Gegenwärtig | Ich sehe dich
Serie: Einfach. Leise. Gegenwärtig. | Bibeltext: Lukas 19,1-10
Jesus sieht Zachäus – nicht einfach den Zöllner, Sünder oder Aussenseiter, sondern den Menschen. Er lässt sich unterbrechen, bleibt stehen und schenkt ihm seine Aufmerksamkeit. Diese Begegnung verändert Zachäus und setzt etwas in Bewegung. Auch wir sind von Jesus gesehen. Seine Gegenwart verändert unseren Blick: Wir sehen Menschen nicht mehr nur oberflächlich, sondern nehmen sie wahr. Wer sich von Jesus gesehen weiss, lernt, selbst hinzusehen und für andere gegenwärtig zu sein.
Wann hast du dich das letzte Mal von jemandem wirklich gesehen gefühlt? Nicht nur angeschaut. Nicht nur begrüsst. Nicht nur gefragt: «Wie geht’s?» Sondern wirklich gesehen. Jemand hat sich an etwas erinnert, das du vor Wochen erzählt hast. Jemand hat zwischen deinen Worten gehört, was dich wirklich beschäftigt. Jemand hat dich mit Namen angesprochen. Ich glaube, wir alle kennen diesen Unterschied: Man kann unter vielen Menschen sein und sich trotzdem unsichtbar fühlen. Und umgekehrt kann ein einziger Mensch einem das Gefühl geben: Du bist nicht einfach einer von vielen. Ich sehe dich.
Lukas erzählt, wie Jesus nach Jericho kommt. Eine grosse Menschenmenge ist unterwegs. Und Zachäus möchte Jesus sehen. Deshalb steigt er auf einen Baum.
Er will Jesus sehen – und macht eine gewaltige Entdeckung: Jesus sieht ihn längst.
Jesus sieht Zachäus
«Zachäus hatte versucht, einen Blick auf Jesus zu werfen, aber er war zu klein, um über die Menge hinwegschauen zu können. Deshalb lief er voraus und kletterte auf einen Maulbeerfeigenbaum am Wegrand, um Jesus von dort aus vorübergehen zu sehen» (Lukas 19,3-4 NLB).
Zachäus klettert auf den Baum, weil er Jesus sehen will. Er möchte offenbar möglichst unauffällig bleiben und gleichzeitig etwas von diesem Jesus mitbekommen. Aber Jesus bleibt nicht auf Distanz. «Als Jesus kam, blickte er zu Zachäus hinauf und rief ihn beim Namen: ‘Zachäus!’, sagte er, ‘komm schnell herunter! Denn ich muss heute Gast in deinem Haus sein.’» (Lukas 19,5 NLB).
Zachäus will Jesus sehen – und macht eine gewaltige Entdeckung: Jesus sieht ihn. Interessant ist übrigens sein Name: Zachäus bedeutet «der Reine». Ausgerechnet dieser Mann trägt einen Namen, der überhaupt nicht zu dem Bild passt, das die Menschen von ihm haben. Für sie ist er der Zöllner, der Sünder, der Betrüger, der Kollaborateur, der reiche Mann. Ein Mensch, über den man sich längst ein Urteil gebildet hat.
Jesus aber sieht nicht nur das Etikett. Er sieht den Menschen. Und er tut etwas ganz Einfaches: Er spricht ihn mit seinem Namen an. «Zachäus.» Obwohl Zachäus noch nicht «der Reine» ist, spricht es Jesus über ihm aus. Jesus macht aus Zachäus nicht zuerst einen Fall, den es zu lösen gilt. Er macht ihn zu einem Gegenüber. Er spricht mit ihm. Er geht auf ihn zu. Und Er wird sogar Gast in seinem Haus. Menschen sehen oft, was jemand getan hat. Jesus sieht den Menschen – und tritt mit ihm in Beziehung.
Du bist für Jesus nicht einer von vielen. Du bist sein Gegenüber.
Unter uns Menschen spielen unser Äusseres, unser Status, unser Renommee, unser Beruf und unsere Erfolge eine grosse Rolle. Wir begegnen einem Bankdirektor anders als einem Mechaniker. Auch ich habe in der Vergangenheit die Frage nach meinem Beruf manchmal mit «Ingenieur HTL» beantwortet. Als vor 20 Jahren der Prozess der Pastorenstellenbesetzung in dieser Kirche im Gange war, wurde ich zum etwas umstrittenen Kandidaten. Eine Schlüsselperson dieser Kirche, die mit meiner Nomination ebenfalls Probleme hatte, sagte damals sinngemäss: «Er hat wenigstens bereits etwas erreicht und erfolgreich eine Jugendbewegung geleitet.» Mein Renommee war entscheidend – selbst im christlichen Umfeld. Und da frage ich mich: Müssten wir in solchen Situationen nicht viel stärker nach der Berufung fragen?
Was sieht Gott, wenn er mich anschaut? Was sieht Jesus, wenn er dich anschaut? In der ersten Predigt unserer aktuellen Serie «Gegenwärtig» ging es darum, dass Gott uns sieht: «Ich habe gesehen … ich habe gehört … ich habe mitgelitten.» Bei Zachäus wird diese Wahrheit persönlich. Jesus sieht mich. Und das ist mehr als die Feststellung, dass Jesus alles über mich weiss. Jesus sieht mich – und er wendet sich mir zu.
Jesus lässt sich unterbrechen
«Zachäus kletterte, so schnell er konnte, hinunter und geleitete Jesus voller Aufregung und Freude in sein Haus» (Lukas 19,6 NLB).
Jesus ist unterwegs nach Jerusalem. Er hat einen Weg vor sich. Er hat einen Auftrag. Und trotzdem lässt er sich von Zachäus unterbrechen. Und zwar folgt nun nicht einfach ein kurzes Gespräch am Wegesrand. Jesus geht mit ihm nach Hause. Ein aufwändiger Hausbesuch beginnt.
Das führt zu einer entscheidenden Frage: Bin ich eigentlich noch unterbrechbar? Denn gegenwärtig zu leben, bedeutet nicht nur, dass ich selbst im Moment bin. Es bedeutet auch, dass ich für einen anderen Menschen anwesend sein kann.
- Ich schaue vom Handy auf.
- Ich höre zu, statt schon meine Antwort vorzubereiten.
- Ich lasse jemanden seine Geschichte zu Ende erzählen.
- Ich frage nach – und meine die Frage auch.
- Ich merke, wenn es jemandem nicht einfach gut geht.
- Ich bleibe noch fünf Minuten, obwohl ich eigentlich weiter müsste.
Es gibt ein wertvolles Taschenbuch von John M. Drescher mit dem Titel «Wenn ich noch einmal anfangen könnte». Darin erwähnt er zehn Punkte, die er ein zweites Mal anders machen würde. Unter anderen: meine Frau mehr lieben, mehr mit meinen Kindern lachen, besser zuhören, mehr mit meiner Familie unternehmen, öfter ermutigen, den kleinen Dingen mehr Aufmerksamkeit schenken, ... Es fällt auf, dass alle diese Punkte ganz viel mit Achtsamkeit und in der Gegenwart leben zu tun haben.
Ich muss nicht ständig aufmerksam für alle Menschen sein. Aber wenn ich aus der Gegenwart Gottes lebe, kann ich mich auch unterbrechen lassen. Wer immer nur auf sein Ziel schaut, übersieht die Menschen am Weg.
Wer gesehen wird, beginnt selbst zu sehen
«Währenddessen stellte Zachäus sich vor den Herrn hin und sagte: ‘Herr, ich werde die Hälfte meines Reichtums den Armen geben, und wenn ich die Leute bei der Steuer betrogen habe, werde ich es ihnen vierfach erstatten!’» (Lukas 19,8 NLB).
Jesus geht mit Zachäus nach Hause. Und dort geschieht etwas Grossartiges: Zachäus wird durch die Begegnung mit Jesus verändert. Und zwar ganz konkret. Sein Umgang mit Geld verändert sich. Sein Blick auf andere Menschen verändert sich. Aus einem selbstbezogenen Menschen wird ein grosszügiger, aus einem hartherzigen ein barmherziger. Er übernimmt Verantwortung und gibt zurück.
Zachäus wird nicht zuerst durch eine Moralpredigt verändert. Er wird durch die Begegnung mit Jesus verändert. Das ist die Bewegung im Leben mit Jesus: Jesus sieht mich → Jesus bleibt bei mir → Jesus verändert meinen Blick auf andere. Gottes Gegenwart ist niemals nur eine Erfahrung für mich. Sie verändert meinen Blick auf die Menschen neben mir. Wer sich von Jesus gesehen weiss, lernt, selbst hinzusehen und für Menschen gegenwärtig zu sein.
Das ist für mich auch für unsere seetal chile von grosser Bedeutung. Auch zu uns kommen Menschen, bei denen manches im Leben noch im Argen liegt. Und oft sage ich in solchen Situationen: Gott kommt auch mit dieser Person zum Ziel. Das ist meine grösste Hoffnung auf nachhaltige Veränderung. Nicht, dass wir Menschen einfach sagen, was ethisch richtig und biblisch ist. Sondern dass Menschen in der seetal chile eindrückliche Jesus-Momente erleben – und daraus eine Neuschöpfung von innen nach aussen entsteht. Wie können wir in unseren Gottesdiensten solche kraftvollen Jesus-Momente zulassen? Indem wir betend und gegenwärtig da sind? Indem wir von ganzem Herzen beim Lobpreis mitsingen? Indem wir auf Menschen zugehen, die uns der Heilige Geist aufs Herz legt? Indem wir auf jegliche Konsumentenhaltung verzichten und gemeinsam den «Leib Christi» repräsentieren? Ich kenne die Antwort auf diese Frage nicht vollständig. Aber eines weiss ich: Sie hat mit dir und mir zu tun. Mit uns allen. Die seetal chile möchte eine Kirche sein, in der Menschen Jesus-Begegnungen erleben und von ihm transformiert werden.
Und vielleicht ist genau das eine der schönsten Formen von Gegenwärtigkeit: Wir sind nicht einfach füreinander da. Wir sind gemeinsam aufmerksam für das, was Jesus tut.
Nehmen wir eine Frage mit: Wen sehe ich eigentlich nicht mehr? Meinen Ehepartner? Meinen Sohn? Meine Tochter? Den Arbeitskollegen? Den Nachbarn? Den Menschen, über den ich längst mein Urteil gefällt habe? Zachäus war für viele einfach der Zöllner. Einer, über den man sich ein Urteil gebildet hatte. Aber Jesus bleibt stehen. Er schaut hin. Er sagt: «Zachäus.» Du bist gesehen. Du bist gemeint. Du bist mir nicht egal.
Und genau hier beginnt Veränderung. Nicht damit, dass wir uns vornehmen, aufmerksamer oder bessere Menschen zu werden. Sondern damit, dass wir uns selbst von Jesus anschauen lassen. Denn wer sich von Jesus gesehen weiss, lernt, selbst hinzusehen.
Damit schliesst sich der Kreis unserer Reihe: Gott ist da. Heute ist der Tag. Und deshalb kann ich für andere gegenwärtig sein. Darum diese eine Frage für die kommende Woche: Jesus, wen möchtest du, dass ich heute sehe? Nimm diese Frage mit. Und wenn dir ein Mensch in den Sinn kommt: Schau hin. Bleib stehen. Sei da.
Denn manchmal beginnt Gottes Gegenwart genau dort, wo ein Mensch merkt: Ich werde gesehen.
Mögliche Fragen für die Kleingruppe
Bibeltext lesen: Lukas 19,1-10
- Wann hast du dich in letzter Zeit von einem Menschen gesehen und wahrgenommen gefühlt? Was hat diese Begegnung bei dir ausgelöst?
- Was bedeutet es für dich persönlich, dass Jesus dich nicht nur kennt, sondern dich sieht und sich dir zuwendet?
- Welche Menschen übersehen wir in unserem Alltag leicht – und warum? Gibt es jemanden, bei dem Jesus deinen Blick verändern möchte?
- Wie gut kannst du dich unterbrechen lassen? Was hilft dir, einem Menschen wirklich zuzuhören und gegenwärtig zu sein?
- «Jesus sieht mich → Jesus bleibt bei mir → Jesus verändert meinen Blick auf andere.» Wo erkennst du diese Bewegung in deinem eigenen Leben – und was könnte dein nächster Schritt sein?

