Hohe Wertschätzung für das Leben

Datum: Sonntag, 11. April 2021 | Prediger/in:
Serie: | Bibeltext: Matthäus 5,21-26

Zusammenfassung: Jesus hebt in der Bergpredigt die Tora nicht auf, sondern interpretiert sie richtig. So sagt er, dass wir nicht nur nicht töten, sondern den Nächsten auch nicht mit bösen Worten eindecken sollen. Er packt das Problem bei der Wurzel an. In der heutigen Predigt lernen wir, wie wir im Konfliktfall würdevoll miteinander umgehen können. Da Jesus das Leben sehr wertschätzt, ist ihm sehr wichtig, dass niemand beschämt wird.


In England raubte ein Mann eine Bank aus. Dabei wurde er erwischt und musste deshalb mehrere Jahre ins Gefängnis. Während dieser Zeit fand er durch einen Gefängnisseelsorger zu einer persönlichen Beziehung mit Jesus Christus. Er nahm sich vor, als Erstes nach seiner Freilassung eine Kirche aufzusuchen, um Gott Danke zu sagen. Das tat er dann und besuchte einen Gottesdienst. An einer Wand der Kirche entdeckte er die Zehn Gebote. Seine Augen blieben bei «Du sollst nicht stehlen» hängen. «Das ist das Letzte, was ich brauche. Ich weiss, dass ich ein Dieb bin. Und jetzt werde ich wieder verdammt», dachte er. Obwohl er am liebsten gleich gegangen wäre, blieb er sitzen und las die Sätze nochmals und nochmals durch. Plötzlich änderte sich etwas. Er las nicht mehr: «Du sollst nicht stehlen», sondern: «Du wirst nicht mehr stehlen!»

Du sollst nicht töten

«Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist: ‘Du sollst nicht töten’; wer aber tötet, der soll des Gerichts schuldig sein. Ich aber sage euch: Wer mit seinem Bruder zürnt, der ist des Gerichts schuldig; wer aber zu seinem Bruder sagt: Du Nichtsnutz!, der ist des Hohen Rats schuldig; wer aber sagt: Du Narr!, der ist des höllischen Feuers schuldig.» (Matthäus 5,21f LUT). Wie den Ex-Knacki könnte uns ein solcher Text erdrücken. Ein strenger Richtiger, dieser Gott! Die Bergpredigt scheint die ohnehin schon strengen Gesetze in ein Mass zu verschärfen, bei dem niemand mehr genügen kann.

Deshalb müssen wir solche Text immer wieder lesen, bis wir die Musik des Himmels hören. Gebote wie «Du sollst nicht töten» beschreiben den Charakter Gottes. Er ist das Leben. Auch die Bergpredigt beschreibt Gottes Art, seine Herrlichkeit. Für einen Nachfolger von Jesus ist es kein Gebot, sondern ein Versprechen. So wird es in der neuen Welt sind. Es ist das Wachstumspotenzial für einen Christen. In dem Masse, wie wir die Bergpredigt heute schon leben, kommt der Himmel auf die Erde.

Du sollst nicht zornig sein

«Ich aber sage euch: Jeder, der auf seinen Bruder zornig ist, gehört vor Gericht [...]» (V.22 NGÜ). Jesus hebt Mose, der die Tora von Gott bekam, nicht auf, sondern bohrt durch ihn durch. Warum tötet man? Die Wurzel des Tötens ist der Zorn. Weil wir zornig sind, töten wir Menschen. Jesus geht es um unseren inneren Menschen, unsere Motivation ist für ihn entscheidend. Unter verschiedensten Menschen wurde eine Umfrage gemacht: Wenn du einen Menschen entfernen könntest, indem du nur einen Knopf drückst, und du hättest keine negativen Folgen daraus. Würdest Du es tun? 69% aller Männer und 56% aller Frauen antworteten mit JA. Die Motivation ist da. Der Grund, warum es nicht zur Tat kommt, ist die Angst, eingesperrt zu werden.

Bei der Auslegung des sechsten Gebots geht es nicht nur um das Auslöschen von Leben, sondern um Beziehungen. Und zwar zuerst um Beziehungen innerhalb der Gemeinschaft der Gläubigen, denn Jesus verwendet mehrmals den Ausdruck «Bruder». Wir müssen lernen, zunächst unsere unmittelbaren Nächsten zu lieben, bevor wir der ganzen Welt eine Liebeserklärung machen.

«[...] Wer zu seinem Bruder sagt: ›Du Dummkopf‹, der gehört vor den Hohen Rat [...]» (V.22 NGÜ). Jesus spricht über den Zorn, aber auch über Beleidigungen. Das aramäische Wort Raka bedeutet leer oder Hohlkopf. Es ist eine Beleidigung des Intellekts im Sinne von Blödmann, Depp oder Hirnamputierter. Die Bannstrafen, die jeweils angedroht werden, waren damals im jüdischen Rabbinertum gängig. Jesus nimmt darauf Bezug und will uns nicht mit Ungemach drohen.

«[...] Und wer zu ihm sagt: ›Du Idiot‹, der gehört ins Feuer der Hölle» (V.22 NGÜ). Im Orient ist das eine der höchsten Beleidigungsstufen für einen Mann. Mit anderen Worten bedeutet Lella: «Als Mann taugst du gar nichts!» Man beleidigt den Charakter einer Person. Jemanden öffentlich Lella zu nennen, bedeutet, seinen Ruf und sein Ansehen zu zerstören. Die Würde des Menschen wird zutiefst angegriffen.

Worte können töten. «Wer unvorsichtig herausfährt mit Worten, sticht wie ein Schwert; aber die Zunge der Weisen bringt Heilung» (Sprüche 12,18 LUT). Böse, gemeine, niederträchtige Worte können mehr Schaden anrichten als äusserliche Schläge. Eine gebrochene Nase heilt, aber böse, niederträchtige Worte können ein Leben lang begleiten und die Persönlichkeit prägen. Deshalb spricht Jesus im gleichen Abschnitt über Mord, Zorn und böse Worte. Jesus ist das Leben und gibt dem Leben hohe Wertschätzung.

In meiner Herkunftsfamilie wurde sehr viel mit Worten getötet. Wir waren fünf Jungs, alle mit genug cholerischen und dominanten Anteilen. Es fand ein andauerndes Gerangel um die Plätze statt. Dazu war jedes Mittel recht. Wir deckten einander mit den gröbsten Beschimpfungen ein. Einer meiner Brüder fühlte sich derart beschämt und der Würde beraubt, dass er auf dem Platzspitz tatsächlich beinahe gestorben wäre. Es ging sehr viel kaputt – und das notabene in einer frommen Familie. Es tut mir so leid, dass ich Mitverursacher dieses Schlachtfelds war. Das Beschämen wird mit dem Töten gleichgesetzt. Scham frisst die Würde. Mit niederträchtigen Worten greifen wir die Würde des Nächsten an, wir beschämen und mobben ihn. Wie wenn wir uns ohne Schimpfworte nicht schon genug schämen würden. Wir schämen uns für Schuld, für Fehlverhalten und dafür, dass wir die Erwartungen nicht erfüllen. Wir schämen uns für Dinge, für die wir gar nichts können. Manche Menschen schämen sich für ihr Aussehen, sich schämen sich dafür, nicht hübsch, gross, dünn und sportlich genug zu sein. Alte und Kranke schämen sich, weil sie auf die Hilfe anderer angewiesen sind. Menschen schämen sich dafür, nicht dazuzugehören. Sie schämen sich dafür, Aussenseiter zu sein. Sie schämen sich sogar, wenn sie Opfer einer Gewalttat geworden sind. Die Scham ist mächtig – und sie wuchert oft unkontrolliert in unserem Inneren und verbirgt sich als Wut. Und dann beginnt der Kreislauf von neuem.

Gott liebt es, Menschen Würde zu verleihen. Er ist das Leben und wertschätzt das Leben in hohem Mass. Als Adam und Eva sich zum ersten Mal wegen ihrer Nacktheit schämten, bedeckte Er ihre Blösse mit einem Schurz aus Tierfellen. Als der jüngere Sohn im Gleichnis (Lukas 15) zögerlich und beschämt nach Hause zurückkehrte, gab der Vater seinem Sohn als erstes die Würde zurück, symbolisiert durch Gegenstände wie ein Festkleid, Schuhe und einem Fingerring. Jesus fordert uns mit diesem Text heraus, Menschen mit seinen Augen anzuschauen. Andreas, ein Enkel von Konrad Adenauer, sagt: «Wenn Gott schon jede Blume, jede Schneeflocke und jeden Fingerabdruck einzigartig macht, wie viel Liebe muss er dann für jeden von uns Menschen erst haben?»

Es gibt drei Möglichkeiten, um mit Hass oder Zorn umzugehen:

Dem Zorn freien Lauf lassen. Vielleicht fühlt man sich dadurch etwas leichter. Doch die Situation wird sich verschlechtern und es kommt zu Totschlag.

Den Zorn unterdrücken. Weil Christen denken, dass sie nicht hassen dürfen, ist diese Strategie bei ihnen besonders beliebt. Es ist aber sehr ungesund, weil dadurch der Zorn nicht weg, sondern nur vergraben ist. Die Wahrheit lautet: Du hassest sowieso! Die tragische Konsequenz ist, dass Menschen mit einem grinsenden Gesicht in die Kirche gehen und ihrem Ärger auf subtile Art Luft verschaffen, z.B. durch Gemeinheiten, Zynismus oder Gerüchte verbreiten. Menschen mit verdrängter Wut werden oft bitter und erleiden Albträume.

Über den Zorn reden. Die beste Strategie ist, mit Gott spazieren zu gehen und ihm zu erzählen, was wir über dieses ‘Schwein’ denken. ER weiss es sowieso. Anschliessend sollen wir zu dem Menschen gehen. Wenn wir im Zorn zuerst zu dem Menschen gehen, kommt es nicht gut. Beziehungsstörungen sollen angesprochen werden: «Wenn du also deine Gabe zum Altar bringst und dir dort einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, dann lass deine Gabe dort vor dem Altar; geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder! Danach komm und bring ‘Gott’ deine Gabe dar» (Matthäus 5,23f NGÜ). Oha! Selbst, wenn der andere etwas gegen mich hat, liegt die Verantwortung bei mir, die Dinger zu regeln. Und zwar bevor ich in die Kirche, den Gottesdienst oder in die Kleingruppe gehe und auch bevor ich Zeit mit Jesus verbringen. Lass die Bibel liegen, geh zum Bruder und versöhne dich mit ihm.

Schritte zu einer versöhnten Beziehung

Einige Kapitel später schreibt Matthäus über weises Vorgehen bei Beziehungsstörungen (Matthäus 18,15-17).

Erster Schritt (V.15): Bei Konflikten geht man gerne nach Hause zum Ehepartner oder an den Stammtisch und klagt den anderen als Trottel an. Damit ist der andere schon erledigt. Wie schnell kann ein Gerücht den Ruf eines Menschen zerstören und ihn moralisch umbringen! Jesus sagt: «Immer, wenn jemand sich fehlverhalten hat, nur du und die andere Person.» Wenn wir dies so tun, hat man die meisten Kämpfe schon gewonnen. Meistens kann man sich ausreden und es passt wieder. Dabei können wir beobachten, wie Gott Wunder tut und Beziehungen vertieft werden.

Zweiter Schritt (V.16): Wenn wir uns bemüht haben, unter vier Augen zu reden, es aber nicht funktioniert, sollen wir zwei oder drei kluge Leute dazunehmen und die Sache miteinander besprechen. Vielleicht hören die zwei zu und sagen: «Warte mal lieber Freund, das Problem liegt nicht bei ihm, sondern bei dir.» Wenn wir Streit haben, sind wir nie objektiv. Da ist immer nur der andere schuld. Deshalb braucht es die Aussensicht und die Ermahnung. Bei Einsicht kann man um Vergebung bitten und es ist wieder gut.

Dritter Schritt (V.17a): In jeder Kirche menschelt es und es geschieht Gemeines. Du hast dich bemüht, dass wieder Versöhnung entsteht. Die andere Person lässt es aber nicht zu. Sie kommt weiterhin lächelnd in die Kirche. Im dritten Schritt sollen die verantwortlichen Führungspersonen sie konfrontieren: «Was du tust, zerstört Beziehungen.» Spätestens nach diesen drei Schritten sind die meisten zwischenmenschlichen Probleme gelöst.

Und sonst folgt der vierte Schritt (V.17b): Wenn die Person das Urteil der Kirchenleitung nicht anerkennt, soll sie wie ein Heide oder ein Zöllner behandelt werden. Wie geht das? Wir wissen, dass Jesus gerade diese Gruppen besonders geliebt hat und ihnen nachgegangen ist. Uneinsichtige Menschen sollen aus der Kirche ausgewiesen werden, damit sie erkennen, wie sie durch ihre Unversöhnlichkeit Gemeinschaft zerstören. Heute gibt es kaum mehr Ausschlüsse aus der Kirche. Solche Massnahmen würden in den meisten Fällen ins Leere greifen. Manch einer würde sagen: Dann komm ich halt nicht mehr! Oder: Über den Glauben kannst du schon reden, aber mische dich nicht in mein Privatleben ein.

Du kannst dem Morden die Grundlage entziehen und Leben fördern, wenn du auf Menschen zugehst, gegen die du etwas hast, und auch auf die, die etwas gegen dich haben. Packe es an, auch wenn es dir schwerfällt. Tue es, bevor du nächstes Mal in der Bibel liest oder zum Gottesdienst gehst. An uns liegt es, hinzugehen und unter vier Augen zu versuchen darüber zu reden. Ob die andere Person die Entschuldigung annimmt oder erkennt, dass er an dir schuldig geworden ist, das liegt nicht in unserer Macht. Es gibt nichts Schöneres, als wenn zwei Menschen, die zehn Jahre nicht mehr miteinander geredet haben, sich versöhnen und wieder reden. Dasselbe geschieht durch Jesus Christus: Er hat uns mit Gott versöhnt. Es geht nicht nur darum, mit Gott versöhnt zu leben, es geht auch darum mit dem Mitbruder, -schwester versöhnt zu leben. Das ist die befreiende Botschaft. Es gibt nichts Schöneres als versöhnte Beziehungen – mit Gott und mit Menschen!

 

 

 

Mögliche Fragen für die Kleingruppen

Bibeltext lesen: Matthäus 5,21-26

  1. Was macht Jesus mit den Geboten aus dem Alten Testament? Welche Bedeutung haben diese scheinbar verschärften Aussagen?
  2. Wen würdest du am liebsten umbringen, wenn du es per Knopfdruck tun könntest und keine Konsequenzen befürchten müsstest?
  3. Wie mordet man mit Worten? Was ist der Zusammenhang zwischen Scham und Würde?
  4. Gibt es jemanden, der etwas gegen dich hat? Wie könntest du mit dieser Situation gemäss dieses Textes umgehen?
  5. Hast du jemanden mit Worten oder in Gedanken beschimpft – durch Schimpfworte oder Gerüchte. Geh die Sache mit Jesus an!