Palmsonntag – Vom Jubel zur Nachfolge
Serie: Einfach. Leise. Gegenwärtig. | Bibeltext: Matthäus 21,1-11
Jesus zieht als verheissener König in Jerusalem ein – nicht mit Macht und Pomp, sondern demütig auf einem Esel, ganz anders als erwartet. Die Menschen jubeln ihm zu, erkennen aber nicht, dass sein Weg nicht zum Thron, sondern ans Kreuz führt. In diesem Spannungsfeld zeigt sich, wie sehr menschliche Vorstellungen von Gottes Plan abweichen können. Und doch beginnt genau hier die Erfüllung von Gottes Verheissung und die Rettung der Welt.
«[…] Gelobt sei Gott für den Sohn Davids! Gepriesen sei, der im Namen des Herrn kommt! Lobt Gott im höchsten Himmel!» (Matthäus 21,9 NLB). Heute geht es darum, weshalb Jesus unseren Erwartungen nicht entspricht.
Der Herr braucht's
Die soeben gehörte Palmsonntagsgeschichte ist der einzige Teil von Jesu Leben, der prachtvoll aussieht. Er kommt nach Jerusalem, um zu siegen und zu sterben! In diesem ersten Predigtpunkt wollen wir uns mit dem ersten Teil aus Matthäus 21,1–3 auseinandersetzen. Jesus gibt den Auftrag, die Eselin und das Fohlen zu holen.
Jesus Christus knüpft in dieser Begebenheit an verschiedene alttestamentliche Prophezeiungen an. Der Esel ist ein Zeichen des friedlichen Wohlstands. Im Segen, den Jakob seinen Söhnen gibt, ist eine messianische Verheissung enthalten. Diese hat mit einem Esel und einem Fohlen zu tun: «Er wird sein Fohlen an einen Weinstock binden, das Fohlen seines Esels an die Edelrebe. Er wird sein Kleid in Wein waschen, sein Gewand im Blut der Trauben» (1. Mose 49,11 NLB). Hier wird bildlich vor Augen geführt, dass es Wein im Überfluss gibt! Ansonsten würde nicht so mit den Trauben und dem Wein umgegangen werden. Wenn Jesus also eine Eselin und ein Fohlen für sich bestellt, dann schwingen solche Bilder für die damaligen Menschen immer mit.
Dies ist ein spezieller Auftrag. Was sollen seine Jünger tun, wenn jemand etwas dagegen einwendet? «[…] Der Herr braucht sie […]» (Matthäus 21,3 NLB). Das ist alles. Man liest aber leicht einfach so darüber hinweg. Es steckt so viel in diesem Teilvers! Zuerst sagt uns dies, dass Gott irdische Dinge braucht, um seinen Plan zu vollenden. Jesus, der Herr der Schöpfung, braucht Tiere. Die Esel werden als Vertretung der Schöpfung in den Gang zum Kreuz einbezogen – so wie an Karfreitag die Sonnenfinsternis und ein Erdbeben die Trauer der Schöpfung bekunden. «Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern das ewige Leben hat» (Johannes 3,16 NLB). Jesus kam, weil Gott den Kosmos (die Welt) so sehr liebte. Der Gang zum Kreuz gilt der ganzen Schöpfung.
Ausserdem sagt uns dies, dass Gott etwas braucht – und dies dient ihm dann zur Ehre! Was bin ich bereit, Gott zu geben, wenn er sagt: «Der Herr braucht’s»? Ich habe von jemandem gehört, der mit einem Teil seiner Finanzen so umgeht: Einen Teil von dem, was er Gott gibt, hat er nicht fest verplant, sondern hält ihn bereit, bis er den Eindruck hat, dass Gott sagt: «Der Herr braucht’s» – und dann gibt er es.
Jesus auf dem Fohlen
Im zweiten Teil der Palmsonntagsgeschichte führen die beiden Jünger ihren Auftrag aus und bringen die beiden Esel zu Jesus (Matthäus 21,4–7). Mehrere Leute warfen dann ihre Mäntel auf die Fohlen. Hier knüpft Jesus an eine Verheissung des Propheten Sacharja an. «Juble laut, du Volk von Zion! Freut euch, ihr Bewohner von Jerusalem! Seht, euer König kommt zu euch. Er ist gerecht und siegreich, und doch ist er demütig und reitet auf einem Esel – ja, auf dem Fohlen eines Esels, dem Jungen einer Eselin» (Sacharja 9,9 NLB). Nach allgemeiner jüdischer Auffassung wird dies auf den Messias bezogen. Der Messias ist der erwartete Retter Israels, welcher von Gott gesandt wird. Wenn ich sage «Freude herrscht», ist für viele klar, wo ich anknüpfe – so auch hier! Jesus kommt als Messias! Dieser Anspruch liegt in der Art und Weise, wie er gemäss Sacharja 9 in Jerusalem einreiten wird. Er kommt als Messias, aber anders als erwartet. Er nähert sich mit friedlicher Absicht. Jesus musste sich sogar einen Esel ausleihen, um in Jerusalem einzureiten. Über diesen Messias ist verheissen, dass er gerecht, siegreich und demütig ist. Demütig könnte auch mit «elend» oder «arm» übersetzt werden. «Ihr kennt ja die grosse Liebe und Gnade von Jesus Christus, unserem Herrn. Obwohl er reich war, wurde er um euretwillen arm, um euch durch seine Armut reich zu machen» (2. Korinther 8,9 NLB).
Der Einzug von Jesus erfolgt ohne weltlichen Pomp, aber voller geistlicher Macht! Wenn die Menschen nicht jubeln würden, dann würden es die Steine tun (Lukas 19,40)! Jesus nahm kein Symbol der Macht (Pferd) und bezeugt doch, dass er König ist! Beiläufig wird in Vers 6 gesagt, dass alles so verlief, wie Jesus es gesagt hatte. Dies ist eine von vielen Bestätigungen Jesu durch den Vater. Jesus war ein wahrer Prophet (5. Mose 18,21–22). Die Menschen tun nun mehr, als erwartet wird. Sie legen ihre Mäntel auf das Fohlen. Sie hatten oft nur einen Mantel – und den gaben sie. Sie gaben also alles. Jesus bejaht diese Ehrung. Früher wehrte er sich, als das Volk ihn zum König machen wollte (Johannes 6,15). Gerhard Maier schreibt in seinem Matthäuskommentar: «Er bejahte durch dieses Verhalten, dass er der Messias ist. Einen unmessianischen Jesus hat es nie gegeben» (Gerhard Maier). Jesus wusste, was er tat! Das Geschehen um Ostern ist kein Zufall!
Der Sohn Davids zieht in Jerusalem ein
Im letzten Abschnitt des heutigen Predigttextes geht es darum, dass Jesus unter Jubel in Jerusalem einzieht (Matthäus 21,8–11). Eine kritische Minderheit bezweifelte seine Messianität. «Einige der Pharisäer in der Menge forderten ihn auf: Meister, rufe deine Jünger zur Vernunft!» (Lukas 19,39 NLB). Doch Jesus macht nach wie vor seinen Anspruch deutlich und liefert sich so den Menschen aus. Später wird er mit dem Vorwurf der Gotteslästerung zum Tod verurteilt (Matthäus 26,64–65).
Jesus zieht festlich in Jerusalem ein. Die Menschen waren von ihm ergriffen und riefen: «Hosianna» – gelobt sei Gott! Dies stammt aus Psalm 118,25 und bezeichnet einen Hilferuf, der zunehmend auch als Lobpreis verwendet wurde. Es bedeutet so viel wie: Gott soll die Rettung und Errettung Israels vollenden. «Gepriesen sei der, der im Namen des Herrn kommt!» Diese Wendung findet sich in allen vier Evangelien und geht auf Psalm 118,26 zurück. Dieser Vers wird bei Rabbinern (jüdischen Gelehrten) eindeutig auf die messianische Erlösung gedeutet.
Dieser Jubel führt zur Frage, wer dieser Jesus ist. Der predigende und heilende Jesus wird abgelöst durch den königlich und offen messianisch einreitenden Jesus. Hier tut sich nun eine doppelte Spannung auf. Die erste Spannung betrifft die jubelnde Volksmenge – denn ihr gegenüber steht eine kritische, zu allem bereite Gruppe von Menschen. Die zweite Spannung betrifft die jubelnde Menge selbst. Denn sie erwartet einen ganz anderen Messias. Sie erwartet einen Messias, der den Königsthron und nicht das Kreuz besteigt.
Was sagt uns nun dieser grossartige, aber auch überraschende Einzug in Jerusalem? Er zeigt vor allem das Missverhältnis zwischen unseren Erwartungen und Gottes Antwort! Die Menschen werden enttäuscht werden. Auch Jesusnachfolger werden enttäuscht werden – mit ihren falschen Vorstellungen. Aber – und dies ist ein GROSSES ABER – die Enttäuschung betrifft nur die Oberfläche. Jesu Einzug in Jerusalem ist der Anbruch der Erlösung. In einem Lied, das ich momentan oft höre, heisst es über Ostern: «Watch Him work all things together like He said He would». Sinngemäss übersetzt: «Seht, wie er alles zusammenfügt, so wie er es versprochen hat!» Palmsonntag ist der Auftakt dazu, wie Gott alles zusammenfügt, wie er es versprochen hat!
Wenn wir unsere Wünsche und Vorstellungen nicht von Gott herleiten lassen, dann werden wir zwangsläufig von Gott enttäuscht werden. Wo waren all die Menschen an Karfreitag, die an Palmsonntag noch gejubelt haben? Ich weiss es nicht, ich kann nur vermuten, dass gewisse enttäuscht waren, dass er nicht gemäss ihren Vorstellungen sein Königreich aufrichtete. Daher gilt es, bei ihm anzufangen. Wenn wir von ihm irdischen Reichtum erwarten, werden wir enttäuscht werden – werden in ihm aber einen wahren Schatz finden. Wenn wir durch ihn erwarten, dass uns alles gelingt, werden wir enttäuscht werden – werden aber in ihm vollständige Annahme erleben. Wenn wir denken, durch ihn hätten wir keine Schwierigkeiten mehr, werden wir enttäuscht werden – mit ihm aber schlussendlich alles überwinden. Wenn wir denken, durch ihn würden wir frei von aller Krankheit, werden wir enttäuscht werden – mit ihm aber den Tod überwinden!
Zum Schluss möchte ich nochmals auf den «Mantel» von heute zu sprechen kommen. Das ist unsere Zeit und unsere Aufmerksamkeit. Unser Jahresthema «Einfach. Leise. Gegenwärtig.» zieht einerseits an, auf der anderen Seite stösst es ab. Anstatt einfach wollen wir mehr. Die Stille konfrontiert uns mit unserer inneren Leere. In der Gegenwart möchten wir am liebsten an anderen Orten sein. Dabei ist unsere Aufmerksamkeit unser wichtigstes Gut. Dem, was du Zeit und Aufmerksamkeit schenkst, ist dein Gott!
Herzliche Einladung, nächste Woche verschwenderisch Gott gegenüber mit deiner Zeit und Aufmerksamkeit zu sein – während der «PRAY2026-Woche». Herzliche Einladung, Gott zu begegnen und ihn anzubeten – in Stille oder in Gemeinschaft. Zur Ruhe zu kommen und deine Vorstellungen von ihm herleiten zu lassen.
Mögliche Fragen für die Kleingruppe
Bibeltext lesen: Matthäus 21,1-11
- Wo erlebst du in deinem Leben eine Spannung zwischen deinen Erwartungen an Jesus und dem, wie er tatsächlich handelt?
- Was bedeutet es für dich konkret, dass Jesus als König demütig auf einem Esel kommt – und nicht mit Macht und Pomp?
- «Der Herr braucht’s» – was könnte Gott heute ganz konkret von dir «brauchen» (Zeit, Aufmerksamkeit, Ressourcen, Fähigkeiten)?
- Die Menschen jubelten Jesus zu, verstanden aber seinen Weg nicht. Wo besteht die Gefahr, dass wir Jesus feiern, ihn aber gleichzeitig missverstehen?
- Welche falschen Erwartungen an Gott könnten dich (bewusst oder unbewusst) daran hindern, ihn wirklich zu erkennen?
- Der «Mantel» steht heute für Zeit und Aufmerksamkeit: Woran erkennt man in deinem Alltag, was wirklich dein «Gott» ist?
- Wie kannst du in der kommenden Woche ganz praktisch «verschwenderisch» mit deiner Zeit für Gott umgehen (z. B. im Rahmen der PRAY2026-Woche)?

