Gideon – Gott braucht keine Helden

Datum: Sonntag, 15. November 2020 | Prediger/in:
Serie: | Bibeltext: Richter 6,1-24

Das Volk Israel erlebte wenige Jahre nach ihrem Einzug ins Verheissene Land eine sehr schwierige Zeit. Über einen Zeitraum von sieben Jahren wurden sie von den Midianitern geplündert und gebrandschatzt. Um das Volk aus dem Elend hinauszuführen, beruft Gott den ängstlichen Gideon aus seinem Versteck heraus und spricht ihn ausgerechnet als «Held» an. Wenn Gott in eine Situation eingreifen will, beruft er oft normale Menschen, die sich schwach fühlen. Ein Angsthase gepaart mit Gottes Kraft ergibt einen Helden.


Manchmal hört man den Spruch: Wenn doch Gott allmächtig ist, warum greift er nicht ein? Warum verhindert er nicht, dass in Afrika täglich Tausende von Kindern verhungern? Warum hilft er nicht all den Verzweifelten und Hoffnungslosen, all denen die Angst haben oder krank sind? Warum holt er nicht meinen süchtigen Kollegen oder die depressive Nachbarin aus dem Loch? Gott will helfen. Gott will eingreifen, dass sein Reich auf dieser Welt sich ausbreitet: dass Friede, Freude, Gerechtigkeit, Versöhnung, Heilung, Gnade und Liebe sich ausbreiten. Aber wie geschieht das?

Israel war nach der 40-jährigen Wüstenzeit endlich ins Verheissene Land gekommen. Sie erlebten, wie Gott bei der Eroberung des Landes immer wieder Wunder tat. Denken wir an die mächtigen Stadtmauern von Jericho, die allein dadurch zusammenfielen, dass das Volk mit Posaunen und lautem Geschrei um die Stadt gezogen ist. Israel musste auch kämpfen. Aber sie erlebten dabei: Gott schenkt den Sieg. Josua, ihr Anführer, konnte zuletzt allen Stämmen je einen Anteil des Landes übergeben. Dabei bestätigten alle Israeliten nochmals den Bund mit Gott: Wir wollen dem HERRN dienen! «Das Volk antwortete: ‘Wir wollen den Herrn niemals verlassen, um anderen Göttern zu dienen’» (Josua 24,16 NL).

Nach dem Tod von Josua hat das Volk schnell vergessen, was man Gott alles verdankt. Nach der harten Zeit in der Wüste gab es endlich etwas Wohlstand. Das kennen wir doch auch! Es geht uns gut. In der Karriereleiter geht es aufwärts. Der Wohlstand wird grösser. Und Gott – gerät immer mehr in den Hintergrund. Erst wenn es dann im Leben brennt und alle selbst gebastelten Löschversuche versagen, rufen wir wieder nach dem himmlischen Feuerwehrmann: Gott, wo bist du? Im Buch der Richter erfahren wir, wie Gott auf diesen Hilferuf reagiert.

Vom Götzendienst zum Chaos

In Israel brannte es seit einiger Zeit. Seit sieben Jahren raubten und plünderten die Midianiter alles, was nicht niet- und nagelfest war und verbrannten die Ernten. Dazu erlebten sie eine Niederlage nach der anderen. Aus Angst vor den nächsten Angriffen hielt man sich in den Bergen versteckt.

Warum war es so weit gekommen? Die Antwort lautet: «Wieder taten die Israeliten Böses in den Augen des Herrn [...]» (Richter 6,1 NL). Gott, der HERR, war nicht mehr in der Mitte ihres Lebens. Man hatte angefangen, anderen Göttern Opfer zu bringen und ihnen Altäre zu bauen. Bei uns zu Hause gibt es vermutlich keine Buddhas oder Altäre, auf denen wir Opfer bringen. Die modernen Götter sehen anders aus. Es gibt den Satz: Denn das, für das du lebst, das ist dein Gott. Wer oder was prägt unser Leben? Wer bestimmt, was wir tun, was wir kaufen und was uns wichtig ist? Bestimmen nicht oft Bilder und Worte unserer Idole (wörtlich: Abgott, Götzenbild), was wir denken und tun? Was die Reichen, Schönen und Mächtigen tun, sagen und tragen wird millionenfach kopiert. Wenn sich die Idole schamlos bereichern, ist es nicht verwunderlich, dass immer mehr Menschen nur darauf aus sind: Wie bekomme ich noch mehr? Haben wir uns als Christen nicht in vielen Bereichen dem Lebensstil unserer Umgebung angepasst? Oft genauso egoistisch nach dem Prinzip: «Ich tue, was mir Spass macht!» oder genauso unbarmherzig mit anderen umgehend.

Die Idole in Israel hielten nicht, was sie versprachen. «In ihrer Not schrien sie zum Herrn um Hilfe» (V.7 GN). Wie reagiert Gott? Er, der HERR, hat sein Volk immer geliebt und wartet nur darauf, dass sie umkehren. Niemand muss sich schämen, zu Gott zu kommen, auch wenn er schon jahrelang im Loch steckt. Gott ist sich nicht zu schade, für uns Feuerwehrmann zu sein.

Vom Angsthasen zum Helden

Gott antwortet nicht dadurch, indem er durch ein Wunder alle Midianiter aus dem Land vertreibt. Nein, Gott verändert zuerst die Situation im Land. Er will wieder allein Gott und HERR sein im Herzen der Israeliten. Wir meinen häufig, dass die anderen das Problem sind: der Ehepartner, die Regierung, der Lehrer, die Chefin. Die Strategie Gottes besteht aus zwei Schritten:

  1. Er sendet einen Propheten, der Israel daran erinnert, was Gott alles für sie getan hat, und wie Er ihnen geboten hat, die fremden Idole nicht zu verehren. «[...] Doch ihr habt nicht auf mich gehört!» (V.10 NL).
  2. Er sucht sich einen Helden. Wenn Gott ein ganzes Volk oder eine Gemeinde verändert, dann sucht er Einzelne, die vorangehen. Es fällt auf, dass Gott eine Vorliebe dafür hat, ganz unscheinbare Leute zu berufen. Dieses Mal ist es Gideon. Gideon steckt im Loch: Aus Angst vor den Midianitern hält er sich im Weinkelter versteckt, um dort Weizen zu dreschen. Das ist vielleicht schlau, aber nicht besonders mutig. «Der Engel des Herrn erschien ihm und sagte: ‘Der Herr ist mit dir, tapferer Held!’» (V.12 NL). Will ihn da einer auf die Schippe nehmen? Gideon fragt: Wo ist Gott gewesen, als die Midianiter kamen? Ich Angsthase soll gegen diese Übermacht antreten? Aber der Engel lässt sich nicht abschütteln: «’Geh mit der Kraft, die du hast, und rette Israel vor den Midianitern. Ich sende dich aus!’ ‘Aber mein Herr’, antwortete Gideon, ‘womit kann ich Israel retten? Meine Sippe ist die schwächste im ganzen Stamm Manasse und ich bin der Jüngste in meiner Familie!’» (V.14f NL). Gideon schaut auf sich selbst, auf das, was er nicht kann und nicht ist. Er lässt sich von seinen Minderwertigkeitsgefühlen leiten. Anstatt lösungsorientiert verhält er sich problemorientiert.

Gott weiss, wer du bist. Er kennt auch diesen Gideon. Die Frage ist nicht: Was traust du dir zu? Die Frage ist: Was kann Gott? Was will Er durch dich und mich tun! Gott sucht keine Helden. Er sucht nicht die Starken. Das beschreibt auch Paulus: «Erinnert euch, liebe Brüder, dass nur wenige von euch in den Augen der Welt weise oder mächtig oder angesehen waren, als Gott euch berief» (1Korinther 1,26 NL). Doch dort, wo sich einer von Gott brauchen lässt, da werden aus diesen Schwachen plötzlich Helden. Statt von der eigenen Minderwertigkeit gelähmt, rechnen solche mit der Kraft Gottes. So wie es später dann bei Gideon der Fall war. Die Ansprache Gideons durch den Engel «du starker Held» war kein Trick, den er in der Engelsschule gelernt hat, so nach dem Motto: ein bisschen Lob tut dem Menschen gut. Nein, wenn Gott sagen lässt, «du starker Held», dann gilt das. Die Frage ist nur: Glaubst du dem Wort Gottes? Glaubst du wie Paulus: «Denn alles ist mir möglich durch Christus, der mir die Kraft gibt, die ich brauche» (Philipper 4,13 NL). Gott sucht keine Helden. Er sucht Menschen, die ihm vertrauen und tun, was er sagt. So formt Er seine wahren Helden.

Von der Liebestat zum Zeichen

Gideon ist wie du und ich – ein ganz normaler Mensch. Kein Abenteurer, der sofort nach dem Engelserlebnis in den Kampf aufbricht. Kein leichtgläubiger Typ, der hingeht und allen lauthals verkündet: «Gott hat mir gesagt!» Wie soll man einfach voller Glauben loslaufen, wenn man sieben Jahre nichts von Gottes Wirken gesehen hat? So bittet Gideon: «Wenn ich Gnade vor dir gefunden habe, gib mir ein Zeichen, das beweist, dass du, Herr, es bist, der zu mir spricht» (V.17 NL).Gideon gehörte nicht zu den starken und mutigen Typen, aber er hatte eine wertvolle Eigenschaft: Er war ehrlich zu sich selber. Er stand zu seinen Zweifeln und Ängsten. Es ist nicht verboten, Gott um ein Zeichen zu bitten. Wichtig ist nur, dass wir dann Gottes Antwort auch akzeptieren.

Übrigens das stärkste Zeichen, dass Gott bei uns ist und für uns ist, das hat er vor 2000 Jahren gegeben. Als Gott seinen Sohn Jesus gab. Dort am Kreuz hängt Gottes deutlichstes Liebeszeichen. Er starb dafür, dass wir aus dem Loch herauskommen können und zum Vater im Himmel laufen dürfen.

Gideon hat die Sehnsucht, dass die Zeichen und Wunder wieder geschehen würden. In all seiner Schwachheit hat er das Verlangen, dass Gott wieder zu wirken beginnt. Wie ist das bei uns? Finden wir uns einfach damit ab, dass geistlich in unserem Land so wenig geschieht? Ja, warum erleben wir nicht mehr von den mächtigen Taten Gottes? Warum finden nicht mehr Leute in eine Beziehung mit Jesus Christus? Gott ist nicht nur ein Feuerwehrmann, wenn’s bei uns brennt. Es geht Jesus darum, dass wir den Sinn und das Ziel für unser Leben finden. Dass wir das Leben leben, wozu er dich und mich geschaffen hat. Mit Gideon bitte ich: Herr, zeige uns heute wieder mehr von dem, wer du bist!

Nach der Bitte um ein göttliches Zeichen, bleibt Gideon nicht einfach sitzen, sondern tut, was dran ist. Indem er Essen holt und auftischt, dankt er dem Engel für sein Kommen. Gideon schenkt dem Engel das, was er hat. Und dann passiert es! Statt zu essen, nimmt der Engel einen Stab, entzündet Brot und Fleisch, so dass alles verbrennt. Die alltäglichen Liebestaten, die wir andern tun, können Wunder bewirken.

Gideon erschrickt und hat Angst, er müsse sterben. Je näher Gott zu uns kommt, umso mehr werden wir erschrecken. Da ist nicht immer eine Halleluja-Stimmung, sondern oft Tränen über das eigene Versagen. Doch dann erwidert der HERR: «Friede sei mit dir. Hab keine Angst. Du wirst nicht sterben» (V.23 NL). Und Gideon baut an der Stelle seinem Gott einen Altar. Das ist das Zeichen von Gideon: Du bist mein Gott! Mein Leben soll dir gehören! Du darfst mich gebrauchen! Gott braucht keine Helden. Aber er sucht Menschen, die sein Versprechen glauben: Du, du bist ein starker Held! Du kannst etwas bewegen in dieser Welt. Komm aus deinem Loch! Hab keine Angst, ich bin mit dir! Wenn wir die ersten Schritte tun und Gott das auftischen, was wir haben – mit all unseren Schwachheiten –, dann wird Glauben wachsen. Es ist Zeit, dass wir als Christen aus unseren Löchern hervorkommen. Schliesslich sagt Jesus: «Mir ist alle Macht im Himmel und auf der Erde gegeben» (Matthäus 28,18 NL). Es gilt: Durch ängstliche Menschen wie Gideon, durch dich und mich, greift Gott bis heute in dieser Welt ein. Gott versteht sich darin und liebt es, aus mutigen Schwächlingen Helden zu formen.

 

 

 

Mögliche Fragen für die Kleingruppen

Bibeltext lesen: Richter 6,1-24

  1. Warum geriet Israel in diese missliche Lage? Gilt das Prinzip heute noch, dass aus Götzendienst ein Chaos erwächst?
  2. Wie fühlte sich wohl für Gideon die Berufung an, Israel aus der Hand der Midianiter zu retten?
  3. Warum spricht der Engel Gideon mit «Held» an?
  4. Was war es, dass Gideon letztlich nicht gekniffen, sondern sich auf den Auftrag eingelassen hat?
  5. Was war die erste Tat von Gideon nach der Berufung? Was könnte bei uns der erste Schritt sein, um die Welt ein kleines Stück besser zu machen?