Gegenwärtig | Gott ist da
Series: Simple. Quiet. Present. | Bible text: 2. Mose 3,1–14
Gott ist gegenwärtig – auch dann, wenn wir seine Gegenwart nicht wahrnehmen. Am brennenden Dornbusch entdeckt Mose: Gott sieht das Leid seines Volkes, hört sein Geschrei und kennt seinen Schmerz. Auch in unserem Alltag können uns «Dornbüsche» aufmerksam machen auf Gottes Gegenwart. Und Gottes Name «Ich bin» erinnert uns: Wir wissen nicht, was morgen sein wird. Aber wir dürfen wissen, wer morgen da sein wird. Gott ist da.
Unser Jahresthema heisst: Einfach. Leise. Gegenwärtig. Heute beginnen wir mit dem dritten Wort: Gegenwärtig. Was bedeutet es, gegenwärtig zu leben? Vielleicht denken wir zuerst an Achtsamkeit: im Moment leben, nicht ständig mit unseren Gedanken bei gestern oder morgen sein. Das ist nicht falsch. Aber die Bibel setzt noch tiefer an. Denn bevor wir darüber sprechen, wie wir gegenwärtig leben können, müssen wir über Gottes Gegenwart sprechen. Die Botschaft von 2. Mose 3 lautet: Gott ist da.
Gott ist da – auch wenn wir ihn nicht sehen
Fast vierhundert Jahre lang musste Israel mit einer Erfahrung leben, die sich wie Gottes Abwesenheit anfühlte. Die Nachkommen Abrahams waren zu einem grossen Volk geworden. Gott hatte Abraham Verheissungen gegeben. Seine Nachkommen sollten ein grosses Volk werden und das Land Kanaan besitzen. Und jetzt? Sklaverei in Ägypten. Menschen mussten unter Zwang arbeiten. Sie wurden unterdrückt. Sie litten. Wie passt das zusammen?
Vielleicht fragten sie sich: Wo ist unser Gott? Vielleicht wurde die Geschichte Abrahams zu einer alten Erinnerung. Vielleicht zweifelten manche sogar daran, ob diese Verheissungen überhaupt noch galten. Und dann kommt Mose. Er lebt inzwischen in Midian. Er hütet Schafe. Ein unspektakuläres Leben. Doch eines Tages sieht er einen Dornbusch, der brennt und doch nicht verbrennt. Mose bleibt stehen. Und dort begegnet ihm Gott. Aber bevor Gott Mose seinen Auftrag gibt, sagt Er etwas, das mich tief berührt: «Ich habe gesehen, wie mein Volk in Ägypten unterdrückt wird. Und ich habe ihr Schreien gehört. Ich weiss, wie sehr es leidet» (2Mose 3,7 NLB).
Drei Dinge: Ich habe gesehen. Ich habe gehört. Ich kenne ihre Schmerzen.
Israel dachte vielleicht: Gott sieht uns nicht. Gott sagt: Ich habe gesehen. Israel dachte: Gott hört uns nicht. Gott sagt: Ich habe gehört. Israel dachte: Gott weiss gar nicht, wie es uns geht. Gott sagt: Ich kenne ihre Schmerzen.
Das ist Gottes Gegenwart. Gott ist nicht einfach irgendwo da oben. Er ist kein unbeteiligter Beobachter unserer Geschichte. Er sieht. Er hört. Er kennt.
Und dann sagt Gott sogar: «Ich bin gekommen, um sie aus der Gewalt der Ägypter zu retten und sie aus Ägypten zu führen in ein schönes, weites Land, in ein Land, in dem Milch und Honig überfliessen […]» (2Mose 3,8 NLB). Gott bleibt nicht auf Distanz. Seine Gegenwart wird handelnde Gegenwart. Vielleicht gibt es auch unter uns Menschen, die sich gerade fragen: «Gott, siehst du mich überhaupt?» «Hörst du mein Gebet?» «Weisst du, wie es mir wirklich geht?»
Dann sagt dieser Text nicht, dass wir immer verstehen werden, was Gott tut. Aber er sagt: Du bist nicht unsichtbar für Gott. Dein Gebet ist nicht ungehört. Dein Schmerz ist Gott nicht unbekannt. Israel erlebt Gottes Abwesenheit. Aber Gott sagt: Ich habe euch gesehen. Ich habe euch gehört. Ich kenne eure Schmerzen. Gott war da, auch als sie seine Gegenwart nicht wahrnehmen konnten.
Gott ist da – achte auf Dornbüsche am Weg
Und dann begegnet Gott Mose nicht in einem Tempel. Mose ist nicht in einem Gottesdienst. Er ist bei seiner Arbeit. Er hütet Schafe. Und mitten in diesem gewöhnlichen Alltag sieht er einen Dornbusch, der brennt und doch nicht verbrennt. Mose hätte einfach weitergehen können. Aber er bleibt stehen. Das Phänomen, dass ein Dornbusch Feuer fangen kann, war bekannt. Das Besondere war, dass der Dornbusch nicht verbrannte. Deshalb bleibt Mose stehen. «’Das ist ja seltsam’, sagte er zu sich selbst. ‘Warum verbrennt dieser Busch nicht? Das muss ich mir näher ansehen’» (2. Mose 3,3 NLB).
Vielleicht liegt darin eine Einladung für uns: Gott ist mitten in unserem gewöhnlichen Alltag gegenwärtig. Deshalb möchte ich uns heute einen Gedanken mitgeben: Achte auf die Dornbüsche an deinem Weg. Nicht jeder Dornbusch ist ein brennender Dornbusch. Und schon gar nicht jeder Dornbusch brennt und verbrennt nicht. Aber jeder Dornbusch kann ein Anlass sein, aufmerksam zu werden.
- Vielleicht ist dein Dornbusch ein seltsamer Zufall.
- Vielleicht ein Mensch, der dir genau im richtigen Moment begegnet.
- Vielleicht ein Satz, der dich unerwartet trifft.
- Vielleicht ein Brennen im Bauch, eine innere Unruhe oder eine Sehnsucht.
- Vielleicht ein Sonnenaufgang, bei dem du plötzlich denkst: Wie schön ist diese Welt!
- Oder vielleicht ein Bibelwort, das du schon hundertmal gelesen hast und das plötzlich heute zu dir spricht.
Ist das alles automatisch Gottes Reden? Nein. Nicht jeder Zufall ist ein Zeichen. Nicht jedes Bauchgefühl ist Gottes Stimme. Aber vielleicht sind wir manchmal so beschäftigt, dass wir gar nicht mehr bemerken, wenn etwas unsere Aufmerksamkeit verdient. Mose bleibt stehen. Er schaut hin. Und dort begegnet ihm Gott. Unsere Aufmerksamkeit macht Gott nicht gegenwärtig. Sie macht uns gegenwärtig für Gott.
Vielleicht wäre das eine gute Übung für diese Woche: Beachte deine Dornbüsche. Wenn dich etwas innehalten lässt, geh nicht sofort weiter. Schau hin. Werde still. Und frage: «Gott, bist du hier? Möchtest du mir etwas zeigen?»
Vielleicht geschieht nichts Besonderes. Aber vielleicht entdeckst du etwas, das du sonst übersehen hättest. Denn manchmal ist der heilige Boden mitten in unserem gewöhnlichen Alltag.
Gott ist da – auch in unseren Fragen
Mose bekommt von Gott einen Auftrag: Er soll nach Ägypten zurückkehren und das Volk Israel aus der Sklaverei führen. Doch Mose hat Fragen. Eine davon lautet: «Wenn ich zu den Israeliten gehe und ihnen sage: ‘Der Gott eurer Vorfahren hat mich zu euch gesandt’, und sie mich dann fragen: ‘Wie heisst er denn?’, was soll ich ihnen dann antworten?» (2. Mose 3,13 NLB).
Eigentlich fragt Mose: Wer bist du, Gott? Und Gottes Antwort ist gewaltig: «Ich bin, der ich immer bin. Sag ihnen einfach: ‘Ich bin’ hat mich zu euch gesandt» (2. Mose 3,14 NLB). «Ich bin, der ich immer bin.» Auf Hebräisch: Ehjeh. Man kann diesen Satz auch dynamischer verstehen: «I will be who I will be.» Or: «Ich werde mich als den erweisen, als den ich mich erweisen werde.» Und unmittelbar danach, in Vers 15, nennt Gott seinen Namen: JHWH, Jahwe. Beide Worte hängen sprachlich mit dem hebräischen Verb ‘sein’ zusammen. Gott ist der, der ist – der da ist – und der sich als der erweisen wird, der Er ist.
Gott gibt Mose also nicht einfach eine Definition. Er sagt: Ich bin. Ich bin da. Ich war da. Ich werde da sein. Genau diese Aussage finden wir auch in der Offenbarung: «Ich bin das Alpha und das Omega – der Anfang und das Ende, spricht der Herr und Gott, der ist, der immer war und der noch kommen wird, der Allmächtige» (Offenbarung 1,8 NLB).
Mose weiss noch nicht, was ihn in Ägypten erwartet. Israel weiss noch nicht, wie die Befreiung aussehen wird. Und wir wissen ebenfalls nicht, was morgen sein wird. Aber wir wissen, wer morgen da sein wird.
Wir stellen Gott viele Fragen: «Siehst du mich?» «Kennst du mich?» «Wirst du mir helfen?» «Wirst du mir vergeben?» «Bist du noch da?» Und Gott beantwortet nicht jede unserer Fragen so, wie wir es gerne hätten. Aber hier gibt Er Mose etwas, das tiefer geht als eine Erklärung: Er gibt ihm sich selbst. ICH BIN.
Und jetzt wird es spannend: Diese Worte klingen im Neuen Testament wieder. Jesus sagt im Johannesevangelium insgesamt siebenmal «Ich bin»: «Ich bin das Brot des Lebens» (Johannes 6,48 NLB). «Ich bin das Licht der Welt» (Johannes 8,12 NLB). «Ich bin der gute Hirte» (Johannes 10,11 NLB), etc. Der Gott, der Mose am Dornbusch begegnet ist, ist nicht ein Gott der Vergangenheit. Der ICH BIN ist in Jesus Christus gegenwärtig. Das ist das Entscheidende am christlichen Glauben: Gott bleibt nicht auf Distanz zu unserer Welt. Er sagt nicht nur: «Ich sehe euer Leiden.» Er kommt. Er wird Mensch. Er wird einer von uns. Wenn wir wissen wollen, wie Gott ist, dann schauen wir auf Jesus. Da sehen wir den Gott, der sieht. Den Gott, der hört. Den Gott, der sich erbarmt. Den Gott, der Menschen begegnet. Und den Gott, der rettet. Am Kreuz wird diese Gegenwart Gottes auf eine besondere Weise sichtbar. Jesus trägt dort unsere Schuld und Sünde. Er trägt unsere Gottesferne. Dafür geht Er sogar in den Tod.
Und gerade dort zeigt sich: Gott ist für uns da. Nicht nur: Gott ist da. Sondern: Gott ist für dich da. Vielleicht gibt es auch in deinem Leben eine Situation, in der du dich von Gott vergessen fühlst. Vielleicht wartest du schon lange. Vielleicht betest du schon lange. Vielleicht verstehst du nicht, warum Gott etwas zulässt. Dann sagt diese Geschichte nicht: «Du musst nur genauer hinschauen, dann wirst du Gott schon spüren.»
Die Botschaft ist tiefer: Gott ist da – auch wenn du seine Gegenwart gerade nicht wahrnimmst. Und als Christen dürfen wir noch einen Schritt weitergehen: Wir wissen, wo wir Gottes Gegenwart ganz besonders sehen: in Jesus Christus. Er ist der Immanuel. Gott mit uns. Du weisst vielleicht nicht, was morgen sein wird. Du weisst nicht, welche Herausforderungen kommen. Du weisst nicht, welche Türen sich öffnen oder schliessen werden. Aber: Du darfst wissen, wer morgen da sein wird. Jesus Christus. Deshalb: Bleib manchmal stehen. Achte auf die Dornbüsche an deinem Weg. Schau hin. Werde still. Und dann entdecken wir mitten in unserem gewöhnlichen Alltag etwas, das Mose damals entdeckt hat: Wir sind nicht allein. Gott ist da.
Possible questions for the small group
Bibeltext lesen: 2. Mose 3,1–14
- Wo erlebst du gerade eine Situation, in der du dich fragst: «Gott, siehst du mich überhaupt? Hörst du mein Gebet?» Was könnte es bedeuten, darauf zu vertrauen, dass Gott trotzdem gegenwärtig ist?
- Welche «Dornbüsche» gibt es momentan auf deinem Weg? Gibt es etwas, das dich innehalten lässt, dich berührt, beschäftigt oder immer wieder deine Aufmerksamkeit auf sich zieht?
- Was könnte dir helfen, im Alltag aufmerksamer für Gottes Gegenwart zu werden? Gibt es eine konkrete Gewohnheit, die du in der kommenden Woche ausprobieren möchtest?
- «Ich bin – ich werde sein.» Wie verändert dieser Gedanke deinen Blick auf eine Situation, bei der du heute noch nicht weisst, wie sie ausgehen wird?
- Wo möchtest du in der kommenden Woche konkret mit Gottes Gegenwart rechnen? Was wäre ein kleiner Schritt, bei dem du sagen könntest: «Gott, ich gehe diesen Weg nicht allein»?

