Vai! | Il cammino del perdono
Serie: Semplice. Tranquillo. Presente. | Testo biblico: Kolosser 3,13; Matthäus 5,23–24; 18,15
Vergebung beginnt mit dem Mut zur Wahrheit: Verletzungen dürfen benannt und aufgearbeitet werden. Jesus fordert uns heraus, aufeinander zuzugehen – sowohl wenn andere etwas gegen uns haben als auch wenn wir selbst verletzt wurden. Vergebung ist kein Vergessen, keine Verharmlosung und nicht automatisch Versöhnung. Sie ist ein Prozess und manchmal eine bewusste Entscheidung. Weil Christus uns vergeben hat, dürfen wir loslassen, Gott das Urteil überlassen und neue Freiheit erfahren.
Dieses Frühjahr führten wir in der seetal chile den Kurs «Lieben – Scheitern – Leben» durch. Am Abschlussabend erzählten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer von ihren Erfahrungen. Mehrere von ihnen sagten: «Ich habe zum ersten Mal verstanden, wie Vergebung eigentlich funktioniert.» Dieser Satz hat mich beschäftigt. Denn Vergebung ist doch eine Kernkompetenz jedes Menschen, der Jesus nachfolgt. Wir haben einen Herrn, der uns vergibt – und er fordert uns auf, diese Vergebung weiterzugeben. Darum habe ich damals für mich einen Entschluss gefasst: Wir sollten uns als Kirche jedes Jahr mindestens einmal bewusst mit dem Thema Vergebung beschäftigen.
Es gibt Worte Jesu, die uns herausfordern. Zum Beispiel dieses kleine Wort: «Geh hin!» Jesus sagt es gleich an zwei verschiedenen Stellen. Und das Interessante ist: Beide Male geht es um Konflikte. Aber die Ausgangslage ist jeweils genau umgekehrt. Das eine Mal sagt Jesus: Wenn der andere etwas gegen dich hat – geh hin. Das andere Mal sagt er: Wenn du etwas gegen den anderen hast – geh hin. Wir Menschen kennen dagegen sehr gut die Haltung: «Er soll den ersten Schritt machen.» Jesus sagt zweimal: «Geh hin.»
Geh hin – wenn der andere etwas gegen dich hat
Gesù dice: «Darum, wenn du deine Gabe auf dem Altar opferst und dort kommt dir in den Sinn, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass dort vor dem Altar deine Gabe und geh zuerst hin und versöhne dich mit deinem Bruder, und dann komm und opfere deine Gabe» (Matthäus 5,23–24 LUT).
Stell dir vor: Du bist im Gottesdienst. Du möchtest Gott begegnen. Und plötzlich fällt dir ein: Da ist etwas zwischen mir und einem anderen Menschen. Und Jesus sagt: «Geh hin.» Übernimm Verantwortung für deinen Anteil. Aber damit beginnt bereits eine wichtige Frage: «Was bedeutet eigentlich Vergebung?»
Denn manchmal denken wir, Vergebung bedeute: «Schwamm darüber. Ist schon gut.» Aber manchmal ist eben gar nichts gut. Eine Verletzung ist eine Verletzung. Unrecht ist Unrecht. Und Wahrheit tut weh. Eine Frau namens Nora erlebte jahrelang Gewalt – als Kind und später auch als Erwachsene. Sie schreibt: «Ich wäre fast daran zerbrochen … ‘wie wir vergeben unseren Schuldigern’ … Diese Bitte aus dem Vaterunser sollte ich als Christin beten, aber ich konnte es nicht!» Sie war so verzweifelt, dass sie daran dachte, ihren Glauben aufzugeben. Dann bekam sie von einer Freundin eine Karte: «Gott kann zerbrochene Herzen heilen, aber dafür benötigt er alle Teile.»
Dieser Satz liess sie nicht mehr los. Sie begann, Gott alle Teile ihres Lebens hinzuhalten. Nicht nur die schönen. Auch die dunklen. Es folgten Jahre therapeutischer und seelsorgerlicher Begleitung. Und irgendwann konnte sie vergeben – zunächst nur vom Kopf her. Sie betete jeden Tag neu darum, dass Gott auch die schlimmen Bilder ihrer Vergangenheit verblassen lassen möge. Es war ein Prozess. Und irgendwann konnte sie sogar die Menschen, die sie verletzt hatten, segnen. Was für eine Geschichte!
Und sie zeigt etwas Wichtiges: Vergebung beginnt nicht damit, dass wir die Wahrheit verdrängen. Sie beginnt damit, dass wir Gott die ganze Wahrheit hinhalten. Vielleicht kannst du heute noch nicht sagen: «Ich habe vergeben.» Vielleicht kannst du nur beten: «Jesus, ich will vergeben. Aber ich kann es noch nicht.» Auch das ist ein Anfang. Denn Vergebung ist häufig kein einmaliges Ereignis. Vergebung ist ein Weg.
Geh hin – wenn du etwas gegen den anderen hast
Jetzt dreht Jesus die Perspektive um. «Sündigt aber dein Bruder, so geh hin und weise ihn zurecht zwischen dir und ihm allein. Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder gewonnen» (Matthäus 18,15 LUT).
Jetzt bin ich verletzt worden. Jetzt habe ich etwas gegen den anderen. Und Jesus sagt wieder: «Geh hin.» Vergebung bedeutet deshalb nicht, dass ich meine Verletzung verschweige. Manchmal ist der erste Schritt zur Vergebung sogar, dass ich endlich ausspreche: «Das hat mich verletzt.» Aber dann stellt sich die Frage: Was mache ich mit meiner Wut? Was mache ich mit meinem Wunsch nach Gerechtigkeit?
Eine israelische Soldatin namens Deborah Ben-har erlebte den Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und später auch die Konfrontation mit gefangenen Terroristen. Sie erzählt, dass sie Gott einmal fragte: «Warum ist es falsch, dass ich will, dass er leidet?» Sie wollte Gerechtigkeit. Sie wollte nicht lieben. Sie wollte nicht für diesen Menschen beten. Und dann kam ihr Jesu Wort in den Sinn: «Liebt eure Feinde! Betet für die, die euch verfolgen!» (Matthäus 5,44 NLB).
Sie rang damit. Und schliesslich dachte sie an Jesus am Kreuz: «Padre, perdona queste persone, perché non sanno quello che fanno» (Luca 23:34 NLB).
Und sie formulierte für sich einen entscheidenden Gedanken: «Vergebung ist kein Gefühl. Es ist eine Entscheidung – und ein Gehorsamsschritt.» Das finde ich stark. Denn wir warten oft auf ein Gefühl. Wenn ich irgendwann nichts mehr empfinde, dann habe ich vergeben. Aber vielleicht funktioniert es genau andersherum. Ich entscheide mich, den anderen aus meiner Hand in Gottes Hand zu legen. Ich entscheide mich, nicht selbst Richter zu sein. Ich entscheide mich, Gott das Urteil zu überlassen. Und manchmal kommen die Gefühle später. Vielleicht erst nach Wochen. Vielleicht nach Jahren. Vielleicht immer wieder neu.
Dabei müssen wir etwas ganz Wichtiges unterscheiden: Vergebung ist nicht dasselbe wie Versöhnung. Versöhnung braucht zwei Menschen. Vergebung kann bei einem Menschen beginnen. Wenn jemand dich missbraucht, verletzt oder immer wieder zerstört, bedeutet Vergebung nicht, dass du wieder Vertrauen schenken musst. Es bedeutet nicht, dass du keine Grenzen setzen darfst. Es bedeutet nicht, dass du dich erneut in Gefahr bringen musst. Und niemand darf einem Opfer sagen: «Wenn du wirklich Christ bist, musst du jetzt vergeben.» Nein. Vergebung ist kein neues Gesetz, das über eine alte Wunde gelegt wird. Sie ist ein Geschenk Gottes, in das wir hineinwachsen dürfen.
Vergib – wie dir Christus vergeben hat
Und jetzt kommen wir zum Zentrum. Paulus schreibt: «Wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr» (Kolosser 3,13 LUT). Das ist der entscheidende Satz. Wir vergeben nicht, damit Christus uns vergibt. Wir vergeben, weil Christus uns vergeben hat. Unsere Vergebung beginnt nicht bei uns. Sie beginnt bei Jesus. Schau auf das Kreuz. Dort sehen wir einen Gott, der Schuld nicht verharmlost. Das Kreuz sagt nicht: «Es ist alles halb so schlimm.» Das Kreuz sagt: «Sünde ist ernst.» Aber das Kreuz sagt gleichzeitig: «Deine Schuld muss dich nicht für immer gefangen halten.» Und genau das kann auch für die Schuld anderer gelten.
Der Vater des 16-jährigen Julius L. musste im Oktober 2025 erleben, wie sein Sohn bei einem Messerangriff getötet wurde. Was bedeutet Vergebung angesichts eines solchen Verlustes? Es wäre vermessen, einem Vater zu sagen: «Du musst jetzt vergeben.» Aber dieser Mann formulierte einen Satz, der mich berührt: «Wenn wir weiterleben wollen, als Eltern, als Familie, müssen – wollen wir vergeben. Und, Gott sei Dank, wir können auch vergeben.»
Das ist die andere Seite. Vergebung bedeutet nicht, dass ich sage: «Es war nicht so schlimm.» Sondern: «Es war schlimm. Unendlich schlimm. Aber ich will nicht, dass das Böse auch meine Zukunft zerstört.» Denn Unvergebenheit kann uns an das Geschehene binden. Der andere ist vielleicht längst weitergegangen. Aber ich trage ihn mit mir. Seine Worte. Seine Tat. Meine Wut. Meine Verletzung. Vergebung kann diese Bindung lösen. Nicht, indem sie die Vergangenheit verändert. Sondern indem sie verhindert, dass die Vergangenheit meine Zukunft bestimmt. Vielleicht bedeutet Vergebung deshalb manchmal: «Gott, ich kann nicht vergessen. Aber ich will nicht mehr von dieser Geschichte beherrscht werden. Ich kann das Geschehene nicht ändern. Aber ich will meine Zukunft nicht länger von meiner Vergangenheit bestimmen lassen. Ich kann den anderen nicht verändern. Aber ich gebe ihn in deine Hände.»
Drei Bewegungen der Vergebung. Geh hin, wenn der andere etwas gegen dich hat. Übernimm Verantwortung für deinen Anteil. Geh hin, wenn du etwas gegen den anderen hast. Verdränge deine Verletzung nicht. Sprich die Wahrheit aus. Beginne den Weg der Vergebung. Und schliesslich: Vergib, wie dir Christus vergeben hat.
Nicht aus eigener Kraft. Nicht, weil das Unrecht nicht schlimm wäre. Nicht, weil der andere es verdient hätte. Sondern weil du selbst von einer viel grösseren Gnade lebst.
Vielleicht sitzt heute jemand hier und denkt: «Ich kann nicht vergeben.» Dann musst du heute vielleicht noch gar nicht am Ziel ankommen. Vielleicht ist dein Gebet heute nur: «Jesus, ich kann es nicht. Aber ich möchte, dass du mich auf diesen Weg führst.» Das reicht für heute. Vielleicht gibt es jemanden, bei dem du weisst: «Ich habe ihn verletzt.» Dann sagt Jesus: «Geh hin.» Vielleicht gibt es jemanden, bei dem du weisst: «Er hat mich verletzt.» Dann sagt Jesus: «Geh hin.» Nicht unbedingt, um alles sofort zu lösen. Aber um den ersten Schritt zu machen.
Denn Vergebung beginnt oft nicht mit einem grossen Gefühl. Sie beginnt mit einem kleinen Schritt. «Geh hin.» Und wir gehen diesen Weg nicht allein. Denn der Gott, der uns auffordert zu vergeben, ist derselbe Gott, der uns zuerst vergeben hat. Darum können wir mit leeren Händen zu ihm kommen. Und mit seiner Gnade wieder aufstehen. «Wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr.»
Possibili domande per il piccolo gruppo
Bibeltext lesen: Matthäus 18,21–35
- Wo erlebe ich gerade eine Situation, in der Jesus zu mir sagt: «Geh hin»? Gibt es jemanden, mit dem ich ein Gespräch suchen oder bei dem ich Verantwortung übernehmen sollte?
- Welche Verletzung fällt mir besonders schwer loszulassen? Was könnte es bedeuten, diese Verletzung Gott hinzuhalten, ohne sie kleinzureden?
- Was ist für mich der Unterschied zwischen Vergebung und Versöhnung? Wo könnte es wichtig sein, zu vergeben und trotzdem gesunde Grenzen zu behalten?
- Gibt es einen Menschen, über den ich immer wieder nachdenke, obwohl die eigentliche Situation längst vorbei ist? Inwiefern könnte Unvergebenheit mich noch an diese Person oder das Geschehene binden?
- «Wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr» (Kolosser 3,13). Was verändert sich, wenn ich meine eigene Vergebung durch Jesus zum Ausgangspunkt nehme – und nicht meine Fähigkeit oder mein Gefühl?

