielsweise das körperliche Merkmal der Grösse, dann stellt man fest, dass Frauen durchschnittlich 165 cm und Männer 178 cm lang sind. Bei Menschen über 191cm sind noch 5% Frauen, bei Menschen unter 152 cm sind es nur noch 5% Männer. Die Überlappung der beiden Gauss-Kurven liegt bei 50%. Wenn man ein zweites körperliches Merkmal wie die Muskelkraft dazu nimmt, wird die Überlappung kleiner. Dies wurde nun mit vielen körperlichen, seelischen und kognitiven Eigenschaften gemacht und siehe da: es zeigen sich eindeutige weibliche und männliche Merkmale:

Dimension der Körperlichkeit (fem.): Die Lebensnähe, Verletzlichkeit, Fruchtbarkeit und Empfindlichkeit. Weiter: Sinn für Ästhetik und Schönheit, Wert auf äusseres Erscheinungsbild, mehr Essstörungen, Begabung für Intuition, wird stärker sexuell begehrt, höhere soziale Anpassung – weniger Selbstbehauptung, psychische Wärme, etc.

Dimension der Körperlichkeit (masc.): Die Stärke, Aggression, Robustheit, Selbstvertrauen und Stressresistenz. Weiter: werfen präziser und können Flugbahnen besser einschätzen, kompetitiver, höhere Selbstbehauptung und Dominanz – weniger soziale Anpassung, mehr Selbstvertrauen – weniger Besorgnis, Neigung zu Narzissmus, kommunizieren in Kindheit derber und gröber, schätzt seine Fähigkeiten besser ein, etc.

Vater und Mutter haben in der Erziehung verschiedene Aufgaben. Eine Mutter deckt mehr die Grundbedürfnisse der Kinder wie Nähe und Geborgenheit ab. Väter haben eine grosse Verantwortung in der Initialisierung des Geschlechts der Kinder. Wir wissen heute, dass die geschlechtliche Identität eines Kindes vom Mann herkommt: er liefert das entscheidende Chromosom. Die Bestätigung und Herausbildung unserer Identität und Sexualität – sowohl für Männer wie auch Frauen – geschieht vor allem durch den Vater. Das heisst nicht, dass die Mutter in diesem Prozess keine Rolle spielt – natürlich tut sie das. Aber das Ziehen der Identität eines Kindes in die Bejahung von Männlichkeit oder Weiblichkeit geschieht durch den Mann. So hat es Gott eingerichtet. Du tust das, indem du ins Leben deiner Kinder sprichst und durch emotionale Verbindung zu deinen Kindern, indem du eine Beziehung aufbaust, ihre Welt kennenlernst und sie verstehst. So wird Charakter und Identität gebaut. Deshalb ist es wichtig, dass bei fehlendem Vater andere Männer miteinbezogen werden.

Sprechen wir unseren Kindern ihre Identität als Mann und Frau zu. Ein Mädchen sollte von ihrem Vater erfahren, dass sie schön ist. Warum nicht mit der Tochter Kleider einkaufen und sie dabei beraten? Wichtig ist auch, dass der Vater nicht nur logische Schlüsse wertschätzt, sondern auch intuitive. Für Knaben ist der Wettbewerb wichtig. Sie wollen ihre Kräfte messen und erfahren, dass sie stark sind. Vor kurzem ging ich mit meinem Sohn den Kriegsfilm «Midway» schauen. Das war ein richtiger Männerabend. Es ist okay, wenn ein Junge etwas derber spricht als ein Mädchen.

Dimension des Gemüts (f): Emotionale Intelligenz, Empathie, Emotionalität, Freundlichkeit und Feinfühligkeit. Weiter: mehr kontaktorientiert, hält mehr Blickkontakt, lächelt Gegenüber mehr an, Sprache mehr an Kind angepasst, mehr Depressionen und Angststörungen, fühlt sich in Zweierbeziehung wohl, etc.

Dimension des Gemüts (m): Emotionale Stabilität. Weniger Empathie, höhere Sachorientierung, höhere emotionale Robustheit – weniger sensibel und empfindsam, weniger affektive psychische Störungen, fühlen sich eher im Rudel wohl, etc.

Es gilt die Emotionalität von Mädchen zu wertschätzen und sie keinesfalls als «Sensibelchen» zu bezeichnen oder ihr Verhalten als «Gesülze». Knaben hingegen sind keine «Pfähle», wenn sie nicht gleich jede Stimmung wahrnehmen und sich manchmal etwas ungeschickt im sozialen Raum bewegen.

Dimension des Intellekts (f): Soziale Kompetenz, Vertrauen, assoziatives Denken, Sprache Vielseitigkeit. Weiter: Beziehungsorientiert personenorientierte Berufe, sprachbegabter, kann Sinn eines Textes besser wiederholen, beginnen früher zu reden, vertrauensvoll – weniger misstrauisch, weniger Legasthenie, mehr Gewissenhaftigkeit, emotionales Problemlösen, betonen häufiger, wie viel Gesprächspartner ihnen bedeutet, reden über soziale Themen, etc.

Dimension des Intellekts (m): Die Sachlichkeit, Systematisierungsfähigkeit, lineares Denken, Spezialistentum, Raumvorstellung, Abstraktion. Weiter: Interesse sachbezogen, lineares Denken und zielgerichtetes fokussiertes Problemlösen, kann besser Wesentliches vom Unwesentlichen unterscheiden, Autismus und Arsperger-Syndrom gehäuft, doppelt so viele Sprachstörungen (Stottern), redet mehr über Systeme als über Beziehungen, etc.

Was passiert, wenn Jungs ihre eigene Männlichkeit verdrängen? Verdrängte Männlichkeit wird unsachlich, launisch und schwach wie ein Fähnchen im Wind. Frauen suchen Beratungsstellen auf und sagen: «Er ist mir zu wenig männlich. Ein braver Mann, politisch korrekt und alles Mögliche, und ich habe ihn mir ja ausgesucht, dass er harmlos ist. Aber jetzt ist er mir zu harmlos.» Verdrängte Weiblichkeit wird gleichgültig, kalt und verschliesst sich dem Leben. Man kann aber auch auf der anderen Seite vom Pferd fallen! Wenn Männer die fremde Begabung verdrängen, d.h. Männlichkeit super und Weiblichkeit doof finden, werden sie emotional rücksichtslos, sexuelle enthemmt, gewalttätig und nerdig. Wenn Frauen die fremde Begabung verdrängen, verwandelt sich ihre Sozialkompetenz zu intrigant und übergriffig, ihre Empathie zu einer emotionalen Instabilität und ihr Sinn für das Leben will in hohem Masse Aufmerksamkeit, die sie durch ein übertriebenes Verhalten zu erreichen versucht.

Liebe Väter und Mütter, setzt euch bewusst mit diesen Unterschiedlichkeiten auseinander, damit ihr euren Söhnen und Töchtern Identität als Mann bzw. Frau sprechen könnt. Ihre Unterschiedlichkeit ist gut, braucht Verständnis und sollte verbal immer wieder unterstützt werden. Frauen sind anders. Männer auch. Gott sei Dank! Alle profitieren, wenn Männer männlich und Frauen weiblich sind. Eros ist die unbewusste Anziehung der Geschlechter und lebt vom Unterschied. Dr. Jean Twenge, eine Psychologin, sagt, dass bei den Millenials die Anziehung der Geschlechter abgenommen habe. Sie hätten weniger Lust auf Sex und weniger Partnerschaften. Die Asexualtität sei ein neues Zeitphänomen. Eigentlich schade!

Nachdem die Jesus 72 Jünger in Zweiergruppen in die Dörfer ausgesendet hatte, kamen sie voller Freude zurück: «Herr, sogar die Dämonen gehorchen uns, wenn wir sie in deinem Namen austreiben!»(Lukas 10,17). Sie freuten sich an ihrem Tun, an ihrer Leistung für Jesus. Daraufhin verweist Jesus sie auf ihre Identität: «Jesus erwiderte darauf: freut euch nicht darüber, dass böse Geister euch gehorchen, sondern freut euch, dass eure Namen im Himmel aufgeschrieben sind» (20). Freuen wir uns an unserer Stellung als Kinder Gottes sowie als Mann oder Frau und nicht an unserem Tun! Dies Basis dazu wird im Elternhaus gelegt.

 

 

Mögliche Fragen für die Kleingruppen

Bibeltext lesen: Lukas 15,21-24; Lukas 10,17-20

  1. Wie würdest du den Empfang des rückkehrenden Sohnes im Vaterhaus beschreiben? Was tut der Vater (nicht)?
  2. Was bedeuten diese Symbole aus dem Gleichnis für unsere Beziehung zu Gott und für unseren Umgang mit den eigenen Kindern?
  3. Weshalb ist unsere Identität so wichtig für ein glückliches Leben?
  4. Was für eine Bedeutung haben Vater und Mutter für die Initialisierung des Geschlechts bei den Kindern?
  5. Auf was sollte bei Mädchen geachtet werden? Auf was bei Knaben?