Kain – vom Neid zerfressen

Datum: Sonntag, 7. Juni 2020 | Prediger/in:
Serie: | Bibeltext: 1. Mose 4,1-15

Warum gibt es in dieser Welt so viel Ungerechtigkeit? Oder ist Gott gar ungerecht? Kain empfand sich gegenüber seinem Bruder Abel zurückgesetzt und unbeachtet. Tief gekränkt und vom Neid angefressen liess er der Gewalt den freien Lauf und tötete seinen Bruder. Dabei hatte Gott ihm einen besseren Umgang mit seinen negativen Gefühlen gezeigt. Dennoch eröffnete Gott Kain eine zweite Chance. Er soll leben, als Gezeichneter zwar, aber leben.


 

Sei uns gnädig, Herr. Wieso trifft einen Menschen die Diagnose einer unheilbaren Krankheit? Warum geschieht ausgerechnet ihr dieser Verkehrsunfall? Wieso muss dieses Kind in so schwierigen Familienverhältnissen aufwachsen? Warum geschieht ausgerechnet dieser Person, die sowieso schon auf der Schattenseite des Lebens steht, dieser Schicksalsschlag? Das Leben ist ungerecht. Vielleicht müssen wir sogar sagen: Gott ist ungerecht!? Dem einen macht er es leicht und dem anderen unsagbar schwer.

Gott ist ungerecht

In der Geschichte von Kain und Abel geht es um solche Fragen. Es geht um dich und mich. Sozusagen um den Stoff, aus dem das Leben ist. «Adam schlief mit seiner Frau Eva und sie wurde schwanger. Und sie brachte Kain (= Gewinn, Erwerb) zur Welt und sagte: ‘Mit der Hilfe des Herrn habe ich einen Mann geboren.’ Später brachte sie einen zweiten Sohn zur Welt und nannte ihn Abel (= Vergänglichkeit, Nichtigkeit). Abel wurde ein Schafhirte, Kain ein Bauer. Nach einiger Zeit opferte Kain dem Herrn einen Teil seiner Ernte. Und auch Abel opferte ihm von den erstgeborenen Lämmern aus seiner Herde und von ihrem Fett. Der Herr sah wohlwollend auf Abel und nahm sein Opfer an, Kain und sein Opfer jedoch wies er zurück» (1Mose 4,1-5a NL).

Eine schlimme Erfahrung ganz einfach ausgedrückt. Da tun zwei das Gleiche: der eine kommt an und findet Beachtung, der andere wird übersehen, fällt durch und weiss nicht warum. Beide wollen dasselbe, nämlich durch die Opfergabe Gott danke sagen und ihm eine Freude machen. Dabei hoffen sie, dass er dann seinerseits auch ihnen wieder freundlich gesinnt ist. Das ist der Kreislauf des Segens. Und nun unterbricht nicht Kain diesen, sondern Gott. Abels Gabe nimmt er an, die von Kain würdigt er keines Blickes. Wir wissen nicht, worin sich dieses Gesehen-Werden bzw. Nicht-gesehen-Werden niederschlug, ob sie es sahen, hörten – vielleicht auch nur empfanden. Vielleicht merkt Kain es auch in seiner ganzen Existenz: daran, dass die mühselige Arbeit auf dem Acker heuer erfolglos blieb. Es reicht kaum für den Lebensunterhalt, während Abels Herde in diesem Jahr besonders gut warf. Ein beängstigendes Gefühl beschleicht Kain: Mein Leben misslingt und Abel glänzt vor Freude. Es ist unbegreiflich und fast nicht auszuhalten. Warum macht es Gott dem einen leicht und dem anderen unsagbar schwer?

Das Vergleichen ist eine üble Sache. Entweder beschleicht uns ein niederdrückendes Gefühl, weil der andere mehr verdient, die harmonischere Ehe hat, die erfolgreichen Kinder zur Schau stellen kann, das grössere Haus sein Eigen nennt, etc. oder wir fühlen uns erhaben, weil wir doch nicht so schlecht sind wie der andere.

Wie gehe ich mit diesen Unterschieden und der Ungerechtigkeit des Lebens um? In einem Gleichnis spricht Jesus offen davon, dass nicht alle gleich viele Talente von Gott bekommen: jemand erhielt fünf, ein anderer zwei und der nächste nur eines (Matthäus 25,14ff). Genauso ist es doch im Leben. Die Voraussetzungen sind verschieden. Was kann ein Kind dafür, dass er in einer intakten Familie aufwachsen kann, währendem sein Schulkollege verschiedene Pflegeeltern hatte? Warum wird ein Christ aufgrund eines Gebets geheilt, währendem der andere frühzeitig stirbt oder unter viel Schmerzen sein Leben fristet? Warum findet eine immer sogleich gute Arbeit, während die andere Absage um Absage bekommt?

Kain ist neidisch

Unsere Erzählung beschreibt die Reaktion Kains mit einem tiefenpsychologischen Blick. Bei wörtlicher Übersetzung heisst es: «Und es wurde Kain sehr heiss vor Wut und sein Angesicht fiel herunter» (V.5b). Das macht er nicht, das überfällt und überwältigt ihn. Psychosomatisch. Über die Seele erfasst es den Körper. Bald brennt der Neid und macht den Körper heiss, aufs höchste geladen und will sich entladen. Er will Gerechtigkeit mit Gewalt wiederherstellen. Seine tiefe Depression lässt sein Angesicht niedergeschlagen sein. Das ist ein Ausdruck für Liebesverlust: mit dem niedergeschlagenen Angesicht ist der Kontakt zu den Mitmenschen abgebrochen. Für eine gute Beziehung braucht es das erhobene Angesicht, so dass man sich in die Augen sehen kann.

Bei Kain nahm es ungebremst seinen Lauf: «Später schlug Kain seinem Bruder Abel vor: ‘Komm, wir gehen aufs Feld hinaus.’ Als sie dort waren, fiel Kain über seinen Bruder her und schlug ihn tot» (V.8 NL). Das wichtigste Gebot heisst, Gott von ganzem Herzen zu lieben und den Nächsten wie sich selbst. Adam und Eva verstiessen gegen die Gottesliebe, Kain verstiess als Erster gegen die Nächstenliebe. Das ist eine Kausalkette: Wer Gott nicht liebt, wird auch bald in der Nächstenliebe versagen. Bevor wir mit dem Finger auf Kain zeigen, müssen wir bedenken, dass der bereits Mord begeht, der einem anderen raka sagt (Matthäus 5,22). Raka ist ein gemeines Wort der Verachtung, so in der Währung von Dummkopf.

Die Geschichte hätte einen anderen Verlauf nehmen können. Wie können wir mit unseren negativen Gefühlen wie Neid und Zorn umgehen? «’Warum bist du so zornig?’, fragte der Herr ihn. ‘Warum blickst du so grimmig zu Boden? Ist es nicht so: Wenn du Gutes im Sinn hast, kannst du frei umherschauen. Wenn du jedoch Böses planst, lauert die Sünde dir auf. Sie will dich zu Fall bringen. Du aber sollst über sie herrschen!’» (V.6+7 NL). Gott sieht Kain, auch wenn es sich für Kain ganz anders anfühlt. Kain sieht nichts anderes mehr, nur seine Zurücksetzung und Kränkung. Alles andere um ihn herum versinkt im Nebensächlichen, so fixiert ist er auf seine schlimme Erfahrung. Er schottet sich ab und igelt sich ein. Dabei hat Gott schon längst wieder einen Blick auf ihn gerichtet und sieht ihn an. Es kann ja vorkommen, dass die Vögel des Neids über unser Haupt fliegen, das können wir nicht ändern. Aber dass sie Nester in deinem Haar bauen, das kannst du verhindern. Dazu sollten wir unseren Blick heben und mit unseren Klagen zu Gott oder auch zu anderen Menschen kommen. Denn wer Gottes Liebe annimmt, der hält es aus, in einer gespaltenen Welt zu leben. Wenn wir mit unseren schlechten Gefühlen allein bleiben, geben wir ihnen ungeheure Macht.

Die wichtige Botschaft für Kain lautet: Du sollst über die Sünde herrschen! Niemand ist der Sünde hilflos ausgeliefert, auch wenn sie sehr hartnäckig sein kann. Die Machtverhältnisse sind für uns erst recht geklärt. Paulus sagt: «Unser früheres Leben wurde mit Christus gekreuzigt, damit die Sünde in unserem Leben ihre Macht verliert. Nun sind wir keine Sklaven der Sünde mehr» (Römer 6,6 NL). Genau das machen wir in der Taufe fest! Wir müssen nicht mehr sündigen, wir können aber noch. Das ist eine gute Botschaft für uns alle – gerade auch für Menschen, bei denen gewisse Gewohnheiten suchtartigen Charakter angenommen haben.

Gott ist barmherzig

Kain hat seinen Blick nicht gehoben, sondern setzte den eingeschlagenen Weg des Zornes bis zum bitteren Ende durch. Er lockt Abel mit einem Vorwand aufs Feld und erschlägt ihn dort. Darauf tut Kain erst mal so, als wisse er von nichts: «Da sprach der HERR zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er sprach: Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein?» (V.9 Lut). Kain war der Erste, der dieser Welt ein unvergessliches Zitat bot. Gott geht gar nicht darauf ein. Weiss doch Kain sehr wohl, dass er das sein soll: Hüter seines Bruders und Hüter seiner selbst. Nochmals wird deutlich, dass die Beziehungsfähigkeit massiv gestört ist.

Kain war nicht zu stolz, um Milderung seiner Strafe zu bitten, als er wusste, dass er verloren hatte: «Kain entgegnete dem Herrn: Meine Strafe ist zu hart, ich kann sie nicht ertragen» (V.13 NL). Das ist die erste Bitte um Vergebung in der Bibel! Gott macht ihm daraufhin ein Zeichen, das ihn schützen und am Leben erhalten soll. Das Kainszeichen. Es ist ein Zeichen, da an den Mord erinnert. Es ist aber auch ein Zeichen zum Leben und zum Weiterleben. Kain erhält von Gott eine zweite Chance: Leben sollst du, als Gezeichneter zwar, aber leben. Es wird zwar nicht mehr das gleiche Leben sein, wie es vorher war. Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden – ein Leben im Land Nod, d.h. im Land der Unruhe, jenseits von Eden (V.16). In seiner Liebe und Barmherzigkeit sucht Gott, Menschen zu erreichen, die es nicht verdienen, deren Wesen verhärtet und widerstrebend ist. Nie gibt Gott jemanden auf. Und wieder schreit es in uns: das ist ungerecht! Es kann und darf doch nicht sein, dass ein solcher Mensch einfach so Vergebung erfährt.

Dieser Akt ist ein Hinweis auf Jesus Christus, der viele Jahre später am Kreuz für alle Schuld der Menschheit bezahlt hat. Damit hat er die Rechtsgrundlage für die Vergebung aller Schuld und Verfehlungen gelegt. Alle Sünde kann vergeben werden – alle Sünde – vorausgesetzt, der Mensch nimmt die Vergebung an. Das ist so richtig ungerecht! Aber sind wir ehrlich; wenn das nicht so wäre, wären wir alle ausgeliefert. Gott sein Dank, der uns eine zweite Chance gibt. Nicht als Gezeichnete, sondern als Vollendete dürfen wir später nach Eden, in die Gegenwart Gottes zurück!

 

Mit Karl-Heinz Ronecker könnten wir beten:
Wir sind nicht Kain, Herr.
Wir haben unseren Bruder nicht erschlagen.
Aber unsere Worte sind oft scharf wie Messer.
Wir sind nicht Kain, Herr.
Wir haben keinen Stein gegen andere geworfen.
Aber in Gedanken haben wir sie abgeschrieben und mit Blicken erniedrigt.
Wir sind nicht Kain, Herr.
An unseren Händen klebt kein Blut.
Doch aus Gleichgültigkeit und Blindheit haben wir die im Stich gelassen,
die unsere Hilfe nötige hatten.

 

 

Mögliche Fragen für die Kleingruppen

Bibeltext lesen: 1. Mose 4,1-15

  1. Wie gehst du damit um, dass es in dieser Welt so viel Ungerechtigkeit gibt? Ist Gott ungerecht?
  2. Warum hatte Kain den Eindruck, dass Gott sein Opfer nicht annahm?
  3. Wo siehst du den Zusammenhang zwischen der Sünde von Adam und Eva und der von Kain? (Stichwort: Wichtigstes Gebot [Lukas 10,27]).
  4. Welches Verhalten wäre in einer so schlimmen und depressiven Phase, wie sie Kain erlebte, hilfreich?
  5. Was hat sich durch Jesus in der Thematik Vergebung verändert?