Heilung für zerbrochene Familien

Datum: Sonntag, 1. Mai 2022 | Prediger/in:
Serie: | Bibeltext: 2. Mose 20,5-6

Als die ersten Menschen sich entschieden, nicht auf Gott zu vertrauen, gingen auch die familiären Beziehungen in Brüche. In den Ehen und Familien gibt es seither viel Versagen und Schmerz. Bereits in der zweiten Generation kam es zu einem Brudermord und der Mörder stellte die Frage: «Soll ich meines Bruders Hüter sein?» Die Antwort ist ein klares Ja. Gott setzt sich für die Versöhnung der Familien ein. Eine Grundvoraussetzung dafür ist die Vergebung, die selbst die Fluchlinie über die Generationen hinweg zu durchtrennen vermag.


Es gibt das Sprichwort «Unter jedem Dach ein Ach». Oft wirken Familien, wenn man sie von aussen betrachtet, ziemlich perfekt. Wenn man genauer hinschaut, zeigen sich nicht selten Risse und Brüche. Über die letzten Monate der Umbauzeit hinweg, wurden Silvia und mir unsere Unterschiedlichkeit vor Augen geführt. Es kam zu erheblichen Spannungen. Nicht nur bei uns. Kürzlich erzählte mir ein Mann, der getrennt von seiner Frau lebt, dass es das Schlimmste für ihn sei, dass niemand nach ihm frage. Eine Frau schrieb mir: «Aber vielleicht liegt es auch daran, dass ich als alleinstehende kinderlose Mitvierzigerin einfach nirgends wirklich dazu gehöre. Es ist für mich als Single oft schmerzhaft, so allein dazustehen und mich mit den ganzen Familien Themen, Ehe und Kindern auseinander setzen zu müssen. Es gibt mir das Gefühl, mit mir stimme etwas nicht. [...]» Kürzlich fiel in einem Gespräch das Stichwort «Pfäfers». Sofort lief bei mir innerlich ein Film ab. Vor ungefähr 30 Jahren brachte ich meinen jüngeren Bruder dorthin in die psychiatrische Klinik zum Drogenentzug. Er wurde in eine Gummizelle gesperrt und mir blieb der Schmerz wie ein Kloss im Hals hängen. Mein Bruder war dem Druck in unserer Familie nicht gewachsen. Anstatt, einander aufzubauen und zu fördern, fanden wir uns einem unerbittlichen Konkurrenzkampf wieder. Sein Ausweg waren die Drogen. Warum gibt es in unseren Familien so viel Zerbrochenheit, Missbrauch, unerfüllte Sehnsucht, Gewalt und Scheidung?

Auf Spurensuche

Es war nicht so vorgesehen. In Genesis 1 schuf Gott Mann und Frau nach dem Bilde Gottes. Beide hatten die gleiche Berufung und die gleiche Fähigkeit, Herrschaft auszuüben. In Genesis 2 werden die zwei Individuen zu einer Einheit. Es ist das kraftvollste Beispiel für das Netz der Verbindungen in der Schöpfung. Die Einheit von Mann und Frau ist das eindrückliche Ebenbild von Gottes Dreieinigkeit.

Unmittelbar nach dem Fall sehen wir eine Entstellung in der familiären Einheit. Die Auswirkungen davon, dass die Menschen nicht mehr unter dem Shalom Gottes stehen, sind der Bruch des Vertrauens zwischen Mann und Frau (1Mose 3,12) und Schmerzen beim Gebären (V.16). Die Frau sehnt sich nach ihrem Mann (V.16), aber der Mann ist auf seine Arbeit bei der Bestellung des trockenen Bodens fokussiert (V.15+17-18). Dieses Problem ist bis heute wohlbekannt: der Mann ist auf seine Arbeit fokussiert und holt seinen Wert daraus. Die Frau ist in vielen Fällen mehr auf Beziehung, auf das du, angelegt. Nicht umsonst ist die Liebessprache vieler Frauen die Zweisamkeit und die vieler Männer Lob und Anerkennung. Wir leiden in unseren familiären Beziehungen heute noch an den Folgen des Falles.

Es dauert nicht lange, bis sich die Sünde der Eltern in der nächsten Generation bei den Söhnen Kain und Abel widerspiegelt. «Nach einiger Zeit opferte Kain dem Herrn einen Teil seiner Ernte. Und auch Abel opferte ihm von den erstgeborenen Lämmern aus seiner Herde und von ihrem Fett» (1Mose 4,3f NLB). Als nächstes heisst es, dass Gott das Opfer von Abel mit grosser Wertschätzung annahm und dem Opfer von Kain keinerlei Beachtung schenkte. Die wohl treffendste Auslegung ist, dass Abel mit seinem Opfer grosses Vertrauen Gott gegenüber ausdrückt, weil er Ihm sein Allerbestes anbietet. Er glaubt, dass Gott ihn gut versorgen würde. Kain hingegen reserviert das Beste für sich und schenkt Gott das Übriggebliebene. Gott bringt zum Ausdruck, dass er von dieser Tat nicht beeindruckt ist. Kain interpretiert diese mangelnde Wertschätzung für sein Opfer als mangelnde Anerkennung für ihn als Person. Um dieses Missverständnis zu klären, macht sich Gott auf und kommt zu Kain: «Wenn du Gutes im Sinn hast, kannst du doch jedem offen ins Gesicht sehen. Wenn du jedoch Böses planst, dann lauert die Sünde schon vor deiner Tür. Sie will dich zu Fall bringen, du aber beherrsche sie!» (1Mose 4,7 Hfa). Gott lädt Kain ein, seine Liebe und sein Vertrauen zu Gott zu zeigen, indem er ebenfalls seine besten Früchte des Feldes opfert. Leider wandelt Kain aber in den Spuren seiner Eltern, indem er Gott ablehnt und seinen eigenen Weg zum Frieden sucht.

Kain wähnt sich in einem Konkurrenzkampf mit seinem Bruder und wird von Neid und Eifersucht zerfressen. Deshalb schlägt er Abel vor: «Komm, wir gehen zusammen aufs Feld!» (V.8 Hfa). Die zwei machen sich auf und es kommt zum Familiendrama: Kain tötet seinen Bruder. Sünde trennt. Die Sünde beherrscht Kain und führt zur endgültigen Form der Trennung.

«Da sprach der HERR zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er sprach: Ich weiss nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein?» (V.9 LUT). Erinnern wir uns an die Schöpfungsgeschichte, in der der Mensch die Aufgabe bekam, die Schöpfung zu bewahren (1Mose 2,15). Das hebräische Wort für Hüter (schamar) ist das gleiche und meint schützen, pflegen, fördern. Schamar verdeutlicht, was es bedeutet, Herrschaft auszuüben.

Das Resultat

Als Gott über Götzenbilder sprach, gab er folgende Anweisung: «Du sollst sie weder verehren noch dich vor ihnen zu Boden werfen, denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott! Ich lasse die Sünden derer, die mich hassen, nicht ungestraft, sondern ich kümmere mich bei den Kindern um die Sünden ihrer Eltern, bis in die dritte und vierte Generation. Denen aber, die mich lieben und meine Gebote befolgen, werde ich bis in die tausendste Generation gnädig sein» (2Mose 20,5-6 NLB).

Das Problem der Zerbrochenheit in Familien ist, dass es in der Generationenfolge weitergeht. Die Schöpfung funktioniert in einem feinen Netz von Beziehungen. Bereits in den Urfamilien von Abraham, Isaak und Jakob wird das deutlich sichtbar. So begegnen uns gewisse Essverhalten und sexuelle Verirrungen in allen Generationen. Der Vers ist nicht in erster Linie so zu verstehen, dass Gott die Kinder und Kindeskinder bestraft, sondern dass die Sünde der Eltern ihre Kinder bis in die vierte Generation beeinträchtigt. Damals bestand ein hebräischer Haushalt aus bis zu vier Generationen mit zwischen 12 und 15 Personen. Das Versagen des Stammvaters beeinflusste das ganze Haus. Das ist der Grund, weshalb sich sündige Muster in einer Familie durch die Generationenfolge schleicht; seien es Süchte, Missbrauch, mangelnde Unterordnung unter Autoritäten, Scheidungen, etc.

Folgende Familiengeschichte ist ein Beispiel von Zerbrochenheit und Heilung: Jakob hatte von seinen zwei Frauen Lea und Rahel sowie von deren Mägden insgesamt zwölf Söhne. Josef war der erstgeborene Sohn von Jakobs Lieblingsfrau Rahel. Unglücklicherweise verstarb sie bei der Geburt des zweiten Sohnes Benjamin. Josef wuchs also in einer Patchwork Familie mit zehn Stiefbrüdern und ohne eigene Mutter auf. Jakob liebte Josef mehr als die anderen Söhne. Vielleicht wollte er unbewusst seine geliebte Rahel kompensieren. Josefs Vorzugsstellung wurde durch ein schönes, langes, von Jakob erstelltes Kleid untermauert. Es war ein spezielles Zeichen der Sohnschaft. Josef sog die Spezialbehandlung seines Vaters auf. Die Brüder ertrugen die Liebe des Vaters Josef gegenüber nicht. Nachdem Josef auch noch von seinen Träumen erzählte, wie er über seine Brüder herrschen wird, entflammte sich ein riesiger Hass.

Als sich fernab des Vaters auf dem Feld eine Gelegenheit bot, rissen sie Josef das Kleid vom Leib und warfen ihn in einen Brunnen. Sie hätten ihn dort elendiglich sterben lassen, kamen dann aber auf die Idee, Josef als Sklave nach Ägypten zu verkaufen. Es war eine Tragödie, die einen tiefen Riss in das Familiengefüge verursachte und das Herz von Jakob brach.

Auch heute noch brechen Familien auseinander. Zurück bleibt der entsetzliche Schmerz der Trennung. Genauso wie die Vereinigung von zwei Menschen zu einer Person eine geistliche Realität ist, hat die Trennung eine geistliche Tragweite. Eine Scheidung zieht oft Wunden und Schmerz nach sich.

Die Wiederherstellung

Die Geschichte von Josef findet in Ägypten ihre Fortsetzung: «Der Herr half Josef und liess ihm alles gelingen, während er im Haus seines ägyptischen Herrn arbeitete» (1Mose 39,2 NLB). Der HERR war mit Josef. Dieser Satz wiederholt sich immer wieder. Der HERR war mit Josef im Gefängnis. Der Geist Gottes war in Josef, als er Potifars Träume auslegte und Ägypten durch sieben Jahre Hungersnot hindurchrettete. Gott bewegte Pharao dazu, das Loch in Josefs Seele zu füllen, indem er ihm einen Siegelring, schöne Kleider, eine Frau und einen neuen Namen gab. In der Mitte seines Schmerzes fand Josef Gott und merkte, dass dies genug ist. Er ging mit Gott vorwärts und Gott ehrte ihn. Das ist ein wichtiger Zuspruch an alle, die an Zerbrochenheit in der Familie leiden. Der HERR ist mit dir! Geh mit diesem Gott weiter, er wird dir Ehre geben.

Einige Jahre danach nahm die Geschichte eine ironische Wende, als die Brüder nach Ägypten kamen, um Getreide zu kaufen. Beim ersten Mal erkannten sie Josef nicht. Josef hingegen setzte gleich zur Familientherapie an. Einer der Brüder musste als Kaution ins Gefängnis. Nur wenn sie nächstes Mal ihren jüngsten Bruder Benjamin mitbringen, soll er wieder auf freien Fuss kommen. Durch diese Forderung wurden die Brüder mit ihrem früheren Verbrechen konfrontiert. Auf dem Heimweg sagten sie zueinander: «Das alles ist nur aufgrund dessen geschehen, was wir Josef vor langer Zeit angetan haben. Wir haben seine Angst gesehen, als er uns um Gnade anflehte, aber nicht darauf gehört. Jetzt müssen wir dafür büssen» (1Mose 42,21 NLB).

Für die Wiederherstellung von Familien ist es notwendig, an die Ursache der Brüche heranzukommen. Wenn Einsicht von Schuld da ist, besteht die Möglichkeit der Vergebung durch Gott und durch Menschen. Ein solcher Vergebungsprozess ist die Bedingung für Heilung.

Später, als sich Josef seinen Brüdern offenbarte, sagte er: «Ich werde für euch sorgen, damit du und deine Familie nicht verarmen, denn es liegen noch fünf Jahre des Hungers vor uns» (1Mose 45,11 NLB). Mit diesen Worten beantwortete Josef die Frage von Kain: «Soll ich meines Bruders Hüter sein?» Die Antwort ist ja. Wir sind in unseren Familien füreinander schamar (Hüter, Förderer, Diener)!

Josef, aus seiner Position in der Regierung, zeigt uns, dass Gott glaubensvolle Menschen brauchen will, um die Gesellschaft zu segnen, den Hungernden zu essen zu geben, die Heimatlosen zu beherbergen, den Vaterlosen Vater zu sein, die Gefangenen zu besuchen und die ganze Nation zu segnen. Als Menschen, die Verantwortung tragen, sind wir besonders herausgefordert, dem Himmelreich auf Erden ein Gesicht zu geben. «Ja,» Josef sagt, «wir sind unseres Bruders Hüter.»

Es ist ein geistliches Muster, dass Brüche einer Familie sich in den nächsten Generationen wieder zeigen. Deshalb bedeutet schamar auch, dass wir unsere Kinder freisetzen. Schamar könnte bedeuten, dass wir das Gespräch mit unseren mündigen Kindern suchen, ein offenes Gespräch über Gelingen und Scheitern führen, zu unserer Schuld stehen und um Vergebung bitten. In einem Gebet kann die «Fluchlinie» unterbrochen und die Segenslinie gestärkt werden. Vergebung ist das Gegenmittel gegen Zerbrochenheit in der Familie und die Grundlage für Heilung.

Ein wichtiger Baustein auf dem Weg zur Heilung ist die Gemeinschaft der Nachfolger Jesu. Jesus sagt: «Wer den Willen Gottes tut, ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter» (Markus 3,35 NLB). Josef fand bei Pharao eine Ersatzfamilie. Wir können Hüter füreinander sein!

 

Das «Sehr-Gut» der Schöpfung wurde durch den Sündenfall ad acta geführt. Die Antwort von Jesus darauf ist sein durch Tod und Auferstehung erworbene sehr gute Evangelium, welches auch die Wiederherstellung von zerstörten Familien beinhaltet. «Denn ihr wisst, dass Gott euch nicht mit vergänglichen Werten wie Silber oder Gold losgekauft hat von eurem früheren Leben, das ihr so gelebt habt wie schon Generationen vor euch. Er bezahlte für euch mit dem kostbaren Blut von Jesus Christus, der rein und ohne Sünde zum Opferlamm Gottes wurde» (1Petrus 1,18f NLB). Genau das hat mein Bruder erlebt. Er ist frei – nicht nur von Drogen, sondern er erlebt die wunderbare Freiheit der Kinder Gottes. Weil Gott keine Lieblingskinder hat, kannst du das auch erleben!

 

 

Fragen für die Kleingruppen

Bibeltext lesen: 2. Mose 20,5-6; 1. Mose 4,9; 1. Mose 45,11

  1. Wo siehst du in deinem Umfeld die Folgen des Sündenfalls in familiären Beziehungen?
  2. Was würde es bedeuten, «des Bruders Hüter» zu sein?
  3. Was braucht es, dass familiäre Wunden geheilt können und «Fluchlinien» getrennt werden können? Gibt es diesbezüglich einen Bedarf in deiner Familie?
  4. Warum schickte Josef seine Brüder mit dem Auftrag nach Hause, ihren jüngsten Bruder mitzubringen?
  5. Wem könntest du in der Gemeinschaft der Kirche Schwester bzw. Bruder sein?
  6. In der seetal chile gibt es das Mentoringteam, das dich auf dem Weg in versöhnte Beziehungen gerne unterstützt!