Heimischer werden durch Weggefährten
Sonntag, 31. März 2019

Heimischer werden durch Weggefährten

Prediger/in:
Passage: Micha 6,4
Dienstart:

Das Ziel im Leben mit Jesus Christus ist es, beim himmlischen Vater heimischer zu werden. Weggefährten helfen uns dabei. Aaron und Mirjam waren Moses Weggefährten. Dank ihnen wurde Mose zu dem fähigen und reifen Mann, wie wir ihn aus der Bibel kennen.


Mein bester Kollege während meiner ‘Techzeit’ war Engadiner und Bergführer. Wenn wir in Buchs im Rheintal während den Vorlesungen aus dem Fenster blickten, schauten wir direkt an die Kreuzberge am Rande des Alpsteins. Für ihn war das oft eine Versuchung, der er nicht widerstehen konnte. Und so zog es ihn in die Berge und ich durfte mitgehen. Das waren wunderschöne Erlebnisse. Durch sein psychologisches Geschick und seine technische Kompetenz konnte ich schwierige Stellen meistern. Gute Gefährten besteigen mit uns die Gipfel des Lebens. Sie erleben mit uns Abenteuer, warnen uns vor Gefahren. Sie steigen aber auch mit uns hinunter ins Tal und trösten uns.

Wenn Kinder mehr wachsen sollten, gibt man ihnen Wachstumshormone. Wenn wir im Leben mit Gott wachsen wollen, heimischer werden beim himmlischen Vater, brauchen wir Weggefährten.

Heimischer werden durch Menschen

Wie hiess der Führer, der Israel aus der Gefangenschaft in Ägypten ins Gelobte Land führte? Auf diese Frage würde ich in grosser Selbstverständlichkeit «Mose» antworten. Mich fasziniert seine Führungs- und Sozialkompetenz. Er führte ein Millionen Volk durch grösste Herausforderungen in unwegsamem Gelände. Aus solchem Stoff werden üblicherweise Politstars gewoben. Über Mose aber heisst es: «Mose war sehr demütig, es gab niemanden auf der Erde, der demütiger war als er» (4Mose 12,3). Mose war zudem ein Mann, der bei Gott eine Heimat gefunden hatte: «Der Herr sprach mit Mose von Angesicht zu Angesicht, wie einer, der mit seinem Freund redet» (2Mose 33,11).

Mose wurde beauftragt, eine neue Heimat für das ganze Volk Israel einzunehmen. Aber er ging nicht allein. Weggefährten halfen ihm – zum Beispiel Mirjam und Aaron. Die drei wurden später als die Leiter bezeichnet, die das Volk aus der Sklaverei führten: «Denn ich habe dich aus Ägypten geführt und aus der Sklaverei befreit. Ich habe dir Mose, Aaron und Mirjam als Führer gegeben.» (Micha 6,4). Wer führte Israel in die neue Heimat? Mose, Aaron und Mirjam! Auch dank seinen Weggefährten wurde Mose charakterlich und geistlich zu einem reifen Mann.

Gibt es für dich einen «Aaron» und eine «Mirjam»? Es sind Vertraute und Personen, die du zu Vertrauten machst. Du lässt sie in dein Herz blicken. Du musst bei ihnen keine Rolle spielen – halt wie Zuhause. Dein professionelles Ich, dein Unterhalter-Ich, dein Stärke-Ich, dein Helfer-Ich, dein Mitleidsucher-Ich kannst du ablegen und einfach so sein, wie du bist. Solche Gefährten wollen gefunden werden. Es gehört zu den Aufgaben und Privilegien, dass wir unsere Lebensreise nicht auf uns allein gestellt antreten, sondern mit Gefährten. Mit Menschen, die es gut mit uns meinen.

Als Mose der Mut verliess, kam ihm sein Bruder Aaron entgegen. «Aber Mose bat: ‘Herr, bitte schick doch einen anderen!’ Da wurde der Herr zornig auf Mose. ‘Ich weiss doch, dass dein Bruder, der Levit Aaron, gut reden kann’, sprach er. ‘Er ist bereits auf dem Weg zu dir und wird sich freuen dich zu sehen.’» (2Mose 4,13f). Aaron wurde ein loyaler Gefährte und fand die richtigen Worte. Ohne Aaron hätte Mose diesen Auftrag kaum gepackt.

Auf dem Weg ins verheissene Land werden auch wir durch die Wüste kommen. Gerade dann brauchen wir gute Gefährten. Der Mensch neigt dazu, sich im Versagen selbst zu verurteilen oder sich geringzuachten. Bei mir braucht es manchmal nur eine kritische Mail und ich spüre, wie sich eine Schwere auf meine Seele legen will. Da ist ein ermutigendes Pausengespräch im Mitarbeiterteam sehr hilfreich. Oder als es vor einem Jahr im Angestelltenteam nicht harmonieren wollte, brauchte ich Weggefährten, um meine Gedanken zu ordnen und meine Anteile zu erkennen.

Vielleicht noch schwieriger ist es, mit Erfolg gut umzugehen. Wir brauchen Menschen, die sich mit uns über unsere Erfolge freuen. Mirjam, die Schwester von Mose, sang aus voller Kehle über den gemeinsamen Erfolg, nachdem sie durch das Schilfmeer gezogen waren (2Mose 15,20-21). Erfolg haben und dabei nicht stolz und überheblich werden, ist gar nicht so einfach. Roger Federer ist auch deshalb so populär, weil er in den 20 Jahren seines Erfolgs auf dem Boden geblieben ist. Manche sagen, dass er noch der gleiche sei wie damals. Federer hat gute Weggefährten, die ihm helfen, den «Ball flach zu halten». Nebst seinem Staff übernehmen seine Frau und die vier Kinder eine wichtige Aufgabe bei seiner «Erdung».

Mose hatte einen direkten Draht zu Gott und war Chef von unzähligen Menschen. Da wäre es nicht verwunderlich gewesen, wenn bei ihm «die Bäume in den Himmel gewachsen wären». Aber nein, Mose war demütiger als alle anderen. Demut meint den Mut zu dienen und sich weder zu gering noch zu hoch einzuschätzen. Er war sich der Abhängigkeit von Gott bewusst, aber auch dessen, dass Gott ihn brauchen wollte. Mose wusste, wer er war, und dass alles von Gott geschenkt ist. Falsche Demut wäre, auf ein Kompliment verlegen zu antworten: «Es geht, so gut war das auch wieder nicht…» Im Grunde genommen, will man ja nur noch mehr Lob einheimsen.

Aaron war für Mose genauso Fürsprecher wie Kritiker. An einer Stelle stellten Mirjam und Aaron den Führungsstil in Frage. Sie kritisierten seine Heirat mit der Kuschiterin, einer Frau mit brauner Hautfarbe. Zudem stellten sie Moses prophetische Sonderstellung in Frage. «Hat der Herr wirklich nur durch Mose geredet? Hat er es denn nicht auch durch uns getan?» (4Mose 12,2).

Beeindruckend, wie Mose auf diese massive Infragestellung nicht aus einem verletzten Ego zurückschlägt, sondern die Sache Gott überlässt. Erste Loyalität hat immer Gott und nicht die Weggefährten. Und Gott lässt nicht lange auf sich warten. Er gibt eine klare Antwort. Mirjam wird aussätzig. Der HERR bekräftigt Moses Sonderstellung: «Mit ihm spreche ich persönlich, direkt und nicht in Rätseln!» (4Mose 12,8). Damit widerspricht er allen Demokratisierungstendenzen und jeder Forderung nach Gleichheit. Der HERR kann einzelne Menschen in besonderer Weise bevollmächtigen und gebrauchen. Trotz des persönlichen Angriffs seiner Geschwister, bittet Mose den HERRN um Heilung für Mirjam. Sein Fokus gilt Gott. Seine Weggefährten helfen ihm, seine Motive zu läutern und heimischer werden bei Gott. Es ist sehr wichtig, dass wir nicht nur Menschen haben, die uns Bestätigung geben, sondern auch solche, die den Mut haben, uns kritisch zu hinterfragen.

Diese drei Weggefährten, die gleichzeitig Geschwister waren, hielten bei allen Problemen (2Mose 32,8) als Gefährten zusammen. Sie standen füreinander ein und blieben der Verheissung, das Volk in das gute Land zu führen, treu. Gleichzeitig machte Mose sich nicht abhängig von seinen Gefährten. Den Fokus hielt er auf Gott gerichtet. Weggefährten helfen uns, eine Heimat in den Beziehungen zu finden, um beim himmlischen Vater heimischer zu werden.

Heimischer werden durch Kleingruppe

Genau diese Aufgaben haben die Kleingruppen in der seetal chile. Sie sollen dazu dienen, Menschen in der seetal chile zu integrieren und Wachstum im Glauben zu fördern. In der Kleingruppen treffen sich Weggefährten auf Zeit.

Jemand meinte, dass wir drei verschiedene Typen von Weggefährten bräuchten. Wir alle brauchen einen Paulus. Ein Mensch, der uns herausfordert und vor eine Aufgabe stellt. Paulus traute Timotheus ein grosses Amt zu. Der Weggefährte Paulus wurde für den jungen Mitarbeiter zum Vorbild. Wir alle brauchen jemanden, der mehr in uns sieht, der eine bestimmte Gabe hervorlockt und uns ermutigt. Ein Junge schaut einem Künstler zu, der an einem Stein herummeisselt. Er fragt: «Warum hast du gewusst, dass in diesem Marmorblock ein Löwe steckt?» – «Ich sah den Löwen in meinem Herzen, bevor er im Marmor war!» Ein Paulus sieht den Löwen, der in dir steckt! Er fordert dich heraus, deinem Herzen und deiner Berufung zu folgen. Es sind Gefährten, die den Weg schon beschritten haben und noch einmal umkehren, um einen anderen zu begleiten. Sie kennen sich aus und lassen trotzdem Raum für eigene Entdeckungen. Suche Menschen, die vorwärtsgehen, und bitte sie, dich ein Stück des Weges zu begleiten.

Neben einem Paulus brauchen wir auch einen Barnabas, der eigentlich Josef hiess. Barnabas bedeutet: «Sohn des Trostes» (Apostelgeschichte 4,36). Er wird als «Mann mit edlem Charakter» bezeichnet, der mit dem Heiligen Geist erfüllt war und einen festen Glauben hatte (Apg 11,24). Nach der Bekehrung des Saulus war Barnabas neben Hananias der Erste, der Paulus bei sich aufnahm. Er gab ihm Schutz und war ihm gegenüber loyal. Er war auch treuer Gefährte auf Paulus’ erster Missionsreise. Später kam es zum Streit zwischen den beiden und sie trennten sich. Er scheint also auch Kritiker des Paulus gewesen zu sein. Er wies auf Missstände hin und nahm kein Blatt vor den Mund.

So einen treuen Wegbegleiter wünsche ich mir. Ein treuer Mensch, der mich trotzdem ehrlich und offen hinterfragt. Wir brauchen Menschen, die uns einen Rückzugsort bieten, wenn wir diesen nötig haben. Wir brauchen Mentoren, die uns an die Grenzen unserer Kraft erinnern und uns zwischendurch eine Pause gönnen. Ein Barnabas bringt uns seelsorgerlich und in Fragen der Persönlichkeit weiter.

Dann brauchen wir auch einen Timotheus. Er war eine Art Ziehsohn von Paulus (Apg 16). Er wurde sein Wegbegleiter und lernte viel durch sein Zuschauen und Dabeisein. Timotheus wurde von Paulus hochgeschätzt und bekam mehr und mehr verantwortungsvolle Aufgaben übertragen – bis hin zur Leitung der Gemeinde in Ephesus. Paulus bezeichnete ihn als sein geliebtes und treues Kind. Später wurde er eine Art Partner von Paulus, war Mitverfasser einiger Briefe. Paulus ermutigte ihn, die Gabe, die in ihm steckte, wachsen zu lassen. Er ermahnte ihn, gut mit seinen Kräften zu haushalten, treu ihm Dienst zu sein und trotz seines jungen Alters Vorbild für andere Christen zu sein. Die Botschaft von Paulus blieb relevant, weil er einen Menschen in seiner Nähe hatte, der die richtigen Fragen stellte. Der Jüngere kannte seine Generation besser als der Ältere, formulierte mit anderen Worten, stellte andere Fragen.

Wie alle brauchen Menschen, die jünger sind und entscheidende Fragenstellen. Sie haben den frischen und unverbrauchten Blick. Und: Sie haben Feuer. Gott arbeitete immer wieder gerade besonders mit jungen Menschen, weil sie noch nicht vom Geist der Nüchternheit und der Erfahrung der Niederlage um Ideale beraubt wurden. Ein Timotheus ruft in Erinnerung, was wirklich wichtig ist, stellt schon mit seiner Anwesenheit Dinge in Frage und ruft in uns die Sehnsucht hervor, etwas Wichtiges zu hinterlassen.

Was hat das mit unseren Kleingruppen zu tun? Ich denke nicht, dass wir dort Paulus, Barnabas und Timotheus in Reinkultur finden, jedoch – wenn wir aufmerksam sind – durchwegs Anteile von jedem Typ.

Doch in einer solchen Gruppe gibt es immer auch den Judas. Als Jesus Gemeinschaft schuf und seine Schülerkreis zusammenrief, heisst es am Schluss der Namensliste: «[…] Judas Iskariot (der ihn später verriet)» (Lukas 6,16). Wörtlich müsste übersetzt werden: «Judas, der ihn dem Leiden aushändigte». Gemeinschaft ist der Ort, wo garantiert jener Mensch lebt, mit dem man am wenigsten zusammenleben möchte. Es gibt immer Menschen, die uns dem Leiden aushändigen. Solche Menschen sind uns gegeben, um uns «auszuhändigen». Immer gibt es diesen Judas, der Dinge aus meinem Herzen hervorfördert, von denen ich gar nicht glaubte, dass sie noch da sind. Immer gibt es diesen Judas, der nervt und ohne den es viel leichter wäre! Nach zwei oder drei negativen Erfahrungen weichen wir solchen Menschen aus. Judas hat Jesus dem Leiden ausgehändigt und machte die Gemeinschaft dadurch fruchtbar. Auch uns sind schwierige Menschen gegeben, damit wir wachsen und heimischer werden bei Gott.

 

Als ich zwanzig Jahre alt war, hat mein damaliger Pastor «einen Löwen gesehen, der in mir steckte», den ich noch nicht einmal ansatzweise wahrnahm. Niemals hätte ich eine theologische Ausbildung gemacht, wenn ich keine Weggefährten gehabt hätte, die mich über längere Zeit herausforderten. Wir leben in der Zeit des Individualismus. Jeder muss selbst wissen, was er will. Man redet sich kaum gegenseitig ins Leben. Gegen diesen Trend müssen wir ankämpfen. Wir brauchen Weggefährten, bei denen wir Heimat finden, und die uns helfen, bei Gott heimischer zu werden.

 

Mögliche Fragen für die Kleingruppen

Bibeltext lesen: 4. Mose 12

  1. Weshalb werden in Micha 6,4 nicht nur Mose, sondern das Dreierteam Mose, Aaron und Mirjam als Führer des Volkes auf dem Weg ins Gelobte Land genannt?
  2. Hast du Menschen, die bei dir sind, wenn du Berge besteigst? Hast du auch welche, die dich durch deine Täler begleiten?
  3. Ein Paulus sieht «den Löwen in dir». Was für Menschen haben dir geholfen, deine Berufung zu finden?
  4. Wer könnte zu einem Timotheus von dir werden?
  5. Hast du schon einschlägige Erfahrungen mit einem Judas in deinem Umfeld gemacht? In welcher Art hat er dein Leben fruchtbar gemacht?