Die lauten Weltveränderer
Sonntag, 27. Oktober 2019

Die lauten Weltveränderer

Prediger/in:
Passage: Matthäus 16,13-20; u. v. a. m.
Dienstart:

Ein diametral anderer Persönlichkeitstyp als Maria ist Petrus. Er ist ein stark extrovertierter Mensch. Wenn die Gemeinschaft der Jünger Jesu herausgefordert war, reagierte er meistens am schnellsten. Er ist eine innovative, laute Person, die aber immer wieder mal an seiner Unstetigkeit scheitert. Jesus nimmt sich ihm an, verändert ihn und gibt ihm die grosse Verantwortung, der Fels zu sein, auf dem Jesus seine Gemeinde baut.


Nach der letzten Predigt wurde mir per Mail folgende Frage gestellt: Was ist Jesus? Intro? Extro? Meine Antwort lautete: «Ich denke, dass Jesus vollkommen war. Er lässt sich nicht durch eine Typologie einfangen, sondern war alles gleichzeitig – aber nicht aus Defizit, sondern geistlich reif! Unglaublich – wie Jesus war!» Die Einteilung in intro- und extrovertiert hängt mit der Beschränktheit von uns Menschen zusammen. Durch diese Antwort wird auch klar, dass auf dem Weg zur Jesusähnlichkeit, ein jeder von uns seine Grenzen weiten sollte. Genau darum geht es in diesen Predigten. Mehr introvertierte Personen sollten ihr Gebiet in Richtung Extrovertiertheit erweitern und umgekehrt.

Zur Wiederholung nochmals eine kurze Charakteristik der beiden Pole extrovertiert und introvertiert. Eine Frau schreibt über sich: Ich bin einerseits extrovertiert: ein Hansdampf in allen Gassen. Ich liebe es, unter Menschen zu sein und mich einzumischen, die Führung zu übernehmen und (bevor ich gross nachdenke) Kommentare abzugeben – die ich später manchmal bereuen. Und dann bin ich wieder introvertiert. Wenn ich viel Zeit unter Menschen war, brauche ich Zeiten des Rückzugs und atme auf, wenn ich endlich mal allein bin und Klavier spiele oder ungestört am Schreibtisch arbeiten kann.

Es geht nicht darum, dass sich jeder von uns genau katalogisieren kann, sondern um ein wachsendes gegenseitiges Verständnis. Jesus hatte beide Typen im Umfeld und förderte bzw. forderte sie jeweils «artgerecht».

Charakteristik einer extrovertierten Person

Ich bin fasziniert davon, was für unterschiedliche Persönlichkeiten Jesus in seinem näheren Umfeld hatte. Das Paradebeispiel für eine extrovertierte Person ist Petrus. Nur schon die Tatsache, dass er dutzende Mal in den Evangelien erwähnt wird, spricht für diese These. Extrovertierte Personen nimmt man wahr! Wir angeln uns nun einigen Bibelstellen entlang und beobachten Petrus:

Er ist offen für Neues und geht Risiko ein. Die Freunde von Jesus sind nachts mit dem Boot auf dem See Genezareth unterwegs und geraten bei starkem Wind in schweren Seegang. Gegen drei Uhr morgens kommt Jesus über das Wasser zu ihnen. Da rief Petrus: «Herr, wenn du es wirklich bist, befiehl mir, auf dem Wasser zu dir zu kommen» (Matthäus 14,28). Pioniere sind oft eher extrovertierte Menschen. Sie brauchen wenig Sicherheit, um den Schritt aufs Wasser zu wagen.

Petrus wagt, Fragen zu stellen. Introvertierte Menschen bewegen ihre Frage in ihrem Innern und wenn sie so weit sind, eine Frage zu stellen, passt sie nicht mehr. Petrus fragte einmal: «Herr, wie oft soll ich jemandem vergeben, der mir unrecht tut? Sieben Mal?» (Matthäus 18,21). Wenig stellt er folgende Frage: «Wir haben alles aufgegeben, um dir nachzufolgen. Was werden wir dafür bekommen?» (Matthäus 19,27). In den Augen einer introvertierten Person ist das schön mutig. Ich würde mich zuerst absichern, ob es keine «blöde» Frage ist. Extrovertierte Menschen tragen ihr Herz auf der Zunge.

Petrus ist pragmatisch, ein Macher. Einmal war Petrus mit Jesus und zwei anderen Freunden auf einem Berg, als sie plötzlich eine ehrfurchtsgebietende Erfahrung machten: Das Gesicht von Jesus leuchtete wie die Sonne und seine Kleidung wurde strahlend weiss. Mitten in diesen heiligen und andächtigen Moment hinein ruft Petrus: «Herr, wie wunderbar ist das! Wenn du willst, baue ich drei Hütten, eine für dich, eine für Mose und eine für Elia» (Matthäus 17,4).

Petrus handelt impulsiv, ist aber nicht sehr ausdauernd. Als Jesus verhaftet wurde, brannten ihm die Sicherungen durch: «Plötzlich zog Simon Petrus ein Schwert und schlug Malchus, dem Diener des Hohen Priesters, das rechte Ohr ab» (Johannes 18,10). Das Wort «plötzlich» verrät, dass er hier vermutlich schneller gehandelt als gedacht hat. Extrovertierte Menschen handeln oft schnell, sind aber nicht so ausdauernd. So war Petrus der Erste, der nach der Enttäuschung über den Tod Jesu, ins «alte» Leben zurückgehen wollte. «Simon Petrus sagte: ‘Ich gehe fischen.’ Die anderen meinten: ‘Wir kommen mit.’» (Johannes 21,3). Extrovertierte Menschen geben manchmal schnell auf, wenn es nicht so läuft, wie sie es sich vorgestellt haben.

Petrus überwindet Grenzen. Es ist wohl kein Zufall, dass Petrus die Vision von dem Tuch hatte, das vom Himmel heruntergelassen wurde. In dem Tuch befanden sich verschiedene vierfüssige Tiere sowie Schlangen und Vögel – alles Tiere, die die Juden nicht essen durften. Zum Bild gehörte auch eine Stimme, die sagte, dass er diese Tiere essen soll. Die Bedeutung dieser Vision war, dass die gute Nachricht fortan auch den nichtjüdischen Menschen verkündet werden soll. Ein Meilenstein in der Geschichte des Christentums. Petrus war der Pionier. Extrovertierte Menschen sind oftmals innovativ und weniger die Bewahrer.

Petrus übernimmt Verantwortung. Oft tritt er als Wortführer auf (Lukas 8,45). Interessant ist, dass Jesus ihm diese Verantwortung auch übertrug. Als Jesus im Garten Gethsemane in seinem Todeskampf auf die Unterstützung seiner Freunde zählte, sprach er Petrus an: «Konntet ihr nicht wenigstens eine Stunde mit mir wach bleiben?» (Matthäus 26,40). Für Jesus war Petrus der primus inter pares, der Erste unter Gleichen mit repräsentativem Charakter. Es hat mit den hervorragenden Menschenkenntnissen von Jesus zu tun, dass er über Petrus die Berufung aussprach, der Fels zu sein, auf den Jesus seine Gemeinde bauen will (Matthäus 16,18). Für diese Aufgabe brauchte Jesus eine extrovertierte Persönlichkeit, die gerne viel Verantwortung trägt.

Petrus betreibt konfrontative «Strassenevangelisation». Bei seiner Pfingstpredigt fordert er die Zuhörer heraus und spricht nicht um den heissen Brei herum. Das Resultat seiner kraftvollen Predigt ist, dass sich etwa 3000 Menschen Jesus zuwenden (Apg 2,41). Heutige Freundschaftsevangelisations-Modelle würde er milde lächelnd abtun und dabei stolz auf seinen Erfolg verweisen.

Petrus neigt zur Selbstüberschätzung. Vollmundig verspricht er Jesus das Blaue vom Himmel. «Selbst wenn dich alle verlassen, ich werde bei dir bleiben» (Matthäus 26,33). Einige Stunden später sollte er Jesus dreimal verleugnet haben. Das erschütterte ihn und er weinte bitterlich (Matthäus 26,75). Jesus nahm sich ihm seelsorgerlich an und rehabilitierte ihn, indem er ihm dreimal Vergebung zusprach (Johannes 21). Extrovertierte Menschen lernen oftmals nach dem Prinzip «try and fall». Mutig probieren, aber auch das eine oder andere Mal auf der Nase landen! Extrovertierte Menschen brauchen seelsorgerliche Unterstützung und Menschen, die ihnen Vergebung zusprechen.

Petrus trägt Konflikte offen aus und ist lösungsorientiert. Leute wie Petrus geraten schnell mal in einen Konflikt. Obwohl er der Pionier in Sachen «Heidenmission» war, wurde er rückfällig. Paulus wirft ihm vor, dass er sich abhängig von der Gesellschaft anders verhält. Das führt zu einem offenen Konflikt (Galater 2,11ff). Das erste Apostelkonzil behandelte ebenfalls Fragen rund um den Umgang mit den jüdischen Gesetzen in der nichtjüdischen Welt. Dort war Petrus der Wortführer und verhielt sich sehr lösungsorientiert (Apg 15,7).

Extrovertierte sind in ihrer Gesamtheit genauso wenig oberflächlich, plappernde Selbstdarsteller wie Introvertierte engstirnige, griesgrämige Einsiedler.

Herausforderungen für extrovertierte Personen

Bei Petrus können wir im Laufe seines Lebens eine enorme Veränderung hin zu einer reifen extrovertierten Person feststellen. Nur schon, dass der dreifache Verräter ein paar Wochen später vor versammeltem Volk eine kraftvolle Predigt auf der Strasse hält, ist erstaunlich. Lassen wir uns herausfordern, ebenfalls Jesus ähnlicher zu werden.

Hier ein paar Hinweise für reifes Verhalten von Extros gegenüber Intros:

Reife Extros schaffen Raum für tiefe Gespräche

Oft sind in den verschiedenen Gruppen extrovertierte Leute am Hebel. Es reicht nicht, wenn in den Visionspapieren steht, dass alle Platz haben. Es braucht die bewusste Auseinandersetzung mit anderen Persönlichkeiten, besonders mit Introvertierten. Gemeinschaft unter Extros findet in der Regel so statt, dass man sich zusammen an einem Ort trifft und gemeinsam unterhält. In dieser grossen Masse fühlen sich Intros aber fehl am Platz. Zu viele Menschen, zu viel Unruhe, zu wenig Zeit, um ein tiefergehendes Gespräch zu führen. Extros sollten hier mutig sein und daran arbeiten, Begegnungsräume zu beruhigen und zu entschleunigen.

Reife Extros planen Anlässe so, dass sich Intros nicht blossgestellt fühlen.

Für eine Eventplanung ist wichtig zu wissen, dass sich Introvertierte in gewissen Situationen unwohl fühlen, wie zum Beispiel bei sozialen Interaktionen zum Gottesdienstbeginn, wie dem «ungezwungenen 30 Sekunden Austausch mit dem Sitznachbar». Auch bestimmte Körperbewegungen nach Anweisung im Lobpreis etc. gehören in die Kategorie der «netten Peinlichkeiten». Intros sind von solcher Spontanität überfordert und fühlen sich schnell blossgestellt. Zeit, um über etwas nachzudenken, ist für Extros eine knappe Ressource, da sie sich gerne und viel beschäftigen. Genau hier geben ihnen die Intros die Chance, sich an diesem Punkt zu verändern. Deshalb sollte man den Mut haben, einen Anlass mit einem «leisen» Beitrag zu starten, der ohne viel Worte verläuft, eine Bildmeditation verbunden mit einigen tiefgründigen Gedanken, eine Lesung oder eine Bildercollage.

Reife Extros moderieren Gruppengespräche so, dass sich auch Intros einbringen können.

Beim ersten Apostelkonzil, etliche Jahre nach Jesus, scheinen wir es bereits mit einem gereiften Petrus zu tun haben. Er dominiert die Gespräche nicht. Er äussert zwar deutlich seine Meinung, lässt dann aber respektvoll Raum für weitere Wortmeldungen. In Gruppengesprächen werden sich die Extrovertierten sehr schnell zu Wort melden, um ihre Beiträge einzubringen, weil sie der Meinung sind, dass ihr Beitrag unbedingt gehört werden muss. Introvertierte hingegen wägen immer lange ab, ob sie überhaupt etwas sagen sollen, oder sich damit nur blamieren. Extrovertierte müssen hier lernen, «den Mund zu halten», und ihre Beiträge erst zu einem späteren Zeitpunkt einzubringen, auch wenn sie das kaum aushalten. Es ist die Aufgabe von Extros, introvertierte Teammitglieder aus der Reserve zu locken. Dabei braucht es die Überzeugung, dass ihre tiefgründigen Gedanken für alle Anwesenden ein zusätzlicher Gewinn darstellen.

Reife Extros bauen bewusst Brücken zu Intros.

Ob sich ein Intro in einer Gemeinschaft wirklich wohl und angenommen fühlt, hängt auch davon ab, wie gut Extros ihn in eine bestehende Gemeinschaft integrieren können. Extros sollten ihre Aufmerksamkeit nicht nur auf die Lauten in einer Gruppe richten, sondern auch auf die, die am Rand stehen, denn das ist der bevorzugte Aufenthaltsort von Introvertierten (sofern sie nicht vorher schon verschwunden sind). Freundlich auf Intros zugehen und sie in ein Gespräch zu verwickeln, fällt Extros nicht schwer. Dafür aber andere Dinge, wie konzentriert und fokussiert zuhören, sein Gegenüber ausreden lassen, das Gespräch nicht auf sich lenken. Etwas vom schwierigsten für Extros ist, Momente des Schweigens auszuhalten. Aber es lohnt sich, denn sie erfahren oft erst dann, was Intros in ihrem tiefsten Herzen beschäftigt. Dadurch entdecken Extros oft erst die Ergänzung im andern, der das Gemeindeleben mit seiner Andersartigkeit und seinen Gaben bereichert und geistlich vertieft (z.B. durch tiefgründige Predigten).

 

Extrovertierte Menschen initiieren gerne Neues und werden für die Leitung von Gruppen angefragt. Jesus übergab Petrus die Hauptverantwortung für das grösste göttliche Projekt auf Erden nach Jesu Himmelfahrt, dem Gemeindebau. «Von nun an sollst du Petrus heissen. Auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und alle Mächte der Hölle können ihr nichts anhaben» (Matthäus 16,18). Petrus war ein eher lauter Weltveränderer. Seine Berufung entsprach seinem Naturell. Um aber das Projekt auf den Boden zu bringen, braucht es bis heute das Miteinander von Extros und Intros. Gemeinsam sind sie erst richtig stark.

 

 

 

 

 

 

Mögliche Fragen für die Kleingruppen

Bibeltext lesen: Markus 8,27-33 und Johannes 13,1-10

  1. Was für Stärken und Schwächen einer extrovertierten Persönlichkeit findest du in den angegebenen zwei Bibeltexten?
  2. Welche Charakterzüge von Petrus findest du bei dir? Erzähle Beispiele!
  3. Wer ist dir vom Persönlichkeitsprofil her ähnlicher, die leise Maria oder der weniger leise Petrus? Warum?
  4. Wie könnte es gelingen, dass in deiner Gruppe (Kleingruppe, glow Next, etc.) auch die leisen Weltveränderer einen guten Platz finden? Was für Impulse aus der Predigt willst du umsetzen?