Data: 27. Settembre 2026 | Pre­di­ca­to­re:
Serie: | Tes­to bibli­co: Kolos­ser 3,13; Mat­thä­us 5,23–24; 18,15
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Ver­ge­bung beginnt mit dem Mut zur Wahr­heit: Ver­let­zun­gen dür­fen benannt und auf­ge­ar­bei­tet wer­den. Jesus for­dert uns her­aus, auf­ein­an­der zuzu­ge­hen – sowohl wenn ande­re etwas gegen uns haben als auch wenn wir selbst ver­letzt wur­den. Ver­ge­bung ist kein Ver­ges­sen, kei­ne Ver­harm­lo­sung und nicht auto­ma­tisch Ver­söh­nung. Sie ist ein Pro­zess und manch­mal eine bewuss­te Ent­schei­dung. Weil Chris­tus uns ver­ge­ben hat, dür­fen wir los­las­sen, Gott das Urteil über­las­sen und neue Frei­heit erfahren.


Die­ses Früh­jahr führ­ten wir in der see­tal chi­le den Kurs «Lie­ben – Schei­tern – Leben» durch. Am Abschluss­abend erzähl­ten die Teil­neh­me­rin­nen und Teil­neh­mer von ihren Erfah­run­gen. Meh­re­re von ihnen sag­ten: «Ich habe zum ers­ten Mal ver­stan­den, wie Ver­ge­bung eigent­lich funk­tio­niert.» Die­ser Satz hat mich beschäf­tigt. Denn Ver­ge­bung ist doch eine Kern­kom­pe­tenz jedes Men­schen, der Jesus nach­folgt. Wir haben einen Herrn, der uns ver­gibt – und er for­dert uns auf, die­se Ver­ge­bung wei­ter­zu­ge­ben. Dar­um habe ich damals für mich einen Ent­schluss gefasst: Wir soll­ten uns als Kir­che jedes Jahr min­des­tens ein­mal bewusst mit dem The­ma Ver­ge­bung beschäftigen.

Es gibt Wor­te Jesu, die uns her­aus­for­dern. Zum Bei­spiel die­ses klei­ne Wort: «Geh hin!» Jesus sagt es gleich an zwei ver­schie­de­nen Stel­len. Und das Inter­es­san­te ist: Bei­de Male geht es um Kon­flik­te. Aber die Aus­gangs­la­ge ist jeweils genau umge­kehrt. Das eine Mal sagt Jesus: Wenn der ande­re etwas gegen dich hat – geh hin. Das ande­re Mal sagt er: Wenn du etwas gegen den ande­ren hast – geh hin. Wir Men­schen ken­nen dage­gen sehr gut die Hal­tung: «Er soll den ers­ten Schritt machen.» Jesus sagt zwei­mal: «Geh hin.»

Geh hin – wenn der andere etwas gegen dich hat

Gesù dice: «Dar­um, wenn du dei­ne Gabe auf dem Altar opferst und dort kommt dir in den Sinn, dass dein Bru­der etwas gegen dich hat, so lass dort vor dem Altar dei­ne Gabe und geh zuerst hin und ver­söh­ne dich mit dei­nem Bru­der, und dann komm und opfe­re dei­ne Gabe» (Mat­thä­us 5,23–24 LUT).

Stell dir vor: Du bist im Got­tes­dienst. Du möch­test Gott begeg­nen. Und plötz­lich fällt dir ein: Da ist etwas zwi­schen mir und einem ande­ren Men­schen. Und Jesus sagt: «Geh hin.» Über­nimm Ver­ant­wor­tung für dei­nen Anteil. Aber damit beginnt bereits eine wich­ti­ge Fra­ge: «Was bedeu­tet eigent­lich Ver­ge­bung?»

Denn manch­mal den­ken wir, Ver­ge­bung bedeu­te: «Schwamm dar­über. Ist schon gut.» Aber manch­mal ist eben gar nichts gut. Eine Ver­let­zung ist eine Ver­let­zung. Unrecht ist Unrecht. Und Wahr­heit tut weh. Eine Frau namens Nora erleb­te jah­re­lang Gewalt – als Kind und spä­ter auch als Erwach­se­ne. Sie schreibt: «Ich wäre fast dar­an zer­bro­chen … ‘wie wir ver­ge­ben unse­ren Schul­di­gern’ … Die­se Bit­te aus dem Vater­un­ser soll­te ich als Chris­tin beten, aber ich konn­te es nicht!» Sie war so ver­zwei­felt, dass sie dar­an dach­te, ihren Glau­ben auf­zu­ge­ben. Dann bekam sie von einer Freun­din eine Kar­te: «Gott kann zer­bro­che­ne Her­zen hei­len, aber dafür benö­tigt er alle Tei­le.»

Die­ser Satz liess sie nicht mehr los. Sie begann, Gott alle Tei­le ihres Lebens hin­zu­hal­ten. Nicht nur die schö­nen. Auch die dunk­len. Es folg­ten Jah­re the­ra­peu­ti­scher und seel­sor­ger­li­cher Beglei­tung. Und irgend­wann konn­te sie ver­ge­ben – zunächst nur vom Kopf her. Sie bete­te jeden Tag neu dar­um, dass Gott auch die schlim­men Bil­der ihrer Ver­gan­gen­heit ver­blas­sen las­sen möge. Es war ein Pro­zess. Und irgend­wann konn­te sie sogar die Men­schen, die sie ver­letzt hat­ten, seg­nen. Was für eine Geschichte!

Und sie zeigt etwas Wich­ti­ges: Ver­ge­bung beginnt nicht damit, dass wir die Wahr­heit ver­drän­gen. Sie beginnt damit, dass wir Gott die gan­ze Wahr­heit hin­hal­ten. Viel­leicht kannst du heu­te noch nicht sagen: «Ich habe ver­ge­ben.» Viel­leicht kannst du nur beten: «Jesus, ich will ver­ge­ben. Aber ich kann es noch nicht.» Auch das ist ein Anfang. Denn Ver­ge­bung ist häu­fig kein ein­ma­li­ges Ereig­nis. Ver­ge­bung ist ein Weg.

Geh hin – wenn du etwas gegen den anderen hast

Jetzt dreht Jesus die Per­spek­ti­ve um. «Sün­digt aber dein Bru­der, so geh hin und wei­se ihn zurecht zwi­schen dir und ihm allein. Hört er auf dich, so hast du dei­nen Bru­der gewon­nen» (Mat­thä­us 18,15 LUT).

Jetzt bin ich ver­letzt wor­den. Jetzt habe ich etwas gegen den ande­ren. Und Jesus sagt wie­der: «Geh hin.» Ver­ge­bung bedeu­tet des­halb nicht, dass ich mei­ne Ver­let­zung ver­schwei­ge. Manch­mal ist der ers­te Schritt zur Ver­ge­bung sogar, dass ich end­lich aus­spre­che: «Das hat mich ver­letzt.» Aber dann stellt sich die Fra­ge: Was mache ich mit mei­ner Wut? Was mache ich mit mei­nem Wunsch nach Gerechtigkeit?

Eine israe­li­sche Sol­da­tin namens Debo­rah Ben-har erleb­te den Angriff der Hamas auf Isra­el am 7. Okto­ber 2023 und spä­ter auch die Kon­fron­ta­ti­on mit gefan­ge­nen Ter­ro­ris­ten. Sie erzählt, dass sie Gott ein­mal frag­te: «War­um ist es falsch, dass ich will, dass er lei­det?» Sie woll­te Gerech­tig­keit. Sie woll­te nicht lie­ben. Sie woll­te nicht für die­sen Men­schen beten. Und dann kam ihr Jesu Wort in den Sinn: «Liebt eure Fein­de! Betet für die, die euch ver­fol­gen!» (Mat­thä­us 5,44 NLB).

Sie rang damit. Und schliess­lich dach­te sie an Jesus am Kreuz: «Pad­re, per­do­na ques­te per­so­ne, per­ché non san­no quello che fan­no» (Luca 23:34 NLB).

Und sie for­mu­lier­te für sich einen ent­schei­den­den Gedan­ken: «Ver­ge­bung ist kein Gefühl. Es ist eine Ent­schei­dung – und ein Gehor­sams­schritt.» Das fin­de ich stark. Denn wir war­ten oft auf ein Gefühl. Wenn ich irgend­wann nichts mehr emp­fin­de, dann habe ich ver­ge­ben. Aber viel­leicht funk­tio­niert es genau anders­her­um. Ich ent­schei­de mich, den ande­ren aus mei­ner Hand in Got­tes Hand zu legen. Ich ent­schei­de mich, nicht selbst Rich­ter zu sein. Ich ent­schei­de mich, Gott das Urteil zu über­las­sen. Und manch­mal kom­men die Gefüh­le spä­ter. Viel­leicht erst nach Wochen. Viel­leicht nach Jah­ren. Viel­leicht immer wie­der neu.

Dabei müs­sen wir etwas ganz Wich­ti­ges unter­schei­den: Ver­ge­bung ist nicht das­sel­be wie Ver­söh­nung. Ver­söh­nung braucht zwei Men­schen. Ver­ge­bung kann bei einem Men­schen begin­nen. Wenn jemand dich miss­braucht, ver­letzt oder immer wie­der zer­stört, bedeu­tet Ver­ge­bung nicht, dass du wie­der Ver­trau­en schen­ken musst. Es bedeu­tet nicht, dass du kei­ne Gren­zen set­zen darfst. Es bedeu­tet nicht, dass du dich erneut in Gefahr brin­gen musst. Und nie­mand darf einem Opfer sagen: «Wenn du wirk­lich Christ bist, musst du jetzt ver­ge­ben.» Nein. Ver­ge­bung ist kein neu­es Gesetz, das über eine alte Wun­de gelegt wird. Sie ist ein Geschenk Got­tes, in das wir hin­ein­wach­sen dürfen.

Vergib – wie dir Christus vergeben hat

Und jetzt kom­men wir zum Zen­trum. Pau­lus schreibt: «Wie der Herr euch ver­ge­ben hat, so ver­gebt auch ihr» (Kolos­ser 3,13 LUT). Das ist der ent­schei­den­de Satz. Wir ver­ge­ben nicht, damit Chris­tus uns ver­gibt. Wir ver­ge­ben, weil Chris­tus uns ver­ge­ben hat. Unse­re Ver­ge­bung beginnt nicht bei uns. Sie beginnt bei Jesus. Schau auf das Kreuz. Dort sehen wir einen Gott, der Schuld nicht ver­harm­lost. Das Kreuz sagt nicht: «Es ist alles halb so schlimm.» Das Kreuz sagt: «Sün­de ist ernst.» Aber das Kreuz sagt gleich­zei­tig: «Dei­ne Schuld muss dich nicht für immer gefan­gen hal­ten.» Und genau das kann auch für die Schuld ande­rer gelten.

Der Vater des 16-jäh­ri­gen Juli­us L. muss­te im Okto­ber 2025 erle­ben, wie sein Sohn bei einem Mes­ser­an­griff getö­tet wur­de. Was bedeu­tet Ver­ge­bung ange­sichts eines sol­chen Ver­lus­tes? Es wäre ver­mes­sen, einem Vater zu sagen: «Du musst jetzt ver­ge­ben.» Aber die­ser Mann for­mu­lier­te einen Satz, der mich berührt: «Wenn wir wei­ter­le­ben wol­len, als Eltern, als Fami­lie, müs­sen – wol­len wir ver­ge­ben. Und, Gott sei Dank, wir kön­nen auch ver­ge­ben.»

Das ist die ande­re Sei­te. Ver­ge­bung bedeu­tet nicht, dass ich sage: «Es war nicht so schlimm.» Son­dern: «Es war schlimm. Unend­lich schlimm. Aber ich will nicht, dass das Böse auch mei­ne Zukunft zer­stört.» Denn Unver­ge­ben­heit kann uns an das Gesche­he­ne bin­den. Der ande­re ist viel­leicht längst wei­ter­ge­gan­gen. Aber ich tra­ge ihn mit mir. Sei­ne Wor­te. Sei­ne Tat. Mei­ne Wut. Mei­ne Ver­let­zung. Ver­ge­bung kann die­se Bin­dung lösen. Nicht, indem sie die Ver­gan­gen­heit ver­än­dert. Son­dern indem sie ver­hin­dert, dass die Ver­gan­gen­heit mei­ne Zukunft bestimmt. Viel­leicht bedeu­tet Ver­ge­bung des­halb manch­mal: «Gott, ich kann nicht ver­ges­sen. Aber ich will nicht mehr von die­ser Geschich­te beherrscht wer­den. Ich kann das Gesche­he­ne nicht ändern. Aber ich will mei­ne Zukunft nicht län­ger von mei­ner Ver­gan­gen­heit bestim­men las­sen. Ich kann den ande­ren nicht ver­än­dern. Aber ich gebe ihn in dei­ne Hän­de.»

Drei Bewe­gun­gen der Ver­ge­bung. Geh hin, wenn der ande­re etwas gegen dich hat. Über­nimm Ver­ant­wor­tung für dei­nen Anteil. Geh hin, wenn du etwas gegen den ande­ren hast. Ver­drän­ge dei­ne Ver­let­zung nicht. Sprich die Wahr­heit aus. Begin­ne den Weg der Ver­ge­bung. Und schliess­lich: Ver­gib, wie dir Chris­tus ver­ge­ben hat.

Nicht aus eige­ner Kraft. Nicht, weil das Unrecht nicht schlimm wäre. Nicht, weil der ande­re es ver­dient hät­te. Son­dern weil du selbst von einer viel grös­se­ren Gna­de lebst.

Viel­leicht sitzt heu­te jemand hier und denkt: «Ich kann nicht ver­ge­ben.» Dann musst du heu­te viel­leicht noch gar nicht am Ziel ankom­men. Viel­leicht ist dein Gebet heu­te nur: «Jesus, ich kann es nicht. Aber ich möch­te, dass du mich auf die­sen Weg führst.» Das reicht für heu­te. Viel­leicht gibt es jeman­den, bei dem du weisst: «Ich habe ihn ver­letzt.» Dann sagt Jesus: «Geh hin.» Viel­leicht gibt es jeman­den, bei dem du weisst: «Er hat mich ver­letzt.» Dann sagt Jesus: «Geh hin.» Nicht unbe­dingt, um alles sofort zu lösen. Aber um den ers­ten Schritt zu machen.

Denn Ver­ge­bung beginnt oft nicht mit einem gros­sen Gefühl. Sie beginnt mit einem klei­nen Schritt. «Geh hin.» Und wir gehen die­sen Weg nicht allein. Denn der Gott, der uns auf­for­dert zu ver­ge­ben, ist der­sel­be Gott, der uns zuerst ver­ge­ben hat. Dar­um kön­nen wir mit lee­ren Hän­den zu ihm kom­men. Und mit sei­ner Gna­de wie­der auf­ste­hen. «Wie der Herr euch ver­ge­ben hat, so ver­gebt auch ihr.»

 

Possibili domande per il piccolo gruppo

Bibel­text lesen: Mat­thä­us 18,21–35

  1. Wo erle­be ich gera­de eine Situa­ti­on, in der Jesus zu mir sagt: «Geh hin»? Gibt es jeman­den, mit dem ich ein Gespräch suchen oder bei dem ich Ver­ant­wor­tung über­neh­men sollte?
  2. Wel­che Ver­let­zung fällt mir beson­ders schwer los­zu­las­sen? Was könn­te es bedeu­ten, die­se Ver­let­zung Gott hin­zu­hal­ten, ohne sie kleinzureden?
  3. Was ist für mich der Unter­schied zwi­schen Ver­ge­bung und Ver­söh­nung? Wo könn­te es wich­tig sein, zu ver­ge­ben und trotz­dem gesun­de Gren­zen zu behalten?
  4. Gibt es einen Men­schen, über den ich immer wie­der nach­den­ke, obwohl die eigent­li­che Situa­ti­on längst vor­bei ist? Inwie­fern könn­te Unver­ge­ben­heit mich noch an die­se Per­son oder das Gesche­he­ne binden?
  5. «Wie der Herr euch ver­ge­ben hat, so ver­gebt auch ihr» (Kolos­ser 3,13). Was ver­än­dert sich, wenn ich mei­ne eige­ne Ver­ge­bung durch Jesus zum Aus­gangs­punkt neh­me – und nicht mei­ne Fähig­keit oder mein Gefühl?