Gott hören, sehen und erfahren
Serie: Einfach. Leise. Gegenwärtig. | Bibeltext: Psalm 46,11
Die Predigt lädt ein, inmitten von Lärm, Leistung und innerer Unruhe still zu werden, um Gottes leises Reden neu zu hören. Anhand der biblischen Wüste zeigt sie, dass Einsamkeit und Stille Orte der Läuterung, der Identitätsfindung und der Gottesbegegnung sind. Wer Raum für Stille schafft, erkennt Gott tiefer, wird innerlich verwandelt und gewinnt Mitgefühl und geistliche Klarheit für einen fruchtbaren Dienst.
Zwei Menschen gehen gemeinsam durch eine belebte Strasse. Motorenlärm liegt in der Luft, Stimmen überlagern sich, Schritte hallen auf dem Pflaster. Plötzlich bleibt einer von beiden stehen und sagt leise: «Hörst du das?» Der andere bleibt ebenfalls stehen, lauscht – und schüttelt den Kopf. «Ich höre Autos, Busse, Stimmen. Mehr nicht.» «Ich höre ganz in der Nähe eine Grille zirpen», sagt der erste.
Ungläubig geht der Freund ein paar Schritte weiter. Doch tatsächlich – zwischen den Blättern an einer Hauswand sitzt eine kleine Grille. Ihr Zirpen war die ganze Zeit da. Nicht laut. Aber hörbar – für den, der darauf achtet. Der Freund staunt: «Du musst besser hören als ich.» Die Antwort ist schlicht: «Nein. Ich habe nur gelernt, still zu werden und auf das Leise zu achten.»
Dann lässt der Mann eine Münze auf den Boden fallen. Ein kurzes Klirren – und sofort drehen sich Menschen in der Umgebung um. Das Geräusch war kaum lauter als das Zirpen der Grille. Und doch wurde es gehört. Warum? Nicht, weil es lauter war. Sondern weil wir darauf eingestellt sind.
Diese kleine Begebenheit führt uns zu einer entscheidenden Frage: Was hören wir – und was überhören wir? Denn auch Gott spricht. Nicht immer im Sturm. Nicht immer im Erdbeben. Nicht immer im Feuer. Darum sagt Gott selbst: «Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin!» (Psalm 46,11 LUT).
Das Jahresthema 2026 der seetal chile heisst: Einfach. Leise. Gegenwärtig. Wo wir still werden, wird Gott hörbar. Wo wir vereinfachen, wird Gott sichtbar. Wo wir gegenwärtig leben, wird Gott erfahrbar.
«Unsere» Geräusche
Psalm 46 ist kein stiller Psalm. Er spricht von Erdbeben, tosenden Wassern, wankenden Reichen und Kriegen. Mitten hinein in dieses Chaos spricht Gott: «Seid stille.» Das hebräische Wort meint mehr als Schweigen. Es bedeutet: loslassen, aufhören, zur Ruhe kommen. Nicht, weil alles gelöst ist, sondern damit Gott erkannt werden kann. Die Stille ist nicht das Ziel. Die Erkenntnis Gottes ist das Ziel.
Wir leben in einer unruhigen Zeit. Unsere Tage sind voll, unsere Wochen verplant, unsere Jahre mit Projekten gefüllt. Kaum halten wir inne, um zu prüfen, ob das, was wir tun, wirklich wesentlich ist. Getrieben von «Muss» und «Sollte» leben wir Vorgaben nach, als wären sie das Evangelium selbst. Sobald ein Moment der Stille entsteht, greifen wir zum Handy und lassen unsere Aufmerksamkeit wieder besetzen.
Der Grund dafür ist tief: Unsere Identität steht auf dem Spiel. Wir machen uns abhängig von der Wahrnehmung anderer. Ein falsches Selbst entsteht – genährt von Anerkennung und Angst. Wer ich bin, scheint davon abzuhängen, wie ich gesehen werde. Und so treiben uns Angst und Unsicherheit dazu, immer mehr anzuhäufen: mehr Leistung, mehr Erfolg, mehr Bestätigung.
Bevor Jesus seinen öffentlichen Dienst begann, wurde er vom Heiligen Geist in die Wüste geführt. Dort wurde er mit den drei grossen Verlockungen des falschen Selbst konfrontiert: relevant zu sein («Verwandle Steine in Brote»), spektakulär zu sein («Stürze dich hinab») und mächtig zu sein («Ich werde dir alle diese Reiche geben»). In der Einsamkeit bekräftigte Jesus Gott als die einzige Quelle seiner Identität: «Du sollst den Herrn, deinen Gott, anbeten und nur ihm allein dienen» (Matthäus 4,10 NLB).
Die Einsamkeit ist der Ort des grossen Kampfes gegen die Verlockungen des falschen Selbst – und der grossen Begegnung mit dem liebenden Gott, der sich selbst als Grundlage des neuen Selbst anbietet.
Still werden
Als Gott aus Mose einen Leiter machen wollte, gab er ihm keine Bühne – er gab ihm die Wüste. Auch Elia, Johannes der Täufer und Jesus wurden in der Wüste auf ihren Dienst vorbereitet. Die Wüste ist in der Bibel ein bedeutungsvoller Ort.
Auf unserer Israelreise im letzten November wanderten wir durch die Wüste Judäas. Wir wurden herausgefordert, allein zu gehen, still zu sein und unsere Gedanken auf Gott zu fokussieren. Es war eine ausserordentlich tiefe geistliche Erfahrung.
Die Wüste ist ein Raum ohne Ablenkung, ohne Sicherheiten, ohne Überfluss. In ihr wird Gottes Wort hörbar, weil alles andere schweigt. Das hebräische Wort für Wüste – midbar – steht in enger Verbindung mit dabar, dem Wort. Mose begegnet Gott im brennenden Dornbusch in der Wüste (2Mose 3,1–6). Gott spricht ihn mit Namen an und beruft ihn für die Aufgabe, das Volk Israel aus Ägypten ins Land Kanaan zu führen. Die Bibel kennt keinen Glauben ohne Zeiten der Stille.
Die Wüste ist auch ein Ort der Läuterung. Für Israel war sie der Übungsraum zwischen Ägypten und dem verheissenen Land, zwischen Knechtschaft und Freiheit. Dort wird offenbar, was im Herzen ist: «Und du sollst an den ganzen Weg gedenken, durch den der HERR, dein Gott, dich geführt hat diese 40 Jahre lang in der Wüste, um dich zu demütigen, um dich zu prüfen, damit offenbar würde, was in deinem Herzen ist [...]» (5Mose 8,2 SLT). Die Wüste deckt unseren Eigenwillen, unseren Stolz, unsere falsches Selbst auf. Sie ist ein Spiegel des Herzens.
Als ich 2023 drei Monate in Kanada verbrachte, war dies für mich eine Wüstenzeit. Ich war allein – über Stunden, Tage, Wochen. In dieser Einsamkeit fiel alles weg: Familie, Freunde, Gespräche, Aufgaben, Bühne. Übrig blieb ich selbst – nackt, verletzlich, schwach, sündig, leer. Diese Leere war so schmerzhaft, dass alles in mir fliehen wollte: zurück zur Arbeit, zur Ablenkung, zur Bestätigung. Die Wüste ist der Ort des grossen Kampfes gegen das falsche Selbst. Es ging so weit, dass ich mich fragte, wie lange ich das aushalten könne. Doch in dem Moment, als mir klar wurde, was in diesem Kampf auf dem Spiel steht, gab es kein Zurück mehr.
Die Wüste ist auch der Ort der grossen Begegnung mit Gott. Dort, wo wir nichts mehr vorzuweisen haben, bietet Gott sich selbst als Grundlage eines neuen Selbst an. Seine persönliche Ansprache wird zur Quelle unserer Identität.
Mose wollte schon einmal aus eigener Kraft Richter und Retter sein. «Unterwegs sah er, wie ein Ägypter einen Israeliten misshandelte. Mose kam ihm zu Hilfe, rächte ihn und erschlug den Ägypter [...] Doch der Mann [...] stiess Mose beiseite: ›Wer hat dich zum Herrscher und Richter über uns gemacht?‹, fragte er» (Apostelgeschichte 7,24.27 NLB). Mose handelte im Affekt, in eigenem Namen und aus eigener Kraft. Nach 40 Jahren Läuterung in der Wüste war Mose ein anderer: «Mose war sehr demütig, es gab niemanden auf der Erde, der demütiger war als er» (4Mose 12,3 NLB). Diese Demut zeigte sich in seiner Barmherzigkeit – und darin, dass er ohne Gottes Gegenwart keinen Schritt mehr gehen wollte (2Mose 33,3.15–16).
Als Gott Josef für den Palast vorbereiten wollte, gab er ihm keinen schnellen Weg – er führt ihn durch die Grube und das Gefängnis. Beides waren wichtige Wüsten der Transformation. In seinen jungen Jahren hatte Josef ein stolzes und überhebliches Herz. Seine Brüder wurden so zornig, dass sie ihn an vorbeigehende Händler verkauften. Nach über 20 Jahren bekommt Josef seine Brüder wieder zu Gesicht und hätte seine Position zur Rache nutzen können. Doch er spricht: «Habt also keine Angst. Ich selbst will für euch und eure Familien sorgen. So beruhigte er sie und sprach freundlich mit ihnen» (1Mose 50,21 NLB). Aus einem stolzen Menschen ist ein barmherziger Mensch geworden.
Mitgefühl ist die Frucht der Einsamkeit und die Grundlage allen Dienstes. Die Wüste bereitet nicht auf Rückzug vor, sondern auf einen geheiligten Dienst. Die Wüstenväter sagten, dass die Einsamkeit der Schmelzofen der Umgestaltung sei.
Gott erkennen
«Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin!» (Psalm 46,11 LUT). Die Wüste ist nicht das Ziel, sondern ein Läuterungs- und Vorbereitungsweg. Das Ziel ist die Erkenntnis Gottes. Diese Erkenntnis ist Beziehung, nicht bloss Wissen. Erkennen heisst, das Gegenüber in seiner Ganzheit wahrzunehmen. Die Bibel verheisst eine Zeit, in der diese Erkenntnis alles durchdringt: «[...] denn wie das Wasser das Meer füllt, so wird die Erde mit der Erkenntnis des HERRN erfüllt sein» (Jesaja 11,9 NLB)
Schon jetzt lädt Gott uns in diese Tiefe einer Herzensbeziehung ein: «Doch jetzt will ich ihr freundlich zureden. Ich will sie in die Wüste führen und dort zu ihrem Herzen sprechen» (Hosea 2,16 NLB). «Ich denke noch an die Zuneigung deiner Jugendzeit, an deine bräutliche Liebe, als du mir nachgezogen bist in der Wüste, in einem Land ohne Aussaat» (Jeremia 2,2 SLT).
Wir wollen Raum schaffen – in unseren Herzen, in unserem Alltag, in unserer Kirche –, damit Gottes Stimme hörbar, seine Liebe spürbar und seine Führung erkennbar wird. Wir sind herausgefordert, mitten im Chaos unsere eigene Wüste zu gestalten, in die wir uns täglich zurückziehen, unsere Zwänge abschütteln und in der sanften, heilenden Gegenwart unseres Herrn verweilen können.
Das beginnt ganz konkret: Zeit und Ort reservieren, um allein mit Gott zu sein. Die Form wird für jeden anders aussehen. Doch eine geistliche Disziplin bleibt niemals vage. Mutter Teresa sagte einmal: «Verbringe eine Stunde am Tag in Anbetung deines Herrn und tue niemals etwas, von dem du weisst, dass es falsch ist, dann wird alles gut.»
Einfach. Leise. Gegenwärtig. Wo wir still werden, wird Gott hörbar. Wo wir vereinfachen, wird Gott sichtbar. Wo wir gegenwärtig leben, wird Gott erfahrbar. Und wir werden im Lärm des Alltags die Grillen zirpen hören.
Mögliche Fragen für die Kleingruppen
Bibeltext: Psalm 46
- Welche «Geräusche» bestimmen derzeit meinen Alltag am stärksten – und was könnten sie daran hindern, Gottes leises Reden wahrzunehmen?
- Wo erlebe oder vermeide ich bewusst Stille? Was löst Stille in mir aus: Frieden, Unruhe, Angst – und warum könnte das so sein?
- Die Predigt spricht vom «falschen Selbst». Woran merke ich persönlich, dass ich meine Identität aus Leistung, Anerkennung oder Kontrolle beziehe?
- Welche Erfahrungen mit «Wüstenzeiten» kenne ich in meinem Leben? Gab es Momente, in denen Einsamkeit oder Entbehrung mich innerlich verändert oder Gott mir neu begegnet ist?
- Wie könnte eine «eigene Wüste» in meinem Alltag aussehen? Welche Zeit, welcher Ort oder welche Form der Stille wäre für mich realistisch – und was hindert mich bisher daran?


