Kinder nach dem Herzen Gottes
Sonntag, 10. November 2019

Kinder nach dem Herzen Gottes

Prediger/in:
Passage: Epheser 6,1-4
Dienstart:

Auf dem fünften Gebot («Du sollst Vater und Mutter ehren.») liegt eine riesige Verheissung. Die Umsetzung dieser Forderung sieht in jeder Lebensphase anders aus. Doch immer geht es darum, die Stellung von Vater und Mutter zu respektieren, zu achten und zu stärken. Die Bedingung für erwachsene Kinder ist, dass sie Vater und Mutter verlassen haben. Das Ziel ist nicht Unabhängigkeit, sondern sich in Freiheit zugewendete Herzen.


«Im Hause muss beginnen, was leuchten soll im Vaterland.» Dieser Satz von Jeremias Gotthelf, der seit bald 200 Jahren verwendet wird, hat überhaupt nichts von seiner Aussagekraft eingebüsst. Eine Familie, in der Liebe, Annahme und gegenseitige Fürsorge gelebt wird, hat das Potential, die Welt zu verändern. Eine solche Familie ist ein grosser Segen und wirkt wie ein wenig Sauerteig, der Einfluss gewinnt auf seine ganze Umgebung. Genau so funktioniert Gottes Reich; vom Kleinen zum Grossen, von innen nach aussen! Es ist zu Beginn unscheinbar klein, wird sich aber immer mehr ausbreiten. Das nennen wir Himmel auf Erden!

Eine ganz wichtige Grundlage für das Miteinander der Generationen in der Familie ist das fünfte Gebot, das Paulus den Ephesern wie einen Speck durch den Mund zieht: «’Ehre deinen Vater und deine Mutter!’ – das ist das erste Gebot, das mit einer Zusage verbunden ist, mit der Zusage: ‘Dann wird es dir gut gehen, und du wirst lange auf dieser Erde leben.’» (Epheser 6,2f NGÜ). Vater und Mutter ehren hat ausserordentlich positive Auswirkung:

  • Es wird dir gut gehen. Der griechische Ausdruck eu ginomai (gut werden) bringt das Vorzeichen eu (gut) in dein Leben hinein. Es wird alles gut!
  • Du wirst lange auf dieser Erde leben. Langes Leben ist Synonym für gesegnet sein. Im originalen Text heisst es: «Dann wirst du lange in dem Land leben, das der Herr, dein Gott, dir geben wird» (2Mose 20,12 NL). Gott spricht das Israel verheissene Land Kanaan an. Wer Vater und Mutter ehrt wird in den Verheissungen Gottes leben.

Die Eltern zu ehren, vermehrt das Leben! Es gibt dem Leben eine neue Dimension und eine tiefe Befriedigung. Es ist Himmel auf Erden!

Vater und Mutter ehren

Eine erste wichtige Beobachtung ist, dass es nicht heisst: «Ehre deine Eltern», sondern «Ehre deinen Vater und deine Mutter». Wir können unsere Eltern nicht pauschal ehren. Deshalb ist es wichtig, dass wir die Beziehung zu unserem Vater und zu unserer Mutter einzeln betrachten.

Das Wort ehren meint im ursprünglich hebräischen Sinn jemandem sein Gewicht geben. Es ist klar, dass dies in jeder Lebensphase anders aussieht. Doch immer geht es darum, die Stellung von Vater und Mutter zu respektieren, zu achten und zu stärken. Für Kinder heisst dies, gehorsam zu sein: «Ihr Kinder, gehorcht euren Eltern! So möchte es der Herr, dem ihr gehört; so ist es gut» (Epheser 6,1 NGÜ). Damit fängt es an. Es ist von hoher Bedeutung, dass die Kinder lernen, auf die Eltern zu hören und – ohne ständigen Widerspruch – zu gehorchen. Vater und Mutter sind herausgefordert, das mit ihren Kids einzutrainieren, und zwar nicht erst, wenn die Kinder den Sinn hinter jeder Anweisung verstehen. Im Gegenzug haben auch die Eltern eine Aufgabe: «Und ihr Väter, verhaltet euch euren Kindern gegenüber so, dass sie keinen Grund haben, sich gegen euch aufzulehnen; erzieht sie mit der nötigen Zurechtweisung und Ermahnung, wie der Herr es tut» (Epheser 6,4).

Besonders herausfordernd ist das fünfte Gebot für Teenager – es ist das Alter, in dem man den Eindruck hat, dass die eigenen Eltern ziemlich schwierig sind. Langsam, aber sicher realisiert man auch ihre Schwächen. Im Kollegenkreis steht man dann oft in der Gefahr, negativ über die eigenen Eltern zu reden. In der Bibel gibt es diesbezüglich eine interessante Geschichte vom betrunkenen Noah, der nackt in seinem Zelt liegt (1Mose 9,21ff). Seine drei Söhne reagierten verschieden: Kanaan sieht diese Blösse und stellt sie zur Schau. Sem und Jafet hingegen schauen bewusst weg und bedecken seine Schwäche. Kanaan wurde anschliessend verflucht und die zwei anderen gesegnet. Vater und Mutter ehren bedeutet auch, ihre Blössen und Schwächen diskret zu behandeln.

Spätestens im Teenageralter sollten die Kinder nach dem Vater-Konzept erzogen werden, das sich mit den Worten Freiheit, Konsequenz und Beziehung beschreibt. «Lehre dein Kind, den richtigen Weg zu wählen, und wenn es älter ist, wird es auf diesem Weg bleiben» (Sprüche 22,6 NL). Kinder müssen lernen, eigenverantwortlich zu entscheiden und den richtigen Weg zu wählen.

Das fünfte Gebot gilt auch für erwachsene Kinder: «Achte deinen Vater und deine Mutter, du verdankst ihnen das Leben! Hör auch dann noch auf sie, wenn sie alt geworden sind» (Sprüche 23,22 GN). Allerdings ist diese Aufforderung von Salomo kein Freipass für die Eltern, ihren erwachsenen Kindern ungefragt in den Alltag hinein zu reden, sondern vielmehr ein Aufruf an erwachsene Kinder, den Rat von Vater und Mutter einzuholen. Kinder sollen eine Mitverantwortung für ihre alternden Eltern tragen.

Vater und Mutter verlassen

Eine elementare Bedingung für erwachsene Kinder, damit sie Vater und Mutter ehren können, ist, dass sie Vater und Mutter verlassen haben (1Mose 2,24). Das gilt nicht nur für Kinder, die heiraten! Es ist wichtig, dass alle Abhängigkeiten aufgelöst und die Herzen einander in voller Freiheit zugewendet werden (Maleachi 3,24). Die Kappung der Nabelschnur ist lebensnotwendig und ein lebenslanger Prozess. Wie viele Mütter dirigieren über Hunderte von Kilometern entfernt ihre erwachsenen Kinder durchs Telefonkabel wie durch eine Nabelschnur! Liebe Eltern von mündigen Kindern, lasst sie los!

Selbst Maria, die Mutter Jesu, hatte Mühe damit. Es gibt mindestens zwei Episoden, in denen Jesus seine Mutter eher ruppig zurechtzuweist (Lukas 8,19-21; Johannes 2,1ff). An der Hochzeit von Kana weist Maria Jesus darauf hin, dass es der Wein ausgegangen ist. Daraufhin spricht Jesus: «Was habe ich mit dir zu schaffen, Frau?» (Johannes 2,4 Elb). Offensichtlich überschritt Maria eine Grenze. Ihre Reaktion beweist, dass sie schnell begriff. Sie sagt nämlich zu den Dienern: «Tut, was immer er euch befiehlt» (5 NL). Der Beweis dafür, dass Jesus seine Mutter auch nach dem Verlassen ehrt, beweist er am Kreuz. Seine Schmerzen sind unerträglich, dennoch kümmert er sich um seine Mutter. Er sagte zu Johannes: «’Sieh, das ist jetzt deine Mutter!’ Da nahm der Jünger die Mutter Jesu zu sich und sorgte von da an für sie» (Johannes 19,27 NGÜ). Das ist vielleicht das am meisten herausragende Beispiel, die Eltern zu ehren.

In jeder Familie gibt es sehr viel Gutes und Segen. Vater und Mutter verlassen bedeutet, beiden einzeln dafür zu danken. Wer für Empfangenes gedankt hat, kommt in die Freiheit. Undank lässt ungute Abhängigkeiten und Bindungen zurück (Römer 1,21), was Unfreiheit zur Folge hat. Es ist sehr wichtig, dass Kinder sich bei Vater und Mutter bedanken. Dies soll sich in einer Grundhaltung ausdrücken, die immer wieder Worte findet, weil Dank ohne Worte nicht ankommt. «Für das Vergangene Dank, für das Kommende Ja», sagte Dag Hammarskjöld. Die Dankbarkeit ist die grösste Kraft des Lebens. Dankbare und erwartungsfrohe Menschen leben statistisch gesehen 7,5 Jahre länger (so der Neuropsychologe und Hirnforscher André Alemann). Da haben wir es wieder, das im fünften Gebot verheissene lange Leben! Dankbarkeit ist nicht die Folge von Glück, sondern die Ursache von Glück.

In jeder Familie gibt es aber auch negative Prägungen. Unperfekte sündige Eltern machen Fehler. Daher ist es unausweichlich, dass in jeder Eltern-Kind-Beziehung nebst viel Gutem auch – oft unbewusst – viel Versagen geschieht. Wir können unseren Kindern nie voll und ganz gerecht werden. Das fünfte Gebot schliesst ein, auch Väter und Mütter zu ehren, die versagt haben. Damit dies überhaupt in Erwägung gezogen werden kann, muss jemand Vater und Mutter verlassen. Ohne Durchtrennung der negativen Prägungen und Abhängigkeiten bleibt das weitere Leben der Kinder belastet. Dabei gibt es eine stille und eine laute Variante: Entweder werde ich Vater und Mutter ihre Fehler dauernd vorwerfen und sie für mein Schicksal verantwortlich machen oder ich bin mir dieser Abhängigkeit nicht bewusst und mache meinen Kindern gegenüber die gleichen Fehler, da ich in der Väterweise gefangen bin.

Die gute Nachricht heisst: Selbst, wenn du viel Belastendes in der Kindheit erlebt hast, kannst du frei von allen negativen Bindungen werden. Der Schlüssel liegt im «Blut, das Jesus Christus vergossen hat: «Ihr wisst doch, dass ihr freigekauft worden seid von dem sinn- und ziellosen Leben, das schon eure Vorfahren geführt hatten, und ihr wisst, was der Preis für diesen Loskauf war: nicht etwas Vergängliches wie Silber oder Gold, sondern das kostbare Blut eines Opferlammes, an dem nicht der geringste Fehler oder Makel war – das Blut von Christus» (1Petrus 1,18f NGÜ). Jesus erklärt, dass sein Blut vergossen wird, «um die Sünden vieler Menschen zu vergeben» (Matthäus 26,28b NL). Der Weg in die Freiheit aus den negativen Prägungen der Eltern führt über Vergebung und Versöhnung. Ein solcher Prozess kann je nach Vorkommnissen sehr schmerzhaft sein. Dieser Weg wird wesentlich vereinfacht, wenn Vater und Mutter die Initiative ergreifen, ihre Unterlassungen und Übertreibungen einsehen, sich demütigen und um Vergebung bitten. Anspruchsvoller ist es, wenn solche versöhnende Gespräche mit Vater und Mutter nicht möglich sind. Doch auch dort ist es für ein Kind von entscheidender Bedeutung, dass es ihnen vergibt und sie freigibt. In diesem Fall handelt es sich um einen Prozess, der allein oder besser mit einem Seelsorger am Kreuz Jesu stattfindet. Dort klagt man Vater und Mutter einzeln und konkret an, spricht ihnen Vergebung zu und entlässt sie in ihre Freiheit. Wenn beim Kind eine gewisse Reife vorhanden ist, wird es auch seinen eigenen Anteil der Schuld einsehen und ebenfalls um Vergebung bitten.

Gerade Menschen, die eine schwere Kindheit hatten, müssen wissen: «Wenn selbst Vater und Mutter mich verlassen, wird doch der Herr mich aufnehmen» (Psalm 27,10 NL). Wer die offenen Armen des himmlischen Vaters entdeckt hat, kann leichter mit den Herausforderungen der eigenen Familie umgehen.

Das Verlassen von Vater und Mutter bewirkt Freiheit und eröffnet uns die Möglichkeit, ein reflektiertes Leben zur Ehre Gottes zu leben! Doch dieser Weg des Dankes und der Vergebung bzw. Versöhnung muss konkret gegangen werden.

Gegenseitige Fürsorglichkeit

In einer Familie geht es immer um eine gegenseitige Verantwortlichkeit. Paulus fordert die Kinder heraus, für ihre Vorfahren zu sorgen: «Wenn eine Witwe jedoch Kinder oder Enkel hat, sind zunächst einmal diese für sie verantwortlich. Sie sollen ihre Ehrfurcht vor Gott dadurch zeigen, dass sie ihre familiären Pflichten erfüllen und sich ihrer Mutter und Grossmutter gegenüber dankbar erweisen für alles, was sie von ihr bekommen haben, denn das gefällt Gott» (1Timotheus 5,4 NGÜ). Auch in Zeiten von Sozialversicherungen, soll man innerhalb der Familie füreinander Verantwortung übernehmen. Der gesellschaftliche Trend geht ja vielmehr dahin, dass man die Eltern bzw. Grosseltern versorgt. Doch die Bibel spricht von ‚sorgen’. Wenn erwachsene Kinder aus der Freiheit, und nicht aus Pflichtgefühl oder schlechtem Gewissen, für ihre Eltern sorgen und sie auf diese Weise wertschätzen, so ehren sie den Vater bzw. die Mutter.

Paulus appelliert aber auch an Vater und Mutter: «Denn wenn sich jemand nicht um seine Angehörigen kümmert, vor allem um die, die unter einem Dach mit ihm leben, verleugnet er den Glauben und ist schlimmer als jemand, der nicht an Christus glaubt» (1Timotheus 5,8 NGÜ). Die Verantwortung der Eltern für ihre Kinder dauert nicht nur die ersten 20 Lebensjahre, sondern so lange wie nötig. Manchmal sagen Eltern: «Jetzt habe ich ein Leben lang gekrampft und nun geniesse ich es einfach einmal. Nun sitze ich im Garten meines 7-Zimmer-Einfamilienhauses, reisse ein wenig Unkraut aus und zünde den Grill an!» Doch die Bibel sagt: «Du hast eine soziale Verantwortung gegenüber den jüngeren Generationen.» Der finanzielle Segen, den du erfahren hast, soll auch zum Segen für deine Kinder werden. Ich will euch ermutigen, auch mit dem, was Gott euch an finanziellem Segen anvertraut hat, die soziale Verantwortung gegenüber euren Kindern wahrzunehmen. Es ist das biblische Prinzip der gegenseitigen Fürsorge.

 

Das Ziel im Miteinander der Generationen ist nicht Unabhängigkeit, sondern in Freiheit einander zugewendete Herzen! «Er wird die Herzen der Väter ihren Kindern und die Herzen der Kinder ihren Vätern zuwenden, damit ich bei meinem Kommen nicht das Land vernichten muss» (Maleachi 3,24 NL). Einander zugewendete Herzen sind ein Segen für die Familie und darüber hinaus eine erhaltende Kraft für das ganze Land!

 

 

 

 

Mögliche Fragen für die Kleingruppen

Bibeltext lesen: Epheser 6,1-4

  1. Wo beobachtest du, dass die Verheissungen, die auf dem fünften Gebot liegen, tatsächlich eintreffen?
  2. Was bedeutet es für dich in der aktuellen Situation, Vater und Mutter zu ehren?
  3. Was bedeutet gegenseitige Fürsorge bzw. Verantwortlichkeit der Generationen? Was ist deine Herausforderung nach oben und nach unten?
  4. Wo stehst du im Prozess des Verlassens von Vater und Mutter? Inwiefern sind sich eure Herzen bereits in Freiheit zugewendet?

Praxistipp: Ehre deine Mutter und deinen Vater bis zum nächsten Mal ganz konkret!