Himmlische Hoffnung

Datum: Sonntag, 2. Oktober 2022 | Prediger/in:
Serie: | Bibeltext: Johannes 14,2; Philipper 3,20

Der Mensch trägt in seinem Herzen die Sehnsucht nach Liebe und Gerechtigkeit. Jesus nennt den Ort, an dem diese Sehnsucht gestillt wird, Himmel. Zudem fordert Er heraus, unser Leben auf der Erde ausgehend vom Himmel zu gestalten. Mit einer himmlischen Hoffnung können wir mutige Entscheidungen treffen und radikal neue Werte leben. Zugang zum Himmel bekommen wir durch die Teilhabe am Tod und der Auferstehung von Jesus Christus.


In den meisten Fällen mag ich es, Trauerfeiern zu gestalten. Das hat nichts mit Zynismus zu tun, sondern mit dem Eindruck, dass in solchen Momenten die Zeit zum Ziel gekommen ist und der Himmel weit offensteht. Am Sterbebett sagen wir gerne: «Eines Tages sehen wir uns wieder.» Sehen wir uns wirklich wieder oder ist das nur ein Wunschtraum? Und – wo sehen wir uns wieder? Wie wird es sein?

Den Himmel im Herzen

In der Creatio gibt es viele Objekte. Das einzige Ding, von dem ich eine Innenperspektive habe, bin ich selbst. Ich habe eine Geschichte, die niemand anders kennt. Nur ich weiss, wie es sich für mich anfühlt, wenn ich barfuss durch eine Pfütze gehe, wenn ich Schmerzen habe oder Wünsche nicht in Erfüllung gehen. Man nennt diese Innenperspektive auch Ich oder Seele.

Wo ist eigentlich die Geschichte in einem Buch wie z.B. «Lion»? Liegt sie in der Druckerschwärze, in den Buchstaben auf den Seiten? Was passiert mit der Geschichte, wenn wir alle Bücher verbrennen? Es kommt jemand mit einer DVD und dort ist die Geschichte – als Film – auch drauf. Was geschieht mit unserer Geschichte, unserem Ich, wenn unser Körper stirbt?

Wie ein roter Faden zieht sich durch alle Religionen und Kulturen die grosse Hoffnung, dass es ein Leben nach dem Tod gibt. Unter anderem bauten die Ägypter Pyramiden und gestalteten in ihrem Innern in überwältigender Schönheit die Grabkammern aus. Sie legten dem beigesetzten Pharao Gegenstände bei, die nützlich für das Leben danach hätten sein können.

Salomo schrieb ungefähr 1000 Jahre vor Christus: «Gott hat allem auf dieser Welt schon im Voraus seine Zeit bestimmt, er hat sogar die Ewigkeit in die Herzen der Menschen gelegt» (Prediger 3,11 NLB). Der Mensch trägt die Hoffnung in sich, dass sein Ich nicht ins Nichts fällt. Wir haben Hoffnung auf das ewige Leben, dass nach dem Buch der Film kommt. Nebst dem Essen, Schlafen und Sterben, zeichnet sich der Mensch durch folgende Sehnsucht aus: dass die Liebe bleibt, dass Gerechtigkeit geschieht.

Jesus spricht über den Himmel

Wie sieht die christliche Vorstellung über den Himmel aus? Die alttestamentliche Vision ist ein Land, in dem Gott und Menschen zusammenkommen. Abraham soll aus seiner Heimat in das verheissene Land ziehen, das zur Heimat des Volkes Israel werden soll. Gott will sein Volk nicht in einen Himmel bringen, sondern in ein erdiges Land, in dem Milch und Honig fliesst sowie Gott mit den Menschen zusammenleben will.

Dieses Vorhaben kommt infolge Untreue der Menschen gegenüber Gott nicht ganz zum Ziel. Darum erscheint Jesus auf dieser Welt und spricht viel über den Himmel und auch die Hölle. Er prägt eine radikal neue Denkweise, ausgedrückt im Unservater-Gebet: «Dein Reich komme, dein Wille geschehe wie im Himmel aus auf Erden.» Jesus denkt vom Himmel aus. Im Himmel geschieht alles so, wie es Gottes Absichten entspricht. Wir sollen beten und leben, dass etwas davon auf dieser Erde sichtbar wird. Das Denkmodell «Himmel» hat überaus starke Konsequenzen auf das Leben im Diesseits.

Im Zusammenhang mit dem Himmel spricht Jesus oft von Lohn: Dinge, die wir auf Erden tun, haben ewige Auswirkungen – positive und negative. Das, was wir in unserem Leben tun, zählt wirklich. Es wird nichts übersehen: «Wenn jemand euch auch nur einen Becher Wasser gibt, weil ihr zu Christus gehört, wird er belohnt werden» (Markus 9,41 NLB). Unsere Entscheidungen haben konkrete Konsequenzen. Angesichts dieses Lohnes plädiert Er zudem für einen völlig anderen Lebensstil als in der Gesellschaft gemeinhin üblich. Jesus lehrte kein Wohlfühlevangelium: «Geh regelmässig in die Kirche und bete. Dort findest du den Partner fürs Leben und mit Gottes Hilfe kannst du abends ein bisschen entspannen.» Ebenso wenig geht es im Leben mit Gott um eine nebulöse Spiritualität, sondern um völlig neue Wertemassstäbe in zentralen Themen:

Jesus fordert heraus, unser Geld zum Wohl anderer einzusetzen. «[...] Auf diese Weise sammelt ihr euch mit eurer Grosszügigkeit Lohn im Himmel an» (Lukas 16,9 NLB). Konkrete himmlische Hoffnung lässt uns grosszügiger mit Geld umgehen. Unser Umgang mit Geld hat Auswirkungen im Himmel.

Sogar unser Umgang mit der Sexualität soll eine Himmelsperspektive haben. Jesus sagt: «[...] und wieder andere haben sich dafür entschieden, um des Himmelreiches willen nicht zu heiraten. Wer dies begreifen kann, der handle danach» (Matthäus 19,12 NLB). Warum so radikal? Weil wir höchstens an einen unattraktiven Himmel glauben, wurde die Sexualität zu unserem Himmel. Jesus erdreistet sich, unseren Pseudohimmel zu erschüttern. Lebt mit eurem Leib auf eine Art und Weise, die dem Himmel würdig ist! Mit einer himmlischen Hoffnungsperspektive lässt es sich sogar mit unerfüllten Wünschen leben.

Und jetzt wird es richtig herausfordernd: «Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich» (Matthäus 5,10 LUT). Die Zuhörer wussten, was Verfolgung bedeutet; und zwar nicht, dass jemand auf Facebook etwas Böses postet. Die ersten Jünger wurden aufgrund ihres Glaubens an Jesus Christus umgebracht. Jesu Kommentar dazu war: Sei glücklich! Er begründet diese radikalen Aussagen mit dem Himmel. «Freut euch darüber! Jubelt! Denn im Himmel erwartet euch eine grosse Belohnung. Und denkt daran, auch die Propheten sind einst verfolgt worden» (V.12 NLB). Die ersten Jünger konnten den Tod als Konzept nicht mehr so ernst nehmen. Sie gingen für Jesus in den Tod, weil sie den Auferstandenen gesehen haben. Sie wussten: Es dauert eine Sekunde und dann bin ich in der ewigen Herrlichkeit. Wovor sollte ich Angst haben? Paulus findet für diese Himmelperspektive folgende Worte: «Ich bin aber davon überzeugt, dass unsere jetzigen Leiden bedeutungslos sind im Vergleich zu der Herrlichkeit, die er uns später schenken wird» (Römer 8,18 NLB).

Was muss das für ein Himmel sein, dass man sich selbst über Verfolgung freuen soll? Die eher griechische Vorstellung eines Himmels als Seelen- und Geisterreich genügt nicht für einen solchen Lebensstil. Der Himmel, von dem Jesus spricht, ist so konkret und erdig wie das Land Kanaan.

Unsere Sehnsucht nach Liebe und Gerechtigkeit fällt nicht ins Nichts. Das haben die ersten Nachfolger geglaubt, weil Jesus Christus gestorben und auferstanden ist. Jesus ist nach seinem Tod nicht als Geist erschienen, er ist als Einheit von Körper, Geist und Seele auferstanden. Der auferstandene Jesus hatte einen Leib, aber einen anderen. Er konnte durch Wände gehen, plötzlich auftauchen und verschwinden, manche Jünger erkennen ihn nicht sofort, dann aber doch, und – er stirbt nicht mehr. Bildlich gesprochen mutierte Jesus von einem zweidimensionalen Kreis zu einer Kugel. Eine Kugel hat eine zusätzliche Dimension und hat deshalb ganz neue Möglichkeiten. Nach seiner Auferstehung rollt er nun über die irritierten «Flachländer».

Paulus weiss, dass alle Nachfolger von Jesus auch zu Kugeln werden: «Wir dagegen sind Bürger des Himmels, und vom Himmel her erwarten wir auch unseren Retter – Jesus Christus, den Herrn. Er wird unseren unvollkommenen Körper umwandeln und wird ihn seinem eigenen Körper gleichmachen, der Gottes Herrlichkeit widerspiegelt» (Philipper 3,20 NGÜ). Du bist eine Kugel. Dein jetzige Kreis kommt darin vor. Er ist aber nur ein kleiner Teil von viel mehr. Deine Geschichte wird zu einem lebendigen Film! Die Botschaft der Bibel ist, dass dies mit der ganzen Creatio geschieht: «Alles auf Erden wurde der Vergänglichkeit unterworfen. Dies geschah gegen ihren Willen durch den, der sie unterworfen hat. Aber die ganze Schöpfung hofft auf den Tag, an dem sie von Tod und Vergänglichkeit befreit wird zur herrlichen Freiheit der Kinder Gottes» (Römer 8,20f NLB; vgl. Kolosser 1,20). Die Neuschöpfung umfasst den ganzen Kosmos. Einerseits geht die Geschichte weiter (Kontinuität) und andererseits wird sie in einer neuen Dimension neu geschaffen (Diskontinuität). Im Himmel werden aus Kreisen Kugeln, aus einem Buch wird ein Film.

Die neue Welt ist keine unpersönliche, astrale Welt. Jesus nennt den Himmel auch Haus meines Vaters: «Es gibt viele Wohnungen im Haus meines Vaters, und ich gehe voraus, um euch einen Platz vorzubereiten» (Johannes 14,2 NLB). Später sagt Jesus, dass sein Vater auch unser Vater ist (Johannes 20,17). Der Himmel ist nicht nur eine äussere Heimat, sondern Herzensheimat. Es ist der Ort, an dem du merkst, dafür bin ich gemacht. Deine Sehnsucht nach Liebe und Gerechtigkeit kommt ans Ziel. Der Himmel ist so beschaffen, dass du dich intuitiv ganz zu Hause fühlst. Unterdessen baut Jesus bereits 2000 Jahre an diesem Haus. Wie genial muss es werden, wenn man bedenkt, dass der Schöpfer für die ganze Welt nur 7 Tage benötigte.

Der Zugang zum Himmel

Das Kreuz und die Auferstehung Jesu sind der Zugang zu dieser neuen Welt. Jesus musste für das neue Leben sterben und auferstehen. Niemand von uns wird einfach durchgewunken. Auch wir werden am Kreuz vor die Entscheidung gestellt. Bin ich bereit, diesem Gott zu vertrauen, mit ihm zu sterben und aufzuerstehen? Mit Jesus zu sterben, bedeutet zu kapitulieren und zur Einsicht zu kommen, dass ich, so wie ich bin, nicht in die neue Welt passe. Deshalb hänge ich mich an Jesus und gebe Ihm mein Leben. Im Zuge der Auferstehung mit Ihm schenkt Er mir eine neue Existenz mit der Anlage zu 3-D. Die Bibel nennt diesen Prozess auch Wiedergeburt. In der Taufe bringen wir zum Ausdruck, dass wir mit Jesus gestorben und auferstanden sind.

Gott respektiert deine Entscheidung und akzeptiert auch ein Nein. Die Folge davon, und darüber spricht Jesus sehr offen, ist die ewige Trennung von Gott. Er lässt uns die Freiheit. Du kannst dich heute entscheiden durch eine bewusste Hinwendung zu Jesus, Teil der Neuschöpfung werden.

 

Christliche Hoffnung ist viel mehr als eine Jenseitsvertröstung. Es ist eine Hoffnung, mit der sich leben und sterben lässt. Der Priester Maximilian Kolbe befindet sich 1941 in einem Konzentrationslager. Ein Gefangener ist geflohen. Und jetzt sollen zehn Unschuldige dafür den Hungertod sterben. Auch ein Familienvater wird ausgewählt. Er schreit laut auf. Da tritt Priester Maximilian vor die Reihen, um für ihn zu sterben. Er sagt auf die Frage «Warum tust du das?»: «Ich bin ein alter, alleinstehender Mann. Dieser Mann da ist jung und hat eine Familie.» Für die Augenzeugen ist es heute noch ein Rätsel, dass sich der Kommandant auf das Angebot des Priesters eingelassen hat. Kolbe geht mit den anderen am 3. August 1941 in den Todesbunker. Zwölf Tage später tötet der Lagerarzt mit einer Phenolspritze die vier Häftlinge, die zu dem Zeitpunkt noch leben – unter ihnen Maximilian Kolbe. Solange er noch sprechen konnte, hat er seinen Leidensgenossen Kraft gespendet und von Gott erzählt.

Der Himmel ist keine Jenseitsvertröstung. Der Glaube, dass dieses Leben nicht alles ist, ist das, was dem Leben unglaublichen Wert, Tiefe und Schönheit verleiht. Es ist wertvoll, wenn das Gewicht unseres Lebens in der Ewigkeit liegt. Dieser Anker hält, egal ob dein Boot von den Wellen des Leidens oder von Wellen des Glücks hin- und hergeschaukelt wird. Wenn du mit Jesus lebst, beginnst du eigentlich bereits im Himmel zu leben. Und wenn du dann stirbst, wirst du sagen: «Eigentlich habe ich die ganze Zeit schon im Hause des Vaters gewohnt. Ich habe nur noch nicht alles gesehen, weil ich ein kleiner Kreis war.»

 

 

Mögliche Fragen für die Kleingruppen

Bibeltext lesen: Römer 8,1-22

  1. Lest den angegebenen Text. Wenn auch nicht leicht verständlich, bringt er den Inhalt der Predigt sehr gut zum Ausdruck.
  2. Wie stellst du dir den Himmel vor? Was hat sich mit dieser Predigt verändert?
  3. Ist es deine Hoffnung wert, einen radikal anderen Lebensstil à la Jesus zu pflegen?
  4. Was bedeutet es, den Alltag vom Himmel her denkend zu gestalten?
  5. Was bedeutet es, mit Jesus Christus zu sterben und zu auferstehen? Hast du das schon erlebt?