Josef – vom Stolz zur Demut

Datum: Sonntag, 9. August 2020 | Prediger/in:
Serie: | Bibeltext: 1. Mose 37,1-11

Josef hatte bereits mit 17 Jahren Träume, die tatsächlich dreizehn Jahre später in Erfüllung gehen sollten. Von seinen Träumen bis zu seiner Bestimmung gab es viele Tests und Herausforderungen zu bestehen. Einer davon war der Stolztest. Gott half ihm dabei, ein demütiger Mensch zu werden.


 

Von der ersten Begegnung zwischen Jakob und Rahel wusste er: für diese Frau bin ich bereit, alles zu geben! Laban, der Vater von Rahel, wusste dies zu nutzen und liess ihn sieben Jahre für sich arbeiten. Dann die Hochzeit. Doch als Jakob den Schleier seiner Angetrauten hob, sass der Schock tief. Es war die falsche Frau. Lea, die Schwester von Rahel. Auf sein Versprechen hin, dass er den Brautpreis von sieben Jahren nochmals abarbeiten wird, durfte Jakob nach der Hochzeitswoche auch Rahel seine Frau nennen. Nun hatte er gleich zwei Frauen, doch er liebte Rahel mehr als Lea.

Dann ging es mit Kindern los. Sechs Söhne und eine Tochter von Lea, zwei Söhne von Bilha, der Magd von Rahel, zwei Söhne von Silpa, der Magd von Lea, keine Kinder von Rahel. Dank Hilfe aus der Naturmedizin wurde sie nach langem Warten und Leiden doch noch schwanger: Josef kam zur Welt! Von Rahel und Jakob heiss ersehnt. Bei der Geburt des zweiten Sohnes, Benjamin, starb Rahel (1Mose 35,18).

In den Kapiteln 37 – 50 des 1. Mose wird die traumhafte Geschichte von Josef geschildert. Bibeltext lesen: 1Mose 37,1-11 NL.

Stolze Träume

Aufgrund der Geschichte ist es verständlich, dass Josef zu Jakobs Lieblingssohn wurde, doch leistete er ihm damit einen Bärendienst und schlechte Startbedingungen fürs Leben. Weil sein Vater ihn mehr liebte, wurde er stolz und anmassend. Dafür wurde er von seinen elf Brüdern umso mehr gehasst. Elf Brüder gegen sich zu haben, bedeutet viele Schwierigkeiten. Mit 17 Jahren war Josef ein verwöhntes Vatersöhnchen mit Allüren. Er war ein ungeschliffener Diamant. Michelangelo wurde gefragt, wie er es schafft, aus einem Marmorblock, der vor ihm liegt, so wunderbare Statuen zu meisseln. Die weltberühmte Davidsstatue hat er aus einem Marmorblock gehauen. Seine Antwort lautete: «Ich habe alles weggeschlagen, was nicht zu David gehört.»

Josef erzählte seinen Brüdern seine stolzen Träume. Im ersten Traum verneigten sich die Garben der Brüder vor der Garbe von Josef, im zweiten verneigten sich die Sonne, der Mond und elf Sterne vor ihm. Damit waren Mutter, Vater und die Brüder gemeint. «Josefs Brüder waren eifersüchtig auf Josef. Aber sein Vater dachte über den Traum nach» (1Mose 37,11 NL). Josef hatte grossartige Visionen, aber einen unreifen, problematischen Charakter. Er war ein «Schnudergoof». Gott liebt es, mit Menschen so, wie Michelangelo mit dem Marmorblock tat, zu verfahren. Alles, was nicht zu dazugehört, arbeitet er weg.

Das Interessante bei Josef ist ja, dass seine Träume – dreizehn Jahre später – tatsächlich in Erfüllung gehen sollten. In langen dreizehn Jahren arbeitete Gott intensiv mit und an Josef, so dass er zu dem Mann werden konnte, der sein Volk vor dem sicheren Hungertod rettete. Gott testete Josef und formte an. Das englische Wort testamony übersetzt sich mit Zeugnis. Wer die Tests besteht, erhält zum Schluss ein gutes Zeugnis. Doch der Weg vom Traum zur Bestimmung dauerte geschlagene dreizehn Jahre. Mir fällt auf, dass jungen Theologiestudenten oft an den Ausbildungsstätten gesagt wird, dass sie Geschichte schreiben werden und Gott Grosses mit ihnen tut. Leider wird aber wenig über den dreizehn Jahre langen Weg voller Tests gesprochen.

Das wollen wir doch auch. Wir wollen ein bedeutsames Leben führen. Wir wollen unsere Gaben für etwas Grosses einsetzen. Junge Leute haben grosse Träume. Wir wollen, dass von uns ein Vermächtnis zurückbleibt, wenn wir mal gegangen sind. Gott sieht in den Marmorblöcken vor ihm eine Margrit, einen Ralf, eine Ruth, einen Ernst, etc. Gott will dich wachsen lassen, damit du mehr Verantwortung übernehmen kannst. Gott sieht in dir eine Person, die ein bedeutsames Leben führen kann. Leider verweigern wir uns oft den Tests und verlieren die Träume aus den Augen. Das ist eine Tragödie.

Wirkungsvolle Therapie

«Gott stellt sich den Stolzen entgegen, den Demütigen aber schenkt er Gnade! Deshalb beugt euch demütig unter die Hand Gottes, dann wird er euch ehren, wenn die Zeit dafür gekommen ist» (1Petrus 5,5 NL). Josef hatte nebst den Brüdern eine weitere Person, die sich ihm entgegenstellte. Gott! Gott ist ein wunderbarer Künstler, besser noch als Michelangelo. Er therapiert Josef durch verschiedene Tests: den Stolz-, Verlierer-, Erfolgs-, Belastungs-, Ausdauer- und Vergebungstest. Das Ziel ist Demut – wie beispielsweise Mose sie hatte. Von ihm heisst es, er sei der demütigste Mensch auf Erden (4Mose 12,3). Deshalb genoss Mose ein besonderes Privileg: «Mit ihm spreche ich persönlich, direkt und nicht in Rätseln! Er sieht den Herrn in seiner Gestalt» (4Mose 12,8a NL).

Wie kann ein Mensch demütig werden? Demut gehört nicht zur Frucht des Geistes, die von selbst wächst, wenn wir mit Jesus verbunden sind. Es geht so: «Vor dem Sturz ist das Herz eines Mannes stolz; und ehe man zu Ehren kommt, muss man demütig sein» (Sprüche 18,12 Lut). Noch in den Ferien erzählte mir mein Schwager vom Single Trail Chranzeberg, der eine fortgeschrittene Fahrtechnik erfordert. Ich lächelte überlegen, als er sagte, er wisse nicht ob ich da runterfahre, und habe meinen Besuch angekündigt. Unterdessen bin ich an der Rigi gestürzt. Nun bin ich nicht mehr so sicher, ob ich da einfach so – mir nichts dir nichts – runterflitze. Stürze sind nicht schön. Sie holen uns vom hohen Ross. Zur Therapie von Josef gehörte mancher Sturz dazu. Zuerst warfen die Brüder ihn in eine Zisterne. Dann wurde er nach Ägypten verkauft. Dort wurde er völlig zu Unrecht ins Gefängnis geworfen und einfach vergessen.

Wenn Gott unseren Stolz bearbeitet, will er uns keinesfalls zur Schnecke machen. Aber es werden Stürze geschehen, die uns nicht passen: Zurückstellung, Schicksalsschläge, Krankheit, Unfall, Ungerechtigkeiten. Man sagt, dass Menschen v.a. drei Reaktionen zeigen: Fight (Kampf), Flight (Flucht) oder Freeze (Apathie). Wir brauchen dringend eine vierte Reaktion und sollen in «Stürzen» Gottes Wege sehen, durch die er uns mehr zu der Person macht, die seine Bestimmung findet. Wir müssen lernen, in unseren Stürzen Chancen zu sehen, in der Demut zu wachsen. Gott will uns zu Menschen formen, deren stolze Träume wahr werden. Leider realisieren wir es nicht, sträuben uns dagegen und verhangen in einem unbedeutenden Leben, in dem es um Lustmaximierung und Leidminimierung geht.

Befreiende Demut

Demut hat nichts mit einem grauen Mäuschen oder einem Verliererimage zu tun. Selbst bei Jesus war sie Bedingung dafür, dass er seine überaus bedeutsame Berufung, nämlich Menschen mit Gott zu versöhnen und ihnen eine ewige Heimat beim Vater anzubieten, tun konnte. «Er verzichtete auf alles; er nahm die niedrige Stellung eines Dieners an und wurde als Mensch geboren und als solcher erkannt. Er erniedrigte sich selbst und war gehorsam bis zum Tod» (Philipper 2,7f NL). Diesem Vorbild sollen wir nacheifern.

Demut – dieses Wort versteht man heute kaum noch. Heute dreht sich alles um Selbstverwirklichung, Selbstinszenierung und Ich, Ich, Ich... Demut ist das Gegenteil von Stolz. Stolz heisst, ich kann es, ich bin wichtig, ich bin der Beste. Es geht um mich. Aber Vorsicht, Demut ist nicht zu verwechseln mit Selbstmitleid. Selbstmitleid ist im Grunde das gleiche wie Stolz. Denn es geht da hinaus: «Oh, ich bin so arm, ich kann nichts, ich habe nichts.» Der Blick ist ebenfalls auf mich gerichtet. Demut ist fundamental anders. Demut heisst nämlich: Ich schaue nicht auf mich, sondern auf Gott und unterordne mich Gott. Für Demut müssen wir wissen, wer Gott ist, und wer wir sind. Demütige Menschen betrachten die Welt mit anderen Augen. Nicht sie selbst sind der Mittelpunkt, um das sich alles drehen muss, sondern Gott. «Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den andern höher als sich selbst» (Philipper 2,3 NL). Ein demütiger Mensch kann um Vergebung bitten, er kann zu seinen Schwächen stehen, er kann mit Lob und Kritik umgehen, er achtet andere höher als sie sich selbst, kann anderen dienen und findet hinein in ein Leben in der Kraft Gottes. Er findet seine Bestimmung.

An Josef wurde gehämmert und geschliffen. Als er mit 17 seinen Brüdern seine Träume auftischte, ging es nur um ihn und seine Ehre. In seinem Weltbild stand er in der Mitte und alles dreht sich um ihn. Viele Jahre später sollte er die Träume des Bäckers und des Mundschenks deuten. Er sagt: «Nur Gott kann Träume deuten» (1Mose 40,8 NL). Bei einer Traumdeutung für Pharao meint er: «Es steht nicht in meiner Macht, das zu tun, Majestät», antwortete Josef, «nur Gott kann es. Aber er wird Ihnen sicher etwas Gutes ankündigen» (1Mose 41,16 NL). Josef bekam ein völlig neues, ein demütiges Mindset.

Die folgende Geschichte handelt von einem demütigen Menschen: Bei der menschenverachtenden Kulturrevolution im letzten Jahrhundert in China wurde auch ein Arzt und seine Frau verhaftet. Es war ihnen gelungen eine Bibel durch alle Verhöre hindurchzubringen. Schwere körperliche Arbeit zehrte an ihren Kräften. In finsteren Zeiten meinten sie, Gott habe sie vergessen. Die Frau eines Brigadeleiters war schon sechsmal schwanger. Jedes Mal kam es zu einer Fehlgeburt. Beim siebenten Mal wurde der Arzt gerufen, um als Geburtshelfer tätig zu werden. Das Kind kam lebend zur Welt, wurde aber wenige Tage nach der Geburt sehr krank. Man bat den Arzt erneut um Hilfe. Der fragte sich, ob er Menschen helfen sollte, die viele Male gezeigt hatten, dass sie Christen hassten. Getrieben von dem Wissen, dass Jesus will, dass wir sogar unsere Feinde lieben, erklärte der Arzt sich bereit zu helfen. Doch wie? Er hatte keinerlei Medizin. Da kniete er mit seiner Frau vor Eltern und Kind und erbat die Hilfe seines Herrn Jesu. Das Gebet wurde erhört. Das Kind wurde gesund. Die Haft des Arztes und seiner Frau wurde erleichtert, aber nicht aufgehoben. Erst nach 27 Jahren wurden die beiden entlassen.

Hätte der Arzt stolze Animositäten gegenüber dem Brigadeleiter empfunden, hätte er nicht retten können. Ein stolzer Josef hätte seine Brüder nicht retten können. Wie schon gesagt, wurde selbst Jesus nur mit Demut zum Retter der Menschen. Grosse Träume, wenn sie dann von Gott sind, haben immer mit Rettung von Menschen zu tun. Dazu brauchen wir ein demütiges Herz. «Den Demütigen wird der HERR Gnade geben» (Sprüche 3,34 Lut). Warum ist das Christentum so schwach und bedeutungslos geworden? Sicher nicht, weil Jesus Menschen nicht für Grösseres berufen würde. Vermutlich liegt es daran, dass wir die «Stürze» zur Demut nicht annehmen.

Jesus sagt: «Kommt alle her zu mir [...] Ich will euch lehren, denn ich bin demütig und freundlich, und eure Seele wird bei mir zur Ruhe kommen» (Matthäus 11,28f NL). Nehmen wir diese Einladung an, lernen wir von Jesus. Er ist es, der unsere Träume in Wirklichkeit bringt. Demut ist eine Voraussetzung, um Salz und Licht in dieser Welt zu sein.

 

 

 

Mögliche Fragen für die Kleingruppen

Bibeltext lesen: 1. Mose 37,1-11

  1. Was für Träume für dein Leben hattest du in jungen Jahren? Was ist daraus geworden?
  2. Warum hat Gott Josef den Traum nicht einfach 13 Jahre später gegeben?
  3. Was ist Stolz? Was ist Demut? Wie lernt man Demut?
  4. Warum geschieht die Verwirklichung unserer Träume oft erst, wenn wir Demut geübt haben?
  5. Kennst du einen Menschen, den du als demütig bezeichnen würdest?