Josef – im Brunnen ausgebremst

Datum: Sonntag, 30. August 2020 | Prediger/in:
Serie: | Bibeltext: 1. Mose 37,12-30

Seine Brüder warfen Josef in einen Brunnen. Dort sass er voller Angst und ohne Zukunftsaussichten. Doch Gott zog im Hintergrund bereits die Fäden. Josef sagt später: «Gott hat alles Böse, das ihr geplant habt, zum Guten gewendet. Auf diese Weise wollte er das Leben vieler Menschen retten» (1Mose 50,20 NL). Wir sind es schlichtweg nicht mehr gewohnt, mit Schmerz, Leid und Tod umzugehen. Dabei ist es der Weg, auf dem Gott uns formt und zu Salz und Licht auf dieser Welt macht. Wir müssen lernen, das Leiden zu umarmen.


Vor zwei Wochen hat der Referent hier in seiner Predigt folgenden Satz ausgesprochen: «Erwarte, wenn du unterwegs bist und neue Wege gehst, extra Schwierigkeiten! Wunder bringen immer extra Schwierigkeiten mit sich.» Ich erachte es als die grösste Gefahr des westlichen Christentums, dass wir vom Wohlstand verwöhnt, leidensscheu sind. Schulter-OP’s gelten als sehr schmerzhaft. In unserer modernen Medizin sind wir soweit, dass durch einen Schmerzkatheter direkt in den Nerv, der zur Schulter geht, zweihundertmal stärkeres Mittel als Morphin geleitet wird. Sollte der Schmerz dennoch unangenehm werden, konnte ich einmal pro Stunde einen Impuls auslösen, der eine Extraportion Schmerzmittel auslöste. Genial! Wir sind Spezialisten im Schmerz verhindern – nicht nur medizinisch, sondern im ganzen Leben. Und so siechen wir fröhlich in unserer Glaubens-Wohlfühlzone dahin – und Schwierigkeiten kommen, drücken wir auf den Knopf, der da heisst «Jesus, schaffe das Problem weg!» Wir sind es schlichtweg nicht mehr gewohnt, mit Schmerz, Leid und Tod umzugehen. Die Folge davon ist ein braves, langweiliges Glaubensleben und viele Enttäuschungen, weil Jesus nicht einzugreifen scheint.

Josef erlebte, was es heisst, in der engen Zisterne zu sitzen. Wir lesen aus seiner Geschichte in 1. Mose 37,12-30. Josef sass im Brunnen. Ich brauche das als Bild für Situationen des Leids, der Not und ausweglosen Situationen. In solchen Begebenheiten gibt es immer direkt und indirekt Betroffene.

Ruben - indirekt betroffen

«Als Ruben das hörte, wollte er Josef helfen. ‘Lasst ihn am Leben’, sagte er. ‘Vergiesst kein Blut! Werft ihn stattdessen lebendig in diese Zisterne hier in der Wüste. Aber tut ihm nichts an.’ Insgeheim jedoch plante Ruben, Josef zu retten und ihn zu seinem Vater zurückzubringen» (1Mose 37,21f NL).

Es ist überraschend, dass ausgerechnet Ruben für das Leben von Josef kämpfte. Er war der Erstgeborene und hätte das schönste Kleid und auch das Erbe erhalten sollen. Zudem stand auch der Erstgeburtssegen in Gefahr. Tatsächlich wurden die zwei Söhne Josefs Ruben in Sachen Segen gleichgestellt (1Mose 48,5). Dennoch steht Ruben als einziger für das Recht ein und versucht zu retten, was zu retten ist. Und das ist keine Eintagsfliege. Später, als Benjamin in Gefahr ist, tut er es wieder (1Mose 42,37).

Viele Jahre später kommt einer, der sich ebenso für andere Menschen in der Klemme einsetzt. Er hätte allen Grund gehabt, nicht auf diese Welt zu kommen und sich die Hände richtig dreckig zu machen. Er zieht es durch und zieht als Bilanz: «Es ist vollbracht!» (Johannes 19,30).

Es ist göttlich, sich angesichts des Leids anderer für das Recht einzusetzen. Ruben kommt zurück und zerreisst seine Kleider, weil er nichts mehr machen kann. Oft sind indirekt Betroffene machtlos. Kürzlich begegnete mir ein Zitat von Rajesh aus Indien: «Wenn jemand kommt und mich schlägt oder tötet, dann ist das in Ordnung. Ich bin bereit, es für Christus zu ertragen. Aber was ist, wenn jemand kommt und meine Kinder schlägt?» Gerade als Eltern ist es schwer zu ertragen, wenn die Kinder leiden. Man würde gerne selbst sterben, wenn dadurch das Kind am Leben bliebe. Oft kann man nichts Anderes tun, als einfach still mitzuleiden. Das fällt uns schwer! Und so lassen wir uns zu Aussagen verführen, die mehr verletzen als aufbauen. Zum Beispiel durch optimistische Prophezeiungen, die mehr unsere Hilflosigkeit widerspiegeln als das Reden Gottes. Oder wir tun so, als ob wir die leidende Person verstehen würden. Was für eine Anmassung. Niemand kann das Leid des andern verstehen!

Es ist so wichtig, dass wir im Leid nicht nur hinter den direkten Betroffenen, sondern auch hinter den indirekten Betroffenen stehen.

Josef – direkt betroffen

Und wie geht es wohl Josef in der Zisterne? Die Brüder sagten später zueinander: «Das alles ist nur aufgrund dessen geschehen, was wir Josef vor langer Zeit angetan haben. Wir haben seine Angst gesehen, als er uns um Gnade anflehte, aber nicht darauf gehört. Jetzt müssen wir dafür büssen» (1Mose 42,21 NL). Josef stand panische Todesangst aus. Dazu kam die Enge, die Schmerzen, die Hoffnungslosigkeit, die Einsamkeit. Er kriegte gerade noch so viel Luft, dass er um Gnade flehen konnte.

Vielleicht fühlst du dich gerade ähnlich oder kennst solch beengende Situationen aus vergangenen Tagen. Da ist vielleicht eine Diagnose mit ungewisser Zukunft, körperliche oder seelische Schmerzen, der nagende und sich nicht erfüllende Ehe- oder Kinderwunsch, die Beziehung, die zerbricht. Eine dunkle Nacht der Seele. Was dann?

Petrus beschreibt, auf was es dann ankommt: «Vor euch liegt eine grosse Freude, auch wenn ihr für eine Weile viel erdulden müsst. Dies dient nur dazu, euren Glauben zu prüfen, damit sich zeigt, ob er wirklich stark und rein ist. Er wird erprobt, so wie Gold im Feuer geprüft und geläutert wird – und euer Glaube ist Gott sehr viel kostbarer als blosses Gold. Wenn euer Glaube also stark bleibt, nachdem er durch grosse Schwierigkeiten geprüft wurde, wird er euch viel Lob und Herrlichkeit und Ehre einbringen an dem Tag, an dem Jesus Christus der ganzen Welt offenbart werden wird» (1Petrus 1,6f NL).

Dreh- und Angelpunkt ist der Satz: «Wenn euer Glaube also stark bleibt.» Wenn wir im Brunnen eingeklemmt sind, sollen wir in erster Linie darauf achten, dass das Vertrauen zu Gott stark bleibt. Unsere inneren Reflexe machen das Gegenteil: sie zweifeln daran, ob es Gott überhaupt gibt, weil wir der irrigen Meinung aufgesessen sind, dass wir als getaufte Christen nicht mehr in die Zisterne geraten und wenn es doch geschehen sollte, wir ja einen Helikopter Gott haben, der uns sofort aus der misslichen Lage rettet. Für das ist er doch da! Stell dir einen Jungen vor, der sich auf der Toilette einschliesst und trotz verzweifelten Versuchen die Tür nicht mehr öffnen kann. Er bekommt Panikschübe und schreit um Hilfe. Der Vater hört ihn und steigt über das Fenster in den engen Raum hinein. Der Junge ist glücklich und hat nur einen Wunsch: dass der Vater die Tür öffnet und er mit seinen Legos weiterspielen kann. Der Vater hingegen erachtet es als wichtiger, beim Sohn in seiner Not zu sein und Gemeinschaft mit ihm zu verbringen. Im Brunnen steht die eine Frage im Raum: Verzweifeln wir oder kann ein Funke Hoffnung in uns aufkeimen? Vertraue ich Ihm, dass er es gut macht?

Laut Petrus haben Krisen einen Zweck. Sie prüfen unseren Glauben, so dass er kostbarer als Gold wird. Vergeude kein Zisternenerlebnis! Wir sind dann aus der Sicht Gottes «work in progress». Das erinnert mich an die Statue «David», die von Michelangelo gehauen wurde. Auf die Frage, wie er ein solch wunderbare Statue aus einem Marmorblock schaffen könne, antwortete er: «Ich schlage einfach alles weg, was nicht zu David gehört.» Wir brauchen Krisen, wenn wir zu dem Menschen werden wollen, den Gott in uns sieht. In Römer 5,3ff ist ein Kreislauf beschrieben: durch Sorgen und Probleme lernen wir Geduld, Geduld macht innerlich stark und das wiederum macht uns zuversichtlich in der Hoffnung und führt zur Liebe. Der ganze Reifungsprozess beginnt mit der Zisterne. Dort müssen wir lernen, das Leiden zu umarmen.

Gott - wo bist du eigentlich?

Ist denn Gott überhaupt vertrauenswürdig? Wo ist er denn in der Geschichte von Josef? Folgende Beobachtung ist mein Highlight in dieser Geschichte. Auf Geheiss seines Vaters Jakob kam Josef zu dem Feld, wo die Brüder sein sollten. «Als Josef dort auf den Feldern umherirrte, traf er einen Mann. ‘Was suchst du?’, fragte dieser ihn» (V.15 NL). Josef irrte umher, so dass es zu einer Verzögerung kam. Dadurch erfolgte das Brunnendebakel ebenfalls später. «Dann setzten sie sich zum Essen. Auf einmal entdeckten sie eine Karawane, die von Gilead her auf sie zukam» (V.25 NL). Dank der Verzögerung auf dem Feld, stimmte nun das Timing perfekt. Wenn diese Karawane nicht gekommen wäre, hätten sie Josef im Brunnen liegengelassen. Gott hat längst im Hintergrund die Fäden gezogen. Davon spürte Josef in der Zisterne rein nichts. Wenn wir im Brunnen sitzen, dürfen wir Vertrauen, dass Gott die Fäden in der Hand hat. Du darfst wissen: Gott steht über allem und hat einen Plan für dich und mich. Und falls du gerade herumirrst, kann es sein, dass das Timing noch nicht stimmt. In jeder Situation darfst du wissen, dass Gott einen Plan hat und nicht zu spät kommt.

Viel später, als Josef sich seinen Brüdern zu erkennen gibt, sagte er: «Ich bin euer Bruder Josef, den ihr nach Ägypten verkauft habt. Aber macht euch deswegen keine Vorwürfe. Gott selbst hat mich vor euch her geschickt, um euer Leben zu retten» (1Mose 45,4f NL). Im Brunnen hatte Josef nur pure Angst. Erst viel später hat er eine neue Sicht bekommen. Vielleicht passiert dies auch bei dir irgendwann durch die Zeit. Noch etwas später sagte Josef zu ihnen: «Was mich betrifft, hat Gott alles Böse, das ihr geplant habt, zum Guten gewendet. Auf diese Weise wollte er das Leben vieler Menschen retten» (1Mose 50,20 NL). Josef kam anders aus dem Brunnen, wie als er hineingeworfen wurde. «Der Herr half Josef und liess ihm alles gelingen» (1Mose 39,2 NL).

 

Ein Rabbiner schreibt: «In einem Traum nahm ich an einem merkwürdigen Prozess teil. Drei fromme Rabbiner hatten beschlossen über Gott Gericht zu sitzen, wegen des Blutbades unter seinen Kindern. In erregter Diskussion erheben sie verbittert Anklage gegen Gott, der sein Volk dem Vergessen und somit den Mördern anheimgegeben habe. Gott komme seinen Bundesverpflichtungen gegenüber den Juden in sträflicher Weise nicht nach. Im Verlauf des Prozesses wurde Gott in allen Punkten schuldig gesprochen. Nach dem Urteil sagte einer der Rabbiner im Anbetracht der untergehenden Sonne, es sei jetzt Zeit zum Gebet. Und sie senkten ihre Köpfe und beteten.» Die ganze Bibel erzählt davon, dass wir aus der Zisterne heraus Gott anklagen dürfen. Und Gott als Angeklagter dem standhält, ja, dass er sich verteidigt und dass er seine Allmacht und Liebe unter Beweis stellt, dass er sich von dieser Anklage nicht klein runterkriegen lässt, sondern sich geradezu herausfordern lässt, göttlich zu handeln (vgl. Jesaja 54,7-8). Im Hebräischen nennt man Gott kabod (heilig). Kabod heisst schwer von Gewicht. Gott hält das mit seiner Kraft, seinem Gewicht aus, wenn wir ihn anklagen. Er ist der Heilige, ihn kann nichts umstossen. Und weil er so gewichtig ist, senken am Ende dieser Geschichte die Rabbiner ehrfurchtsvoll ihren Kopf und beten Gott an. Sie geben ihm die Ehre und überlassen ihm das letzte Wort, das letzte Urteil. Alles, was sie vorher in der Anklage aufgetischt haben, sind Vorurteile. Das letzte Wort hat der Heilige, der Gewichtige. Dieser heilige Gott segne dich auch in den Momenten, in denen dir nur zum Klagen zu Mute ist.

Ein ehemaliger Regionalleiter wartet mit Bauchspeicheldrüsenkrebs auf das Sterben. In einem Interview erzählt er, wie er zuversichtlich seinem Heiland entgegengehe. Sein Wunsch ist es, dass an der Trauerfeier das Lied «Herrscher der Ewigkeit» gesungen wird. Gott vertrauen bedeutet, nach allem KIagen und allen Vorurteilen Ihn anzubeten. Er ist gut und macht es gut!

 

 

 

 

 

Mögliche Fragen für die Kleingruppen

Bibeltext lesen: 1. Mose 37,12-30; Römer 5,3-5

  1. Wie könnte sich Josef im Brunnen gefühlt haben. Wann und wie solchen Situationen hast du auch solch beengende Gefühle gehabt?
  2. Es gibt ein Lied mit der Aussage «In dir ist Freude in allem Leide». Wie kann man sich im Brunnen freuen?
  3. Was denkst du über die Aussagen in Römer 5,3-5? Warum könnten Brunnenerlebnisse der Schlüssel zu einem Leben in Hoffnung und Liebe sein?
  4. Was für eine Denkvoraussetzung ist wichtig, um im Brunnen Gott zu vertrauen?
  5. Wem könntest du beistehen, der gerade im Brunnen sitzt? Was gilt es dabei zu beachten?