Abel – Vorbild ohne Worte
Sonntag, 14. Juni 2020

Abel – Vorbild ohne Worte

Prediger/in:
Passage: 1. Mose 4,1-15
Dienstart:

Die Eltern Adam und Eva gaben ihrem zweiten Sohn den Namen Abel, was Hauch oder Nichtigkeit bedeutet. Das wurde ihm durch seinen Namen immer wieder zugesprochen. Worte haben Macht. Abel wurde trotz seines kurzen Lebens zum ersten Vorbild des Glaubens (Hebräer 11,4). Im Unterschied zu Kain opferte er Gott das Erste und Beste. In der Bergpredigt nimmt Jesus Abel in die Pflicht. Falls er gemerkt hat, dass Kain etwas gegen ihn hat, hätte er auf ihn zugehen und das Problem ansprechen sollen.


 

Bei welchem weltgeschichtlichen Ereignis verlor ein Viertel der Weltbevölkerung das Leben? Es war, als Kain seinen Bruder Abel auf dem Acker totschlug. Letzten Sonntag betrachteten wir die Geschichte aus der Sicht von Kain. Kain wurde heiss vor Neid, als er feststellte, dass Abel die Gunst von Gott erlebte und er seiner Meinung nach nicht. Aus seiner Sicht waren das Leben und vermutlich sogar Gott ungerecht. Gefühle von Neid und Zorn übermannten ihn und er schlug seinen Bruder tot. Heute befassen wir uns mit der Frage, ob es zwischen den Herzenshaltungen der zwei Brüder vielleicht doch einen tieferliegenden Unterschied gegeben hat.

Worte haben Kraft

Es wird für uns ein Rätsel bleiben, warum Adam und Eva ihre Söhne Namen mit folgenden Bedeutungen gegeben haben: Kain (Erworbenes, Gewinn) und Abel (Hauch, Nichtigkeit). An jenem schicksalshaften Tag tötete somit der Gewinn die Nichtigkeit. Omen est Nomen. Speziell im Hebräischen hatte die Bedeutung der Namen grosses Gewicht. Warum nur haben sie ihren zweiten Sohn Abel genannt?! Worte haben Kraft. Es ist von grosser Bedeutung, was wir über unseren Kindern aussprechen.

Beim Studium für die heutige Kindersegnung forschte ich nach dem Namen Amélie. Nach germanischem Ursprung bedeutet der Name die Tüchtige oder die Tapfere. In einem Text steht zudem: Aus dem Griechischen stammend von a für fehlen und mélos für Glied, bezeichnet es das Fehlen von Gliedmassen bei Neugeborenen. Für abergläubige Eltern sicher ein Grund, sich erst in vorangeschrittener Schwangerschaft für diesen Namen zu entscheiden.

Worte haben Kraft. Auch das, was wir den Kindern zwischen den Zeilen vermitteln. Trauen wir ihnen etwas zu, wächst ihr Selbstvertrauen oder halten wir sie ängstlich? Positiv optimistisch oder negativ pessimistisch? Die Zunge ist wie ein kleines Ruder, das ein grosses Schiff lenkt, oder wie ein Feuer, das das ganze Leben in Brand setzt (Jakobus 3,4-6). Gott hat ein Wort gesprochen und es geschah. Worte haben unglaubliche Energie.

Als Gott Abraham zum Vater vieler Völker machen wollte, veränderte er Abrahams Art zu reden. Zu jener Zeit hatte Abraham nicht ein einziges Kind, weil Sarah unfruchtbar war. Indem er seinen Namen von Abram (erhabener Vater) zu Abraham änderte, was so viel bedeutet wie «Vater vieler Völker» (1Mose 17,5). Von dem Tag an, sagte er jedes Mal, wenn er jemanden traf: «Hallo, mein Name ist Vater vieler Völker.» Jedes Mal, wenn das Abendessen fertig war, rief Sarah nach Abraham: «Liebling, Vater vieler Völker, das Essen ist fertig!» Vielleicht haben die Nachbarn sogar gespottet: «Die beiden wünschen sich so sehr ein Kind, das sie jetzt völlig durchgedreht sind.» Aber Gott änderte die Art, wie Abraham redete, so dass er hervorrief, womit Gott ihn bereits gesegnet sah. Gottes Art ist es, die Dinge, die nicht sind, so zu rufen, als wären sie da. Am Anfang lag auf der ganzen Erde Finsternis. Gott sah die Finsternis und sagte: «Es werde Licht!» Und es wurde Licht. Wären es du oder ich gewesen, wir hätten wohl gesagt: «Wow, ist das dunkel hier!»

Reden ist Silber…

Von Abel ist uns kein einziges Wort überliefert. Das hinderte Gott aber nicht daran, ihn bei der Auflistung der Glaubensvorbilder an erster Stelle zu führen: «Durch den Glauben brachte Abel Gott ein besseres Opfer dar als Kain. Gott nahm Abels Opfer an, um zu zeigen, dass er in seinen Augen gerecht gesprochen war. Und obwohl Abel schon lange tot ist, spricht er so noch immer zu uns» (Hebräer 11,4 NL). Offensichtlich zeigt sich unser Glaube nicht in Worten, sondern in Taten. Wieder Jakobus: «Ein Glaube, der nicht zu guten Taten führt, ist kein Glaube - er ist tot und wertlos» (Jakobus 2,17 NL).

Wie hat sich Abels Glaube gezeigt? Er zelebrierte den besseren Gottesdienst als Kain. Interessant finde ich im Text den Satz: «Nach einiger Zeit opferte Kain dem Herrn einen Teil seiner Ernte. Und auch Abel opferte ihm von den erstgeborenen Lämmern aus seiner Herde und von ihrem Fett» (1Mose 4,3+4 NL). Diese unterschiedliche Wahl der Opfer ist für die jüdische Auslegung der Anlass zu sagen: Kain bringt Gott die Frucht, die ihm als erstes in die Hand kam. Er wollte seine religiösen Pflichten erfüllen und bringt einfach Früchte. Abel dagegen ist entschlossen, Gott das Beste aus seinem Besitz zu schenken. In Kains Händen liegt das «Erst-Beste», das, was er gerade fand. Abel aber hatte das «Erste und Beste» ausgewählt. Die Opfer, besonders aber die dahinterstehenden Haltungen, waren verschieden.

Ohne, dass Abel auch nur ein Wort sprach, spürt man bei ihm einen Eifer und eine Freude, Gott zu gefallen. Dabei fragt er nicht: Was muss ich tun? Was muss ich meiden? Er gibt einfach volle Kanne. Das Beste seiner Zeit und seines Besitzes opferte er Gott. Wie die Frau mit dem Salböl in Lukas 7,37. So ein Salböl kostete damals an die 400 Tagesverdienste. Es reute sie nicht, damit Jesus die Füsse zu salben. Die Anfrage dieser Geschichte an uns lautet: Bist du bereit, das Erste und Beste für Jesus zu lassen? Bin ich bereit, all das Wertvolle (Familie, Freunde, soziale Stellung, persönliche Errungenschaften) und all das Unnütze (Bike, geschmackvolles Haus, Kleider) für Gott zu opfern? Oder bin ich lediglich bereit, von meinem Überfluss zu geben, meine religiösen Pflichten zu erfüllen? Gott will das Erste und Beste von dir und nicht das Erst-Beste.

Abel, als Vorbild des Glaubens, kann auch eine Ermutigung für introvertierte Menschen sein. Vielleicht hat auch er sich nur als unbedeutend, als Hauch und Nichtigkeit betrachtet. Trotzdem ging er in die Annalen ein. Vielleicht bleiben dir oft die Worte im Hals stecken, wenn du gerne reden würdest. Vielleicht fühlst du dich deswegen als minderwertiger Christ. Diese Gedanken kannst du als falsch entlarven und wegschicken. Dein Leben spricht lauter als deine Worte.

und manchmal auch Gold

Ist Schweigen immer richtig? In der Bergpredigt bringt Jesus eine Neuauflage der Kain-Abel-Geschichte. «Ihr habt gehört, dass es im Gesetz von Mose heisst: ‘Du sollst nicht töten. Wer einen Mord begeht, wird verurteilt.’ Ich aber sage: Schon der, der nur zornig auf jemanden ist, wird verurteilt! Wer zu seinem Freund sagt: ‘Du Dummkopf!’, den erwartet das Gericht. Und wer jemanden verflucht, dem droht das Feuer der Hölle. Wenn ihr also vor dem Altar im Tempel steht, um zu opfern, und es fällt euch mit einem Mal ein, dass jemand etwas gegen euch hat, dann lasst euer Opfer vor dem Altar liegen, geht zu dem Betreffenden und versöhnt euch mit ihm. Erst dann kommt zurück und bringt Gott euer Opfer dar» (Matthäus 5,21-24 NL).

Einerseits lernen wir hieraus, dass wir sehr schnell in der Rolle Kains stecken. Wer war nicht schon zornig auf jemandem oder hat ihn mit «Dummkopf» betitelt?! Andererseits sollte ein «Abel» nicht einfach nur schweigen und sich in der Opferrolle gefallen. Ich bin sicher, dass Abel die scheelen Blicke von Kain wahrgenommen hat. Er musste doch gemerkt haben, dass in der Beziehung zu Kain etwas nicht stimmte. Sobald er auch nur ansatzweise etwas von der Unstimmigkeit merkte, lag es in seiner Verantwortung, die Sache anzusprechen. Auch seine Eltern, Adam und Eva, hätten ihm helfen können, einen anderen Glaubensweg zu gehen. Was wäre passiert, wenn Abel seinen Bruder angesprochen hätte und sie das Problem miteinander gelöst hätten? Vielleicht hätte damit das Drama abgewendet werden können.

Ich war schon einige Male ein Abel und habe gemerkt, dass jemand auf mich distanziert und etwas seltsam reagiert. Das löst bei mir oft aus, dass ich dieser Person eher aus dem Weg gehe, anstatt meine Beobachtung anzusprechen. Nach meinem Schema müsste – wenn schon – diese Person mich ansprechen und nicht ich sie. Jesus ist anderer Meinung. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold, heisst die Redewendung. Es gibt Situationen, bei denen Reden Gold wert ist.

Abel hat viel weniger lang gelebt als Kain und doch gilt er heute noch als Vorbild. Die Länge unseres Lebens ist nicht so wichtig wie die Tatsache, für wen wir leben. Ein kurzes Leben, im Dienst für Christus hingegeben, erfreut Gott mehr als ein langes Leben voller Egoismus und Streben nach Nichtigem. Dietrich Bonhoeffer starb mit 39 Jahren wegen seines Widerstandes gegen das Naziregime im KZ Buchenwald und hat der Welt dennoch ein gewaltiges Erbe hinterlassen. In der heutigen Zeit ist einer der wichtigsten Werte die Gesundheit und als Folge davon ein langes Leben. Gerade in der Coronakrise kam es deutlich zum Ausdruck: Mit einem unfassbar grossen Aufwand versuchte man zu verhindern, dass Menschen sterben. Es ist mir Ferne, ein Menschenleben geringzuachten, die Frage erlaube ich mir dennoch: Ist es das höchste Ziel, möglichst lange zu leben? Abel lebte nicht sehr lange und hat doch der Welt ein Vorbild hinterlassen: «[…] Und obwohl Abel schon lange tot ist, spricht er so noch immer zu uns» (Hebräer 11,4 NL). Besser ein bedeutsames als ein langes Leben! Hanspeter Royer, der mit 51 Jahren verstarb, sagte einst: «Wir haben keine Wahl, wie wir sterben und wann wir sterben, aber wir haben eine Wahl, wie wir leben.»

Im Zusammenhang mit Abel dachte ich während den letzten Tagen auch an George Floyd. Der Tod an ihm hat eine riesige Welle der Solidarität in Gang gesetzt. Hunderttausende Menschen erheben ihre Stimme gegen Rassismus und Gerechtigkeit. Nach dem Mord an Abel gab es keine Demonstrationen - wer sollte auch. ;-) Dafür hat sein Blut geschrien. Der HERR sprach zu Kain: «Was hast du getan? Hörst du nicht: Das Blut deines Bruders schreit zu mir?» (1Mose 4,10 NL). Gott hat dieses Schreien gehört. Jesus ist Gottes Antwort darauf. Als Christus auferstand, hat er durch Gottes allmächtige Kraft Abels und dein Leben für die Ewigkeit zurückgekauft. Jesus sagte: «Ich bin das Leben» (Johannes 14,6).

 

 

 

 

 

Mögliche Fragen für die Kleingruppen

Bibeltext lesen: 1. Mose 4,1-15; Matthäus 5,21-24

  1. Wie hast du in deinem Leben (Bsp. Kindheit) die Kraft der Worte erfahren? Wie wendest du sie an?
  2. Was bedeutet es für uns, Gott das Erste und Beste zu opfern? Was wäre das Erst-Beste?
  3. Jesus bringt in Matthäus 5,21-24 eine Neuauflage der Kain-Abel-Geschichte. Nebst der Tatsache, dass wir gar nicht so weit von Kain entfernt sind, fordert diese Geschichte auch Abel heraus. Was wäre eine hilfreiche Intervention seinerseits gewesen? Kennst du eigene Beispiele, bei denen du hättest auf Menschen zugehen sollen?
  4. Abels Blut schreit nach Gerechtigkeit. Jesus ist die Antwort darauf. Inwiefern stellt Jesus Gerechtigkeit her?