Der Jünger

Datum: Sonntag, 8. März 2020 | Prediger/in:
Serie: | Bibeltext: Matthäus 28,19

Was ist ein Jünger? Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, befassen wir uns mit dem Ursprung aller Jüngerschaft, dem Rabbinertum im jüdischen Galiläa. Das ist Jüngerschaft: Ich reagiere auf die Aufforderung von Jesus, ihm nachzufolgen, und setze nun alles daran, das ganze Leben mit ihm zu teilen und so zu werden wie er. Der Jünger ist ein Lehrling oder ein Azubi Jesu.


 

«Darum geht zu allen Völkern und macht sie zu Jüngern» (Matthäus 28,19 NL). Vor dieser Anordnung sagt Jesus zu Petrus: «Von nun an sollst du Petrus heissen. Auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen» (Matthäus 16,18 NL). Jesus baut Gemeinde, wir sollen Jünger machen. Die meisten Kirchen sind überfordert damit, kirchendistanzierte Menschen zu erreichen und zu hingegebenen Nachfolgern von Jesus zu machen. Vielleicht haben wir es darum umgekehrt: Wir bauen Gemeinde und hoffen, dass Jesus Jünger macht. Was ist ein Jünger auf dem Hintergrund des Kontextes von Jesus?

Ray Vander Laan ist ein exzellenter Kenner des jüdischen Umfelds zurzeit Jesu. Er ist der Meinung, dass Jüngerschaft dramatisch anders und reicher wäre, wenn man es im damaligen Umfeld betrachten würde. Mit anderen Worten: Jüngerschaft bekommt eine ganz andere Farbe, eine ganz andere Gestalt, wenn wir verstehen, was damals ein Jünger gewesen ist. Deshalb ist es entscheidend wichtig, dass wir an diesem Punkt ansetzen.

Weiter erklärt Ray Vander Laan: Das Modell von Rabbis und Jüngern sei in Galiläa erfunden und praktiziert worden. Nicht in Judäa oder in Jerusalem, auch nicht in der Diaspora in Babylon oder Ägypten, sondern in Galiläa. Galiläa ist eine hügelige Provinz in der Umgebung des Sees Genezareth. Die Leute aus dieser ländlichen Gegend waren nicht besonders gebildet, aber sie waren leidenschaftlich für Gott, leidenschaftlich für die Schriften, leidenschaftlich darin zu debattieren, um den richtigen Sinn der Schriften zu erfassen. Und sie warteten v.a. leidenschaftlich auf das Kommen des Messias. Das Zentrum der Rabbis und deren Jünger war Kapernaum, ein kleines Dorf am Nordufer des Sees mit weniger als 2000 Einwohnern.

Vander Laan stellt zwei Thesen auf:

  1. Gott habe Jesus nach Galiläa gesandt, weil er das Jüngerschaftsmodell anwenden wollte, das dort gelebt wurde.
  2. Jesus sei für gewisse Zeit Jünger eines Rabbis gewesen und habe dann mit 30 Jahren selbst Jünger berufen und ausgebildet.

In Kapernaum und Umgebung studierte und debattierte man leidenschaftlich den Tanach (das AT), um Gottes Willen zu erkennen und Ihm gehorsam zu sein. Es ist wohl kein Zufall, dass Kapernaum in den Evangelien als Wohn- und Wirkungsort Jesu eine grosse Rolle spielte (Matthäus 4,13). Dort hat Jesus einige seiner Jünger in die Nach-folge gerufen (Matthäus 4,18-22; Markus 2,14), gelehrt (Lukas 4,31) und viele Zeichen und Wunder getan (Matthäus 8,5-17). Jesus hat sich bewusst für das galiläische Modell von Rabbi und Jüngern entschieden. Heute denken wir über das hebräische Schulsystem nach und lernen, was man damals unter einem Jünger verstand und wie man Jünger eines Rabbis wurde.

Bet Sefer (Haus des Buches)

In Galiläa wurde die Grundschule von allen Kindern im Alter von ca. 6 bis 10 Jahren besucht (in Judäa interessanterweise nur die Knaben). In der Regel fand der Unterricht in der Synagoge statt. Die Synagoge war also nicht nur Gottesdienstraum, sondern auch ein Haus des Dialogs und Debattierens sowie ein Ort, wo die Kinder ausgebildet wurden. Das Ziel für Knaben war es, die Tora (fünf Bücher Mose) zu lesen und zu memorieren. Weil für Mädchen die Schule nach dieser Stufe abgeschlossen war, haben sie Teile der Tora und Teile anderer Schriften memoriert. Diese erweiterte Grundausbildung sollte die Mädchen auf ihre frühe Heirat vorbereiten. Warum dieser Inhalt? Die Israeliten waren zutiefst davon überzeugt, dass Gott zu ihren Vorfahren gesprochen hatte. Für sie war klar, dass die fünf Bücher Mose eine Niederschrift dessen sind, was Gott dem Mose auf dem Berg Sinai mitgeteilt hatte. Tora bedeutet Lehre, Weisung, auch «der Weg». Sie enthält zwar Gesetz, ist es aber nicht. Die beste Art zu leben, ist, gemäss der Tora zu leben. Darum drehte sich ihr Denken um die Tora. Sie wollten sie lernen und leben. Es gibt ein Zitat: «Unter 6 Jahren nehmen wir kein Kind als Schüler an. Von 6 Jahren an nehmt ihn auf und mästet ihn mit der Tora wie einen Ochsen.» Die Kinder sollen die Schriften in sich tragen. Bildung war damals kein Luxus oder Wahlmöglichkeit, sondern der Schlüssel zum Überleben. Es konnte vorkommen, dass der Lehrer den Kindern Honig auf die Finger oder an die Schreibtafel schmierte. Er liess sie diesen Honig kosten und sagte: «Noch süsser und kostbarer als Honig, das ist Gottes Wort. Nehmt dieses Wort in euch auf.» Dann starteten sie mit Levitikus. Das gehört zum Curriculum. Es war Anfängerstoff. Das Ziel war, mit 10 Jahren die fünf Bücher auswendig memoriert zu haben. Deshalb wussten immer alle, wovon Jesus sprach, wenn er einen Bibelvers zitierte. Sie hatten das in der Schule gelernt. Es war in ihnen drin, ihr Lebenselixier. Dieses Auswendiglernen könnte ein Vorbild für uns sein! Wie viel ist es uns Wert, Gottes Wort zu kennen?

Früh zeigten sich bei den Schülern Unterschiede in der Begabung. Einige bewiesen einen natürlichen Umgang mit der Heiligen Schrift und waren anderen deutlich voraus. Wenn sie die Tora auswendig kannten, erreichten sie die nächste Stufe: Bet Talmud. Die anderen erlernten nach Bet Sefer ein Familiengewerbe wie Gerber, Fischer, Landwirt oder Steinhauer. Die Mädchen heirateten.

Bet Talmud (Haus des Lernens)

Nun ging es für 11- bis 14-jährige Jungs darum, den ganzen Tanach (AT in unserem Sprachgebrauch) zu memorieren. Tanach setzt sich aus den Kürzeln von Tora (Weisung), Nebiim (Propheten) und Ketubim (Schriften) zusammen. Zudem lernten sie die mündliche Tradition rund um den Text kennen und wurden in die Kunst eingeführt, Fragen zu stellen. Mit 13 oder 14 konnten die allerbesten hebräischen Schüler die ganze Bibel (39 Bücher) auswendig. Daneben ging es darum, langsam in den Talmud eingeführt zu werden. Der Talmud ist eine Auslegung des Tanachs und beschreibt, wie die Rabbiner diese Schriften verstanden und in den Alltag umgesetzt wurde. In allem ging es um die Kunst, Fragen zu stellen. Es ging den Lehrern nicht darum, dass ihre Schüler auf Abruf Informationen ausspucken konnten. Vielmehr sollten sie lernen, mit dem Text zu ringen und ihn mit anderen Stellen zu verknüpfen. Gute Fragen waren ein Zeichen, dass dieser Schüler etwas verstanden hat vom Text.

Deshalb hat Jesus Fragen so oft mit Gegenfragen beantwortet (Lukas 2,46f; Markus 2,18ff.24ff; 11,30). Das hat nichts mit Überheblichkeit zu tun, sondern war die übliche Form eines Lehrgesprächs. Als Jesus mit 12 Jahren im Tempel war, steht: «Er sass im Tempel inmitten der Lehrer, hörte ihnen zu und stellte Fragen» (Lukas 2,46). Jesus stellte nicht deshalb Fragen, weil er die Antwort nicht wusste, sondern bewies gerade dadurch, dass er den Zusammenhang verstanden hatte. Deshalb: «Alle, die ihn hörten, staunten über sein Verständnis und seine klugen Antworten» (47). Jesus hat durch kluge Fragen, Antworten weitergesponnen.

Bet Midrasch (Haus des Studierens)

Wer auch die zweite Stufe gemeistert hatte und alle 39 Bücher auswendig kannte, bewarb sich bei einem Rabbi. Eine Junge im Alter von ca. 15 Jahren drückte damit aus, dass er das Joch dieses Rabbi auf sich nehmen wollte. Mehr noch: Er wollte nicht nur seine Lehre verinnerlichen, sondern er wollte werden wie der Rabbi! Es ging nicht nur um Lehrstoff, sondern um eine Lebens- bzw. Wesensart. Deshalb machte sich der junge Mann viele Gedanken über die verschiedenen Rabbis. Es ist besser, du weisst, wer der ist, dem du gleich werden möchtest. Irgendwann sprach er den Rabbi an: «Rabbi, du bist ein weiser und verständiger Mann, dein Ansehen ist dir voraus gegangen. Ich habe eine Frage: Darf ich dir nachfolgen?» Eigentlich fragte er den Rabbi, ob er wohl so sein könnte wie der Rabbi. Es ging also nicht nur um erzielte Punkte in der Abschlussprüfung, sondern um das persönliche Leben.

Der Rabbi liess dann den Kandidaten vielleicht sechs Monate zuhören. Anschliessend antwortete der Rabbi: «Ich fühle mich durch deine Frage geehrt, es ist wundervoll, dass du danach strebst, Gott zu folgen, und wenn ich dir helfen kann, würde ich gerne dein Rabbi sein. Also rezitiere Levitikus – das ist Anfängerstoff. Und dann: siebzehnmal benutzt Amos eine Formulierung aus dem Buch Numeri, die dann gefolgt sind von siebzehn Prophetien. Bitte rezitiere diese sieben Formulierungen mit den Prophetien aus Amos dazu.» Fast immer sagte der Rabbi dann: «Du bist ein gottgefälliger junger Mann, du kennst die Schriften, aber geh nach Hause und werde Landwirt. Gott hat dich begabt, aber er hat dir nicht die Gaben gegeben, so zu werden wie ich.»

Wenn ein Junge jedoch nach dieser Prüfzeit und dem Prüfgespräch angenommen wurde, sagte der Rabbi zu ihm: «Folge mir nach!» (vgl. Matthäus 4,18-20). Wer diese drei Worte hörte, wurde zu einem Talmid und leidenschaftlich darin, so zu werden wir sein Rabbi. Das war mit viel Aufwand verbunden. Er wollte alles sehen, hören und miterleben: Wie er am Morgen aufstand, beim Essen, wie er Freunde und Feinde trifft, wie er auf unfreundliche Worte reagiert. Es ging darum, im Staub des Rabbi zu laufen. Er wollte mit dem Staub des Rabbi bedeckt sein, so eng hinter ihm hergehen, dass der Staub, der aufgewirbelt wurde, sein Angesicht bedeckte. Jüngerschaft ist ein 24/7-Projekt. Brennt dieses Feuer in uns, so zu werden wie der Rabbi?

Im Alter von 30 Jahren war diese Phase abgeschlossen und ein Jünger konnte selbst zum Lehrer werden. Jesus trat präzis mit 30 Jahren seinen öffentlichen Dienst an (Lukas 3,23). Er hielt sich also an das rabbinische Modell. Wie alt waren seine Jünger? Auf Bildern der Kunst werden Männer im Alter von 50 Jahren mit Glatze und grauem Bart gezeigt. Vieles deutet darauf hin, dass die meisten von ihnen deutlich unter 20 Jahren alt waren. In Kapernaum wurde Petrus gefragt, ob sein Rabbi keine Tempelsteuer bezahle (Matthäus 17,24). Dann sagte Jesus: «Geh hinunter zum See und wirf eine Angelschnur aus. Dem ersten Fisch, den du fängst, öffne das Maul. Du wirst darin eine Münze finden. Nimm diese Münze und bezahle damit für uns beide die Steuer» (27). Und die anderen? Die mussten noch nicht! Im Gesetz des Moses steht, dass die Tempelsteuer ab 20 Jahren bezahlt werden muss (2Mose 30,14). Die Jünger von Jesus waren mehrheitlich Teenager!

Die zwölf jüdischen Teenager, die Jesus von den Fischerbooten, aus dem Zollhaus oder sonst woher rief, waren Jungs, die die dritte Stufe nicht erreicht haben, sondern in ihr Familiengewerbe zurückgeschickt worden waren. Es waren nicht die Besten der Besten. Jesus ruft Jungs in seine Nachfolge, die es nicht geschafft haben. Mich verblüffte es immer, dass die Jünger einfach so – mir nichts, dir nichts – aufstanden und Jesus nachfolgten. Heute weiss ich: das war nichts Besonderes, denn es gab für jüdische Jungs nichts Grösseres, als von einem Rabbi in die Nachfolge gerufen zu werden. Die Jünger sind wohl in rekordverdächtiger Geschwindigkeit nach Hause gerannt: «Mami, Papi, dieser jüdische Rabbi denkt, dass ich so wie er werden kann!» Jesus glaubte an diese Zwölf, auch wenn sie oft versagt haben. Er glaubte, dass diese Zwölf diesen Auftrag, den er ihnen gibt, weiterführen können.

Jesus hat Spiess umgedreht! Er ging auf die jungen Männer zu und berief sie. Jesus ruft auch dir zu: «Komm und folge mir nach!» Das ist Gnade! Jesus glaubt, dass du so werden kannst wie er. Hast du schon einmal erlebt, dass jemand an dich geglaubt hat? Da werden Kräfte frei, nichts ist unmöglich. Das ist Jüngerschaft: Ich reagiere auf die Aufforderung von Jesus, ihm nachzufolgen, und setze nun alles daran, das ganze Leben mit ihm zu teilen und so zu werden wie er.

 

 

 

 

Mögliche Fragen für die Kleingruppen

Bibeltext lesen: Matthäus 28,19-20; Markus 2,13-17

  1. In Markus 2,13-17 ist ein Beispiel, wie Jesus seine Jünger berufen hat. Was ist charakteristisch daran?
  2. Im Judentum wusste ein Zehnjähriger die halbe Bibel auswendig. Was setzen wir dafür ein, Gottes Wort wirklich zu kennen?
  3. Ein Jünger setzt alles daran, wie sein Rabbi zu sein. Brennt dieses Feuer in deiner Brust? Erwachen wir am Morgen mit dem Gedanken: Was kann ich heute tun, um wie Jesus zu leben?
  4. Was kann es auslösen, wenn wir an jemanden glauben? Jesu Jünger machten Schritte, die vorher undenkbar gewesen wären (Mk 6,7-13; Mt 14,28-31). Wer ermutigt mich darin, Schritte über das Normale hinaus zu wagen? Wem helfe ich dabei?
  5. Welche Rolle spielt die Kleingruppe in deinem Jüngersein?