Seelsorge à la Jesus

Datum: Sonntag, 21. August 2022 | Prediger/in:
Serie: | Bibeltext: Johannes 21,15-22; Lukas 22,54-62

Gott kann ein neues Herz schaffen bzw. ein zerbrochenes Herz wiederherstellen. Jesus zeigt uns im Umgang mit Petrus, nach dessen Verleugnung, wie eine zielführende Seelsorge aussehen könnte. Dazu schafft er eine schamfreie Zone und einen Raum der Gnade. Bei der Wiederherstellung spielt die Vergebung eine Schlüsselrolle. Das Ziel ist eine wachsende Liebe zu Jesus und ein Leben in der Berufung, die Gott für uns vorgesehen hat.


 

Frei sein – das wollen wir alle. In der Bibel steht: «Nur dann, wenn der Sohn euch frei macht, seid ihr wirklich frei» (Johannes 8,36 NLB). Wie macht er denn das? Heute schauen wir in die Seelsorgepraxis von Jesus, wie er ein neues Herz schafft bzw. ein zerbrochenes Herz wiederherstellt.

Strategien auf dem Fundament der eigenen Prägungen

Petrus ist schnell, initiativ und selbstbewusst. Man hat den Eindruck, dass er ständig in Konkurrenz mit den anderen Freunden Jesus steht. So ist er beispielsweise überzeugt: «Selbst, wenn dich alle verlassen, ich werde bei dir bleiben» (Matthäus 26,33 NLB). Nachdem Jesus ihm prophezeit hat, dass er ihn verleugnen würde, beharrte Petrus: «Nein! Nicht einmal, wenn ich mit dir sterben müsste! Ich werde dich niemals verleugnen!» (Matthäus 26,35 NLB). Vielleicht wurde Petrus sehr leistungsorientiert erzogen und er musste die Liebe der Eltern damit verdienen, indem er besser war als der Nachbarsjunge. Vielleicht wurde er als Junge auch oft beschämt und ausgelacht, dass er nun der ganzen Welt beweisen will, dass er etwas kann. Vielleicht musste er in der Schule oft untendurch und darf nun keine Schwäche mehr zulassen. Wie jeder Mensch bringt Petrus seine Prägungen und Verletzungen aus der Kindheit in die Nachfolge Jesu mit.

Entgegen allen Beteuerungen und ehrlichem Vorhaben streitet kurz darauf Petrus dreimal ab, dass er Jesus kenne. «[...] Und in diesem Augenblick krähte der Hahn. Plötzlich fielen Petrus die Worte von Jesus wieder ein: ‘Ehe der Hahn kräht, wirst du mich drei Mal verleugnen.’ Und er ging fort und weinte bitterlich» (Matthäus 26,74-75 NLB). Petrus, am Boden zerstört, voller Trauer und Scham. Er fühlte sich als Versager. Die auf seinen Prägungen aufgebauten Lebensstrategien erlitten Schiffbruch. Das war eine brutale Bruchlandung und er stürzte ins Bodenlose. Ich könnte mir vorstellen, dass er sogar mit Suizidgedanken zu kämpfen hatte. Etwas später sagt er völlig frustriert: «Ich gehe fischen» (Johannes 21,3 NLB). Obwohl Jesus ihn berief, Menschen zu fischen, wendet er sich wieder seinem alten Beruf zu. Als Tribut für sein Versagen ist er bereit, ein Leben unter seiner Berufung zu leben. Das erinnert mich an den Sohn im Gleichnis, der nach seinem Absturz bereit ist, seine Stellung als Sohn aufzugeben und stattdessen als Tagelöhner bei seinem Vater zu arbeiten. Wo Wunden nicht versorgt werden, entstehen Festlegungen. Und diese stehen uns auf unserem Weg in eine gute Zukunft im Wege.

Strategien von Jesus beim Schaffen eines neuen Herzens

Doch Jesus ist nicht am Ende seines Lateins. Er holt Petrus genau an dem Punkt ab, wo dieser gelandet ist. Nach der harten Bruchlandung sagte Petrus zu seinen Kollegen: «‘Ich gehe fischen.’ Die anderen meinten: ‘Wir kommen mit.’ Also fuhren sie im Boot hinaus, doch sie fingen die ganze Nacht über nichts» (Johannes 21,3 NLB). Am Morgen steht Jesus am Ufer und lädt den ganzen Fischertrupp zum Frühstück ein. Jesus dient Petrus als ganzheitlichen Menschen, der nicht nur geistliche Bedürfnisse hat. Nach dem schmackhaften Essen ist dann Seelsorge angesagt.

Jesus schafft eine hilfreiche Atmosphäre

Aus V.20 ergibt sich, dass das folgende Gespräch im Gehen und abseits von den anderen geführt wurde. Nur Johannes ging hintendrein. Jesus stellt niemanden bloss, sondern schafft eine schamfreie Zone, eine Atmosphäre der Sicherheit und Intimität.

«Nach dem Frühstück sagte Jesus zu Simon Petrus: ‘Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als die anderen?’» (Johannes 21,15a NLB). Jesus hatte Petrus bisher nur einmal mit «Simon, Sohn des Johannes» angesprochen, nämlich in Johannes 1,42. Dort wurde ihm verheissen, ein «Fels» zu sein. Es geht also auch hier um einen Neubeginn. Jesus hält an seiner Berufung für Petrus trotz augenscheinlichen Schwächen fest. Jesus ermöglicht uns immer einen Neubeginn. Beim Verbinden eines zerbrochenen Herzens geht es darum, in das volle von Gott gedachte Potenzial hineinzuwachsen.

Johannes bedeutet auf Deutsch Gott ist gnädig. Mit der Erwähnung dieses Namens öffnet Jesus einen Raum der Gnade. Damit legt er das Fundament, auf welcher die nun folgende Seelsorge stattfinden soll. Es ist die Voraussage des Sieges ohne Gutmachung. Petrus wird eingeladen, aufzuatmen, mutig sein Herz zu öffnen und zu seinem Versagen zu stehen. Im Raum der Gnade können wir zu uns und unserem Versagen stehen.

Jesus heilt behutsam das Herz von Petrus

Petrus lebt unter dem Schmerz, dass er die Frage, ob er Jesus kenne, dreimal mit Nein beantwortet hat. Als Seelsorger beginnt Jesus nicht mit Vorwürfen, sondern mit einer nachdenklich machenden Frage. Er fragt ihn insgesamt dreimal nach seiner Liebe zu Ihm. Petrus wird behutsam an seine Vergangenheit herangeführt. Doch das Befassen mit der Vergangenheit gehört unabdingbar zum Heilungsprozess dazu. Man kann nicht einfach «Gras darüber wachsen lassen». Petrus bekommt eine neue Chance, seine Beziehung mit Jesus zu deklarieren. Petrus antwortet etwas zaghaft und nicht mehr in seiner bis anhin ihm eigener Selbstsicherheit: «Ja, Herr, du weisst, dass ich dich lieb habe [...]» (Johannes 21,15b NLB).

Die Frage nach der Liebe zu Jesus ist die wichtigste Frage im Leben. Egal in welcher Aufgabe im Reich Gottes du stehst; die entscheidende Frage ist die nach der Liebe zu Jesus. Diese Liebe legitimiert dich dazu, unter der Autorität des dreieinigen Gottes zu handeln. Kirchenvater Augustinus sagte: «Liebe und dann tue, was du willstWenn wir Gott lieben, werden die 615 einzelne Gebote des Alten Testaments zur Makulatur bzw. wir werden sie automatisch leben. Wenn zwischen Eheleute eine tiefe Liebe vorhanden ist, ist es viel leichter zu vergeben, wenn der andere verletzend war.

Warum kann Jesus diese Liebe einfordern? Weil Gott Liebe ist und uns zuerst geliebt hat. Diese göttliche Liebe beinhaltet auch die Vergebung. «Wenn wir wie Christus im Licht Gottes leben, dann haben wir Gemeinschaft miteinander, und das Blut von Jesus, seinem Sohn, reinigt uns von jeder Schuld» (1Johannes 1,7 NLB). Die Vergebung ist das Kernstück jeder Seelsorge und wird auf dem Boden der Gnade ermöglicht. Ich erinnere mich an einen Talk, indem eine Mutter erzählt hat, wie sie dem Mörder ihrer Tochter vergeben hat. Oder Corrie ten Boom, die plötzlich vor einem ihrer Peiniger aus dem KZ stand, der sie um Vergebung bat. Wie schwer muss es sein, jemandem zu vergeben, der einem dermassen missbraucht hat! Vergebung in der Vergangenheitsbewältigung kann gewaltig schwierig sein und bedingt wohl ein Verständnis für die Schuld, die Gott mir vergeben hat. Max Lucado sagt dazu: «Du kannst niemandem mehr Vergebung zusprechen als Gott dir.»

Vergeben bedeutet, das Recht auf Hass, auf Wiedergutmachung und Rache loszulassen. Es ist ein juristischer Akt, der begangen werden kann, auch wenn das Gefühl dazu noch nicht bereit ist. Vergebung ist die Grundlage für die Heilung eines zerbrochenen Herzens und das Tor zu einer allfälligen Versöhnung. Anne Lamott, eine Schriftstellerin, schreibt dazu: «Nicht zu vergeben ist so, wie Rattengift zu trinken und dann darauf zu warten, dass die Ratte stirbt.» Durch die Weigerung zu vergeben, schadet man nicht dem andern, sondern sich selbst. Man verunmöglicht die Heilung des verwundeten Herzens. Eine Versöhnung beinhaltet die Wiederherstellung einer Beziehung zu einer Person, die an mir schuldig geworden ist. Das ist aber nicht in jedem Fall möglich und wenn die Gefahr für die Wiederholung einer Tat besteht, auch nicht sinnvoll.

Das Resultat der Wiederherstellung durch Jesus

Hineinfinden ins Leben, wie Gott es für mich gedacht hat: «Petrus erwiderte: ‘Ja, Herr, du weisst, dass ich dich lieb habe.’ Jesus sagte: ‘Dann weide meine Lämmer’» (Johannes 21,15b NLB). In ähnlichen Worten beruft Jesus Petrus weitere zweimal in das Hirtenamt. Jesus vergibt Petrus seine Verleugnung und sein Versagen. Vergebung aber führt zu einem Auftrag. Deshalb ist der Befehl «Weide meine Lämmer» Vergebung und Auftrag in einem. Als Tribut für unser Versagen sind wir bereit, unter unserer Berufung zu leben. Durch die Vergebung und die Heilung eines zerbrochenen Herzens wachsen wir tiefer in die Berufung hinein, die Gott für uns bereithält.

Hineinfinden ins Leben mit mehr Liebe: Die gnädige Erfahrung der Vergebung setzt mehr Liebe frei. Zwar sagt Petrus nicht: «Ich liebe dich mehr als diese». Dennoch bejaht er die Frage: «Liebst du mich mehr als die anderen?» eindeutig. Es gibt eine Geschichte mit der gleichen Wortwahl. Jesus sagt über eine Frau: «Ich sage dir, ihre Sünden – und es sind viele – sind ihr vergeben; also hat sie mir viel Liebe erwiesen. Ein Mensch jedoch, dem nur wenig vergeben wurde, zeigt nur wenig Liebe» (Lukas 7,47 NLB). Petrus konnte die Frage Jesu ehrlich bejahen, weil er nach seiner Verleugnung mehr Vergebung als die anderen Jünger brauchte. Er war abhängiger von der Gnade «als die anderen». Durch die tiefe Erfahrung der Vergebung durch Jesus Christus werden wir liebesfähiger.

Eben noch liebte Petrus sein eigenes Leben mehr als Jesus. Er war bereit, seine Beziehung zu Jesus zu verleugnen, um sein eigenes Überleben zu sichern. Petrus wird durch Jesu Seelsorge befähigt, mehr zu lieben! «Ich versichere dir: Als du jung warst, konntest du tun, was du wolltest, und hingehen, wo es dir gefiel. Doch wenn du alt bist, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich führen und hinbringen, wo du nicht hingehen willst» (Johannes 21,18 NLB). Durch die Wiederherstellung unseres Herzens werden wir selbstloser und legen unser Leben vertrauensvoller in Jesu Hände. Wir alle brauchen diesen Heilungsprozess, um besser dienen und für Jesus brauchbarer zu werden.

 

Man(n) kann sein ganzes langes Leben in Eigenregie verbringen. Wenn wir aber von Gott gebraucht und in unsere eigentliche Berufung geführt werden wollen, dann müssen wir den Kreator Jesus an unser Herz heranlassen. Im Kurs «Leben in Freiheit» möchten wir dem Sohn, der wirklich frei macht, Raum für seine Seelsorge geben.

 

Mögliche Fragen für die Kleingruppen

Bibeltext lesen: Lukas 22,54-62; Johannes 21,15-22

  1. Welche Verletzungen des Herzens könnten bei Petrus die Ursache für sein Verhalten gewesen sein?
  2. Wie hat es Jesus geschafft, einen Raum zu öffnen, der es Petrus ermöglichte, sein Herz zu öffnen?
  3. Warum hat Jesus Petrus dreimal nach seiner Liebe zu ihm gefragt?
  4. Was bedeutet es, dass Jesus Petrus dreimal den Auftrag gab, seine Schafe zu weiden?
  5. Lebst du in der Berufung, die Gott für dich vorgesehen hat?
  6. Prüfe doch, ob es für dich dran sein könnte, beim Kurs «Leben in Freiheit» mitzumachen.