Das Beste für unseren Ort

Datum: Sonntag, 12. Januar 2020 | Prediger/in:
Serie: | Bibeltext: Matthäus 5,13-16; Jeremia 29,6f
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In unseren Grundlagenpapieren wird der Auftrag der seetal chile mit den Worten Sammlung, Stärkung und Sendung umschrieben. Entsprechend dazu besteht das Visionsbild eines Dorfes. Nun ist uns aufgefallen, dass die Dimension der Sendung auf dem Bild gänzlich fehlt und auch in unserer Gemeindekultur wenig betont wird. Wir glauben, dass wir an einem Punkt angelangt sind, in der wir die Sendung vermehrt ins Visier nehmen und das Visionsbild entsprechend erneuern sollten.


«Wenn das Salz auf das Fleisch, auf den Fisch kommt, geschieht etwas: Fäulnis wird verhindert. Warum haben wir Christen keine stärkeren Auswirkungen auf die Gesellschaft? Probleme gibt es doch genug: Rassismus, Gewalt, ein alles durchdringender Materialismus, Korruption auf höchster Ebene, sexuelle Untreue, Verlust von Werten. Wer ist schuld? Alle ausser uns? Ich sehe das ganz anders. Ich mache Ihnen heute einen Vorschlag: Wenn die Gesellschaft verroht, dekadent wird, dann ist es unsere schuld. Wenn das Haus nachts dunkel ist, ist es nicht die Schuld des Hauses. Sondern es fehlt dort das Licht. Wenn der Fisch anfängt zu stinken, liegt es nicht am Fisch. Die Frage ist: Wo ist das Salz? Wir klagen voller Hochmut und Selbstgerechtigkeit die Gesellschaft dafür an. Aber Jesus hat uns den Auftrag gegeben, ihr Salz und Licht zu sein.» (John Stott, britischer Theologe, 1921-2011).

Es geht nicht darum, eine perfekte Gesellschaft zu erreichen. Sie wird erst vollkommen, wenn Jesus wiederkommt. Aber weil wir sie nicht vollkommen haben können, heisst das nicht, dass wir sie nicht verbessern können. Es gibt durch die Geschichte hindurch Erfahrungen, dass die Gesellschaft durch engagierte Christen verändert und verbessert worden ist. Als seetal chile haben wir unseren Auftrag mit den Begriffen Sammlung, Stärkung und Sendung umschrieben.

Sammlung

Jesus Christus versprach seinen Jüngern, seine Gemeinde zu bauen «und alle Mächte der Hölle können ihr nichts anhaben» (Matthäus 16,18 NL). Sie wird als ekklesia, eine aus der Welt herausgerufene Gemeinschaft der Berufenen, näher bestimmt. Der griechische Begriff meint ursprünglich die Versammlung der Bürger einer Polis. Polis ist eine Stadt und zeigt schon mal an, dass die Gemeinde durchwegs eine politische Dimension in sich trägt. In der hebräischen Sprache wird dafür der Ausdruck qahal Jahwe = Versammlung Gottes benutzt, der wiederum die politische Zusammenkunft des Volkes Gottes vor Augen hatte.

Die Sammlung gehört also zutiefst zum Kernauftrag einer Gemeinde. Das letztjährige Jahresthema «willkommen daheim» schlug in diese Kerbe. Als seetal chile haben wir intensiv an der Willkommenskultur gefeilt, um Menschen die Tür zur seetal chile weit zu öffnen. Menschen, die zu uns kommen, sollen sich vom ersten Moment an wohlfühlen. Ein grosses Kompliment an euch: das gelingt recht gut und ist zu einem wichtigen Merkmal unserer Kultur geworden.

Jesus hat vor seinem Tod um zwei Dinge gebetet. Eines davon ist die Einheit: «Ich bete für sie alle, dass sie eins sind, so wie du und ich eins sind, Vater - damit sie in uns eins sind, so wie du in mir bist und ich in dir bin, und die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast» (Johannes 17,21 NL). Die Strahlkraft des Evangeliums hängt eng mit der Einheit der Gemeinden zusammen. Gottes Herrlichkeit leuchtet durch die Einheit in seinem Volk. Diese Einheit darf nicht an der Gemeindegrenze enden, sondern betrifft das ganze Volk Gottes. Die Unterschiede zwischen den christlich-konfessionellen Kirchen sind im Vergleich zu der Herausforderung, vor der wir in unserer Gesellschaft stehen, sehr gering. Wir dürfen uns nicht daran aufhalten, sondern müssen angesichts der grossen Nöte zusammenstehen.

Stärkung

«Er (Jesus) hat die einen als Apostel, die anderen als Propheten, wieder andere als Prediger und schliesslich einige als Hirten und Lehrer eingesetzt. Ihre Aufgabe ist es, die Gläubigen für ihren Dienst vorzubereiten und die Gemeinde - den Leib Christi - zu stärken» (Epheser 4,11f NL). Genau dafür versammeln wir uns am Sonntag zum Gottesdienst und am Dienstag für die Kleingruppe – um gestärkt zu werden. Dabei ist es mir wichtig zu betonen, dass es nicht die Aufgabe des Pastors ist, die Leute zu ernähren, sondern sie hungrig zu machen. So hungrig, dass sie vom Montag bis Samstag selbst essen, indem sie mit Gott Gemeinschaft suchen.

Sammlung und Stärkung – diese zwei Dinge haben wir auf unserem Radar. Unsere Vision, das Dorfbild, fängt diese zwei Begriffe ein. Das Dorf steht für die seetal chile mit dem Brunnen, den Häusern und den Verbindungen. Jedes Element stellt symbolisch eine Gruppe oder einen Wert unserer Gemeinde dar. Um das Dorf herum gibt es eine Systemgrenze mit Strassen zu den Nachbarsgemeinden. Seit über 12 Jahren sind wir nun mit dieser Vision glücklich unterwegs. Doch in letzter Zeit drängte sich immer mehr die Frage auf, wo denn eigentlich unsere Nachbarschaft, unsere Fabriken und Arbeitsplätze, unsere Schulen und Universitäten geblieben sind. Das Dorfbild greift diesbezüglich zu kurz und macht ein Update erforderlich.

Sendung

Ekklesia steht für eine Versammlung von Menschen, die zur gemeinsamen Verantwortung für die Belange ihres Kontextes zusammengerufen wurde. Sie hat eine Mission (lat. für Sendung). Ja noch mehr, sie ist von ihrem Wesen her missionarisch. Jesus gibt die gleiche Richtung an. Er hat nämlich vor seinem Tod für die Einheit und für eine zweite Sache gebetet: «Wie du mich in die Welt gesandt hast, so sende ich sie in die Welt» (Johannes 17,18 NL). Die Mission der Gemeinde ist es, «Salz der Erde und Licht der Welt» zu sein (Matthäus 5,13-16), der Welt Versöhnung zu verkündigen und Gottes Gerechtigkeit vorzuleben (2. Korinther 5,18-21). In ihr wird Gottes heilende Herrschaft sichtbar. Sie soll sich dafür einsetzen, dass alle Menschen auf dieser Erde zu Jüngern Jesu werden (Matthäus 28,19-20). Nur wenn die Ekklesia Gottes als missionarische Existenz in der Welt erkannt wird, hat sie das Recht, als Gemeinde Jesu bezeichnet zu werden, wenn auch in aller Vorläufigkeit und Unzulänglichkeit. Was immer Gemeinde tut und redet, soll der Welt dienen! Gemeinde wird für die Welt aufgebaut.

Ist die seetal chile Ekklesia Gottes? Das Gegenteil wäre eine attraktionale Gemeinde, die Christen spirituell zu bespassen weiss. Wenn eine solche Gemeinde Veranstaltungen auf genug professionellem Niveau anbietet, werden sie für steigende Zahlen von Gottesdienstbesuchern sorgen. Allerdings ist die Grösse kein geeignetes Kriterium für die Wirksamkeit einer Kirche. «Wie gross ist deine Gemeinde?» sollte ersetzt werden mit «Wieviel Veränderung bringt deine Gemeinde?» Es ist wichtig, welche Frucht wir messen und wie wir sie messen.

Im Jahr 587 v. Chr. wurden die Juden in die verderbte, heidnische, blutrünstige Stadt Babylon verschleppt. Wie soll sich das Verhältnis von Gottes Volk zu so einem Ort gestalten? Jeremia 28-29 eröffnet bemerkenswerte Ausblicke: Gott gebietet seinem Volk, zu «wachsen und nicht kleiner werden» (Jeremia 29,6), die gemeinschaftliche Identität zwar zu wahren, sich jedoch niederzulassen und auf das Stadtleben einzulassen. Häuser sollen sie bauen und Gärten anlegen und – man staune! – der Stadt dienen. «Suchet der Stadt Bestes (shalom), dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN» (Jeremia 29,7a Lut). Die Juden sollen Stammesinteressen im Getto hinter sich lassen und mit ihren Ressourcen dem Wohl der Allgemeinheit dienen. Wörtlich steht: «nach ihrem Shalom (Friede, Wohlergehen) trachten». Obwohl das Wertgefüge der irdischen Stadt jener der Stadt Gottes scharf gegenübersteht, sollen die Bürger der Stadt Gottes sich vor allem als Bürger ihrer irdischen Stadt bewähren. Das Gottesvolk wächst und gedeiht, indem es das Wohlergehen der Heidenstadt fördert: «denn wenn's ihr wohlgeht, so geht's euch auch wohl» (Jeremia 29,7b Lut). Wenn wir den Shalom für unsere Dörfer suchen wollen, müssen wir sie kennen und lieben. Wir sind ja in die Welt gesandt, wie Jesus von Gott in die Welt gesendet wurde. Und Gott liebte die Welt. «Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab […]» (Johannes 3,16 NL). Wir werden uns nur dann für das Wohlergehen in unserem Dorf einsetzen können, wenn wir die Menschen und das Dorf lieben. Ja, ich kenne auch die Stelle, wo es heisst, dass wir die Welt nicht lieben sollen (1Johannes 2,15). Dort steht die Liebe zur Welt als Alternative zur Liebe zu Gott. Wir sollen die Welt aus der Liebe zu Jesus heraus lieben, aber ihr nicht verfallen.

Das Licht soll am höchsten Platz vor Ort allen Menschen in der Stadt leuchten. «Ihr seid das Licht der Welt - wie eine Stadt auf einem Berg, die in der Nacht hell erstrahlt, damit alle es sehen können. Niemand versteckt ein Licht unter einem umgestülpten Gefäss. Er stellt es vielmehr auf einen Lampenständer und lässt es für alle leuchten» (Matthäus 5,14f NL). Was ist die höchste Stelle, von der aus sie allen leuchten kann? Bei der Beantwortung dieser Frage gibt es eine individuelle und eine gemeinschaftliche Dimension:

Individuelle Dimension: Die höchste Stelle für das Licht ist dort, wo dein Zeugnis maximal sichtbar wird. Und das ist zunächst und vor allem in der Familie und Nachbarschaft, wo der neugierige Blick der Menschen am intensivsten auf die Christen gerichtet ist. Nirgendwo sonst wird der Lebensbezug des Glaubens so deutlich und augenfällig wie in den vier Wänden einer Familie. Wir sind also zuerst einmal Gesendete in unsere Familien. Von dort geht es weiter in die Nachbarschaft, zur Arbeit oder in die Schule und in die Politik. Einige von uns sind Teil einer Behörde oder einer politischen Partei. Gehe nächste Woche bewusst als Gesendeter Gottes in diese Bereiche hinein. Verstehe ich an deinem Ort als einer, der wie Jesus, in die Welt gesendet ist. Du hast eine Mission. «Ihr seid ein Brief Christi, von uns geschrieben, aber nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes: nicht auf Steintafeln, sondern in die Herzen der Menschen» (2Korinther 3,3 NL). Das gilt es zu verstehen. Wir müssen nicht einen Brief oder eine Botschaft von Gott den Menschen bringen, sondern wir selbst sind der Brief. Deshalb hat Thomas von Aquin sinngemäss gesagt: «Predige das Evangelium und – wenn nötig – brauche Worte.» Wenn der Geist Gottes in dir lebt und du ihm entsprechend Raum gibst, bist du die Predigt. Für einen Gesendeten ist nicht die Art der Arbeit ausschlaggebend, sondern wie sie geleistet wird. Zuerst muss er treu und gut arbeiten. Dazu gilt es gute Beziehungen zu den Kollegen aufzubauen, aufmerksam auf sie zu reagieren, auch über Geschäftliches hinaus. Dies legt den Boden für das Zeugnis als Christ, ob mit oder ohne Worte. Jeder Mitarbeitende kann die Unternehmenskultur mitprägen. Ob man am Klatsch während der Essenspause teilnehme oder die Themen auf positive Aspekte leite, macht einen Unterschied. Ebenso eine dienende Haltung und die Bereitschaft, immer wieder zu vergeben und neu anzufangen.

Gemeinschaftliche Dimension: Eine andere höchste Stelle für das Licht ist die kirchliche Gemeinwesenarbeit, also freiwilligen Einsatz zum Wohl des Gemeinwesens. In Weinfelden gibt es eine Gemeinde, die ist an der WEGA, einer grossen Messe vor Ort, für die Abfallentsorgung zuständig. Das leuchtet! Ich fände es sehr schön, wenn wir als seetal chile ein gemeinsames Projekt hätten, mit dem wir bewusst die Gesellschaft mit dem Shalom Gottes durchdringen könnten. Vielleicht mit einem Sozialprojekt, mit einer Aufgabenhilfe oder mit einer Arbeit gegen Frauenhandel und Prostitution. Als Gabi Wentland kürzlich bei uns war, sprach sie über unserer Gemeinde aus, dass viele solche Frauen bei uns ein- und ausgehen werden und Heilung erfahren. Auf die Frage, wie das geschehen könnte, antwortete sie nachträglich per Mail: «Ihr betet um Führung für die Prophetie. Sie wird von Menschen ausgeführt werden. Diese Personen kommen und fragen, ob sie etwas tun dürfen. Dann sagt ihr ja und unterstützt sie. Gott ist ja immer so praktisch.» Ich bin gespannt, was wir in dieser Sache noch erleben werden. Wir wollen diese Welt ein kleines Stück besser machen!

 

Wir träumen von einem neuen Visionsbild, das auch die Umgebung um uns herum zeigt. Ich stelle mir vor, wie überall in den Quartieren, in den Schulen und in den Fabriken einzelne Lichter leuchten und das Dorf erhellen. Das ist die Sendung. Weiterhin sollen auch die Sammlung und Stärkung einen wichtigen Platz im Zentrum des Bildes mit Brunnen und Versammlungsort mit einer dichteren Lichterfülle haben. Zudem wollen wir ab heute am Schluss des Gottes uns mit folgenden oder ähnlichen Worten senden lassen: «Sei ein Gesendeter im Namen Jesu Christi in deine Familie, Arbeit, Nachbarschaft und Schule!» Du bist in diese Welt gesendet, wie Jesus von seinem Vater in die Welt gesandt wurde.

 

 

 

 

 

 

Mögliche Fragen für die Kleingruppen

Bibeltext lesen: Matthäus 5,13-16; Jeremia 29,6f

  1. Wie beurteilst du die Sammlung der seetal chile? Wie wird sie umgesetzt?
  2. Wie beurteilst du die Stärkung in der seetal chile? Erlebst du Stärkung?
  3. Was ist der Unterschied, ob sich jemand in seinem Umfeld als Gesendeter versteht oder nicht (in Familie, Arbeit oder Nachbarschaft)?
  4. Wir sind in die Welt gesandt, wie Jesus in die Welt gesandt war. Was bedeutet das für unser Sein und Verhalten in unserem Umfeld?
  5. Wo willst du dich in nächster Zeit konkret als Gesendeter verstehen und Salz und Licht sein?