Gesetz oder Gnade!?

Datum: Sonntag, 14. März 2021 | Prediger/in:
Serie: | Bibeltext: Matthäus 5,17-20

In der Bergpredigt gibt es sechs Thesen, die mit «Ihr habt gehört, dass es im Gesetz von Mose heisst: ... Ich aber sage euch» übersetzt werden. Wie stellte sich Jesus zum Gesetz des Alten Testamentes? Wie ist das Verhältnis von Gesetz und Gnade. Und was bedeutet, die bessere Gerechtigkeit, die Jesus von seinen Jüngern verlangt? Solche und andere interessanten und relevanten Fragen werden in dieser Predigt geklärt.


Was wurde durch Jesus bezüglich unserer Lebensgestaltung neu? Normalerweise sind Christen folgender Überzeugung: Die Juden sind unter dem Gesetz, wir Christen unter der Gnade. Sie sehen das Gesetz als schwere Last mit vielen Befehlen. Juden meinen, sie müssten 613 Gebote und Verbote halten, um gerettet zu werden. Christen glauben, dass Evangelium würde vom Gesetz befreien und man müsse sonst nichts tun, um gerettet zu werden. Wie steht es um das Verhältnis von Gesetz und Gnade? Inwiefern hat das Gesetz des Alten Testaments noch Bedeutung für uns?

Die Weisungen Gottes

In der Bergpredigt klärt Jesus genau diese Frage: «Meint nicht, dass ich gekommen sei, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen» (Matthäus 5,17 ELB). Wir müssen dringend zuerst eine Begriffsklärung machen. Die ersten fünf Bücher der Bibel heissen Tora, das heisst «Weisung Gottes». Als die Tora 250 v.Chr. zum ersten Mal ins Griechische übersetzt wurden, fanden die Griechen kein entsprechendes Wort in ihrem Lexikon. Deshalb übersetzten sie mit nomos (Gesetz), was eine falsche Assoziation hervorbringt. Die Tora ist – im Gegensatz zum Gesetz – die von Liebe getragene Weisung eines Vaters und keine Sammlung von Rechtsnormen. Sie offenbart den Charakter Gottes und sind Weisungen für ein gelingendes Leben. Das Herz der Tora ist die Botschaft vom liebenden Gott und die Anleitung, wie man eine Beziehung zu ihm aufbaut. Ein Nichtjude kam zum jüdischen Gelehrten Hillel mit der Frage, ob er ihm die ganze Tora lehren könne, während er auf einem Fuss steht. Hillel sprach zu ihm: «Was du hasst, das tu deinem Nächsten nicht an. Das ist die ganze Tora, und alles andere ist nur Erläuterung.»

Die Tora wird auf dem Berg Sinai gegeben und in der Bergpredigt wiederholt. In beiden ist Gott der Solist, der trotz Variationen die gleiche Grundmelodie spielt. Altes und Neues Testament bezeugen uns beide Gott als Schöpfer, als Erlöser, als Versorger, als barmherzigen, gnädigen, vergebungsbereiten Herrn und Vater (vgl. 2Mose 34,6). Die Tora und die Bergpredigt zeigen uns das Potenzial der Metamorphose auf, so dass wir diesem Gott durch Verwandlung unseres Wesens immer ähnlicher werden.

Was meint Jesus nun, wenn er bezüglich der Tora sagt: «Ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen»? Erfüllt bedeutet nicht abgeschafft. Unmissverständlich sagt Er: «Denn wahrlich, ich sage euch: Bis der Himmel und die Erde vergehen, soll auch nicht ein Jota oder ein Strichlein von dem Gesetz vergehen, bis alles geschehen ist» (V.18 ELB). Erfüllt heisst, dass Jesus die erste Person ist, die zu 100% den Weisungen Gottes entsprochen hat. Erfüllt heisst, dass Jesus manches für uns erfüllt hat (Reinheitsvorschriften, Opfer- und Speisegesetze). Erfüllt ist aber zuallererst ein in der rabbinischen Debatte anerkannter technischer Ausdruck. Hatte ein Jünger mit seiner Auslegung ins Schwarze getroffen, sagte der Rabbi: «Du hast das Gesetz erfüllt.» Jesus mischt sich als jüdischer Lehrer unter jüdische Lehrer und beteiligt sich aktiv an der Diskussion um die richtige Interpretation. Mit dem Anspruch von messianischer Autorität führt er die Weisungen Gottes auf das Wesentliche zurück. Erfüllen hat somit die Bedeutung von richtig interpretieren.

Folgerichtig sagt Jesus: «Wer nun eins dieser geringsten Gebote auflöst und so die Menschen lehrt, wird der Geringste heissen im Reich der Himmel; wer sie aber tut und lehrt, dieser wird gross heissen im Reich der Himmel» (V.19 ELB).

Die bessere Gerechtigkeit

«Denn ich sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht besser ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen» (V.20 LUT). Jetzt geht es um die entscheidende Frage: Was macht einen Menschen gerecht vor Gott? Ist es so, dass es im Alten Testament die Einhaltung des Gesetzes und seit Jesus die Gnade ist? Dass dies ein Missverständnis ist, lehrt uns Paulus: «Denn so war es auch bei Abraham: Abraham glaubte Gott, und Gott erklärte ihn wegen seines Glaubens für gerecht» (Galater 3,6 NLB).

Worin besteht denn die bessere Gerechtigkeit? Verlangt Jesus, dass wir noch mehr Eifer als die Pharisäer an den Tag legen, die Regeln noch besser einhalten? Das Problem der jüdischen geistlichen Elite war, dass sie glaubten, dass ihre Gerechtigkeit aus dem Gesetz kommt. Sie haben die Tora aus einer Vertrauensbeziehung mit Gott herausgelöst und versuchten mit viel Eifer alles richtig zu machen. Sie setzten ihr Vertrauen auf das Einhalten des Gesetzes anstatt auf Jahwe. Das konnte nicht gut gehen. Deshalb tanzten sie nach anderer Musik. Das wird als Sünde bezeichnet. Menschen können mit moralisch einwandfreiem Leben beeindruckt werden, der HERR lässt sich nicht täuschen. «Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der HERR aber sieht das Herz an» (1Samuel 16,7 LUT). Gott geht es nie darum, wie viel wir tun. Er interessiert sich in erster Linie für die Motive, aus denen wir handeln oder nicht handeln.

Wir leben im sogenannten Neuen Bund und stehen in der gleichen Gefahr. Deshalb erklärt Paulus: «Ich werfe nicht weg die Gnade Gottes; denn wenn durch das Gesetz die Gerechtigkeit kommt, so ist Christus vergeblich gestorben» (Galater 2,21 LUT). Auch Christen nach Jesu neigen zur Gesetzlichkeit. Gott kennt unsere Beweggründe und unsere Herzen. Die Gerechtigkeit, von der Jesus spricht, muss aus unserem Herzen kommen. Deshalb sagt Jesus u.a.: «Ihr habt gehört, dass es im Gesetz von Mose heisst: ‘Du sollst nicht die Ehe brechen.’ Ich aber sage: Wer eine Frau auch nur mit einem Blick voller Begierde ansieht, hat im Herzen schon mit ihr die Ehe gebrochen» (Matthäus 5,27f NLB). Es geht Jesus nicht darum, durch differenzierte Spielregeln Ehebruch zu minimieren. Es geht vielmehr darum, sich mit eigenen sexuellen Bedürfnissen und Fantasien auseinanderzusetzen.

Jesus hat den Sinaibund weder ersetzt noch gekündigt, sondern ergänzt. Dabei setzt er beim Mangel an, an unserem Herzen. Er tut dies auf geniale Art und Weise. An zwei Stellen wird Jahrhunderte im Voraus darüber gesprochen:

  • «Ich lege mein Gesetz (Tora) in ihr Inneres und werde es auf ihr Herz schreiben. Und ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein» (Jeremia 31,33 ELB). Die Musik des Himmels wird in unser Herz gelegt.
  • «Und ich werde meinen Geist in euer Inneres geben; und ich werde machen, dass ihr in meinen Ordnungen lebt und meine Rechtsbestimmungen bewahrt und tut» (Hesekiel 36,27 ELB). Zur Musik erhalten wir gleich noch einen persönlichen Tanzlehrer.

Beide Bibelstellen sprechen darüber, dass Gott etwas in unser Herz legen wird: Tora und Geist. Wir brauchen beides. Wir sollten nicht glauben, wir bräuchten keine Tora, kein Gesetz, wenn wir den Geist Gottes in uns haben. Wiedergeboren sein im jüdischen Kontext bedeutet Tora und Geist! Tora und Geist gehören zusammen – das ist der Faktor, der die Nachfolger von Jesus von den besten Humanisten der Welt unterscheidet. Andere Menschen tun auch viel Gutes. Aber das Himmelreich besteht aus Menschen, die wiedergeboren sind (vgl. Johannes 3,5). Unter der Gnade zu sein bedeutet, dass die Tora und der Geist, die Musik und der Tanzlehrer, in unser Herz gelegt wurde. Es ist alles da, um in einem lebenslangen Prozess in den Charakter Gottes verwandelt zu werden. Ganz nach Paulus: «Denn Gott bewirkt in euch den Wunsch, ihm zu gehorchen, und er gibt euch auch die Kraft zu tun, was ihm Freude macht» (Philipper 2,13 NLB). Das Gesetz und die Gnade sind die zwei Seiten einer Medaille.

Die Gerechtigkeit ist nicht an mein Tun, sondern an meine Beziehung zu Christus gebunden. Wir sind zur Gemeinschaft mit Jesus Christus berufen. Daraus folgt der zweite Teil: die Umwandlung unseres Wesens. Darin kann ich scheitern, das tut aber meiner Gottesbeziehung keinen Abbruch.

Stress lass nach

«Ihr sollt aber vollkommen sein, so wie euer Vater im Himmel vollkommen ist» (Matthäus 5,48 NLB). Dieser Satz könnte Stress bewirken, er tut es aber nicht. Er zeigt uns lediglich, dass der Vater im Himmel vollkommen ist und wir durch Metamorphose – mit der Tora und dem Geist im Herzen – in Richtung dieses vollkommenen Charakters verwandelt werden können. Es geht nicht um eine Vollkommenheit, die darin besteht, die tausend Spielregeln zu 100% immer eingehalten zu haben, es geht vielmehr darum, mit ungeteiltem Herzen, mit dem ganzen Sein und Wesen, nach der Musik des Himmels zu tanzen und damit in die Bestimmung des Menschen hineinzufinden. Es geht um Tugend- und Charakterbildung.

Als ich vor unserer Heirat mit meiner Frau einen Tanzkurs belegte, war ich mehr ein Stolperer als ein Tänzer. Die Musik passte, der Tanzlehrer war vollkommen und ich – weit davon entfernt. Das war kein Problem, ich machte kleine Fortschritte und hatte Spass daran. Die Hörer der Bergpredigt waren ebenfalls Stolperer. Petrus, der bald darauf Jesus dreimal verleugnete. Thomas, der zweifelte. Judas. Schwache, Kleingläubige, wie Jesus selbst von ihnen sagt. Ich fühle mich in guter Gesellschaft. Das Himmelreich besteht aus Menschen, die «geistlich arm» sind. Sie bleiben in konstanter Umkehr zu Gott und leben für ihn.

Es passiert uns immer wieder, dass wir stolpern und nicht mehr nach der Musik des Himmels tanzen. Die Bibel nennt dies Sünde. Ein alter Priester gibt ein gutes Beispiel für den Umgang mit dem Stolpern: «Zwischen Gott und mir besteht eine Verbindung wie mit einer Kordel: Bei jedem Mal, wo ich sündige, wird diese Kordel durchgeschnitten. Und bei der Vergebung durch unseren Herrn werden die beiden losen Enden wieder zusammengeknüpft. Die Kordel ist dadurch wieder ein Stück kürzer geworden. Das heisst: Ich bin Gott durch die Vergebung wieder ein Stück nähergekommen.»

 

Stell dir einmal folgendes Familienleben vor mit Regeln wie: Wenn dir ein anderes Kind im Sandkasten die Schaufel wegnimmt, sollst du mit Sanftmut und Barmherzigkeit das Problem mit Ich-Botschaften gewaltfrei ansprechen. Beim Essen soll eine dankbare Haltung gegenüber dem Schöpfer darin ersichtlich sein, dass du alles mit Freude isst und nach dem Essen motiviert den Spüler einräumst. Die Ämtli wie WC putzen, Boden saugen und aufnehmen und das Entsorgen von alten Gegenständen sollen jederzeit freudig und rechtzeitig erledigt werden. Jeden Abend nehmen die Eltern eine Strichliste hervor, mit der jedes Kind bemessen wird. Wenn es erfüllt hat, hört es: «Du bist noch unser Kind und bekommst Zuwendung.» Ist es gestolpert, hat es Pech gehabt. Nein, die Kinder sollen doch aus einer sicheren Vertrauensbeziehung mit Mutter und Vater heraus Tugenden erlernen und einen Charakter nach dem Vorbild der Eltern bilden. Das ist Gnade und so funktioniert auch unsere Beziehung mit Gott.

 

 

 

 

 

 

Mögliche Fragen für die Kleingruppen

Bibeltext lesen: Matthäus 5,17-20

  1. Was ist der Unterschied, ob Tora mit Gesetz oder Weisungen Gottes übersetzt werden?
  2. Wie sieht eine Familie aus, die nach dem Gesetz funktioniert? Welche Parallelen können zur Beziehung mit Gott gezogen werden?
  3. Gesetz und Gnade sind keine Gegensätze, sondern die zwei Seiten einer Medaille. Wie spielen die zwei Begriffe zusammen?
  4. Die Tora des Sinais und die Bergpredigt sind Weisungen Gottes, die Seinen Charakter widerspiegeln. Was für eine Bedeutung haben sie demnach für uns?
  5. Wie können wir uns mehr und mehr in das Bild Gottes verwandeln lassen?