Heilig – Heilig – Heilig

Datum: Sonntag, 8. Januar 2023 | Prediger/in:
Serie: | Bibeltext: Jesaja 6,1-7

Gottes Heiligkeit konfrontiert uns mit einer Seite Gottes, die wir kaum fassen können. Sie zeigt ihn uns als den völlig Anderen, der uns dennoch zugewandt ist. Es bleibt eine Herausforderung, diesem Gott zu begegnen und ihn dabei weder klein und berechenbar noch distanziert und angsteinflössend zu machen. Die Beschäftigung mit dem Thema lohnt sich: Denn, dass Gott heilig ist, ist die tiefste und umfassendste Wesensbeschreibung Gottes. In ihr wird deutlich, warum Gott Gott ist. Es ist für Christen das grösste Geschenk, dass sie zu genau diesem Gott Vater sagen dürfen und in seiner Gegenwart leben können.


Für Gisela Beyer wird der 5. August 2010 vermutlich ihr Leben lang ein Tag der Freude und der Trauer bleiben: Während ihre zweite Tochter an diesem Tag einen gesunden Enkelsohn auf die Welt bringt, wird ihre jüngste bei einem Hilfseinsatz in Afghanistan ermordet. Im Rückblick schreibt die Ärztin: «Die Nachricht konfrontierte mich mit der Heiligkeit Gottes. Er ist der Herr über Leben und Tod. Punkt. Nach und nach tastete ich mich heran, um es irgendwie zu verstehen. Aber menschliches Erkennen ist Stückwerk, das gilt bis heute, auch wenn wir vieles erlebt haben, durch das etwas Licht in das Geschehen gekommen ist.» (Gisela Beyer, zitiert aus «Zeichen des Himmels. Als meine Tochter als Märtyrerin starb» in der Zeitschrift Lydia 4/2011)

Auch wenn nicht alle Christen eine so dramatische Erfahrung machen wie diese Mutter, kommen die meisten doch irgendwann an einen Punkt, an dem sie merken: «Gott ist anders, er ist grösser und souveräner als ich es bisher gedacht habe! Er tut Dinge, die ich nicht verstehe, ja von denen ich das Gefühl habe, dass sie meinen Verstand übersteigen.» Frau Beyer bringt diese Erfahrung mit einer Eigenschaft Gottes in Verbindung, die schwer fassbar ist: Seine Heiligkeit.

Die Heiligkeit Gottes

Jesaja hat zu Beginn seiner Prophetenlaufbahn eine Begegnung mit Gott, die ihn völlig aus der Bahn wirft: Gott erscheint ihm in einer Vision im Tempel. Jesaja schreibt: «In dem Jahr, als König Usija starb, sah ich den Herrn. Er sass auf einem hohen Thron und war erhöht und der Saum seines Gewandes füllte den Tempel. Über ihm schwebten Seraphim mit sechs Flügeln. Jeder hatte sechs Flügel! Mit zwei Flügeln bedeckten sie ihre Gesichter, mit zweien ihre Füsse und mit dem dritten Paar flogen sie. Sie riefen einander zu: Heilig, heilig, heilig ist der HERR, der Allmächtige! Die Erde ist von seiner Herrlichkeit erfüllt! Dieses Rufen liess die Fundamente der Vorhalle erzittern und der Tempel wurde mit Rauch erfüllt» (Jesaja 6,1-4 NLB).

Vor dem Thron Gottes wird ununterbrochen das «Heilig, heilig, heilig» (vgl. Offenbarung 4,8) gesungen. In der jüdischen Sprache wurde die Wichtigkeit einer Aussage durch eine zweifache Wiederholung hervorgehoben. Wird eine Aussage sogar dreifach wiederholt, gehört dies zu den stärksten Superlativen der hebräischen Sprache. In der gesamten Heiligen Schrift wird alleine die Heiligkeit Gottes dreifach wiederholt!

Bei der Beschreibung der Heiligkeit Gottes stossen wir an eine Grenze. Der Theologe Rudolf Otto definiert Heiligkeit als eine Kategorie, die sich aus Bestandteilen des Rationalen und des Irrationalen zusammensetzt. Beides kommt im Heiligen zusammen: das, was wir von Gott wahrnehmen und verstehen können, aber auch das, was uns immer geheimnisvoll und fremd sein wird. Die Heiligkeit Gottes ist ein Mysterium, das für uns Menschen nicht zu begreifen ist. Im Hinblick auf die Heiligkeit Gottes meint Gerhard Tersteegen: «Ein begriffener Gott, ist kein Gott.» Gott kann nur Gott sein, wenn er unbeschreiblich bleibt. Wenn Gott so klein wäre, dass wir ihn verstehen könnten, wäre er nicht gross genug, um angebetet zu werden. Das Multimediateam versucht im Clip, der jeweils vor der Predigt läuft, mit majestätischen, gewaltigen und eindrücklichen Naturphänomenen das Mysterium Gottes darzustellen. Doch wenn ich schon die Schöpfung nicht begreifen kann, wie sollte ich dann Gott umfassend verstehen können? Was ist die Schönheit und Wildheit Tausender Galaxien gegenüber demjenigen, der die Kraft und Kreativität besitzt, sie alle zu erschaffen? Was ist eine Supernova im Vergleich zu dem, der das Licht selbst erdacht hat? Die Heiligkeit Gottes ist so einzigartig, dass wir keinen Vergleich haben. «‘Mit wem also wollt ihr mich vergleichen? Wer ist mir gleich?, fragt der Heilige» (Jesaja 40,25 NLB).

Heilig meint, Gott ist der ganz Andere. Das hebräische Wort für Heiligkeit heisst qadosch. Diesem Begriff liegt vor allem der Gedanke des Abgesondertseins, des ganz anders Seins zugrunde. Diese Wortwurzel wird in den Texten des Alten Testaments über 800-mal erwähnt. In den neutestamentlichen Schriften finden wir das griechische Wort für heilig, hagios, über 150-mal. Die Aussage, dass Gott heilig ist, ist zentral und unersetzlich für den christlichen Glauben. Es ist Seine eigentliche Kerneigenschaft. Gott ist absolut einzigartig, gewaltig, Er ist die Quelle des Lebens.

In der Bibel begegnet uns im Zusammenhang mit Gottes Wesen immer wieder das Bild des Feuers. «Denn unser Gott ist ein verzehrendes Feuer» (Hebräer 12,29 NLB). Zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen in den Jungscharlagern gehören die Abende rund um ein Lagerfeuer. Vor einem Feuer verspüren wir eine ganz besondere Atmosphäre. Wir sind gefesselt von der unbändigen, alles verzehrenden Kraft der Flammen. Wir geniessen die Wärme, die von ihnen ausgeht, und wir achten darauf, das Feuer am Leben zu erhalten. Doch nie kämen wir auf die Idee, uns selbst mitten ins Feuer zu begeben, weil wir wissen, dass wir Menschen zwar die Kraft und Schönheit des Feuers geniessen können, den Flammen selbst jedoch nichts entgegenzusetzen haben. Sie sind stärker als wir, sie sind gefährlich für uns, sie könnten uns verzehren. Ein heiliger Gott, der mich in einem Augenblick in Schrecken versetzen und im nächsten Augenblick mit Frieden erfüllen kann.

Der Verlust der Heiligkeit

Als ich Anfang Woche bei der Anbetungsleitung den Wunsch äusserte, dass wir heute Lieder über die Heiligkeit Gottes singen, wurde mir mitgeteilt, dass es solche kaum gibt. Die Heiligkeit beschreibt nicht nur einen Aspekt seiner Persönlichkeit, sondern das innerste Wesen Gottes. Zu geheimnisvoll und eben nicht von dieser Welt ist der Heilige, als dass man Ihn in Worte und Melodien fassen könnte. Letztendlich bleibt beim Blick auf Gott nur noch das schweigende Staunen übrig, getragen von der Sehnsucht, in seiner Nähe zu sein und in ihm aufzugehen.

Wie könnte der folgende kurze Satz enden: Gott ist …? Normalerweise nennen wir Attribute wie gut, gnädig, gross, Liebe, barmherzig, ein Vater, Versorger, Heiler, Retter. Alle diese Eigenschaften treffen natürlich auf Gott zu. Doch wenn der Prophet Jesaja in diesem Raum sitzen würde, hätte er wohl furchterregend geflüstert. Wir haben Gott gezähmt und kleingemacht und zu einer besseren Ausgabe unserer selbst herabgestuft. Wenn die Heiligkeit Gottes in unserem Leben keine Rolle spielt, dann erleiden wir auch den Verlust der Ehrfurcht vor Gott. Rainer Harter schreibt: «Mir ist aufgefallen, dass nicht wenige derjenigen Menschen, die sich zwar bekehren, aber niemals mit der Heiligkeit Gottes in Berührung kommen, Gott nach einiger Zeit wieder verlassen oder nie echte Faszination ihm gegenüber entwickeln.» Wenn wir Gottes Heiligkeit nicht begegnen, wird der Glaube langweilig und wir drehen um uns selbst. Gott wird zum reichen Onkel aus Amerika, der unsere Wünsche erfüllen und unser Leben optimieren soll.

Früher, als der Samichlaus noch in unsere Familie kam, schwankten die Kinder zwischen Zuneigung und Ehrfurcht. Diese Mischung übt eine Faszination aus. Doch von dem Zeitpunkt aus, als der Samichlaus entmythologisiert war, verlor er seinen Reiz. Auf ähnliche Weise haben wir der Heiligkeit Gottes gegenüber ambivalenten Empfindungen. Einerseits fürchten wir sie, andererseits fühlen wir uns geradezu unheimlich von ihr angezogen. Gottes Wesen ist heilig, geheimnisvoll, furchterregend, unfassbar, niemals durchschaubar. Und dennoch ist er barmherzig, liebevoll, gnädig. Diese Kombination fasziniert und zieht uns in den Bann. Wenn wir Gott seiner Heiligkeit berauben, wird Jesus zum netten Kumpel stilisiert, Gott zum grossen, coolen Typen oben im Himmel gemacht und dem Heiligen Geist die Rolle des Entertainers in unseren Versammlungen zugewiesen. Als Folge davon wird unserem Glauben in den Herausforderungen des Alltags die Tragfähigkeit geraubt. Wenn Gott für uns kein Mysterium mehr ist, verlieren wir nebst der Ehrfurcht auch die Faszination an Gott. Es ist wie bei einem Zaubertrick. Sobald man ihn durchschaut hat, verliert er die Faszination.

Gott ist nicht ‘einfach’ Liebe. Seine Liebe ist ein verzehrendes, gefährliches und wildes Feuer. Es ist wahr: Gott ist unendlich gnädig. Doch seine Gnade ist eine Kraft, die uns befähigt, ein fundamental anderes Leben zu führen als die Menschen um uns herum, die aus eigener Kraft leben. Ob wir Gottes Heiligkeit erkennen und anerkennen, hat unmittelbare Auswirkungen auf unseren Glauben im Alltag.

Heil(ig) werden

«Da sagte ich: ‘Mir wird es furchtbar ergehen, denn ich bin ein Mann mit unreinen Lippen, inmitten eines Volkes mit unreinen Lippen. Ich werde umkommen, denn ich habe den König, den HERRN, den Allmächtigen, gesehen!’ Doch einer der Seraphe flog zu mir. Er hielt einen glühenden Stein in seiner Hand, den er mit einer Zange vom Altar genommen hatte. Damit berührte er meinen Mund und sagte: ‘Sieh, dies hat deine Lippen berührt. Jetzt ist deine Schuld getilgt; deine Sünden sind dir vergeben.’» (Jesaja 6,5-7 NLB). Die Begegnung mit Gott liess Jesaja erschaudern. Durch den Blick auf Gottes Heiligkeit wurden ihm seine eigene Unheiligkeit bewusst. Sich unrein in Gottes heiliger Gegenwart aufzuhalten, ist lebensgefährlich. Es ist kein gutes Zeichen, dass den meisten von uns in der Gegenwart Gottes keine Schauer mehr über den Rücken laufen. Der Zugang zu Gott und seine Zuneigung sind uns zu selbstverständlich geworden.

Die Israeliten mussten moralisch und rituell rein sein, um in Gottes Gegenwart zu treten. In der Vision von Jesaja liegt die Lösung in dem glühenden Stein vom Altar. Der Seraphe berührt damit den Mund von Jesaja und sagt, dass seine Schuld getilgt und seine Sünde vergeben sei. Die Kohle, dieser heilige und reine Gegenstand, überträgt seine Reinheit an Jesaja, als sie ihn berührt. Jesaja wird durch Gottes Heiligkeit nicht vernichtet, sondern verändert.

Jesus ist wie die heilige Kohle in Jesajas Vision. Er berührte Menschen, die unrein waren: Menschen mit kranker Haut, eine Frau mit chronischen Blutungen oder sogar tote Menschen. Die Reinheit von Jesus überträgt sich auf die Menschen. Nach einer Berührung durch Jesus dürfen auch wir ohne Angst in die Gegenwart Gottes treten. Diese Einladung verbunden mit der Würde, die er uns verliehen hat, hat Gott einen unfassbaren Preis gekostet. Der Tatsache, dass Gottes direkte Erscheinung wirklich furchterregend ist, steht das grosse Fürchte dich nicht von Jesus Christus gegenüber. Durch seinen stellvertretenden Tod dürfen wir Gottes heilige Gegenwart sogar geniessen. Keine Angst, aber Ehrfurcht. Wo ungeschützt kein Mensch bestehen kann, heiligt uns das Blut Jesu und macht uns dadurch fähig, bei Gott zu sein. Gottes Heiligkeit macht unser eigenes Leben heil und lässt unser Handeln an unseren Nächsten heilsam werden. Gott möchte uns am Kern seines Wesens, an seiner Heiligkeit teilhaben. Wer das erlebt, wird für immer fasziniert und in den Bann gezogen sein.

Durch die Begegnung mit dem ganz Anderen wurde Jesaja heil(ig). Er ist nun für seine eigentliche Berufung bereit: «Dann hörte ich den Herrn fragen: ‘Wen soll ich senden? Wer wird für uns gehen?’ Und ich sagte: ‘Hier bin ich, sende mich’» (Jesaja 6,8 NLB). Heilig werden wir, wenn wir uns der Heiligkeit Gottes aussetzen! Genau das ist das Ziel unseres Jahresthemas; die Begegnung mit dem ganz Anderen. Zwei wichtige Begleiter auf dieser Reise brauchen wir in unserem Gepäck: die Sehnsucht nach Gott und den Heiligen Geist, der uns in die Wahrheit führt. Beten wir doch gleich darum!

 

Mögliche Fragen für die Kleingruppe

Bibeltext: Jesaja 6,1-7; 2. Mose 3,1-6

  1. Was für Gefühle begleiten dich bezüglich dem neuen Jahresthema?
  2. Was bedeutet das Wort Heiligkeit?
  3. Was bedeutet Gottes Heiligkeit? Bist du dieser Heiligkeit schon begegnet?
  4. Was geht uns verloren, wenn wir Gott seiner Heiligkeit berauben?
  5. «Ihr sollt heilig sein, weil ich, der HERR, euer Gott, heilig bin» - wie geht das?