Vom besten Gastgeber lernen
Sonntag, 25. August 2019

Vom besten Gastgeber lernen

Prediger/in:
Passage: Psalm 23
Dienstart:

Was macht den Vater im Himmel zum besten Gastgeber? Aufgrund des bekannten Psalm 23 ziehen wir Rückschlüsse auf unsere eigene Gastfreundschaft. Und wir werden einmal mehr darüber staunen wir grosszügig und gut Gott ist.


 

Unser Jahresthema «Willkommen daheim» meint, dass jeder von uns persönlich beim himmlischen Vater Heimat findet, aber auch, dass wir einander in dieser Welt Gastfreundschaft anbieten. Der katholische Priester Romano Guardini verknüpft diese beiden Stränge miteinander: «Sollen wir aber Gastfreundschaft üben können, so müssen wir den, der draussen ist, hereinholen, wir müssen ihm eine Heimat bieten können. Dazu müssen wir erst selbst eine haben.» Ein guter Gastgeber braucht selbst eine Heimat. Wer bei Gott Heimat gefunden hat, weiss sich beschenkt, kommt zur Ruhe, hat die Sinnfrage geklärt und muss niemandem mehr etwas beweisen. Das ist beste Voraussetzung für Gastfreundschaft, die Liebe zum Fremden!

Ein offenes, ein weites Herz – darum geht es, wenn wir über Gastfreundschaft reden. «We learn from the best» – «Von den Besten, von dem Besten lernen». Das wollen wir heute Morgen tun. Wir nehmen uns Zeit um zu fragen: «Wie denkt Gott über Gastfreundschaft?» «Was macht unseren Vater um Himmel zum idealen Gastgeber?» Und da suchen wir nicht lange, sondern nehmen diesen altbekannten, oft im Schweisse des Angesichts von unzähligen Generationen von Reli-Schülern auswendig gelernten Psalm 23 zur Hand. Was lernen wir in Psalm 23 über den Gastgeber Gott? Gehen wir einfach der Reihe nach:

«Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue.»

Da geht es zu Beginn schlicht und einfach um nichts anderes als eine angenehme Atmosphäre. Das Wort für «grüne Aue» im Hebräischen beschreibt das saftigste Stück Wiese zwischen zwei Bächen. Moosig weich, kräftig grün, angenehm kühl an einem heissen Tag: das ist das Bild, das David im Kopf hat, wenn er so dichtet. Sein Gott ist ein menschenfreundlicher Gott. Ein Gott, der uns etwas Gutes tun will. Gastfreundlich sein bedeutet, meinen Gast in einer angenehmen Atmosphäre willkommen zu heissen. Das ist aber nicht zu verwechseln mit Perfektion. Viele Leute entschuldigen sich bei der Hausbesichtigung durch Gäste, dass halt nicht aufgeräumt sei. Ich weiss nicht, wie es dir geht – ich selbst fühle mich nicht dort am Wohlsten, wo kein Stäubchen, kein Krümelchen zu finden ist, sondern wo ich das gute Gefühl habe, sofort Teil der Familie zu sein. Da darf ruhig auch spürbar sein, dass hier Menschen wohnen und nicht gerade der neueste Katalog irgendeines Möbelhauses fotografiert wurde. Perfektion wirkt oft steril, künstlich – freundliches Durcheinander macht sympathisch. Und das sage ich jetzt nicht nur, weil ich mich zu Hause vor dem Putzen drücken will!

Das gilt auf für das Zuhause sein in der Kirche. Perfektion kann nüchtern und distanzierend wirken. Deshalb muss die Professionalität immer Diener und nie Herr sein. Reibungsfreie Abläufe und gute Ästhetik an und für sich sind nicht das Ziel, sondern lediglich hilfreiche Unterstützung dafür, dass sich Leute sicher wie zu Hause fühlen.

«Er führet mich zum frischen Wasser.»

Das ist ein Bild für Erfrischung. Frisches Wasser lässt einen befreit durchatmen, aufschnaufen. Bei Gott muss ich nicht andauernd etwas leisten. Ich kann einfach sein. Seine Liebe ist völlig unabhängig von meinem Tun. Er zeigt mir, nein er führt mich sogar zu einem Platz, an dem ich mich erfrischen kann. Wie wenn der gemütliche bärtige Hüttenwart nach einer anstrengenden Bergtour den Weg zur Quelle hinterm Haus zeigt, wo man den Kopf schnell mal ins kühle Nass des Brunnens tauchen kann. Und wenn man dann triefend nass wiederauftaucht, erwartet einem schon so ein frisches rotkariertes Handtuch. Das weckt die Lebensgeister. Das ist jetzt nicht nur im übertragenen Sinn gemeint. Ein Glas Mineralwasser, ein kühles Bier, frischer Kaffeeduft – Kleinigkeiten vielleicht. Aber unerlässlicher Bestandteil, um abzuschalten, um in den Wohlfühlmodus zu wechseln.

«Er erquicket meine Seele.»

Das hebräische Wort für Seele heisst näfesch. Es leitet sich von der Bezeichnung «Hals» oder «Kehle» ab und nahm die Bedeutung von Atem und Lebenshauch an, um dann mit dem Leben an sich gleichgestellt zu werden. näfesch bedeutet weiter auch «Wünschen», «Begehren», «Hoffen» und «Suchen». Nachdem die Kehle angefeuchtet ist, der Stress langsam nachlässt, wird ein weiteres klar: bei Gastfreundschaft geht es um den ganzen Menschen! Ganzheitlichkeit. Sicher ein Modewort unserer Zeit. Aber unerlässlich beim Thema Gastfreundschaft: der äussere Durst wird gestillt, aber auch der innere Durst, die Bedürfnisse unserer Seele werden ernst- und wahrgenommen. Neudeutsch nennt man das auch «Soul-Food» – «Seelennahrung». Gutes Essen und Trinken öffnen mich dafür, auch meinen inneren Hunger zum Thema zu machen. Ein gutes Gespräch kommt nicht selten nach einem guten Essen zu Stande. Und dann wird mehr als der Magen satt, auch die Seele bekommt ihr «Futter». Es wird klar, Gastfreundschaft ist nicht nur Gastronomie, sondern auch ein geistliches Geschehen. Der Kern der Gastfreundschaft ist Begegnung. «Man kann jemand zur Tür hereinlassen, und er hat doch das Gefühl, dass er draussen geblieben ist. Sein Körper hat hereingekonnt, aber die Seele nicht. Er muss auch geistig aufgenommen werden» (Romano Guardini). Diese geistige Aufnahme geschieht im gegenseitigen Anteilnehmen und Anteilgeben an unseren Leben. Wir bewegen uns vielleicht zunächst in seichten Gewässern, tauschen Nettigkeiten und Neuigkeiten aus, klatschen ein bisschen – aber dann gewinnt das Gespräch Tiefgang. Wir geben einander Anteil an Glück und Leid, nehmen Freuden und Last des Gegenübers auf. Wirkliche Begegnung gelingt dann, wenn alle Beteiligten Raum und Aufmerksamkeit bekommen.

«Er führet mich auf rechter Strasse.»

Mit der rechten Strasse ist es so eine Sache. Sie steht für direkte, auch mal kantige Ehrlichkeit. Ein guter Gastgeber schmiert mir nicht unnötig Honig ums Maul. Wenn es sein muss, kann er auch schon einmal ein unbequemer Spiegel sein. Nicht weil er mich in die Pfanne hauen möchte, sondern weil er wirkliches Interesse an mir hat und nur das Beste für mich will. Deshalb wird er mir auch die ein oder andere unbequeme Frage zumuten. Da wird sein Herz sichtbar, da spüre ich seine Fürsorge. Ich bin ihm nicht egal und gerade deshalb fühlt er mir auch hier und da «auf den Zahn». Gottes Gastfreundschaft hat auch immer etwas von einer Bestandsaufnahme. Ich blicke zurück und sehe die Windungen, Kurven, Umwege, Abkürzungen meines Lebens und darf zusammen mit einem wohlwollenden Freund Rückblick und Ausblick halten.

Ohne Wahrhaftigkeit werden unsere Gespräche zum flachen Austausch harmloser Nettigkeiten, ohne Liebe klatschen wir sie einander wie einen nassen Lappen ins Gesicht. Kommt beides zusammen, ist es, wie wenn wir einander einen warmen Mantel hinhalten, in den wir schlüpfen können.

«Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.»

Echte Gastfreundschaft klammert die harten Dinge des Lebens eben nicht aus: SCHWERES hat seinen Platz. Die schmerzhaften Seiten des Lebens wie Krankheit, Leid und auch der Tod gehören wie selbstverständlich dazu, weil sie eben selbstverständlich zum Leben gehören. Und auch unbequeme Themen wie Schuld, Versagen und Angst werden nicht ausgespart. Sondern sie werden in einem Rahmen der absoluten SICHERHEIT behutsam angesprochen. Sicherheit bedeutet mindestens zwei Dinge: Verschwiegenheit und Urteilsfreiheit. Das heisst, ich muss nicht befürchten, dass auch nur ein Satz den vertrauten Rahmen verlässt und schon gar nicht muss ich mich auf abschätzige Blicke gefasst machen, wenn meine dunklen Seiten ans Licht kommen. Ich darf meine Maske fallen lassen und blicke in ein Gesicht voller Güte, das sich nicht abwendet, sondern dableibt und mit mir aushält, keine grossen Worte macht, sondern einfach nur da ist und dableibt. Wir haben einen Gott, der dableibt auch wenn es kaum zum Aushalten ist. «Denn du bist bei mir.» DA SEIN – schlicht und einfach. Dasein ist der wichtigste Dienst, wenn jemand durch ein dunkles Tal geht.

«Du bereitest vor mir einen Tisch, im Angesicht meiner Feinde.»

ESSEN spielt in der Bibel eine grosse Rolle. Beim Essen passiert das Wesentliche. Da wechselt mal so eben das Erstgeburtsrecht für eine leckere Linsensuppe den Besitzer. Da sitzt der Gottessohn mit dem kleinen Schelm Zachäus beim Mahl und die religiöse Elite wendet sich angewidert ab. Da schleicht sich die Sünderin mit ihrem schweren Herzen beim Zvieri unter die Männergesellschaft und zerbricht ein Gefäss mit kostbarem Parfum über den Käsefüssen Jesu. Essenzeit ist der Termin für die grössten Wunder: eine Zwei-Mann-Ration macht ein Fussballstadion satt. Nach dem Hochzeitsgelage gibt’s unverhofften Nachschub im Weinkeller. Wenn man Jesus fragt, wie es mal im Himmel wird, dann spricht er von einem Festmahl, bei dem sich die Tische biegen. Und in den letzten Stunden vor seinem Tod, nahm sich Jesus ausführlich Zeit, um Tischgemeinschaft mit seinen Jüngern zu haben. Beim Essen passiert das Wesentliche. Deshalb ist auch der Bistrobetrieb in unserem Gemeindeleben so wichtig. Beim Essen geschieht umfassende Gastfreundschaft. Wir dürfen dieses Angebot gerne auch noch mehr als guten Rahmen wahrnehmen, diese Gastfreundlichkeit bewusst zu leben. Kehlen (näfesch) sollen erquickt werden.

Geniessen, aber bitte IN RUHE. Da kann es draussen stark stürmen oder im Leben drunter und drüber gehen, aber an Gottes Tisch ist erst einmal Ruhe. Und ich meine nicht die strengen Tischsitten. Nein, die Stürme des Alltags haben am Anfang einmal Pause. Jetzt ist Festtag. Es fühlt sich wie im Auge eines Orkans an.

«Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.»

In einer alten schweizerischen Mundartübersetzung lautet dieser Vers: «Du machst meinen Becher schwibbeli-schwabbeli voll.» Hier ist von ÜBERFLUSS bzw. von Grosszügigkeit die Rede. Wenn das Glas so voll ist, dass auf dem Weg zum Mund schon mal was daneben geht. Gott ist ein grosszügiger Gastgeber. Er zählt keine Kalorien, sondern serviert nach dem köstlichen Hauptgang auch noch ein Dessert, obwohl der Ranzen schon gehörig spannt. In Gottes Nähe ist viel mehr als wir erwarten. Seine Gastfreundschaft legt erst dort so richtig los, wo wir schon ganz zufrieden sind. Dort spielt er seine Stärken als Gastgeber erst richtig aus und vermittelt uns damit einen Vorgeschmack auf die himmlische Heimat:

«Gutes und Barmherzigkeit werden mit folgen mein Leben lang und ich werde bleiben im Haus des Herrn immerdar.»

Bleiben im Hause des Herrn immerdar. Wer diese Art von Gastlichkeit einmal erlebt hat, der will mehr davon! Und um nichts weniger geht es bei Gottes Gastfreundschaft: um einen Vorgeschmack auf den Himmel. Gottes Gastfreundschaft macht Lust auf mehr! Zitat Guardini: «Dies ist aller Gastfreundschaft tiefster Sinn, dass ein Mensch dem anderen Rast gibt auf der grossen Wanderschaft zum ewigen Zuhause.» Auch unsere Gastfreundschaft hier auf der Erde soll ein «Vorgeschmack» vom Himmel sein. Eine «Rast auf der grossen Wanderschaft zum ewigen Zuhause». Da legt er die Latte aber ziemlich hoch…

 

Nehmen wir diese Herausforderung an, dass unsere Häuser und auch unsere Kirche Durchgangsstationen auf dem Weg zur himmlischen Ewigkeit sein sollen? Wie müssen die dann aussehen und gestaltet werden? Mit welcher inneren Haltung werden wir, als Gottes Komplizen in Sachen Gastfreundschaft dann am Start sein? Vom Gastgeber des grossen Festmahls am Ende der Zeiten können wir uns so einiges Abschauen! Was für Bilder kommen Menschen in den Sinn, wenn sie an die Gastfreundschaft der Kirche denken? An der Eingangstür (projiziertes Bild!) gibt es viele Verbote: Keine Tiere, keine Inlineskater, keine Fotos, keine Kinderwägen in unseren Räumlichkeiten, keine persönlichen Sachen rumliegen lassen, kein Eis, keine Waffen und bitte nicht rauchen. Verbote und Vorurteile gibt es schon genug. Das kennen die Menschen von heute zur Genüge. Nach dem Motto: bevor Du zu uns gehörst, musst Du erst mal diese Regeln befolgen. Was wenn wir sie stattdessen überraschen mit einer Gastfreundlichkeit, die wir von dem Besten gelernt haben: Das wir gastfreundliche Raststätten für den himmlischen Durchgangsverkehr werden. Dazu helfe und segne uns Gott.

 

 

Mögliche Fragen für die Kleingruppen

Bibeltext lesen: Psalm 23

  1. Wie würdest du Gottes Gastfreundschaft beschreiben, nachdem du den Psalm 23 unter diesem Gesichtspunkt gelesen hast?
  2. Welche Eigenschaften von Gastgeber Gott sprechen dich besonders an?
  3. Von welchen Eigenschaften willst du lernen und etwas umsetzen?
  4. Was hältst du von dem Gedanken, dass unsere Gastfreundschaft Raststätten für den himmlischen Durchgangsverkehr sind?
  5. Wann wirst du nächstes Mal Gäste bewirten? Was willst du dann umsetzen?