Die leisen Weltveränderer
Sonntag, 20. Oktober 2019

Die leisen Weltveränderer

Prediger/in:
Passage: Lukas 1,26-45 +2,16-20, Johannes 2,1-10; 19,25
Dienstart:

Die Kirche braucht beide, introvertierte und extrovertierte Menschen, damit sie bedacht Handeln kann! In zwei Predigten geht es um das Zusammenspiel von Menschen mit diesen zwei Persönlichkeitsausrichtungen. Maria, die Mutter Jesu, zeigt ein paar deutlich introvertierte Merkmale. Heute stehen die Introvertierten im Fokus. Sie werden herausgefordert, zu geistlich-emotional reifen Menschen heranzuwachsen.


Vor vier Wochen war Debora Sommer bei uns und predigte zum Thema «Vorhang auf für leise Christen». Seit etwa einem Jahr beschäftige ich mich mit diesem Thema und habe das Anliegen, dass die seetal chile für alle – für extro- und introvertierte Menschen – zu einer guten Heimat wird.

Da ich mehrheitlich introvertiert bin, war es mir schon immer wichtig, dass unsere Anlässe so gestaltet sind, dass sich Besucher jederzeit 100% sicher fühlen können. Deshalb gibt es bei uns keine Aufforderungen, den Nachbar zu begrüssen und ihm ein Kompliment zu machen, in Gruppen zu beten und auch keine Saalinterviews. Für mich wäre schlimm, wenn ich spontan auf eine Frage vor allen Leuten antworten müsste. Ich denke, dass wir grundsätzlich «introsensitiv» sind. Und doch hat mir kürzlich jemand gesagt, dass sie niemals auf jemand in der info egge zugehen würde. Eine andere stark introvertierte Person erzählte, dass sie so froh um das Bistro sei. Da müsse sie sich nicht in die Massen begeben und könne am Schluss des Gottesdienstes unbehelligt wieder von dannen ziehen.

Während den ersten Jahren als Pastor fühlte ich mich in meiner Introversion schlecht. In meinen Hinterkopf trug ich das Ideal mit, dass ein Pastor in einem Verein, zumindest in der Feuerwehr, mitmachen müsse, um Kontakt zu den Menschen zu haben. Für mich ist es aber überlebensnotwendig, einen Abend ohne Gemeindetermin in meiner «Höhle» zu verbringen. Nur so kann ich meinen Energiehaushalt auf gutem Niveau halten.

Verhaltensweisen von Intros

Ein sehr gutes Beispiel für eine introvertierte Person ist Maria, die Mutter von Jesus. Sie ist noch Teenagerin, als ein Engel mit der herausfordernden Botschaft zu ihr kommt, dass sie vom Heiligen Geist schwanger werden und einen Jungen namens Jesus auf die Welt bringen würde. Es sei der versprochene Retter. Maria willigt ein.

Ihre grossartige Antwort lautet: «Ich bin die Dienerin des Herrn und beuge mich seinem Willen. Möge alles, was du gesagt hast, wahr werden und mir geschehen» (Lukas 1,38 NL). Es ist natürlich genial und richtig, wenn sich jemand als Dienerin des Herrn bezeichnet und sich seinem Willen beugt. In dieser überaus grossen Herausforderung so etwas zu sagen, ist einfach nur vorbildlich. Maria beweist hier ihre grosse Treue gegenüber Gott. Bei Intros kippt es aber gerne und sie sind manchmal Menschen gegenüber auf ungute Art unterwürfig. Ja, nicht selten schlüpfen sie gar in eine Opferrolle und bemitleiden sich selbst.

Doch dann verlässt Maria die Stadt, in der sie wohnte, und geht in ein abgelegenes Dorf im Hügelland Judäa. «Etwa drei Monate blieb Maria bei Elisabeth und kehrte dann nach Hause zurück» (Lukas 1,56 NL). Maria zieht ein dreimonatiges Timeout bei ihrer Verwandten (vermutlich Cousine) Elisabeth ein, um die ganze Geschichte zu verarbeiten. Das ist ein typisches Verhalten für eine introvertierte Person. Sie braucht Ruhe und Rückzug, um eine Situation zu durchdenken und damit fertig zu werden.

Dann kommt die Zeit der Geburt. Maria bringt Jesus in einem Stall zur Welt. Die Hirten kommen vom Feld und dann steht: «Da erzählten die Hirten allen, was geschehen war und was der Engel ihnen über dieses Kind gesagt hatte. Alle Leute, die den Bericht der Hirten hörten, waren voller Staunen. Maria aber bewahrte alle diese Dinge in ihrem Herzen und dachte oft darüber nach» (Lukas 2,17-19 NL). Maria bricht nicht sofort in Jubel aus und ruft laut «Halleluja». Sie hört alles und durchdenkt es in ihrem Herzen. Als einige Jahre später Jesus im Tempel verloren geht, steht im Bibeltext nochmals: «Daraufhin kehrte er mit ihnen nach Nazareth zurück und war ihnen ein gehorsamer Sohn. Seine Mutter bewahrte all diese Dinge in ihrem Herzen» (Lukas 2,51 NL). Introvertierte Menschen denken viel nach und brauchen Zeit dafür. Nach aussen zeigen sie vielleicht nicht viele Emotionen, aber in ihrer inneren Welt passiert ungemein viel.

Die Gefahr für Intros ist, dass sie beim Denken bleiben und die Dinge nicht aussprechen. Aber bei Maria ist das nicht so. Sie spricht Dinge aus, und zwar klar und deutlich. Bei der Hochzeit zu Kana, zu der Jesus, seine Freunde und seine Mutter eingeladen sind, wird das deutlich. Der Wein geht aus. Das ist ziemlich peinlich für den Gastgeber. Maria gibt Jesus zu verstehen, dass er in dieser Situation helfen könnte. Und dann kommt ein Satz, der so einfach ist, dass man die Tiefe davon oftmals übersieht. «Doch seine Mutter wies die Diener an: ‘Tut, was immer er euch befiehlt.’» (Johannes 2,5 NL). Introvertierte sind Leute, die nicht viele Worte brauchen, aber was sie sagen, ist durchdacht und deutlich. Maria hatte alles, was sie bisher von Jesus gesehen hatte, in ihrem Herzen behalten und durchdacht. Sie ist zum Schluss gekommen, dass Jesus tatsächlich der versprochene Retter, der Sohn Gottes, ist. Daher konnte sie nun deutlich sagen: Was wirklich zählt, ist, dass ihr auf Jesus hört und tut, was er sagt.

In der weiteren Geschichte taucht Maria nicht mehr oft auf. Der Grund dafür liegt vielleicht in ihrer Introversion. Doch ganz am Ende, als Jesus bereits verhaftet, verspottet und ans Kreuz genagelt war, begegnen wir ihr nochmals. «In der Nähe des Kreuzes standen die Mutter von Jesus und ihre Schwester sowie Maria, die Frau von Klopas, und Maria Magdalena» (Johannes 19,25 NL). In dieser schwersten Stunde von Jesus ist nicht der extrovertierte Petrus anwesend, sondern die introvertierte Maria. Sie läuft nicht davon oder versteckt sich, wie es die anderen Jünger getan haben. Ihr durchdachter, tiefer und eindeutiger Glaube führt dazu, dass sie hier in diesem Moment diese furchtbaren Qualen aushält. Sie wird auch eine der ersten sein, die von der Auferstehung erfährt.

Es ist ein Merkmal von Introvertierten, dass sie viel Ausdauer an den Tag legen. Wenn sie mal von etwas überzeugt sind, dann stehen sie dazu.

Herausforderungen für Intros

Geistlich-emotional reife Intros verlassen die Opferrolle und übernehmen Verantwortung.

Unreife Intros neigen dazu, sich gekränkt zurückzuziehen, wenn sie sich übersehen, übergangen und nicht willkommen fühlen. Leider ist es sehr leicht, Intros zu übersehen, weil sie alles daransetzen, um keinen Preis aufzufallen. Wenn ich als introvertierte Person wahrgenommen werden will, muss ich bereit sein, die Opferrolle zu verlassen und Verantwortung zu übernehmen. Ich muss bereit sein, mein sicheres Versteck im Schneckenhaus zu verlassen und sichtbar zu werden. Nicht die Beachtung der Extrovertierten gibt meinem introvertierten Wesen Wert, sondern der Schöpfer höchstpersönlich. Ich bin wunderbar geschaffen, wie ich bin. Und ich will mich daran erinnern, dass ich auch mit meiner introvertierten Art herausgefordert bin, anderen mit meinen Gaben zu dienen.

Letzte Woche war ich an der Jubilarenfeier auf Chrischona. In einem Gespräch mit einem ehemaligen Klassenkollegen fragte ich, ob seine drei Kinder Anschluss in einer Gemeinde haben. Er verneinte. Es habe ein paar dominante Personen gegeben, die die Gangart in der Jugendarbeit bestimmt hätten. Seine Kinder seien eher ruhige Zeitgenossen. Als die Eltern die Leiter auf die Problematik ansprechen wollten, wurden ihnen mitgeteilt, dass in ihrer Jugendarbeit alle Platz hätten. Offensichtlich ist es für extrovertierte Personen sehr schwierig, sich in die Welt von introvertierten hineinzubegeben und sie zu verstehen. Wie können unsere Gruppen dennoch zu einem guten Ort auch für introvertierte Menschen werden? Einerseits müssen – wie gesagt – Intros Verantwortung übernehmen und lernen ihren Platz einzunehmen. Andererseits braucht es wohl reife Intros, die diesen Schritt schon getan haben, um mit Verständnis und Geduld anderen den Weg zu ebnen.

Geistlich-emotional reife Intros schätzen die Stärken der Extrovertierten.

Manchmal schwanke ich zwischen dem Bedauern, nicht so extrovertiert wie andere zu sein, und dem Vorwurf, dass sie zu laut, vorschnell und vielleicht sogar rücksichtslos sind. Introvertierte Menschen durchdenken ihre Handlungen und Entscheide oft gut. Immer wieder geschieht es, dass ein Extro kommt und kluge Vorschläge bringt. In der Konfrontation mit solchen Vorschlägen reagiere ich manchmal sehr verschlossen, weil ja alles durchdacht ist und ich einer extrovertierten Person unterstelle, dass sie einfach zu wenig denkt. Für die andere Person hingegen ist es ein weiterer Beweis, dass ich festgefahren bin. Was in den Augen der harmoniebedürftigen Intros rücksichtslos erscheint, ist aus Sicht der Extros ehrliches Verhalten, das durchaus angemessen und sogar dringend nötig ist. Die Kirche braucht beide, damit sie bedacht Handeln kann!

Geistlich-emotional reife Intros teilen sich respektvoll mit und geben Extrovertierten die Chance zu reagieren.

Im platonischen Dialog fordert Sokrates seinen Gesprächspartner auf: «Sprich, damit ich dich sehe.» Dieser Satz erinnert Introvertierte daran, dass manchmal auch stille Menschen ihren Mund aufmachen sollten: für sich selbst, für ihre Überzeugungen und Erkenntnisse, aber auch zum Wohl von anderen Menschen. Denn auch sie haben etwas zu sagen. Es ist erfreulich, wenn Extrovertierte versuchen, Introvertierte aus der Reserve zu locken. Aber Introvertierte sollten lernen, auch ohne Einladung aus der Reserve zu kommen. Ich habe zu oft noch den Eindruck, dass die Personen in meinem Umfeld – sei es die Ehefrau, die Kinder oder Mitarbeiter – selbst merken müssen, was ich denke und von ihnen erwarte. Ebenso habe ich mir eine wortlose Kommunikation angewöhnt und schon früh im Leben das Motto konditioniert: «Ich werde es euch schon beweisen.»

Hier in der Gemeinde gibt es ganz stille ältere Leute, die niemals fordern würden, dass ich sie wieder mal besuche. Ich empfinde es als Herausforderung, dass ich sie gleichberechtigt wie die anderen behandle, die sich melden und fordern.

 

Geistlich-emotional reife Intros wagen Gemeinschaft und bleiben sich gleichzeitig treu.

Introversion ist keine Ausrede im Sinne von: «Ach, weisst du, ich bin eben introvertiert, daher kann ich keine Beziehungen pflegen und keinen Dienst in meiner Kirche tun.» Introversion charakterisiert zwar, wie ich bin, aber legt nicht fest, wer ich bin. Die Aufforderungen der Bibel gelten für alle Menschen. Und solange wir atmen, sind wir herausgefordert, uns an Jesus zu orientieren und uns von ihm verändern zu lassen. Dazu gehört, dass wir uns zu Herzen nehmen, was auch Gott am Herzen liegt; z.B. Beziehungen und Gemeinschaft. Wir sind berufen, gemeinsam Salz und Licht in dieser Welt zu sein (Matthäus 5,13f). Gemeinsam sind wir aufgerufen, in die ganze Welt zu gehen und die gute Nachricht von Jesus Christus zu verkünden (Markus 16,15). Viele denken bei diesem Thema an das Verteilen von Traktaten am Bahnhof, an Strasseneinsatz oder an Events, zu denen man kirchendistanzierte Menschen einladen soll. Das alles ist eine Qual für introvertierte Menschen und Quelle von schlechtem Gewissen. Wir können hier viel von Maria lernen. Sie macht nicht viele Worte, sondern versucht die Menschen mit Jesus in Kontakt zu bringen. Auch wir sollten nicht das Gefühl haben, «evangelisieren» zu müssen, sondern vielmehr den Wunsch haben, unsere Freunde mit Jesus in Kontakt zu bringen, weil wir sie lieben und erwarten, dass Jesus ihnen wirklich helfen kann. Wenn wir Evangelisation wieder verstehen als ein liebevolles Dienen und als ein In-Verbindung-Bringen von Jesus mit unseren Freunden, dann könne auch Introvertierte etwas bewegen. Ich darf mir treu bleiben und muss mich nicht verbiegen. Ich darf zu meinen Grenzen und Bedürfnissen stehen. Und ich darf ohne schlechtes Gewissen und fadenscheinige Erklärungen Nein sagen. Als introvertierte Person, darf ich mal unsichtbar bleiben, um dann bewusst wieder sichtbar zu werden.

 

Die Geschichte von Maria zeigt, dass Gott auch mit introvertierten Menschen Geschichte schreibt und auch Intros zu Weltveränderer werden können. Die Geschichte von Maria beginnt mit folgendem Satz von Engel Gabriel: «Sei gegrüsst! Du bist beschenkt mit grosser Gnade! Der Herr ist mit dir!» (Lukas 1,28 NL). Egal wie deine Persönlichkeit ist, Gott hat dich gewollt! Auch zu dir sagt er: «Ich habe dich mit Gnade beschenkt und mich dir zugewandt.» Gott möchte dich so gebrauchen, wie du bist! Und gleichzeitig dich in sein Bild verändern. Er tut das gerade auch in der Begegnung mit andersartigen Persönlichkeiten.

 

 

Mögliche Fragen für die Kleingruppen

Bibeltext lesen: Lukas 1,26-45 +2,16-20

  1. Schätzt du Maria, die Mutter Jesu, ebenfalls als eher introvertiert ein? Was spricht dafür? Hat Gott gezielt eine eher introvertierte Persönlichkeit für diesen Auftrag ausgesucht?
  2. Bist du zufrieden mit deiner Persönlichkeit? Wo wünschst du dir eine Gebietserweiterung?
  3. Bist du einverstanden, dass wir in der seetal chile «introsensitiv» sind? Mit welchen Argumenten könntest du diese These stützen? Was spricht eine andere Sprache?
  4. Für Extros: Wie könntest du introvertierte Menschen in unserer Gemeinschaft wirkungsvoll unterstützen?
  5. Für Intros: In welchen der vier genannten Punkte willst du reifen? Wie packst du es an?