Heimat im Himmel
Sonntag, 15. September 2019

Heimat im Himmel

Prediger/in:
Passage: Philipperbrief
Dienstart:

Menschen, die sich als Gäste auf der Erde verstehen und ihre Heimat im Himmel haben, leben erfrischend anders. Das Beispiel von Paulus aus dem Philipperbrief untermauert diese These ausdrücklich. Trotz Gefangenschaft mit offenem Ausgang ist die Grundmelodie seines Lebens Freude, Sorgenfreiheit, Gelassenheit und Freiheit. Von diesem inspirierenden Vorbild wollen wir etwas abschauen.


 

Wie möchtest du gerne sein? Ich mache dir einen Vorschlag: Dein Herz ist voller Freude, auch wenn es mal ziemlich eng wird im Leben. Du bist ein angenehmer Zeitgenosse und tust anderen gut. Du bist sorgenfrei und optimistisch unterwegs. Selbst in Zeiten mit grossen Spannungen bleibst du gelassen. Dein innerer Friede ist echt und völlig unabhängig von der Meinung anderer.

Für mich ist das ein erstrebenswertes Lebensgefühl. Es ist die Beschreibung eines Menschen, der sagen kann: «Aber meine Heimat ist der Himmel, wo Jesus Christus, der Herr, lebtJa, so bedeutsam ist das Wissen um die Heimat bei Gott. C.S. Lewis bringt den Zusammenhang zwischen dem Leben als Gast auf dieser Erde und die Gewissheit der Heimat im Himmel auf den Punkt: «Aus der Geschichte sehen wir, dass gerade die die Christen, die am stärksten auf das Jenseits schauten, sich auch am eingehendsten mit dem Diesseits befassten. wer nach dem Himmel strebt, dem wir die Erde in den Schoss fallen; wer nach der Erde strebt, dem gehen sowohl Himmel als auch Erde verloren.» Paulus hat diese Wahrheit eindrücklich vorgelebt. Der Philipperbrief gibt entsprechenden Einblick.

Heimat im Himmel

Philippi hatte zur Zeit des Römischen Reiches einen besonderen Status. Als Erinnerung an den Sieg über die Cäsarmörder Brutus und Cassius wurde die Stadt zur römischen Kolonie ernannt (Apostelgeschichte 16,12). Das bedeutete, dass Philippi rechtlich so angesehen wurde, wie wenn es in Italien läge, was mit gewissen Vorrechten verbunden war: Die Stadt konnte sich selbst verwalten und ihre Bürger besassen die gleichen Rechte wie die Bürger Roms wie Befreiung von bestimmten Steuern und Abgaben. Für die Einwohner von Philippi war klar, was es bedeutet, Bürger von einer Stadt zu sein, die weit weg lag.

Kein Zufall, dass Paulus diesen Leuten schrieb: «Wir dagegen sind Bürger des Himmels, und vom Himmel her erwarten wir auch unseren Retter – Jesus Christus, den Herrn» (Philipper 3,20; NGÜ). Mit den Rechten des Himmels ausgestattet, auf der Erde lebend. Die Bibel Neues Leben übersetzt: «Aber unsere Heimat ist der Himmel, wo Jesus Christus, der Herr, lebt.»

Die Heimat, die wir im Herzen tragen, beeinflusst unser Dasein. Es gibt viele Leute, die in der Schweiz wohnen, aber Bürger eines anderen Landes sind. In den Ferien verreisen sie dann in ihre Heimat, um sie den Kindern zu zeigen und selbst Heimatluft einzuatmen. Mit Vorliebe schauen sie Fotos aus ihrem Heimatland an und würden niemals eine DOK-Sendung über ihre Region verpassen. Ein Italiener bleibt im Herzen immer Italiener. Unsere Fussball-Nationalspieler mit kosovarischen Wurzeln würden niemals die Schweizer Hymne singen. Das sie wäre das wie ein Verrat am Heimatland. Vielmehr stellen sie ihre nationalistischen Symbole wie beispielsweise den Doppeladler zur Schau.

Menschen, deren Heimat der Himmel ist, sollten ebenfalls heimatorientiert leben, «die Hymne des Himmels» singen, nachforschen, wie es dort ist, und den Kindern davon erzählen. Ist die Heimat im Himmel an unseren Essenstischen ein Thema?

Gast auf Erden

Wer seine Heimat im Himmel hat, wird sich auf dieser Erde als Gast verstehen (Psalm 119,19). Das relativiert manches und führt zu einer heiligen Gelassenheit.

Paulus befand sich in einer sehr ungemütlichen Lage, als er den Philipperbrief schrieb. Seit einiger Zeit schon sitzt er in Rom in U-Haft und wartet auf sein Urteil. Er weiss nicht, ob er noch einmal freikommt oder sein Leben bald ausgelöscht wird. Normalerweise hadern Menschen in solchen Engpässen mit den Umständen oder sich selbst. Man ist dann genügend mit sich selbst beschäftigt. Ganz anders Paulus!

Folgende Begriffe beschreiben ihn und fordern uns gleichzeitig heraus:

Freude. Das Wort «Freude» erscheint 16-mal im Philipperbrief. Er wird auch Freudenbrief genannt. Trotz Gefangenschaft mit ergebnisoffenem Ausgang ist die Freude der Grundton seines Lebens.

Sorgenfreiheit und Friede im Herzen. Im eigenen Leben durchbuchstabiert, empfiehlt er den Leuten in Philippi es ihm gleich zu tun: «Sorgt euch um nichts, sondern betet um alles. Sagt Gott, was ihr braucht, und dankt ihm. Ihr werdet Gottes Frieden erfahren, der grösser ist, als unser menschlicher Verstand es je begreifen kann. Sein Friede wird eure Herzen und Gedanken im Glauben an Jesus Christus bewahren» (4,6f). Vielmehr Grund zur Sorge, als Paulus ihn hatte, hat wohl niemand von uns. Wer sich nicht sorgt, wird einen so tiefen Frieden erfahren, der gar nicht zu begreifen ist. Übernatürlich. Wie ein kleines Kind zu Hause bei Mami und Papi muss sich ein Christ mit himmlischem Heimatbewusstsein niemals sorgen.

Hohe Ambiguitätstoleranz. Es handelt sich um die Fähigkeit, mehrdeutige Situationen und widersprüchliche Handlungsweisen zu ertragen. «Ich habe gelernt, mit dem zufrieden zu sein, was ich habe. Ob ich nun wenig oder viel habe, ich habe gelernt, mit jeder Situation fertig zu werden: Ich kann einen vollen oder einen leeren Magen haben, Überfluss erleben oder Mangel leiden. Denn alles ist mir möglich durch Christus, der mir die Kraft gibt, die ich brauche» (4,11-13). Paulus innere Welt ist unabhängig von seinem äusseren Ergehen. Auch die Option des baldigen Sterbens stellt für ihn keine Gefahr, sondern nur Freude und Gelassenheit dar.

Richtige Prioritätenordnung. Der bewusste Blick auf die Heimat im Himmel, hilft die Prioritäten im Lebensalltag richtig zu setzen. Paulus betet für die Christen in Philippi: «Denn ihr sollt imstande sein zu erkennen, worauf es ankommt, damit ihr rein und vorbildlich vor Christus steht, wenn er wiederkommt» (1,10).

Begeistert von Christus. In den Schuhen von Paulus würde ich vermutlich versuchen, meine Haut zu retten und würde vielleicht mit Gott hadern. Hey Gott, warum lässt du das zu? Paulus hat nur ein Ziel: nämlich Christus bekanntmachen, damit noch viele Menschen eine Heimat bei Gott finden (1,18).

Unantastbar. Paulus bindet sein Schicksal an Gottes Willen, an Christus. Die Römer können also mit ihm machen, was sie wollen, sie erfüllen nur Gottes Willen.

Gebet. Paulus ist täglich mehrmals mit Zuhause verbunden. Er tut dies nicht aus einem Pflichtgefühl heraus, sondern aus Freude (1,4).

Als interessierter und aufmerksamer Beobachter kann man zusammenfassend sagen: Als Gast auf dieser Erde lebt es sich in jeder Lage bestens!

Schlüssel zur Heimat

Als Erinnerung an die Heimat im Himmel verteilten wir Anfang Jahr die gravierten Schlüssel. Was ist der Schlüssel zu einem Leben, wie wir es bei Paulus sehen?

Die Antwort ist bereits gegeben: Er war sich seiner Heimat im Himmel bewusst. So lebte er mit dem Kopf im Himmel und den Füssen auf der Erde. Doch was ist der Schlüssel dazu, dass jemand sagen kann, dass seine Heimat im Himmel ist bzw. immer mehr wird?

Paulus hilft weiter: «Denn Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn» (1,21; Lut). Bei Menschen, bei denen Christus ihr Leben ist, kann Sterben nur Gewinn sein. Doch was bedeutet, dass jemand «Christus ist mein Leben» sagen kann? Eigentlich könnte das jede Person sagen, die getauft wurde. Die Taufe drückt die Verbundenheit mit Jesus Christus aus. Mit ihm geben wir unser altes, eigenes Leben in den Tod. Mit ihm auferstehen wir zu einem neuen Leben, das durch ihn geprägt wird. Paulus drückt diesen Sachverhalt in Galater 2,20 aus: «Ich lebe, aber nicht mehr ich selbst, sondern Christus lebt in mir. Ich lebe also mein Leben in diesem irdischen Körper im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich selbst für mich geopfert hat.» Deshalb stellt er sich im Anfang des Philipperbriefes als «Knecht Christi Jesu» (1,1) vor. Das ist ein Ehrentitel und bedeutet, dass jemand seine eigenen Rechte aufgegeben und ganz Jesus vertraut. Es ist der Schlüssel, um beim Vater im Himmel ein Zuhause zu finden.

Sein Leben völlig schicksalshaft mit Jesus Christus zu verbinden, braucht Mut und Vertrauen. Ich kann nur loslassen, wenn ich vertraue, dass Jesus es gut mit mir meint. Und – ich weiss es nicht im Voraus!

Bei den Trapezkünstlern gibt es «Flieger» und «Fänger». Der Flieger springt von der Plattform ab und schwingt durch die Luft. Er holt mit dem Körper Schwung und schwingt immer schneller und höher. Der Fänger baumelt derweil kopfüber an einem anderen Trapez und hat die Hände zum Greifen frei. Der Augenblick der Wahrheit ist gekommen, sobald der Flieger loslässt. Er saust ohne Halt durch die Luft und macht ein oder zwei Salti. In diesem Moment gibt es absolut nichts, was den Flieger vor dem Absturz bewahren könnte. Doch im nächsten Moment schwingt der Fänger in unser Blickfeld. Er hat seine Pendelbewegung perfekt abgestimmt und ist genau dann zur Stelle, wenn der Flieger an Schwung verliert und nach unten fällt. Er packt mit den Händen die Arme des Fliegers. Der Flieger kann ihn nicht sehen; aber er spürt, wie er aus der Luft gegriffen wird. Der Fänger bringt den Flieger nach Hause. In einem Interview erzählt ein Trapezkünstler: «Als Flieger muss ich volles Vertrauen in den Fänger haben. Die Zuschauer mögen mich für den Star am Trapez halten, doch der eigentliche Star ist der Fänger. Er muss mit sekundengenauer Präzision da sein und mich aus der Luft greifen. Der Flieger tut gar nichts. Der Fänger tut alles. Das ist das Geheimnis. Wenn ich auf den Fänger zufliege, muss ich einfach die Arme und Hände ausstrecken und warten. Ein Flieger muss mit ausgestreckten Armen darauf vertrauen, dass sein Fänger im richtigen Moment zur Stelle sein wird.» Es soll sogar richtig gefährlich werden, wenn der Flieger versucht, die Arme des Fängers zu greifen.

«Christus ist mein Leben» bedeutet, loszulassen und darauf zu vertrauen, dass Jesus auffängt. Es geht darum, einzelne Lebensbereiche Jesus hinzugeben und zu sagen: «Bestimm du darüber.» Da einzige, was wir tun müssen, ist zu springen. Er hält uns und verändert uns. Paulus erklärt dies den Philippern: «Ich bin ganz sicher, dass Gott, der sein gutes Werk in euch angefangen hat, damit weitermachen und es vollenden wird bis zu dem Tag, an dem Christus Jesus wiederkommt» (1,6). Jesus Christus hat das Werk in uns begonnen, er wird es auch vollenden. Vollenden meint nicht perfektionieren, sondern immer mehr zu einem ungeteilten Herzen zu kommen. Immer wieder springen, von Jesus Christus aufgefangen und nach Hause gebracht zu werden. Das ist der Schlüssel von Paulus zu einem genialen Leben.

 

Wie das Zitat von C.S. Lewis ausgedrückt hat, sollen Menschen, die ihre Heimat im Himmel haben, sich eingehend mit dem Diesseits befassen. Nicht naiv, weltabgewandt, alles wissend oder fatalistisch, sondern interessiert, hoffnungsvoll, auferbauend und ergebnisoffen. Wir wollen uns mit Weisheit, in Bescheidenheit und Demut in die Diskussion über globale Themen wie die Klimaveränderung, über gesellschaftspolitische Themen wie Ehe für alle oder politische Themen wie die Europapolitik einbringen. Noch mehr wollen wir uns unseren alltäglichen Herausforderungen stellen. All dies aber im Wissen, dass wir Gäste auf dieser Erde sind und unsere Heimat im Himmel ist. Das verändert alles und macht uns zu angenehmen, gelassenen, hoffnungsvollen und unabhängigen Menschen.

 

 

 

 

Mögliche Fragen für die Kleingruppen

Bibeltext lesen: Philipperbrief 4,1-13

  1. Was für Gefühle und Gedanken verbindest du mit dem Begriff «Heimat»?
  2. Wie real lebst du im Wissen, dass deine Heimat im Himmel ist? Wo und wann wird diese Wahrheit in deinem Alltag thematisiert?
  3. Nehmen wir an, dass du feststellst, dass die Welt zu stark Heimat geworden ist: Wie könntest du zu einem Gast mutieren? Welche Massnahmen würden dir helfen, dich deiner wirklichen Heimat mehr bewusst zu sein?
  4. «Christus ist mein Leben, Sterben mein Gewinn.» Was denkst du über diesen Satz?
  5. Welche Eigenschaft, die Paulus ausgemacht hat, wünschst du dir für dich?