Zweiter Advent | Wenn Hoffnung neu austreibt

Datum: 7. Dezember 2025 | Prediger/in:
Serie: | Bibeltext: Jesaja 11,1-10

Jesaja verheisst in Israels tiefster Krise einen neuen Spross aus dem Stumpf Isais – Jesus Christus, den geistbegabten Friedefürsten. In ihm beginnt Gottes erneuerte Schöpfung, in der Gerechtigkeit, Frieden und eine tiefe Gottesbeziehung herrschen. Dieses Reich wächst unscheinbar, gewinnt aber durch seine Anziehungskraft Menschen aus allen Völkern. Wer Jesus vertraut, trägt bereits jetzt den Duft dieses neuen Lebens weiter und wird selbst zu einem «grünen Zweig» für andere.


Manchmal kommt es mir vor, als gleiche unsere Welt einem abgeholzten Regenwald: überall Machtmissbrauch, Überschuldung, Verfolgung, erzwungene Migration. Vieles wirkt, als sei es aus den Fugen geraten. Jesaja greift ein ähnliches Bild auf – das eines gefällten Waldes als Gerichtswort gegen Assyrien (10,33f). Doch nicht nur Assyrien, auch Israel gleicht einem verwüsteten Forst: Das Nordreich ist bereits untergegangen, seine Bewohner zerstreut. Und im Südreich Juda bricht ab 587 v. Chr. die bis dahin schwerste Krise über das Volk herein. Das Land wird erobert, der Tempel zerstört, der Gottesdienst unmöglich. Freunde und Nachbarn werden verschleppt. Israel liegt am Boden – wie ein gefällter Baumstumpf. Genau in diese hoffnungslose Situation hinein tritt Jesaja, der Prophet Gottes.

Grüner Zweig

«Aus dem Stumpf Isais wird ein Spross hervorgehen – ein neuer Trieb aus seinen Wurzeln wird Frucht tragen. Auf ihm wird der Geist des HERRN ruhen – der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Macht, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des HERRN. Er wird an der Furcht des HERRN Wohlgefallen haben. Sein Urteil wird sich nicht auf Äusserlichkeiten gründen, er wird nicht aufgrund dessen, was er hört, entscheiden. Er sorgt für Gerechtigkeit unter den Armen und verschafft den Unterdrückten Recht. Er schlägt das Land mit der Rute seiner Lippen und tötet die Gottlosen mit dem Hauch seines Mundes. Gerechtigkeit ist sein Gürtel und Wahrheit sein Gurt» (Jesaja 11,1-5 NLB).

Das Bild spricht für sich: Israel ist wie ein verrotteter Stumpf. Der Baum, einst in voller Pracht, wurde gefällt. Nun liegt der Stumpf Isais – Isai bedeutet «Geschenk Gottes» oder «Gott existiert» – nahezu tot am Boden. Isai war der Vater Davids, jenes Königs, der Israel zur Blüte führte. Doch diese goldene Zeit liegt für Jesaja schon rund 500 Jahre zurück.

Dennoch gilt die Verheissung, die David einst empfangen hat: «Wenn du stirbst, werde ich einen deiner Nachkommen als deinen Nachfolger einsetzen und werde sein Königtum festigen. [...] Ich werde ihn für alle Zeit über mein Königshaus und mein Königreich setzen und sein Thron wird für immer feststehen» (1Chronik 17,11-14 NLB). Mehr als ein halbes Jahrtausend später beginnt dieses Versprechen zu keimen: Aus dem alten Stumpf Isais wächst ein neuer, lebenskräftiger Zweig – der verheissene Herrscher der Endzeit.

Das hebräische Wort für «Spross» (nēṣer) ist die sprachliche Wurzel von «Nazareth». Wenn Matthäus schreibt, Jesus werde «Nazoräer» genannt werden (Matthäus 2,23), spielt er bewusst auf Jesajas Verheissung an: Jesus aus Nazareth ist der angekündigte Spross, der unscheinbare, aus der Verborgenheit hervortretende Messias. Wie ein frischer Trieb aus einem alten Stamm wächst er aus der Geschichte Israels hervor. Übrigens erhebt auch Jesus selbst an verschiedenen Stellen den Anspruch, der Sohn Davids zu sein.

Pflanzen wachsen unscheinbar, fast unbemerkt – und doch unaufhaltsam. So bezeugt diese Geschichte, dass Gott seine Versprechen erfüllt. Jesus ist der Beweis, dass Gott Neues schafft, wo wir nur Verfall sehen. «Seht hin; ich mache etwas Neues; schon keimt es auf. Seht ihr es nicht?» (Jesaja 43,19 NLB). Viele kennen das Gefühl, im eigenen Leben nur einen verrotteten Stumpf zu sehen. Aber Gott hält seine Versprechen und wird auch in deinem Leben neue Sprosse schenken. Jesus ist der grüne Zweig, mit Ihm kommen wir auf einen grünen Zweig.

Der Geist Gottes ruht auf diesem kommenden Herrscher in siebenfacher Beschreibung (V.2): Geist des HERRN, Weisheit, Verstand, Rat, Macht, Erkenntnis und Furcht des HERRN. All dies sind Funktionen, die für den Friedefürst eines ewigen Reiches elementar sind. Die Zahl Sieben signalisiert göttliche Vollkommenheit und ist ein Zeichen vollkommener Befähigung.

Das Erstaunliche: Derselbe Geist wohnt in allen, die Jesus vertrauen. In uns lebt die Ressource des kommenden Reiches. Wir gehören zur königlichen Priesterschaft, und unsere «Regentschaft» zeigt sich nicht im Herrschen, sondern im Dienst an Gerechtigkeit, Recht und Gottesfurcht – gerade unter den Armen und Unterdrückten. Die Armen und Elenden werden ausdrücklich erwähnt. Dieses sozialethische Motiv ist typisches Kennzeichen vom Reich Gottes.

Wie die alte Verheissung für David nach tausend Jahren erfüllt wurde, so gewiss wird Jesus wiederkommen und sein Reich des Friedens vollenden.

Neue Schöpfung

«Dann werden der Wolf und das Lamm einträchtig zusammenleben; der Leopard und die Ziege werden beieinander lagern. Kalb, Löwe und Mastvieh werden Freunde und ein kleiner Junge wird sie hüten. Kuh und Bär werden miteinander weiden. Ihre Jungen werden nebeneinander ruhen. Der Löwe wird Stroh fressen wie das Vieh. Der Säugling spielt am Schlupfloch der Otter. Ja, ein Kleinkind steckt seine Hand in eine Giftschlangenhöhle. Auf meinem ganzen heiligen Berg wird niemand mehr etwas Böses tun oder Unheil stiften, denn wie das Wasser das Meer füllt, so wird die Erde mit der Erkenntnis des HERRN erfüllt sein» (Jesaja 11,6-9 NLB).

Der grüne Zweig kommt in einem Stall in Bethlehem zur Welt – klein, arm und unscheinbar. Doch er bleibt nicht unbedeutend: Er ist der Friedefürst, der das endgültige messianische Reich errichtet. Als Träger des schöpferischen Geistes Gottes besiegt er alle Gewalt nicht mit Waffen, sondern «mit dem Hauch seines Mundes» (V.4). Es ist Gottes Wort, das die neue Schöpfung hervorbringt – wie schon am Anfang der Welt. Die Rede von der «Rute seiner Lippen» verweist auf die schöpferische und zugleich richtende Macht Seines Wortes. Sprache wird zum Instrument der neuen Schöpfung.

Jesaja beschreibt diese neue Schöpfung mit Bildern tiefen Friedens: Feinde leben beieinander, Raubtiere verlieren ihren Raubinstinkt, Kinder sind sicheren Umgangs selbst mit Schlangen. Das ist kein politischer Kompromiss, sondern eine vollständig erneuerte Weltordnung. Frieden umfasst nicht nur Menschen, sondern die gesamte Lebensordnung. Die Erlösung durch Jesus Christus ist ganzheitlich; Er erlöst nicht nur menschliche Seelen, sondern die ganze Schöpfung. Die ursprüngliche Schöpfung wird wiederhergestellt, vollendet und überhöht.

Die Machtverhältnisse werden umgekehrt: Ein kleines Kind hütet die Tiere. Schwäche wird zur neuen Stärke. Herzstück des ganzen ist eine erneuerte Gottesbeziehung, die als Erkenntnis des HERRN umschrieben ist: «Wie das Wasser das Meer füllt, so wird die Erde mit der Erkenntnis des HERRN erfüllt sein» (V.9 NLB). Das hebräische Wort wird auch für die intime Beziehung zwischen Mann und Frau gebraucht. Eine unmittelbare, persönliche und tiefe Beziehung zwischen Menschen und Gott ist die Grundlage des ultimativen Friedensreichs.

Wie sähe das heute aus? Vielleicht so: Der Neonazi zieht beim Migranten ein. Im Nahen Osten herrscht Frieden. Rüstungsfirmen bauen Windräder. Keine Frau hat mehr Angst vor ihrem Mann. Hautfarben sind einfach schön. Selenski und Putin stossen gemeinsam auf eine bessere Zukunft an. Frauen werden unter den Taliban gefördert. Und das iranische Regime freut sich über freundschaftliche wirtschaftliche Beziehungen zu den USA. All das zeigt: Das Friedensreich trägt die Charakterzüge Christi.

Mit Jesu erstem Kommen hat dieses Reich begonnen – klein und unscheinbar wie ein grüner Zweig. Mit seinem zweiten Kommen wird es vollendet. Menschen, in denen der Geist Gottes lebt, können diesen Frieden schon jetzt sichtbar machen. Wir leben in der Spannung von «Schon jetzt» und «Noch nicht».

Weltweite Bedeutung

«Dann wird die Wurzel Isais, aus der neue Triebe wachsen, den Völkern ein Zeichen sein. Sie werden unermüdlich nach ihr fragen und sie werden in Herrlichkeit leben» (Jesaja 11,10 NLB).

Das angebrochene Friedensreich hat jüdische Wurzeln. Aus dem totgeglaubten Stumpf wachsen neben Christus weitere Zweige: Menschen, Gemeinden, Gemeinschaften, auf denen Gottes Geist ruht. Jeder dieser Zweige verströmt den Duft des neuen Lebens – ein Vorgeschmack des kommenden Friedensreichs.

Bemerkenswert ist: Der Messias verbreitet sich nicht durch Macht und militärische Feldzüge, sondern durch Anziehung. Menschen «werden unermüdlich nach ihm fragen». Auch Petrus geht davon aus, dass ein Leben der Hoffnung anziehend ist: «Macht Christus zum Herrn eures Lebens. Und wenn man euch nach eurer Hoffnung fragt, dann seid immer bereit, darüber Auskunft zu geben, aber freundlich und mit Achtung für die anderen» (1Petrus 3,15f NLB). Das wirft Fragen auf: Ist unser Leben anziehend? Ist unsere Gemeinde ein Ort, an dem Menschen neugierig werden? Der Schlüssel liegt in der Erkenntnis des HERRN. Wer regelmässig die tiefe Gemeinschaft mit Gott lebt, wird verändert – und das zieht an.

Der Stumpf Isai erinnert an eine nationale Angelegenheit, die sich vor 3000 Jahren im Orient abgespielt hat. Doch der grüne Zweig aus diesem Stumpf hat weltweite Bedeutung, sie wird den Völkern ein Zeichen sein. Immer wieder gilt der Grundsatz: Zuerst den Juden/Volk Israel, dann den Heiden/Nationen. Jeder grüne Zweig wächst auf jüdischem Boden und trägt die DNA von Jesus Christus und seinem Reich. Gott hat Israel erwählt, um die ganze Welt zu segnen. Seine Hoffnung gilt jedem Menschen, und der neue Himmel und die neue Erde werden grenzenlos und multinational sein – doch verwurzelt in Israels Geschichte.

Auf einen grünen Zweig kommen

Möchtest du selbst auf einen grünen Zweig kommen und ein anziehendes Leben führen? Dann lerne vom kleinen Jungen auf dem Markt: Ein Junge sass am Morgen mit einem Korb voller Mangos auf dem Marktplatz. Schüchtern bot er seine Früchte an – ohne Erfolg. Die Sonne brannte, seine Stimme wurde leiser, seine Enttäuschung grösser. Schliesslich nahm er selbst eine Mango, kostete sie – und sein Gesicht hellte sich auf. Der Duft verbreitete sich. Vorbeigehende bekamen Appetit – und bald war sein Korb leer. Der Junge erkannte: Worte allein reichen nicht. Erst als er zeigte, wie gut die Früchte waren, griffen die Menschen zu.

So ist es auch mit dem grünen Zweig des Evangeliums. Wenn wir selbst kosten, wovon wir sprechen, wird unser Leben zum Zeichen – und andere werden fragen.

 

Mögliche Fragen für die Kleingruppen

Bibeltext: Jesaja 11,1-10

  1. Wo siehst du in deinem eigenen Leben «verrottete Stümpfe», und wo hast du erlebt, dass Gott daraus neue Sprosse wachsen lässt?
  2. Welche der sieben Eigenschaften des Geistes Gottes (Jesaja 11,2) wünschst du dir besonders in deinem Alltag – und warum?
  3. Wie kannst du heute schon Zeichen des kommenden Friedensreiches setzen – im Umgang mit Menschen, Konflikten oder Schwächen?
  4. Was hindert dich manchmal daran, ein «anziehender grüner Zweig» zu sein, der andere neugierig auf Jesus macht?
  5. Welche Hoffnung aus Jesaja 11 möchtest du in der kommenden Woche konkret leben oder einüben?