Hoffungsfunken
Sonntag, 26. Juli 2020

Hoffungsfunken

Prediger/in:
Passage: Klagelieder 3,25
Dienstart:

Gott ist gut. Seine Güte ist Geschenk und muss nicht verdient werden. Doch es gibt Momente, da uns die Güte Gottes verborgen bleibt, Zeiten, in denen sich Gott gegen uns zu wenden scheint. Der Prophet Jeremia schildert erschütternde Negativ-Erfahrungen, die er mit Gott macht. Aber er hält daran fest, dass es noch einen «Restposten» an Güte Gottes gibt und zeigt den Weg, auf dem er diesen Restposten «anzapft»…


Es ist ein Wort aus dem Buch der Klagelieder, das uns heute Morgen beschäftigen soll: «Gut ist der Herr zu dem, der auf ihn hofft, zur Seele, die ihn sucht.» So lesen wir in Klagelieder 3,25. «Gut ist der Herr zu dem, der auf ihn hofft...» Dieses Wort könnte ja auch anders heissen. Und in unseren Herzen tönt es manchmal ja auch anders, oder? So zum Beispiel: «Gut ist der Herr zu dem, der ihm gehorcht…» «Gut ist der Herr zu dem, der seine Gebote hält…» «Gut ist der Herr zu dem, der schön brav ist, der seinen Willen tut und sich nichts zuschulden kommen lässt…» So denken wir doch manchmal von Gott, oder? Er schenkt das Gute dem und nur dem, der auf seinen Wegen geht und tut, was ihm gefällt. Und ohne es zu merken machen wir die Güte Gottes abhängig von unseren frommen Leistungen. Oft realisieren wir das gar nicht, aber so machen wir die Güte Gottes zum Lohn, den wir verdienen, hart erarbeiten müssen.

Gut ist Gott zu dem, der mit seinen Werken das Gute erst einmal verdient. Wer nichts Gutes tut, hat nichts Gutes zugut. Das ist nicht nur ein Zungenbrecher. Das ist so etwas wie eine Grundregel, an der wir uns normalerweise orientieren, und die wir sehr oft eben auch auf Gott und sein Handeln übertragen. Gott ist gut zu dem, der gehorsam ist. Diese Vorstellung sitzt vielleicht viel tiefer in unseren Herzen, als uns das bewusst ist. Doch Gott ist anders. Sein Sohn, Jesus Christus, sagt von ihm: «Er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte» (Matthäus 5,45). Und in Lukas 6,36 steht es so: «… er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen.» Nein, die Güte Gottes können und müssen wir uns nicht verdienen. Sie ist Geschenk, ein unverdientes Geschenk, das Gott uns macht.

Eine Bedingung

Nun, das Wort aus Klagelieder 3 nennt doch so etwas wie eine Bedingung, die wir erfüllen müssen, um die Güte Gottes erfahren zu können: «Gut ist der Herr zu dem, der auf ihn hofft, zur Seele, die ihn sucht.» Gott wirft uns seine Güte nicht nach. Aber er schenkt sie uns, wenn wir uns nach ihm ausstrecken und ihm vertrauen.

Und vielleicht sollten wir das neu bedenken: Es sind nicht unsere frommen Leistungen, mit denen wir Gott beeindrucken und für uns gewinnen können. Es ist vielmehr unser Vertrauen, das sein Herz berührt. Jesus, der Sohn Gottes, hat sich nicht so sehr von den guten Werken beeindrucken lassen, die ihm die frommen Leute präsentierten. Es war vielmehr das Vertrauen der Menschen, das ihn zum Handeln bewegte:

 

  • «Dein Glaube hat dir geholfen», sagt er zum Blinden in Jericho, der nach ihm ruft und ihn um Heilung bittet (Markus 10,52).
  • «Dein Glaube hat dir geholfen», sagt er zur Sünderin, die sich ins Haus des Pharisäers wagt, dem Herrn Jesus dort mit ihren Tränen die Füsse netzt, sie mit ihren Haaren trocknet und dann mit kostbarem Salböl salbt (Lukas 7,50).
  • «Dein Glaube hat dir geholfen», sagt er zum Aussätzigen, der zurückkommt und ihm für das Geschenk der Heilung dankt (Lukas 17,19).

Es ist der Glaube, den der Herr Jesus bei uns sucht. Es ist das Vertrauen der Menschen, das sein Herz berührt. Und das ist im Neuen Testament nicht etwa neu. Das finden wir auch schon an manchen Stellen im Alten Testament:

  • «Abram glaubte dem Herrn, und das rechnete er ihm zur Gerechtigkeit.» So lesen wir schon ganz am Anfang der Bibel (1.Mose 15,6).
  • In Psalm 32,10 bekennt David: «Wer auf den Herrn hofft, den wird die Güte umfangen.»
  • Und in Psalm 33,18 heisst es: «Siehe, des Herrn Auge achtet auf alle, die ihn fürchten, die auf seine Güte hoffen.»

«Kostproben» aus Klagelieder

Toll, wenn man das so erlebt, sagst du jetzt vielleicht. So lässt sich leicht reden, wenn man die Güte Gottes konkret erlebt und auf gute, positive Erfahrungen mit ihm zurückschauen kann. Es ist nicht so furchtbar schwer, die Güte Gottes zu besingen, wenn man sie handfest erfährt. Doch bei Jeremia, von dem das Wort in Klagelieder 3 stammt, war das eben gerade nicht so. Er hat die Güte Gottes überhaupt nicht erlebt. Im Gegenteil: Er hat seinen Gott von einer Seite kennen gelernt, die uns erschreckt. Das Kapitel, in dem unser Wort steht ist eines der bittersten Klagelieder, die wir in der ganzen Bibel finden. Da beschreibt der Prophet Erfahrungen mit Gott, die mit Güte nun wahrlich nichts zu tun haben. Er wirft ihm Dinge vor, die haarsträubend sind:

  • «Er hat mich geführt und gehen lassen in die Finsternis und nicht ins Licht» (V.2). Unsere feste Überzeugung ist doch, dass Gott aus der Finsternis ins Licht führt, oder? Jeremia erlebt das pure Gegenteil: «Er hat mich gehen lassen in die Finsternis und nicht ins Licht.»
  • «Er hat seine Hand gewendet gegen mich und erhebt sie gegen mich Tag für Tag» (V.3). Jeremia spürt nichts von der gütigen Hand Gottes, die zum Segnen über ihm offen steht. Oh nein! Er erlebt, dass Gott seine Hand gegen ihn ausstreckt – und das nicht nur einmal, sondern jeden Tag neu!
  • «Er hat mir Fleisch und Haut alt gemacht und mein Gebein zerschlagen» (V.4). Da ist nichts von Stärkung und Erquickung, die wir von einem liebenden Gott erwarten würden. Jeremia erfährt Gott nicht als den liebenden Vater, der ihn aufrichtet und erquickt. Er erlebt ihn vielmehr als den, der ihn zu Boden schlägt.
  • «Er hat mich ringsum eingeschlossen…» (V.5).

«Er hat mich ummauert, dass ich nicht heraus kann, und mich in harte Fesseln gelegt» (V.7). Wir kennen und predigen Gott doch als den, der Ketten sprengt und Gebundene befreit. Jeremia erlebt das Gegenteil: Er erlebt, dass Gott ihn in Ketten legt und einsperrt!

  • «Wenn ich auch schreie und rufe, so stopft er sich die Ohren zu vor meinem Gebet» (V.8). Kannst du dir das vorstellen, dass ein liebender Vater sich die Ohren zustopft, wenn seine Kinder zu ihm rufen? Furchtbar! Jeremia erlebt Gott so!
  • «Er hat meinen Weg vermauert mit Quadern und meinen Pfad zum Irrweg gemacht» (V.9).
  • «Er lässt mich den Weg verfehlen» (V.11a). Wir erwarten von Gott doch, dass er uns Türen aufschliesst und uns hilft, den richtigen Weg zu finden. Jeremia klagt, dass Gott ihm die Wege verbaut und ihn in die Irre gehen lässt.
  • «Er hat mich mit Bitterkeit gesättigt und mich mit Wermut getränkt» (V.15). Nichts da von «grünen Auen» und vom «frischem Wasser», von denen David im 23.Psalm spricht.
  • «Er hat mich auf Kiesel beissen lassen, er drückte mich nieder in die Asche» (V16).

Das sind ein paar «Kostproben» aus der langen Liste von Anklagen und bitteren Vorwürfen, die der Prophet in Klagelieder 3 seinem Gott an den Kopf schmettert. Und es sind nicht irgendwelche Wahnvorstellungen des Propheten, die diesem Klagelied zugrunde liegen. Jeremia hat seinen Gott so erlebt. Wirklich!

Jeremia zieht alle Register

Ich erinnere in diesem Zusammenhang an Jeremia 14 und 15. Es ist kaum zu ertragen, was da steht. Ich glaube, es sind die schlimmsten Kapitel in der ganzen Bibel. Da tritt Jeremia leidenschaftlich für sein Volk ein. Er ringt im Gebet mit Gott und fleht um seine Zuwendung und Hilfe:

«Ach, Herr, wenn unsre Sünden uns verklagen, so hilf uns doch um deines Namens willen! Denn unser Ungehorsam ist gross, womit wir wider dich gesündigt haben. Du bist der Trost Israels und sein Nothelfer. Warum stellst du dich, als wärest du ein Fremdling im Lande und ein Wanderer, der nur über Nacht bleibt? Warum stellst du dich wie einer, der verzagt ist, und wie ein Held, der nicht helfen kann? Du bist ja doch unter uns, Herr, und wir heissen nach deinem Namen; verlass uns nicht!» (Jeremia 14,7-9). Wissen Sie, wie Gott auf das Flehen des Propheten antwortet? Er sagt zu ihm: «Du sollst nicht für dies Volk um Gnade bitten. Denn wenn sie auch fasten, so will ich doch ihr Flehen nicht erhören; und wenn sie auch Brandopfer und Speisopfer bringen, so gefallen sie mir doch nicht, sondern ich will sie durch Schwert, Hunger und Pest aufreiben» (Jeremia 14,11-12).

Doch der Prophet bleibt dran. Er lässt sich nicht abwimmeln: «Herr, wir erkennen unser gottloses Leben und unsrer Väter Missetat; denn wir haben wider dich gesündigt. Aber um deines Namens willen verwirf uns nicht! Lass den Thron deiner Herrlichkeit nicht verspottet werden, gedenke doch an deinen Bund mit uns und lass ihn nicht aufhören…» (Jeremia 14,20-22). Man kann wohl sagen: Jeremia zieht alle Register. Er packt Gott bei seiner Ehre. Er packt ihn bei seinem heiligen Namen. Er erinnert ihn an den Bund, den er mit dem Volk geschlossen hat. Aber es ist alles umsonst.

Gott bleibt «stur». Er lässt sich nicht erbitten. Jeremia beisst auf Granit. Er findet bei Gott kein Herz und kein Gehör und hätte doch allen Grund, seinen Job an den Nagel zu hängen und zu sagen: «O.k. Gott, es war nicht meine Idee zu tun, was ich tue. Du hast mich dazu überredet, Prophet zu werden. Wenn Du mich in diesem Dienst hängen lässt, dann tschüss! Ich tu mir das nicht länger an, mit meinen Ringen um dieses Volk bei Dir gegen eine Wand zu laufen. Es ist Dein Volk, nicht meines! Wenn Du es vernichten willst, dann bitte! Es geht um Deinen Namen und um Deine Ehre. Mach, was du willst! Ich steige aus! Ich will mit Dir und mit dieser ganzen Geschichte um Dein Volk nichts mehr zu tun haben. Vergiss es! Ich quittiere meinen Dienst!»

Würden wir nicht so oder ähnlich reagieren, wenn wir mit Gott diese Erfahrungen machen würden, wie Jeremia sie gemacht hat: Ich tue mir das nicht länger an. Ich will mit diesem Gott nichts mehr zu tun haben, der mir bei all meinem Suchen und Fragen und Beten und Ringen nur die kalte Schulter zeigt! Doch Jeremia geht einen anderen Weg. Auch wenn er bei seinem Gott auf Granit beisst, auch wenn ihm nur Widerstand, Ablehnung und Kälte entgegen schlägt: Jeremia sucht nach Spuren der Güte Gottes. Bei all den negativen Erfahrungen, die er macht: Er sucht die ‚Lücke‘ in der kompakten Mauer des Widerstandes und der Ablehnung, die ihm bei Gott entgegen kommt. Er sucht die «Lücke», durch die er das Herz Gottes vielleicht doch noch erreichen könnte. Und er findet sie: «Die Güte des Herrn ist’s, dass wir nicht gar aus sind», erkennt er bei all dem Unverständlichen und Notvollen, das er mit seinem Gott erlebt. «Die Güte des Herrn ist’s, dass wir nicht gar aus sind…»

Die Tatsache, dass wir überhaupt noch existieren, ist ein Indiz dafür, dass es noch so etwas wie einen Restposten von Güte Gottes gibt. Die Tatsache, dass es uns noch gibt, ist ein Zeichen dafür, dass Gott mit uns doch noch nicht ganz am Ende ist, dass es noch einen kleinen Funken von Hoffnung gibt, dass sein Weg mit uns vielleicht doch noch weiter geht… Es gibt noch einen Restposten von Barmherzigkeit und Güte Gottes. Ich muss nur den Weg finden, auf dem ich diesen Restposten anzapfen kann. Und dann findet der Prophet diesen Weg. Er findet das Türchen, durch das er diese «Restgüte» Gottes erreicht. Es heisst Hoffnung. Es gilt einfach zu hoffen, zu warten, zu harren und zu vertrauen: «Gut ist der Herr zu dem, der auf ihn hofft, zur Seele, die ihn sucht.» Oder wie Luther diese Stelle in Klagelieder 3,25 übersetzt: «Denn der Herr ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt.»

Ich weiss nicht, ob Jeremia die Stellen im Gebetsbuch der Bibel kannte, die vom Hoffen und Harren auf Gott reden. Aber offenbar ahnte er: Auf Gott hoffen ist der Weg, auf dem wir seine Güte finden. Auf Gott hoffen ist der Weg, auf dem wir sein liebendes Vaterherz bewegen können. Hoffnung ist der Funke, der das Feuer der Liebe Gottes zu uns neu entfacht. In der Fülle von bittersten Erfahrungen, die er mit seinem Gott macht findet er das Türchen, durch das er das gütige Vaterherz Gottes erreichen kann: Hoffnung! «Gut ist der Herr zu dem, der auf ihn hofft, zur Seele, die ihn sucht.» Jeremia erkennt:

  • Wenn ich dranbleibe am Hoffen und am Harren,
  • wenn ich dranbleibe am Suchen und am Warten auf die Hilfe Gottes,
  • wenn ich dran bleibe am Vertrauen in seine Fürsorge und Liebe,
  • dann kann Gott an meinen Gebeten unmöglich vorbei hören,
  • dann wird er seinen Widerstand aufgeben und seine verschlossenen Hand wieder öffnen.

Hoffnung ist der Funke...

...der das Herz Gottes, das doch voll ist von Liebe zu uns Menschen, in Bewegung bringt. Hoffnung ist die Kraft, die das verschlossene Herz Gottes aufbricht, so dass seine Güte und Liebe wieder fliessen können. Liebe Gottesdienstbesucherinnen und -besucher, vielleicht leiden Sie auch daran, dass Gott sich verborgen hält, dass er die Zusagen seines Wortes nicht erfüllt, dass er sich um Ihre Anliegen nicht zu kümmern scheint, dass er auf Ihr Beten und Flehen nicht antwortet und Sie in all dem, was Ihnen Not macht und was Sie nicht verstehen können, einfach schmoren lässt.  Ich weiss nicht, warum er das tut. Aber ich weiss, wo das Türchen ist, durch das wir sein Herz erreichen können. Das Zeugnis des Propheten Jeremia zeigt uns den Weg. Es ermutigt uns dran zu bleiben am Beten und Glauben, die Hoffnung nicht aufzugeben, auf Gott zu warten, auf ihn zu harren, ihn zu suchen und nicht locker zu lassen, bis er sich finden lässt.

Wir wollen es tun, denn: «Gut ist der Herr zu dem, der auf ihn hofft, zur Seele, die ihn sucht.»